Archiv für den Monat September 2009

“Dein Schutz im Web” – Jugendkontrollportal

Dienstag, 29. September 2009

Die Landesmedienanstalten bauen sich weiter als Internet-Kontrollbehörde aus. Nachdem mit dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag nicht nur sprachlich, sondern auch juristisch der Grundstein für eine Katastrophe gelegt worden ist, gerieren sich die Landesmedienanstalten vor allem unter dem Label der Prävention als Horte der Medienpädagogik und als unabhängige Institute für Medienpolitik.

Dabei sind sie einst geschaffen worden, um den nicht-gebührenfinanzierten Rundfunk zu kontrollieren – und weil das beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk so gut geklappt hat, hat man sie zu Anstalten des öffentlichen Rechts gemacht, womit sie zwar herrschaftlich tätig werden, aber per definitionem nicht staatlich sind (was wegen der Rundfunkfreiheit nach Art. 5 Grundgesetz so doof wirken würde wie es nunmal ist); alles Unterbinden, Ver- und Untersagen einer Landesmedienanstalt ist daher auch niemals nicht Zensur (sondern irgendeine Form von Digitalhygiene, Ordnungspolitiksendung oder Bildungsschutz).

Nun haben sich vier Kontrollbehörden zusammengetan – Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM), Bremische Landesmedienanstalt (brema), Medienanstalt Hamburg Schleswig-Holstein (MAHSH) und Landesrundfunkzentrale Mecklenburg-Vorpommern (LRZ) – und eine angebliche Jugendplattform gegen Mobbing, Porno und Ekel geschaffen: www.juuuport.de

Dort sollen Jugendliche mit ihren Handy- und Internet-Ängsten Rat von anderen, engagierten Jugendlichen bekommen, den Blockscouts. ” juuuport wird von Jugendlichen gemacht. Natürlich werden wir von Erwachsenen und Experten dabei unterstützt. Aber inhaltlich sind wir selbst aktiv. Wir sehen auf juuuport nach dem Rechten, beraten dich und leiten Beschwerden weiter.” Für diese Tätigkeit wurden die Selbsthilfescouts “extra von erwachsenen Experten ausgebildet”. Drei sind es bisher, ganze drei Scouts, hinter denen der ein oder andere erwachsene Strippenzieher stehen dürfte.

Es ist ja nicht so, dass es keine Probleme mit Internet, Handyfoto etc. gäbe, auch für Jugendliche. Aber es gibt auch schon jede Mengen Initiativen und vor allem jede Menge Kompetenz, in den Jugendverbänden, bei Schülerzeitungen, Jugendvertretungen, Kinder- und Jugendparlamenten u.v.m.

Wenn Erwachsene – zu dem auch noch beruflich, also gegen Geld – etwas von Jugendlichen wollen, dann sollten sie sich nicht hinter Pappkameraden verstecken. Das durchschaut – auch dank selbst erworbener Medienkompetenz – heute fast jeder.

Wer aber Jugendliche durch Jugendliche ansprechen will, der muss sie das selbst machen lassen – anders wird das nichts. Der kann sich nur als Partner, Unterstützer, Referent, Finanzier oder sonstwas anbieten – wenn er denn etwas anzubieten hat (außer der Idee, irgendetwas tun zu wollen).

Man könnte natürlich sagen: Egal. Projekte wie juuuport.de sind Totgeburten, da wird nie viel passieren, weil es niemand braucht und es kaum einen interessieren wird. Nur: die Interpretation der Betreiber, der erwachsenen Profis im Hintergrund, könnte – wie so oft bei solchen Projekten – eine ganz andere sein. Die demokratischen Defizite der Medienpolitik in Deutschland werden weiter wachsen.

Was ist investigativer Journalismus?

Montag, 28. September 2009

Der Begriff „investigativer Journalismus“ wird von ein paar Leuten, die glauben, sie hätten ihn erfunden, wie eine Monstranz herumgetragen. Ich bin da sehr skeptisch. Jede Art von Berichterstattung ist zu einem Teil investigativ – recherchieren ist ja das Wichtigste im Journalismus. Und die paar großen Enthüllungsgeschichten, die es gibt, sind nicht immer Resultat aufwendiger Recherchen. Oft ist es Zufall: Jemand, der etwas aufdecken will, wendet sich an die beste Adresse. Wenn sich Journalisten großer Titel dann als investigativ bezeichnen, kommen sie mir manchmal vor wie der Schrankenwärter, der glaubt, der Zug kommt, weil er die Schranken heruntergelassen hat.

