Korrekturverhalten (2): Der Spiegel

Medienjournalist Stefan Niggemeier hat vor Kurzem angeprangert, dass selbst Gegendarstellungen in Zeitungen wie dem Hamburger Abendblatt kostenpflichtig sind.
Das kann man diskutieren – und ebendies geschieht in seinem Blog. Mit einer Gegendarstellung geht man ja immer das Risiko ein, überhaupt erst auf eine Sache aufmerksam zu machen, die sonst gar nicht groß beachtet würde (wie das auch mit Zivil- und Strafprozessen ist). Daher macht es Sinn, dass Gegendarstellungen nur dort erscheinen müssen, wo auch die gegendarstellungsbegehrte Behauptung (die ja laut Presserecht objektiv gar nicht falsch gewesen sein muss) veröffentlicht wurde.
Andererseits wird natürlich weitererzählt, was man gelesen hat, und das kann dafür sprechen, eine Gegendarstellung weiter zu streuen.

Wirklich ärgerlich hingegen ist, dass von den beanstandeten Veröffentlichungen aus bei Internetpublikationen bisher kaum auf eine eingegangene und veröffentlichte Gegendarstellung verwiesen wird (wie auch auf andere Korrekturen, Leserbriefe und wichtige Aktualisierungen).

Aufgefallen war uns dies zunächst beim SPIEGEL, und dort gar nicht bei den – seltenen – Gegendarstellungen, sondern bei den Korrekturen, die die neuen Chefredakteure als Teil in der Rubrik „Leserbriefe“ eingeührt hatten.

Hans-Ulrich Stoldt sagte uns dazu bereits am 5. August 2009:

„Gegenwärtig bereiten wir die Verknüpfung von Artikeln im Archiv mit Korrekturen oder Gegendarstellungen vor. Technisch und redaktionell ist das nicht so ganz einfach, weshalb es auch noch ein wenig dauern wird, bevor wir so weit sind.“

Die Praxis sieht so aus, dass der Spiegel derzeit beanstandete Beiträge verschwinden lässt. Dass sich Eigen– und Fremdkorrekturhinweise dann auch noch an unterschiedlichen Stellen befinden, macht die Sache nicht übersichtlicher.

Korrekturen finden in der Online-Ausgabe zumindest nicht durchgängig statt. So gab es in der Ausgabe 40/2010 einen Kasten mit Korrekturen zu fünf Beiträgen. Dabei wird der Artikel „Revolver in Rosa“ aus Nr. 37/2010 in zwei Punkten berichtigt. Da heißt es: „Der erwähnte Amoklauf fand nicht ‚ein paar Meilen entfernt von der Messe‘ an der Virginia Tech im benachbarten Manassas, sondern im 250 Meilen entfernten Blacksburg statt.“ Das wäre uns zwar womöglich auch nur eine „Korinthe“ wert gewesen, aber wenn’s doch falsch ist, sollte man es korrigieren. Auf spiegel.de findet man jedoch weiterhin:

Nur ein paar Meilen sind es von der Messe in Chantilly zur Universität Virginia Tech, wo vor über drei Jahren einer der schlimmsten Amokläufe in der US-Geschichte stattfand. Ein Student erschoss damals 32 Kommilitonen mit seinen beiden halbautomatischen Pistolen. (pdf-Version)

Auch nicht hilfreicher ist es freilich, wenn die Gegendarstellung zu einem Artikel, der online nicht beim Spiegel und sonst nur über dubiose Quellen verfügbar ist, im Web-Archiv steht.

Seniorenresidenz Kölnische Rundschau

Es ist nicht unsere schönste Zielvorstellung, JournalistInnen weniger verdienen zu lassen. Aber wir müssen angesichts der wirtschaftlichen Situation schnell wirksame Kostenentlastungen erzielen. [..] Vor allem brauchen wir günstigere Einsteiger-Gehälter, damit wir auch jüngere Journalisten dauerhaft übernehmen können. (Helmut Heinen, Herausgeber der Kölnischen Rundschau und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, BDZV, im taz-Interview)

Wer mit festem Gehalt in den Journalismus einsteigt, also wohl als Volontär oder ggf. als „Jungredakteur“, hat heute in der Regel viele Jahre freie Mitarbeit hinter sich, Studium und Praktika. Es gibt zwar immer noch etwas zu lernen, aber diese „Einsteiger“ sind bereits ausgebildet, haben Erfahrungen – und bringen jede Menge Power mit, konkret auch viel Engagement für unbezahlte Überstunden (zuhause wartet eh noch keine Familie).
Da spricht wirklich nichts dafür, das Gehalt gegenüber den älteren Mitarbeitern zu senken. Was angemessen ist, ist eine andere Frage. Aber die richtige Tarifstruktur wäre: am Anfang mehr zahlen, später weniger (die Koryphäen wären davon nicht betroffen, die werden ohnehin außertariflich bezahlt).
Es braucht zum Einstieg in die Unabhängigkeit von Eltern und prostitutionsnahen Nebenjobs, für den Aufbau einer „eigenen Existenz“ schlicht mehr Geld, als mit paarundfünfzig Jahren, wenn die Kinder aus dem abbezahlten Haus raus sind und es Journalistenpreise ohnehin nur noch „fürs Lebenswerk“ gibt (prämortale Nachrufe).
Heinen darf als publizistischer Großgrundbesitzer gerne (naja!) viel Geld einstreichen. Aber Zeitungshäuser als Seniorenresidenz haben sicherlich keine Zukunft.