Journalisten machen keine PR – wie schade

Der Journalisten-Verein „Netzwerk Recherche“ erlebte auf seiner Jahrestagung an diesem Wochenende im NDR Hamburg zum 10-jährigen Jubiläum einen PR-GAU. Der Vorsitzende Thomas Leif legte sein Amt nieder. Was als Zeichen von Größe gedacht war, geriet zur Peinlickeit für alle Beteiligten.

Fachleute waren zahlreich vor Ort, unter ihnen der perfekt selbstinzenierte, wahnsinnig unterhaltungswerthaltige Klaus Kocks – aber gute Journalisten machen ja einen Bogen um PR-Leute.
Gescriptet war für den Tag wohl einiges, so Dankworte schwanger eröffnete Kuno Haberbusch die Jahrestagung des Netzwerk Recherche am Freitag, aber am Ende des Tages waren Regisseur, Dramaturg und Autoren stiften gegangen, im großen Saal unterhielt der Poetry-Slamer Marc Uwe Kling ein kleines, begeistertes Publikum im Rahmen der großen 10-Jahres-Fete, während sich der Manager des gesamten Jahrzehnt-Werks Thomas Leif gedemütigt vom Acker schlich. Es war ein Abend großer Tragik in diesem kleinen, aber wirkmächtigen Verein. Es war aber auch eine Lehrstunde für Journalisten, die gerne die Welt erklären, aber sich selbst nur selten fragen, was sie eigentlich so machen.Die Story, wie sie sich bislang darstellt, ist schnell erzählt – und der Vorstand des Netzwerk Recherche (nr) tat dies selbst schon in wesentlichen Zügen in einer E-Mail an seine Mitglieder 2 Tage vor der turnusmäßig am ersten Abend der Jahreskonferenz anberaumten Mitgliederversammlung:

Bei der Abrechnung der Jahrestagung in den Jahren 2007 bis 2010 bei der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) waren Fehler unterlaufen. Weil die BpB für die letzten drei Jahre eine Fehlbetragsfinanzierung von je bis zu 20.000 Euro zugesagt, aber keine festen Fördergelder zu vergeben hatte, kommt es bei der Abrechnung sehr darauf an, dass auch alle der Jahrestagung zuzuordnenden Einnahmen angegeben werden. Hierbei wurden zum einen Posten vergessen, zum anderen ist die Zuordnung bei manchen Einnahmen strittig (sind sie für die allgemeine Verfügung oder zweckgebunden für die Jahrestagung?). Insgesamt hatte die BpB die Jahrestagungen des NR nach Angaben des Vorstands mit rund 75.000 Euro gefördert.

Nachdem im Vorstand die Unstimmigkeiten am 28. Mai aufgefallen waren, hatte er am 7. Juni 2011 die Wirtschaftsprüfer beauftragt, die Abrechnungen zu prüfen. Einen Zwischenbericht hat der Vorstand eine Woche vor der Jahrestagung erhalten – diesen aber nicht öffentlich gemacht und auch nicht an die BpB weitergeleitet, aber sich aufgrund dessen darauf verständigt, die gesamte Fördersumme unter Vorbehalt an die BpB zurückzuüberweisen. Ferner sollte Thomas Leif die Verantwortung für die Abrechnungsfehler übernehmen und von seinem Amt als Vorsitzender zurücktreten, während der Rest-Vorstand bis zu einer Neuwahl vermutlich im Herbst im Amt bleibt. Die ursprünglich für den 2. Juli turnusmäßig anstehende Vorstandswahl wurde damit aufgrund der Ereignisse verschoben.

Doch die Inszenierung des Übergangs von einer Ära Thomas Leif, der den Verein initiiert und wie kein anderer geprägt hat, in eine namentlich noch völlig unbekannte Zukunft missglückte kräftig. Denn nachdem ein sehr zerknirschter Hans Leyendecker als 2. Vorsitzender die Ereignisse lang und breit, aber nicht tief erläutert hatte und dabei immer wieder die Bedeutung, die Verdienste wie auch die Integrität von Thomas Leif hervorgehoben hatte, kam vom Vorsitzenden  nicht der erwartete Satz: Ich übernehme die volle Verantwortung und trete mit sofortiger Wirkung von meinem Amt zurück.

