“Sex-Schwein gehört nicht ins Wortgefängnis

Das Bildblog widmete sich heute mal wieder seinem zweiten Lieblingsthema – dem Schutz des so genannten Persönlichkeitsrechts. Heutiger Verstoß: die BILD-Zeitungs-Überschrift “Sex-Schwein (19) vergewaltigt Schüler (8) im Wald”.
Okay, ganz korrekt müsste es “Mutmaßliches Sex-Schwein” heißen, aber in einer Überschrift darf man das auch verknappen. “Schwein” ist jedenfalls für den Tatvorwurf wahrlich noch eine Schmeichelei. Carl von Ossietzky musste sich vor Gericht dafür verantworten, Tucholskys Satz “Soldaten sind Mörder” veröffentlicht zu haben – und bis heute sollte dieses damals weit mehr als heute unstrittige Veröffentlichungsrecht eine Leitplanke für das Verständnis von Meinungsäußerungsfreiheit bilden. Jemanden als Schwein zu bezeichnen – egal, ob es so naheliegend ist wie im kritisierten BILD-Fall oder nicht – muss ohne Wenn und Aber unter die Meinungsäußerungsfreiheit fallen. Dass der Presserat dies bisweilen anders sieht, ändert daran nichts, ist aber eine natürlich ebenfalls statthafte, vielleicht  sogar hilfreiche Meinungsäußerung.

Petition für kostenlose Abmahnstufe

Beim Bundestag steht eine Petition für eine kostenlose Vorstufe bei einer Abmahnung zur Unterzeichnung. Der Text ist sehr kurz (und daher noch nicht ausgereift). Die Beschränkung auf “Abmahnungen im Internet” etwa ist nicht nachzuvollziehen. Aber von der Richtung her ist die Sache unterstützenswert. (Der Petent twittert übrigens bisher fast ohne Followers, wen das Anliegen also stärker interessiert …)

ADAC hat Vampire nicht kontrolliert

Den ersten Fehler machte der ADAC. Dessen Pressestelle hatte aus den Daten seiner Verkehrssicherheits-Mitarbeiter eine Mitteilung gebastelt, die dem Autofahrerclub ein wenig  Polizeibefugniss nahelegte. Es ging um eine “Stichprobe” zur Beleuchtung von Fahrrädern und der Schutzkleidung von Fahrradfahrern. In der PM heißt es:

Danach fuhren knapp 40 Prozent aller Radler bei Dunkelheit ohne Licht – teils weil das Fahrrad über keine funktionierende Beleuchtung verfügte, teils weil vorhandenes Licht nicht eingeschaltet war. Bei weiteren zwölf Prozent fehlten Scheinwerfer oder Schlussleuchte. Weniger als die Hälfte war mit vorschriftsmäßig beleuchteten Fahrrädern und so mit der gebotenen Sicherheit unterwegs. Überprüft wurden mehr als 1 500 Radfahrer auf Radwegen an vielbefahrenen Kreuzungen.

Hellhörig hätten Journalisten beim letzten Satz werden müssen: Wie mag der ADAC eine Überprüfung von 1500 Fahrradfahrern durchgeführt haben?

Doch die Redaktionen übernahmen die Formulierung oder nutzten schlicht vermeintliche Synonyme. Bei der Welt wurden die Radler “gecheckt”, bei Focus wurden sie “getestet”,  der Münchner Merkur ließ die ADAC-Mitarbeiter gar “Lichtmuffel” “ertappen” und in vielen Medien wurden die Fahrradfahrer “kontrolliert”; entsprechend bebilderten Online-Medien denn auch mit Polizeikontrollen.

Fakt ist aber: ADAC-Mitarbeiter haben die Fahrradfahrer nur beobachtet.  Etwas anderes wäre rechtlich auch schwierig. Dementsprechend konnten sie jedoch gar nicht unterscheiden, ob ein Licht defekt oder nur nicht eingeschaltet war.

Vorsicht ist wie immer beim eigenen Um- und dazudichten angeraten.

News.de schreibt: “Lediglich 14 Prozent aller Probanden gaben an, absichtlich helle oder reflektierende Bekleidung zu tragen.”  Dabei wurde überhaupt niemand befragt.

Und bei der Welt können wir lesen: ” Radfahrer nehmen es mehrheitlich mit der Beleuchtung ihrer Räder nicht so genau. Knapp 40 Prozent fuhren bei Dunkelheit ohne Licht […]”  (Fettmarkierung von uns)

Die große Presseresonanz ist medienjournalistisch auch grundsätzlich interessant. Die Meldung des ADAC regte nicht nur zu phantasievollen Überschriften an (“Vampire auf zwei Rädern: Lichtscheu und gefährlich”), sondern mündete auch in Kommentaren und Moralkampagnen.

Dabei kann Fahrradfahrer ohne Licht auch jeder Journalist beobachten, der seinen Schreibplatz einmal bei Dunkelheit verlässt. Die Frage, wieso viele Fahrräder unbeleuchtet unterwegs sind und ob davon tatsächlich eine immense Gefährdung ausgeht (und nicht etwa von den starken Autoscheinwerfern) wäre eine spannende Recherchefrage, bei der dann auch die Klientel der Lobbyisten etwa von ADFC oder dem hier Thema setzenden ADAC gewürdigt werden könnten.

(Anm.: Den ersten Kontakt mit der ADAC-Pressestelle zu diesem Thema gab es bereits am 17. November.)