Essen und Fernsehen von entzückender Bescheidenheit

Darf man vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk erwarten, dass er auch bei einem auf den ersten Blick simplen Termin-Bericht ein wenig rechts und links des Weges bzw. hinter die Inszenierungs-Kulissen schaut? Wohl schon, wenn andernfalls das Ergebniss eine arge Verzerrung zu dem ist, was alle anderen wahrgenommen haben.

Der simple Termin: Fernsehkoch Johann Lafer kommt in ein Schul-Bistro, um medienwirksam ein von ihm beschirmherrschaftetes Verpflegungs-Konzept zu begutachten.

Die Inszenierungs-Kulisse: leckeres Essen, attraktive Preise, freundliche Mitarbeiter, begeisterte Schüler.

Der Haken: Es braucht eine Jugendredaktion der ortsansässigen Lokalzeitung, um mit vier Monaten Verspätung aufzuklären, wie es tatsächlich um Qualität, Vielfalt und Preise der Schulverpflegung steht.

Während die Hessenschau des Hessischen Rundfunks von der Veranstaltung am 23. Februar 2010 an der Albert-Schweitzer-Schule in Alsfeld berichtet, wie es ein Werbefilm kaum besser könnte, erzählt auf der Jugendseite “Spot” der Oberhessischen Zeitung nun eine Schülerin ausführlich, etwas langatmig und theatralisch, dass alles nur ein Fake war – was unsere Recherchen bestätigen konnten. Die freundlichen Mitarbeiter stehen sonst nicht hinter der Theke, die Preise sind deutlich höher, die Speisen von bescheidener Portionsgröße und Variation.
Dass es auch sonst eine Menge kritischer Fragen gegeben hätte – fast geschenkt (etwa die, ob es ernsthaft 350.000 Euro braucht, um Schüler mit Döner zu versorgen, ob die hohe Kunst des Kochens heute darin besteht, vorgegarten Reis aufzuwärmen oder warum man nicht einfach Obst aus dem reichhaltigen Vogelsberger Angebot nimmt und gratis anbietet).
Nimmt der HR eine solche Schulveranstaltung nicht wichtig genug, um journalistisch zu arbeiten – oder sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk bereits mit Johann Lafer und einer publicitysüchtigen Schule überfordert sein? Die Hessenschau war am Donnerstag und Freitag zu einer Stellungnahme nicht zu bewegen.

2 Gedanken zu „Essen und Fernsehen von entzückender Bescheidenheit

  1. Blogger übernehmen mehr und mehr die Arbeit, die die Journalisten der öffentlich-rechtlichen Sender übernehmen müssten. Nur werden sie nicht gelesen.

  2. @Nico, doch, Sie werden gelesen. Allerdings von den üblichen Verdächtigen, also jenen, welche sich schon immer gerne ein eigenes Bild machen. Das dies nur ein kleiner Prozentsatz ist, war so und wird so bleiben.

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