Stattdessen nuschelte er etwas von seiner Periode, die nun ohnehin auslaufe und dass er nicht wieder kandidieren werde. Es folgte ein kleines Fiasko, eine 10-minütige Beratung des Vorstands, und eine vage Klarstellung, dass Leifs Amtszeit mit dem heutigen Abend ende. Es hatte heftige Diskussionen aus den Reihen der Mitglieder gegeben, doch das Klima war insgesamt keineswegs feindselig dem noch amtierenden Vorstand gegenüber: niemand unterstellte Vorsatz bei den Abrechnungsfehlern (deren Ausmaß ja auch noch gar nicht feststeht), das entschlossene Handeln des Vorstands und seine Offenheit gegenüber den Mitgliedern (und damit ja auch zwangsläufig gegenüber der Medienöffentlichkeit) fanden große Anerkennung und mehrere Mitglieder verstanden die ganze Aufregung nicht.

Hans Leyendecker machte nicht nur bei der Mitgliederversammlung, sondern auch bei einer aktuellen Fragestunde am folgenden Tag unmissverständlich klar, dass der gesamte Vorstand in der Verantwortung stehe. Leyendecker betonte wiederholt, dass ein „Sauberkeitsverein“ wie das NR an sich selbst besonders strenge Maßstäbe anlegen müsse, dass es kein Durchwurschteln und „schauen wir mal“ geben dürfe. Und natürlich bedeute dies auch für ihn selbst, nach der nun laufenden Aufarbeitung nicht erneut für den Vorstand zur Verfügung zu stehen, weil er sich selbst nicht genügend gekümmert habe.

Zwar lagen offenbar Antrags- und Abrechnungsverfahren gegenüber der BpB ausschließlich in den Händen von Thomas Leif, und da er satzungsgemäß allein vertretungsberechtigt war, gab es auch kein vorgeschriebenes Vier-Augen-Prinzip, aber seiner Kontrollpflicht ist der Vorstand eben jahrelang nicht nachgekommen. Die Kassenwartin des Vereins beschrieb es mit den Worten:  „Ich war immer eine Art Ziehtochter von Thomas Leif“, sie habe  sehr starkes Vertrauen gehabt, „er war irgendwie übermächtig“. Und wer Thomas Leif kennt, wird sich das vorstellen können, nur: gerade dafür ist ein mehrköpfiger Vorstand da – dass man sich gegenseitig auf die Finger schaut, dass man sich gegenseitig korrigiert, in seinem Wissen ergänzt, eben gemeinsam die Geschäfte des Vereins führt; und nicht den kritischen Journalistenverstand auf Stand-by setzt und sich naiv gibt.

Wie ernst es Leyendecker und dem Rest des Vorstands mit dem Vorbildcharakter des Vereins ist, kann man an der Beauftragung einer externen Prüfung sehen. Denn sollte es Abrechnungsfehler gegeben haben, die der Bundeszentrale nicht aufgefallen sind, dürfte diese selbst wenig Interesse an viel Wind darum haben – gute Voraussetzungen für ein Agreement hinter den Kulissen. Doch genau dieses kommt für das Netzwerk Recherche nicht in Betracht. „Unser Verein darf nicht auch nur einen Euro aus Steuergeldern zu unrecht erhalten“, so Leyendecker, der als erfahrener Wirtschaftsrechercheur  die Prüf-Kanzlei selbst ausgewählt hat – und mit 30.000 Euro Kosten rechnet. Dabei ist die Rückzahlung von Fördermitteln, die das Netzwerk aufgrund fehlerhafter Angaben erhalten hat, gar kein Schaden für den Verein – denn das Geld stand ihm ja in diesem Fall ohnehin nie zu.