(Stefan Aust, ehem. Spiegel-Chefredakteur, im Interview mit der Presse, Wien)

Preisgekönte und -werte Texte

Montag, 21. September 2009

Auf einen interessanten Fall von Paralleljournalismus hat V.i.S.d.P., Hajo Schumachers pdf-Umstandsmagazin, hingewiesen. Demnach erschien im stern ein Portrait Klaus Wowereits, das einem preisgekrönten Text aus dem Hause Benjamin von Stuckrad-Barre in Teilen irritierd ähnelt.

So hieß es in Stuckrad-Barres Text in “Tempo” am 8. Dezember 2006:

“Das ist, auch wenn sie nicht schwul sind und die SPD für einen Deppenverbund halten, ihr Mann.”

Und im stern:

“Das hier ist, auch wenn sie selbst nicht schwul sind und die SPD für einen Idiotenverein halten, irgendwie ihr Mann.”

Für den stern teilte uns Isabella Haesler bereits am Montag letzter Woche mit mit:

“Der Fall ist uns beim STERN längerem bekannt und intern ausführlich erörtert worden. Nur drei Anmerkungen dazu:

1.) Der betroffene stern-Kollege hat natürlich das gesamte Archivmaterial über Wowereit gelesen, bevor er sein Stück geschrieben hat, auch das sehr gute Porträt aus der Feder von Stuckrad-Barre.

2.) Der stern-Kollege hat es nicht nötig, irgendwo abzuschreiben, weil er Wowereit selbst über Monate immer wieder mal begleitet und beobachtet hat. Dabei hat er nach seiner Darstellung ähnliche Szenen gesehen und Aussagen gehört, wie sie auch Stuckrad-Barre beschrieben hat.

3.) Weil der Eindruck aber nicht von der Hand zu weisen ist, dass sich der stern-Kollege bei manchen Sätzen von Stuckrad-Barres Formulierungen hat inspirieren lassen, haben wir uns bei Stuckrad-Barre entschuldigt.”

Von Stuckrad-Barres Pressereferentin war bis heute keine Stellungnahme zu bekommen.

Günter Grass findet Medien formatlos zynisch

Freitag, 18. September 2009

Bremen (ots) – Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat die Medien in Deutschland scharf kritisiert. “Mich ärgert dieser Zynismus im Journalismus, der immer schlimmer wird”, sagte Grass dem Bremer “Weser-Kurier” (Sonnabend-Ausgabe): “Es ist ein 08/15-Zynismus, ohne jegliches Format. Das geht schon mittlerweile bis zu unseren Tagesschau-Sprecherinnen, wenn sie mokant die Mundwinkel verziehen über etwas oder dämchenhaft die Nase rümpfen.” Das sei ein Philistertum neuester Spielart, “mit einer zynischen Mundharmonika gespielt”. Grass weiter: “Ich finde es grauenhaft. Wir haben nicht den Journalismus, den wir verdienen.” Der Schriftsteller warf auch den Literaturkritikern vor, keine gute Arbeit zu machen: “Es wiederholt sich so und was ich so bedauerlich finde ist, dass irgendjemand den Ton angibt – früher war es der Großmeister im Fernsehen, jetzt sind es andere – und dann kommt ein Wolfsrudelgeheul der Claquere.” Im Ausland sei die Kritik unabhängig und sachlicher, dort sei man sich auch “nicht zu fein, einfach mal eine Inhaltsangabe abzugeben und nicht gleich mit dem Ich-Gefühl des Autoren zu beginnen.”

Internet-Journalismus: Wir lesen nicht, wir schreiben

Freitag, 18. September 2009

Liest denn bei Süddeutscher.de überhaupt niemand mehr das Bildblog? Das hat doch schon vor zwei Tagen darauf hingewiesen, dass dem Artikel über die erfolgreiche Fahndung nach einem Kinderficker inzwischen ein wenig die Substanz fehlt. Könnte man ja dann vermerken, korrigieren, ….

