Archiv für den Monat Juni 2011

Lesebeute: Spiegel ohne Hitler-Titel

Mittwoch, 22. Juni 2011

Spiegel-Online expandiert weiter und will neue Mitarbeiter einstellen – für “mehr Reportagen und mehr Hintergrund, mehr Meinung und mehr Originalität”.Martin Eiermann hält es da mehr mit Jeff Jarvis (dem er unnötigerweise als Guru huldigt): “Do what you do best, and link to the rest.”

Das bedeutet im Fall des Boulevards ganz konkret, Axel Springer einfach mal machen zu lassen. Angst, Hass, Titten und den Wetterbericht gibt es seit 1952 bei der BILD und in den zahllosen anderen Blättchen, die den deutschen Kiosken Geld in die Kassen und den deutschen Kioskblattlesern Unsinn zwischen die Ohren spülen. SPON kann sich mühen und winden – das Race to the Bottom wird Hamburg nicht gewinnen. (Mehr bei: The European)

“Henri” und die Lächerlichkeit

Mittwoch, 08. Juni 2011

“Wenn die Jury zurücktritt, mach sie sich lächerlich. Wer sich bei dieser Jury noch einmal bewirbt, macht sich lächerlich. Der einzig positive effekt ist, dass der Preis irrelevant wird. [...5 Seiten später...] Wenn diese Henri-Nannen-Preis-Jury mit ihrem Chefredakteursproporz zerbräche, wäre es ein Dienst für den Journalismus.”

Claudius Seidl, unterhaltsamer Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS), im journalist-Interview (Heft 6/2011) über den Henri-Nannen-Preis nach René Pfister.

Spiegel-Männer sprechen über Masturbation

Freitag, 03. Juni 2011

Beworben hatte Spiegel-Online die Veranstaltung, einen Bericht gab es anscheinend nicht: in einer Campus-Plauerreihe interviewte Thomas Tuma in Mainz Hape Kerkeling. Die Lokalzeitung zumindest war von diesem öffentlichen Spiegel-Gespräch nicht begeistert. Und wenn Spiegel-Redakteur Tuma Kerkelings Sexleben so wie dargestellt zum Thema gemacht hat, dann möchte man ihm in entfernter Anlehnung an ein sehr kluges Wort von Stephan Wahl raten, zunächst einmal sein eigenes, vielleicht heterosexuelles, vielleicht auch asexuelles Geschlechtsleben öffentlich zu diskutieren.

Self-Fulfilling Questions

Mittwoch, 01. Juni 2011

Es gibt nicht nur dumme Fragen (natürlich! jede Menge!), es gibt auch überflüssige Fragen – was noch milde ausgedrückt ist. Eigentlich sind es demagogische Fragen. Z.B. all jene zur Zukunft, deren beantwortung die Zukunft aktiv mitgestaltet (statt sie zu prognostizieren). Kennt man als self-fulfilling prophecy.

Schon während des Kachelmann-Prozess’ und erst recht nun danach wird überall gefragt: Wird Jörg Kachelmann wieder in der Öffentlichkeit arbeiten können, kommt er ins Fernsehen zurück? Das fragte gestern Abend z.B. Sandra Maischberger, das fragt stern.de (“Kehrt der nette Wetteronkel zurück?”).

Wer da Nein sagt, meint: das geht nicht, das darf nicht sein, das wird nicht sein (selbst wenn ich es ja gut heißen würde, aber so ist das nunmal). Wer Ja sagt, meint: muss, der muss zurückkommen (das sind wir ihm schuldig oder so).

Unter dem Deckmäntelchen der Prognose, der “Experteneinschätzung” wird damit an den Fakten gebastelt. Insofern ist auch die Frage nach Kachelmanns Zukunft schlicht – eine dumme Frage.

Die szenische Rekonstruktion

Mittwoch, 01. Juni 2011

Der SPIEGEL hatte mit seinem Verweis, dass “szenische Rekonstruktionen” in “Reportagen” üblich seien, insofern recht, als wir uns endlich mit den unsäglichen Pseudo-Reportagen im Fernsehen beschäftigen müssen. In der Ankündigung schreibt Phönix zwar von einer “Dokumentation” (was immer noch etwas anderes als eine Inszenierung sein müsste), im Filmbeitrag über Kreditkartenbetrug wurde hingegen eine Reportage von Edgar Verheyen angekündigt, und sie besteht praktisch nur aus gestellten Szenen (und einem Verheyen, der beim Autofahren mehr in die Kamera spricht als auf die Straße zu schauen und ansonsten über den HighTec-Betrug staunt, bei dem Menschen falsche Namen an ihre Briefkästen schreiben).


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