Sinnvolle Updates

Journalismus kann nicht jede Geschicht bis zum Ende verfolgen – logisch. Vieles bleibt bei einer Ankündigung, einer Idee, eben einer Momentaufnahme. Da wird eben  jetzt und heute gefordert, angekündigt, versprochen. Was daraus wird, ist außerhalb des Fokus‘.

Aber anders als bei den gedruckten Medien, denen man im Zweifelsfall, wenn man sie mit deutlichem Abstand zur Publikation aus einem Archiv zieht, ihr Alter und damit ihre Nicht-Aktualität ansieht (meist auch ohne Datumsangabe), wirkt in den Online-Archiven vieles frisch und wenig abgenutzt. Alt-Artikel bekommen mit jedem Relaunch ein neues Design verpasst, das sie zum Zeitpunkt ihrer Entstehung nicht hatten.  Sie sind bebildert – oder besser: finanziert – mit aktuellen Werbeanzeigen.

Da wäre es eine nette redaktionelle Übung, wenigstens mit einem Einzeiler bei Artikeln in Online-Archiven darauf zu verweisen, dass sich die Geschichte inzwischen deutlich weiterentwickelt hat. Dazu muss man eben nicht „jede  Geschichte bis zum Ende verfolgen“ – es genügt, dort ein Update anzubringen, wo einem Redakteur gerade (bei der internen Recherche) auffällt, dass es für Archiv-Nutzer wichtige Neuerungen zur Kenntnis zu nehmen gäbe. Berufen fühlen sollten sich insbesondere auch Community-Manger, die Kommentare prüfen (und freischalten oder auch nicht) – sie dürften recht häufig auch Jahre nach der Veröffentlichung eines Beitrags noch von Änderungen Kenntnis bekommen.

Das Beispiel, an dem mir das heute wieder mal auffiel, ist vergleichsweise popelig: Spiegel-Online hatte 2010 von einem Anti-Verpixelkungs-Projekt zu Google-StreetView berichtet, das seinerzeit Jens Best beworben hatte.  Da ist offenbar nie viel entstanden.  Und ensprechend könnte ein redaktioneller Eintrag unter dem SpOn-Artikel informieren (und nur wenn Zeit ist sogar noch mit einer Anfrage beim – ehemaligen? – Aktivisten unterfüttert werden).

Relevanter ist das u.a. im Bereich der unendlichen Gesundheitsberatung, die heute in jedem Blatt und auf fast jeder Website zu finden ist. Viele der publizierten Erkenntnisse erweisen sich schon recht bald als Humbug – aber sie werden weiterhin rezipiert, und selbst eine kurze Suchmaschinen-Abfrage führt da ob der großen Verbreitung der ursprünglichen Meldung nicht zwingend zu einem anderen Bild.

Schon vor einigen Jahren hatte ich beim Spiegel angefragt, warum sie im gedruckten Spiegel veröffentlichte Gegendarstellungen nicht mit den ursächlichen Artikeln online verlinken. Auch wenn eine Gegendarstellung keine Korrektur, gibt sie wichtige Hinweise auf die andere Sichtweise eines Betroffenen. Nur ein Beispiel (beliebig aus dem Archiv gewählt): zum Beitrag „Das Schweigen der Hühner“ (Spiegel 23/2011)  gibt es eine Gegendarstellung (37/2011), die man dank der vollständigen Digitalisierung auch findet – wenn man nach ihr sucht.  Unter dem Artikel ist sie nicht verlinkt (und der lange Zeitabstand zwischen Artikel und Veröffentlichung der Gegendarstellung lässt eine juristische Auseinandersetzung vermuten, der Spiegel distanziert sich letztlich auch von dieser mit dem bekannten, aber keineswegs immer verwendeten Satz: „Der SPIEGEL ist nach Paragraf 11 des Hamburgischen Pressegesetzes verpflichtet, die Gegendarstellung ohne Rücksicht auf ihren Wahrheitsgehalt abzudrucken.“

(Timo Rieg)

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