Medienpädagogik: Zensur und Internetverbot für Kinder

Montag, 14. September 2009

Landesmedienanstalten haben ein erhebliches Problem: Kein Mensch braucht sie. Das wäre nicht so schlimm und das Schicksal so vieler Behörden, wären sich dessen nur wenigsten viele Menschen bewusst. Doch zum Bedauern der weltfern organisierten Behördianer müssen sich nur ein paar private Rundfunkveranstalter mit ihnen herumärgern, das Gros der Bevölkerung ahnt nichteinmal, was die Bundesländer da geschaffen haben.

Darum ist es schon lange das Bestreben der Landesmedienanstalten, allen voran der nordrhein-westfälischen LfM, ihre Kontrollmacht in Bereiche auszudehnen, die den Bürgern lieb und teuer sind. Und da wäre vor allem das Internet zu nennen. (Der Weg dahin ist gar nicht so steil, wie es Außenstehenden erscheinen mag: Man deklariert einfach kurzerhand einen großen Teil der Web-Angebote als “Rundfunk” und ist mithin für diesen Bereich des Internets zuständig, der Rest wird mit Stichworten wie Medienbildung, Bürgermedien oder Jugendmedienschutz der eigenen Fuchtel unterworfen – so grob skizziert der Plan.)

Wir wollen die Sache, dass eine solche Behörde da überhaupt nichts zu suchen hat und dass es wenn schon denn schon Aufgabe der Bürger wäre, sich demokratisch für eine behördliche Netzinhaltkontrolle zu entscheiden, mal außen vor lassen und uns stattdessen nur an einem Bespiel die Medienkompetenz der Landesmedienanstalt NRW genießen, auf das sie heute extra per Pressemiteilung hingewiesen hat.

In ihrem genialerweise “Funkfenster” genannten Online-Magazin interviewt der Pressesprecher Peter Widlok den ehemaligen Leiter des Internats Schloss Salem Bernhard Bueb. Thema: “Brauchen wir Regeln im Internet?”

Die erste Frage, die sich im Hinblick auf die Medienkompetenz der Medienkompetenzbehörde stellt: Was kann ausgerechnet Herr Bueb dazu sagen? Wieso wird er und nicht etwa meine Nachbarin Hilde Schlosser dazu befragt?
Die zweite wichtige Kompetenzfrage stellt sich während des Lesens: Wie war das doch mit der Verbreiterhaftung und dem Schutz von Gesprächspartnern vor sich selbst?

Der erste veröffentlichte Satz von Bueb lautet:

“Ich weiß nicht genau, was technisch möglich ist, aber ich unterstütze den Vorstoß von Frau von der Leyen, Pornographie gar nicht zugänglich zu machen, also zu sperren.”

Da ist Herr Bueb offenbar schon etwas weiter als  öffentliche Debatte und politische Realität – aktuell können Seiten mit Kinderpornographie gesperrt werden.

Sein Problembewusstsein für konkurrierende Grundrechte offenbart Bueb gleich im Anschluss:

“Ich kann in einer solchen Maßnahme keine Einschränkung der allgemeinen Freiheit sehen. Ich sehe das eher in der Analogie zu Phänomenen wie Rauchen oder Alkohol oder Drogen.”

Selbstverständlich sind die entsprechenden Verbote des Jugendschutz- oder Betäubungsmittelgesetzes eine Einschränkung der Handlungsfreiheit, wenn sie auch das Bundesverfassungsgericht bisher als verhältnismäßig bzw. zulässig eingestuft hat.

Bueb findet nicht nur ein komplettes Verbot bestimmter Inhalte unproblematisch, sondern auch ein Zugangsverbot zum Internet für Kinder und Jugendliche. An seiner ehemaligen Schule Schloss Salem gebe es “in der Unterstufe, bis einschließlich der 7. Klasse, [...] praktisch gar keinen freien Zugang zum Internet.” Kein Wunder, denn:

“Internet ist für mich wie eine Droge.”

