Zu Knüwers Offenem Brief an Julia Friedrichs

Thomas Knüwer kritisiert in einem langen Offenen Brief Julia Friedrichs‘ Polemik gegen Facebook (Deutschlandradio Kultur). Die User-Kommentare stimmen Knüwer ganz überwiegend zu. Daher nun hier (weil bei Indiskretion Ehrensache seit heute Mittag nicht freigeschaltet) eine kurze Replik.

Lieber Herr Knüwer,

in den Fanjubel Ihrer Leser kann ich nicht einstimmen, daher eine kurze Kritik

1. Ich bin kein Freund von Julia Friedrichs. Auch nicht auf Facebook-Level. Meine bisherigen Begegnungen mit ihr (im Umfeld des NR) haben keine Sympathiewellen ausgelöst.

2. Den Friedrichs-Text allerdings finde ich okay, völlig okay. Nicht doll, keineswegs furios, aber eben in Ordnung. Im Gegensatz zu Ihnen sehe ich auch keine gravierenden Fehler:

* dass sie nicht zwischen Profil und Seite, Freundschaftsanfrage und „Gefällt mir“-Credo unterscheidet, ist nur recht und billig. Ich lese einen Satz wie „Warum um alles in der Welt sollte ich mich mit einem Geldautomaten anfreunden?“ als journalistisch ordentliche Zuspitzung. Das ist keine „Verdrehung von Fakten“.

* die Schussfolgerung „Und Unternehmen können nur schlecht sein, wenn sie Geld verdienen. “ ziehen nur Sie, Julia Friedrichs hat das nirgends angedeutet.

* Ihr Vorwurf, mit Frau Friedrichs sei der gesamte deutsche Journalismus wirtschaftsinkompetent, was sich an Friedrichs Behauptung zeige „Facebook verkauft Daten“, geht völlig ins Leere und zeugt von einer gewissen Leseschwäche, die Ihre Pro-Social-Media-Brille wohl verursacht. Ich lese bei Friedrichs: „Wer für einen Dienst nicht bezahlt, ist auch kein Kunde, sondern das Produkt, das verkauft wird. Für ein Allerweltsprofil zahlen Adresshändler und Werbeunternehmen laut Schätzungen nicht mehr als einen Cent. Ein guter Datensatz aber kann einen halben Dollar bringen.“
Es wird also ihrer Darstellung nach nicht der Datenbestand verkauft, sondern der Facebook-Kunde – was unstrittig sein dürfte. Facebook nutzt seine Daten zur punktgenauen Werbeplatzierung, führt also werbendes Unternehmen und Facebook-Nutzer zusammen und kassiert dafür Geld.  Den Begriff „Adresshändler“ finde ich da völlig angemessen, auch wenn ich die Adressen vielleicht nicht im Einkaufskörbchen mit nach Hause nehmen kann.

3. Dass sich Friedrichs das Ende von Facebook wünscht (und damit wohl auch die Möglichkeit für andere Netzwerkideen), ist doch wohl gerade in der von Ihnen geliebten Marktwirtschaft völlig legitim.  Und da sind die von Ihnen genannten weltweit (nur) 4.000 Beschäftigten das allerletzte Gegenargument.  Im übrigen ist Ihre Zusammenfassung „Sie wünschen Facebook den Tod.“ ausschließlich Ihre persönliche Textinterpretation. Das steht nicht im Friedrichs-Text, in diesem Punkt ist er weit geschickter formuliert. Sie hofft, dass der Spuk irgendwann vorbei ist. Wie dieses „Ende“ aussehen könnte, spricht sie (bewusst, nehme ich an) nicht aus.

4. Auf die inhaltliche Kritik an Facebook gehen Sie nicht ein; sie ist zwar weder neu noch besonders tiefgehend, aber für die Zielgruppe (Radiohörer) und im vorgegebenen Beitragsrahmen vielleicht ausreichend.  Jedenfalls lässt sich diese Kritik nicht mit dem Hinweis auf erfolgreich über Facebook organisierte Demonstrationen in Kolumbien wegwischen.

