Zirkusjournalismus

Die Sache mit der Perspektive im Journalismus, man könnte sie jeden Tag beklagen. Politikberichterstattung nimmt fast ausschließlich die Sicht der Parteien und Parteiakteure ein. Bürger wählen nicht, Parteien siegen, verlieren, erleben Debakel, Desaster und Triumphe. „Hauptstadtjournalismus“ beschäftigt sich nicht mit Politik (also: der Gestaltung von Gesellschaft), sondern mit Performance. Niemand nimmt Anstoß daran, wenn – kleines Beispiel – der FDP-Abgeordnete Mario Döweling in einem Interview am 6. April fordert: „Der neue Parteivorsitzende [da war noch offen: Rösler oder Lindner, jetzt ist das ja klar, ohne Wahl] braucht eine Möglichkeit zur Profilierung, es kann deshalb sein, dass Westerwelle auch hier seine persönlichen Interessen zurückstellen muss“ [und, das meint Döweling, dem „Neuen“ das Außenministerium überlässt]. Bei der Außenpolitik Deutschlands geht es also nicht um die Privatinteressen von Guido Westerwelle als Außenminister, sondern um die Privatinteressen eines designierten FDP-Vorsitzenden als Nicht-Außenminister.

Wildunfälle werden nicht von Autos, sondern – natürlich – vom Wild verursacht (sonst hießen sie vermutlich Menschunfälle).

Und turi2 meint heute: „Google enttäuscht Analysten“. Die Idee, dass die Analysten mit ihrem Kaffeesatzlesen etwas daneben gelegen haben, ist völlig abwegig. Google macht weniger Gewinn, um die Analysten zu ärgern.  Willkommen im Zirkusjournalismus.

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