Es mag ja sein, dass sich Peter Widlok vor dem Gespräch mit Bueb nicht so im Klaren war, was der Mann absondern wird. Aber welche Verpflichtung gab es, das dann noch zu veröffentlichen – und zwar ohne jede kritische Nachfrage, ohne Widerspruch, der Interviewer nur als Steigbügelhalter für einen Verbotsphantasiengalopp?
Wegen des bösen Internets fordert Bueb Ganztagsschulen.

“Sie können Kinder und Jugendliche nicht sich selbst überlassen. Die Erwachsenen müssen die Akzente setzen, müssen sie begeistern, müssen die ganze Sache strukturieren und gestalten.”

Und das Internet müsse stärker zensiert werden Ohne über seine völlig falsche Begrifflichkeit aufgeklärt zu werden, führt Bueb in dem Interview aus:

“Wenn wir uns entschlossen haben, Filme zu zensieren und Druckmedien zu zensieren, dann gibt es doch keinen Grund, nicht auch das Internet zu zensieren. Die Frage ist ja nur, wie weit geht die Zensur?”

Tödliche Verdrehung

Montag, 14. September 2009

Nun haben wir also nicht nur eine neue Debatte über Sicherheit durch noch mehr Überwachung (obwohl die in diesem Fall wohl auch nichts gebracht hätte) und eine neue Debatte über Jugendgewalt (der es an Fakten fehlt und die wesentlich von Medienverzerrungen bestimmt wird, und die sich auch dieses Mal wenig um Ursachen kümmern wird), nun haben wir auch noch eine Debatte über die Gefährlichkeit von “Zivilcourage”, vorbildlich in solch eine Überschrift gefasst:

toedliche-zivilcourage

Zwar mag das couragierte Verhalten eines 50-jährigen Fahrgastes in der Münchner S-Bahn, der nach derzeitiger offizieller Darstellung jüngere Jugendliche vor älteren Jugendlichen schützen wollte, seiner Tötung durch die älteren vorangegangen sein – bisher wissen wir als Medienpublikum sehr wenig über das Geschehen -, doch damit wird noch lange nicht die “Zivilcourage” zur Lebensbedrohung. Die Lebensgefahr bleibt die Gewalt (und wer auf diese schaut, wird noch viel Opfer finden, auch in der Tageszeitung von heute).

Die meisten ÖPNV-Nutzer dürften mehr Herzklopfen gehört haben in Situationen des Wegschauens (“Sieh mich an, Alter, wenn ich mit dir sprech!”). Oder müssen wir auch diskutieren über “tödliche Krawatten”, “tödliche rote Pullis” und “tödliches Davonlaufen”, wenn Schläger  jemanden mit Krawatte oder rotem Pulli oder jemanden, der einfach nur weg will, auf dem Radar haben?

“Tödliche Zivilcourage” klingt gut, und man kann damit sehr einfach viele “Nachrichten” produzieren: Psychologen oder Theologen oder Sozialarbeiter befragen, Polizeiselbstversteher zu Wort kommen lassen (konkret meine ich Herrn Freiberg) und natürlich die Politik schwadronieren lassen. Mit Aufklärung hat das allerdings nichts zu tun.

“Die Partei” hatte nur zehntausend Wähler

Sonntag, 13. September 2009

Die Parteisatire “Die Partei” kam bei der letzten Bundestagswahl 2005 nicht, wie die Schwäbische Zeitung Online (szon) schreibt, “auf bemerkenswerte 0,4 Prozent”, sondern auf verständlichere 0,0216 Prozent der Wählerstimmen. (Der szon-Wert ist also etwa 20-mal zu groß.)

Lesebeute: Spiegel-Kritik von links

Sonntag, 13. September 2009

* Im August hatte Bild.de mehr Visits als Spiegel-Online, das bisher führende Nachrichtenmagazin im Web (dwdl).

* Scharfe Kritik von links gibt es an dem Spiegel-Artikel “Die Feuer der Hölle” (35/2009, S. 118-122), der für den Kulturteil beworben wurde mit “Mythen: Der Heldenkult um den schwarzen Todeskandidaten Mumia Abu-Jamal” .

* Bei Spiegel-Online war am Wahltag 30. August die Linke kurzzeitig wieder zur PDS mutiert.

* Bild und Spiegel sind sich mal wieder einig – und machen gemeinsam mit bei der etwas undurchsichtigen Kampagne “Zeit der Entscheidung”, einer Wahl-Werbe-Soap. Bei Bild – bei Spiegel-Online.