Es ist ein tragischer „Fall Leif“ und ein „tiefer Fall Leifs“ – was der bisherige Vorsitzende beides nicht verdient hat und was doch fast unausweichlich war – wie in vielen, vielen vergleichbaren Konstellationen: da ist eine charismatische Persönlichkeit, ein Macher mit Intelligenz, Power und Vernetzung, der einer sehr guten Idee Gesicht und Herzschlag gibt. Und dann sind da einige, die sich begeistern lassen und mitmachen, aber längst nicht so viel Engagement aufbringen wie der Chef. Der vorprescht, Ideen entwickelt und alles mögliche schon mal klar macht, bevor andere auch nur hinterhergedacht haben. Das ist im bürgerschaftlichem Engagement nicht selten zu finden, es dürfte sogar eher der Prototyp eines idealistischen Vereins sein.

Die Förderung der Recherche ist Leifs Leidenschaft, und dafür hat er Bücher geschrieben und entstehen lassen, Konferenzen und Seminare organisiert, Positionspapiere in die Diskussion eingebracht, ist durch die Republik gereist, hat die Debatte um den deutschsprachigen Journalismus stark geprägt. Keiner sonst hat auch nur im Ansatz so viel Zeit und Energie in die Vereinsaktivitäten gesteckt wie Thomas Leif. Das Netzwerk Recherche ist sein Lebenswerk – das wurde in Hamburg zigfach gesagt.
Mit Thomas Leif zusammenzuarbeiten ist vielen Menschen schwer gefallen, Widerspruch bringt ihn auf die Palme, mit seinen flotten Sprüchen und Zuspitzungen ist er ein Künstler auf der Bühne und ein Elefant im Porzellanladen. Und dass auch er in journalistischen Dingen fehlbar ist, wurde in den letzten Jahren mehrfach und keineswegs nur  Netzwerk-intern diskutiert.

Der Verein will sich nun neu aufstellen. Er will transparenter werden, seine Satzung ändern, neue Leute für die aktive Mitarbeit gewinnen. Der Vorstand wird besser mit seinen Mitgliedern kommunizieren müssen und sich mehr als Dienstleister denn als Bestimmer verstehen müssen (nach langer Diskussion hatte die Mitgliederversammlung am Freitag den Vorstand beauftragt, noch an diesem Abend. eine Presseerklärung herauszugeben – was nicht geschah). Der Verein wird auch sein Verhältnis zur PR überdenken müssen. Wenn schon keines seiner Mitglieder gute Öffentlichkeitsarbeit machen darf, weil das dem fünften NR-Gebot widerspricht („Journalisten machen keine PR„), wird man sich Fachleute dafür holen müssen (die bekanntlich andere Tarife aufrufen als Presse-Texter). Der Umgang mit dem Abrechnungsproblem hat auf katastrophale Weise gezeigt, dass das Netzwerk Recherche keine PR macht. Denn bei der Hamburger Jahrestagung mit Mitgliederversammlung ging es keineswegs nur um ein Sachproblem – es ging ganz entscheidend auch um dessen mediale Kommunikation, um die Medienarbeit in eigener Sache, um die einigen Journalisten offenbar immer noch unbekannte Seite der Information: Geber zu sein, nicht Nehmer, Anbieter statt Frager.

Das Netzwerk Recherche wird sich verändern, es wird optisch vermutlich kleiner werden. Der Verein wird seine Schlagzahl reduzieren müssen, weniger Veranstaltungen organisieren und weniger Publikationen erarbeiten – um selbst noch den Überblick über all das zu bewahren. Für das Netzwerk wäre es gut, wenn dabei wenigstens ab und zu auch künftig noch Thomas Leif dabei wäre, als spitzer Moderator, als provozierender Diskutant, als Referent für Recherche.

