Archiv für den Monat September 2010

Unwahres Halbzitat

Samstag, 25. September 2010


“Sicherungsverwahrung ist eine Schande” wird in einem Kommentar bei indymedia, dem “multimedialen Netzwerk unabhängiger und alternativer Medien, MedienmacherInnen, engagierter Einzelpersonen und Gruppen”, als Zitat Kurt Tucholskys aus dem Jahr 1920 ausgegeben. Das ist – fahrlässig oder vorsätzlich – falsch. Das Vier-Wörter-Fragment stammt aus Tucholskys Text “Die Sicherungsverwahrung” – veröffentlicht im Dezember 1928. Darin heißt es allerdings:
“Der Kuhhandel: hie Todesstrafe – hie Sicherungsverwahrung ist eine Schande.”

Die Schande ist also der Kuhhandel. Inhaltlich spricht sich Tucholsky zwar deutlich gegen die Einführung einer Sicherungsverwahrung aus – doch man sollte sich schon die Mühe machen, seine Argumentation zu lesen, um den Autor in die gegenwärtige Diskussion einzubringen. Kurt Tucholsky ging es ganz offensichtlich um die Gefahr, auf Grund einer solchen neuen Rechtslage könnte die Politik missliebige Personen auf unbestimmte Zeit einsperren. Gegen den Schutz der Bevölkerung vor Gewalttätern hatte der Jurist Tucholsky nichts einzuwenden. In “Deutsche Richter” sagt er 1927 sehr markant:
“Es gibt kein staatliches Recht des Strafens. Es gibt nur das Recht der Gesellschaft, sich gegen Menschen, die ihre Ordnung gefährden, zu sichern.”

Bevölkerung, Wahlberechtigte und Wähler

Mittwoch, 22. September 2010

“Die Mehrheit der bayrischen Bevölkerung hatte sich in einem Volksentscheid für ein strenges Nichtraucherschutzgesetz ausgesprochen, das Gaststätten, Bars und Festzelte einschließt.” (stern.de “Raucher, schleicht’s euch!”)

Nicht nur induktive Statistiken werden permanent fehl- oder zumindest überinterpretiert, auch Vollerhebungen wie Wahlen. Dabei ist die Sache doch hier eigentlich sehr einfach – wenn man sich klar macht, von welcher Gruppe man spricht, die sich da geäußert hat. Denn es waren beim Volksentscheid eben nur die Wählenden – über alle anderen kann man nur spekulieren. Also:
a) Es hatte sich am 4. Juli 2010 nicht die Mehrheit der Bevölkerung für oder gegen etwas ausgesprochen (denn die Bevölkerung war gar nicht gefragt, sondern nur die Wahlberechtigten, ohne Kinder, Jugendliche, Ausländer), auch nicht die Mehrheit der Wahlberechtigten, sondern schlicht die Mehrheit der Abstimmenden, von denen nämlich 61%.
b) Bezogen auf die Wahlberechtigten bedeutet dies: 22,94% der stimmberechtigten Bayern haben sich im Volksentscheid für ein totales Rauchverbot ausgesprochen.
c) Bezogen auf die Bevölkerung Bayern bedeutet dies: etwa 17,2% der bayerischen Bevölkerung hatten sich für das strenge Rauchverbot ausgesprochen. Das ist nicht ganz die Mehrheit.

Text-Bild-Schere löst Terror-Alarm aus

Donnerstag, 09. September 2010

So irre sieht dieser Pastor doch gar nicht aus, oder?
eifernder pfarrer
Aber in welcher Gemeinde sitzt Hans Liedel denn nun? In der Provinz, heißt es im Text – aber wo liegt diese? Die Suchmaschine kennt mit dem Namen zunächst mal einen Meisterbetrieb für Heizungsbau und einen Zauberer. Verwirrend, dieser Kommentar in der Frankfurter Neuen Presse:

Jetzt kommt ein Pastor, der offenbar auch mal berühmt werden will. In Erinnerung an die Katastrophen des 11. September 2001 will er einen Koran verbrennen, quasi die «Bibel» der Muslime. [...]

Dieser Pastor will offenbar die Wut von Analphabeten entfesseln, die ihren Gott geschändet sehen. Er gefährdet Leib und Leben westlicher Helfer, die etwa Flutopfern in Pakistan zur Seite stehen. Er gefährdet Entwicklungshelfer. Selbst der Oberkommandierende der US-Armee, General Petraeus, fürchtet um das Leben seiner Soldaten in Afghanistan.

Und dann kommen noch die Ortsfeuerwehr (das passt zur Regionalzeitung), aber auch die USA als Ganzes ins Spiel:

Die USA, das Land der schier grenzenlosen Freiheit, müssen sich nach einer rechtlichen Handhabe fragen lassen, mit der sie den so todesgefährlichen Unsinn eines solchen Hetzers unterbinden. Vielleicht kommt der Weltmacht die örtliche Feuerwehr zu Hilfe. Die hat das öffentliche Koran-Feuer nicht genehmigt. Sie muss es löschen.

Vollkommend verwirrend schließlich, dass dieser Pfarrer einen E-Mail-Account bei der Zeitung hat, die sich über ihn erregt.
Wenn Gott schon nicht direkt zu erreichen ist, ein Koran verbrennender Pastor immerhin hat seine E-Mail-Adresse angegeben

PS: “irre” und “Terror-Alarm” stammen natürlich von dem Qualitätsblatt nebenan.

stern.de als Steigbügelhalter für Selbstdarsteller in Verbrecher-Milieu

Montag, 06. September 2010

Dass sich Journalisten echaffieren, was sie wenige Tage zuvor doch für unreflektierten Quark Aufmerksamkeit heischend verbreitet haben – eine alte Nummer (Stichworte: Gladbecker Geisel-Drama, Amoklauf von Ganzegal). Dass sich Journalisten aber schon während ihrer Berichterstattung über eben diese ihr Haupt schütteln, ist eine interessante und eher neue Spielart. Es geht nicht um die übliche Heuchelei: “Wir haben uns in der Redaktion lange überlegt, ob wir Ihnen diese Bilder zeigen dürfen…”

stern.de attestiert sich Geschmacklosigkeit - denn ohne Publikum wäre Oliver Pochers Aktion keine Aktion gewesen. Stern.de hat nämlich – wie einige andere Medien – beim heutigen Prozessauftakt in der Causa Kachelmann in Mannheim einen falschen Kachelmann entdeckt: Oliver Pocher nutzte die hungrige Medienmeute für einen kleinen Clown-Auftritt. (Und auf diesen hat die Medienmeute auch gewarte – denn was soll es von einem ersten Prozesstag zu berichten geben, was man nicht schon wüsste, ahnte oder ohnehin nicht wissen will?)  Doch nicht nur, dass stern.de Pocher Geschmacklosigkeit vorwirft für eine Satirepraxis, die zumindest Martin Sonneborn großes und bedächtiges Kopfnicken eingetragen hätte*), – die Online-Redaktion echauffiert sich mit einer ganzen Bilderstrecke über Pochers unanständige Promotion-Aktion.

*)= Es wäre zumindest hilfreich die Bewertungskriterien offen zu legen, nach denen Pocher ein reiner Selbstdarsteller ist und kein genialer Satiriker, der mit den Beutereflexen der Medien spielt.


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