Mit kollegialen Grüßen,
Timo Rieg

(kein Facebook-Fan)

3 Gedanken zu „Zu Knüwers Offenem Brief an Julia Friedrichs

  1. Puh, das sind mir jetzt ein paar journalistische Zuspitzungen zu viel drin…

    Zuspitzungen sind kein Problem. Wenn Sie aber die Wahrnehmungssituation derart verdrehen, finde ich sie nicht akzeptabel. Das habe ich im Text ja explizit auch so geschrieben. Sie tut so, als ob Buggyhersteller oder Cafés sie aktiv bedrängen. Das aber ist nicht der Fall.

    Weiterhin gibt es das Problem der klaren Falschinformation in Sachen Adressdatenverkauf – das ist keine Zuspitzung sondern schlicht eine Fehlleistung.
    Der Adressdatenverkauf ist etwas substanziell anderes als die Ausnutzung von Daten. Der Unterschied: Ich gebe meine Daten Facebook. Punkt. Adressdatenverkauf bedeutet: Ich weiß nicht, bei wem die Daten landen. Frau Friedrichs argumentiert klar mit dem Datenverkauf. Täte sie das nicht, hätte dies mit dem Text ja nichts zu tun.

    Nein, es ist nicht legitim, sich das Ende eines Unternehmens zu wünschen. Würde es hier um die Mafia gehen, OK. Ansonsten aber finde ich solche Äußerungen komplett daneben.

    Auf die inhaltliche Kritik an Facebook gehe ich auch gern ein und das tue ich auch gern in meinem Blog. Nur dann wäre der Text noch erheblich länger geworden (und es gab ja jetzt schon genug Leute, denen das zu lang erschien). Wer zum Beispiel das Thema Datenlöschung kritisiert, muss ich mit folgendem auseinandersetzen:
    Würde Facebook sämtliche Daten eines Nutzer löschen, verlässt er das Netzwerk, müssten aus den Postfächern anderer Nutzer dessen Nachrichten ohne Hinweis entfernt werden. Denn im Gegensatz zu einer E-Mail verlässt solch eine Nachricht ja nie das FB-System.
    Die Frage ist: Wollen wir das? Wollen die Nutzer das? Ich behaupte: nein. Doch die Antwort auf diese Frage ist offen, wie so vieles. Statt solche Fragen aber ergebnisoffen zu debattieren haben die allermeisten deutschen Journalisten eine klare Haltung: FacebookGooglewasauchimmerimInternet = böse.

  2. Sehr geehrter Herr Knüwer,

    mit Ihrem Offenen Brief und auch mit Ihrer Antwort auf die Spiegelkritik-Antwort habe ich ein Problem. Dieses Problem wird ganz leicht deutlich: Lesen Sie noch einmal in Ihrem obigen Text den ersten und den letzten Satz.

    Fällt Ihnen was auf? Sie arbeiten mit massiver Zuspitzung bis hin zur Verdrehung, um anderen massive Zuspitzung bis hin zur Verdrehung vorzuwerfen. (Es sei denn, Sie haben seriöse Daten über die „klare Haltung“ der „allermeisten deutschen Journalisten“? Immer her mit Ihren Quellen…)

    Diese Methode aus Verdrehung und Empörung sickert aus vielen Zeilen Ihrer beiden Texte. Wer aber mit sehr viel Selbstgewissheit harsche Medien- und Journalistenschelte betreibt, sollte selbst journalistisch sauber arbeiten.

    Sie stellen etliche fragwürdige Behauptungen auf, aber ich will nicht Ihren Text durchdeklinieren. Betrachten wir also nur Anfang und Ende sowohl Ihres Offenen Briefes als auch des Textes von Julia Friedrichs.

    Sie erlauben?