Timo Rieg
(nr-Mitglied)

Vorangegangene Veröffentlichungen anderer Medien:
Erster taz-online-Bericht

Meedia: NR-Vorstand Thomas Leif nimmt seinen Hut
dpa-Meldung (bei Focus)
dapd

Pressemitteilung nr vom Samstag:
Erklärung des Vorstands

Weitere ausgewählte Veröffentlichungen:
Christian Jakubetz („Politbüro“)
Spiegel-Online („Vorzeigejournalisten“)
Tagesspiegel („Zoff zum Jubiläum“)
Verschlossene Auster fürs NR? (Leyendecker im Interview mit Jörg Wagner /audio)
Süddeutsche Zeitung („Aufklärer in Erklärungsnot“)

Hintergrundinfos zur Sache:
+Verantwortlich ist nur der Vorstand nach § 27 BGB, und das sind nur 1. und 2. Vorsitzender.
+Der Vorstand ist nicht nur „geschäftsführend“ im Amt, wie es an vielen Stellen heißt, sondern satzungsgemäß unverändert bis zu einer erfolgten Neuwahl.

Update 4. Juli:
turi2 verweist auf das angebliche Dokument eines „Wirtschaftsprüfberichts“, das Einnahmen des NR aus Anzeigen und Sponsoring auflistet. Was Fred Kowasch veröffentlicht hat, ist schlicht der Kassenbericht, der bei der Mitgliederversammlung an alle verteilt worden war – und der künftig, so die Ankündigung des Vorstands, ohnehin online stehen soll. Die E-Mail eines Wirtschaftsprüfers und der Kassenbericht, die Kowasch in ein pdf zusammengefügt hat, sind zwei getrennte Dokumente.

9 Gedanken zu „Journalisten machen keine PR – wie schade

  1. Tragisch. Auch aus diesem Grund: Wie kann ich als Investigativster der Investigativen, wenn es mal mich selbst betrifft, jene Zugeständnisse erwarten, die ich bei anderen nie gewährt habe und nie gewähren würde? Und so hört sich dann Thomas Leif an wie Helmut Kohl. Das tat in der Seele weh. Ebenso schräg: Prantls Mühe eine Preisverleihung zu begründen, die nicht zu begründen war. Achtungserfolg für den EON-Sprecher Knott mit einer nachdenklicheren und darum meisterhaften Rede: „Ich nehme den Preis entgegen, aber ich nehme ihn nicht an.“ Zeit über liebgewonnene Feindbilder nachzudenken; auf allen Seiten. KK

  2. Auf der Mitgliederversammlung fragte der Vorstand: Was soll eine Pressemitteilung bringen? Die Medienresonanz nun dürfte das deutlich zeigen.
    Besonders verwirrend wird es natürlich dadurch, dass auch noch verschiedene Einzelstatements im Umlauf sind. dapd schreibt: „Zwischen seinem [Leifs]Rückzug und der inzwischen angeschobenen Prüfung von möglichen Unregelmäßigkeiten bei Abrechnungen bestehe ‚kein kausaler Zusammenhang‘, hatte Leif am Samstagmittag der Nachrichtenagentur dapd gesagt.“

  3. “Er war irgendwie übermächtig” – das klingt ja so, als sei Tina Groll zur Schatzmeisterin gezwungen worden! Jemand, der Thomas Leif als Ziehvater bezeichnet und sich dann so äußert, hat ja wirklich ganz schnell sein Segelchen neu ausgerichtet. Eine wirklich ausgezeichnete Karrieristin, bravo!

    Noch schöner das Zitat allerdings auf SPON selbst: „Vorstandsmitglied Tina Groll über den Kollegen: „Er hat alles alleine gemacht, er war so übermächtig, wir haben ihm blind vertraut.““ http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,772051,00.html

    Da hätte jemand gut daran getan, einfach mal die Klappe zu halten – so, wie die anderen Vorstände von NR auch und besonders, wenn man selbst Leif als Ziehvater bezeichnet (was er für Groll tatsächlich war/ist).

    Leif hat sich widerwillig und tatsächlich suboptimal zurückgezogen. Von der Kassenwartin gibt es aber nicht ein Wort der Reue, sondern nur den Nachtritt und die Rolle der Unschuld.

    Was würde bloß Klaus Kocks dazu sagen?

  4. Pingback: Anonymous

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