    DER ANFANG

    Julia Friedrichs schreibt: „Während der Automat meinen Pin-Code überprüfte, begann er per Display mit mir zu kommunizieren. Er forderte mich auf, doch bitte seine Facebook-Freundin zu werden.“

    Sie behaupten: „Eines Tages, behaupten Sie, fragte Ihr Geldautomat, ob er ihr Facebook-Freund sein dürfe. Das klingt so irgendwie mittellustig. Faktisch aber fragte Sie natürlich nicht Ihr Geldautomat, sondern Ihre Bank.“ Und: „Übrigens: Sie implizieren natürlich, Sie hätten am Geldautomat einen Like-Butten drücken können – ich behaupte: Das war nicht möglich.“

    Ich weiß nicht, wie es andernorts ist. Ich wohne in Berlin, und hier bitten mich immer wieder Geldautomaten, ihnen auf Facebook zu folgen. Und, nein, es fragt nicht die Bank, bei der ich gerade Geld ziehe! Ich soll nicht Bankhaus XY liken, sondern ein „Geldautomaten“-Profil. Ich habe nicht überprüft, wer hinter diesem Bankautomaten-Facebook-Account steht. Es ist auch einerlei. Wichtig ist: Sie behaupten ganz einfach, Julia Friedrichs schreibe die Unwahrheit. Ich behaupte: In Wahrheit haben Sie nicht recherchiert. Warum? Vielleicht, weil das Vorurteil von den vorurteilsbelasteten Journalisten war einfach zu verlockend war.

    Angeblich impliziert Julia Friedrichs, man habe direkt am Geldautomaten einen Like-Button drücken können. Nochmal der Wortlaut: „Er forderte mich auf, doch bitte seine Facebook-Freundin zu werden.“ Nicht etwa „hier und jetzt“. Nicht etwa „sofort“. Nicht etwa „per Tastendruck“. Da bleibt nur noch die naheliegendste Methode: direkt auf der Facebookseite. So weit, so eindeutig. Ich persönlich denke: Ein derart absurdes Missverständnis wie das Ihre setzt sehr viel Mutwillen voraus. Zumal Sie gleich darauf so überaus clever über Ihr eigenes Missverständnis triumphieren: „Ich behaupte: Das war nicht möglich.“

    Das ist die Methode: Man übertreibe eine fremde Aussage bis zur Verfälschung und mache sich dann hohnlachend darüber her. So geht es weiter, bis zum großen Finale.

    DAS ENDE

    Am Ende behaupten Sie, Julia Friedrichs wünsche 4.000 Facebook-Mitarbeitern die Arbeitslosigkeit. Das steht zwar mit keinem Wort im Text von Julia Friedrichs. Aber mit der tatsächlichen Aussage des Textes (Facebook stößt mich ab, weil es seine Profitorierntierung mit einer Weltverbesserungsattitüde weglügt) haben Sie sich ohnehin gar nicht befasst… Stattdessen behaupten Sie: „Sie wünschen Facebook den Tod.“

    Und was ist Ihre Antwort auf diese erfundene Aussage? „Nein, es ist nicht legitim, sich das Ende eines Unternehmens zu wünschen.“ Das, Herr Klüwer, ist jedoch kein Argument. Für ein Argument müssten Sie begründen, warum der (nie geäußerte!) Todeswunsch nicht legitim sein sollte. Stattdessen ist dies Ihre (völlig legitime!) Privat-Meinung.

    DER NEUANFANG

    Eine Meinung sollen Sie haben und können sie auch gerne publizieren. Aber dann sollten Sie aufhören, anderen eine abweichende Meinung zu versagen.

    Womit wir wieder beim eingangs angesprochenen Problem wären.

  3. Ein ergänzender Hinweis:

    Ich hatte zunächst versucht, diese Kritik direkt bei Herrn Knüwer auf indiskretionehrensache zu veröffentlichen. Das war am Abend des 22. August. Bislang kann ich nicht entdecken, dass mein Kommentar freigeschaltet wurde.

    So entsteht der Eindruck, dass Herr Knüwer zwar gerne austeilt, sich aber ungerne mit kritischen Reaktionen auseinandersetzt. Schade.

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