* Die Spiegel Mitarbeiter KG hat eine neue Satzung.

* Der Spiegel als Förderer einer Islamophobie? Die NRhZ über das neue Buch von  Kay Sokolowsky: “Feindbild Moslem”

* Spiegelfechter Jens Berger stellt – auf seine Weise – vier prominente Spiegel-Mitarbeiter vor:
“Wenn man den Niedergang des SPIEGELs an Personen festmachen will, so fallen immer wieder die Namen Claus Christian Malzahn, Henryk M. Broder, Gabor Steingart und Reinhard Mohr.” Titel der Betrachtung: “Die vier Konvertiten”.

Und noch folgende Hinweise:

* Am 2. Oktober gibt es in Berlin eine interessante Tagung zum Google-Book-Settlement. (via iRights.info/Arbeit 2.0)

* Eine Übersicht der bisher veröffentlichten Stellungnahmen zu einem möglichen “dritten Korb”, also weiteren Änderungen des Urheberrechtsgesetzes insbesondere im Hinblick auf digitale Nutzung und Bearbeitung, gibt es bei www.iuwis.de

Was will das “Internet-Manifest”?

Montag, 07. September 2009

Es wird so viel behauptet den lieben langen Tag – allein die Lehrerbehauptungen vom Vormittag bekommen wir beim Mittagessen gar nicht alle durchgekaut – dass es auf 17 weitere Behauptungen auch nicht ankommt. Und doch werden diese 17 Behauptungen Thema in einer bestimmten Kulturnische sein, es wird sich ein kleines Heer von”Jawohl!”-Rufern einfinden, es werden einige meckernd am Rand stehen, und am Ort des Geschehens wird man den Eindruck haben dürfen, dass gerade gesellschaftspolitisch Relevantes geschieht, was nicht zuletzt der mediale Niederschlag belegen wird.

Denn die 17 Behauptungen stammen von Angehörigen einer Internetdebatten-Elite. Sie können sicher sein, die Fachdebatte weiter mitzubestimmen, trotzdem sich “jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter” einrichtet.

Das ist auch das Grundproblem bei den als “Internet-Manifest” titulierten Behauptungen: es ist kein Manifest von Hungernden und Dürstenden, von Menschen, die für sich Veränderung wollen, wie das bei allen wirkmächtigen Manifesten der Fall war, sondern es sind die Klugheiten von Satten, von Wissenden. Wem soll damit warum etwas gesagt werden?

“Wie Journalismus heute funktioniert” will das Internet-Manifests umreißen. Es ist ein legitimes Unterfangen, dazu nicht den ungezählten Dissertationen der letzten Jahre eine weitere hinzuzufügen, sondern einfach 17 Behauptungen in die Welt zu setzen. Nur:  Mit welcher Intention?

Einige Forderungen aus den Internetdebatten der letzten Monate sind wiederzuerkennen: man ist gegen Seitensperrungen, gegen ein Leistungsschutzrecht der Verlage. Die alte, schon immer langweilende Debatte um die journalistischen Leistungen von Bloggern scheint durch. Und den Menschen von Papiermedien muss man noch ganz viel Nachhilfe erteilen.

Alle 17 Behauptungen sind ohne Zweifel diskussionswürdig. Aber wer soll sie mit wem warum diskutieren? Medienunternehmer, Journalisten, Blogger, Community-User etc. stellen ihre Ansprüche ans Web, haben Erwartungen, Absichten. Einem gemeinsamen Manifest müsste der Dialog vorausgehen, nicht folgen. Dazu drei Beispiele.

Die Autoren – Markus Beckedahl, Mercedes Bunz, Julius Endert, Johnny Haeusler, Thomas Knüwer, Sascha Lobo, Robin Meyer-Lucht, Wolfgang Michal, Stefan Niggemeier, Kathrin Passig, Janko Röttgers, Peter Schink, Mario Sixtus, Peter Stawowy, Fiete Stegers – schreiben:

5. Das Internet ist der Sieg der Information.
Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.

Das ist sicherlich alles richtig – sagt aber zum Journalismus noch nicht viel. Journalismus beschäftigt sich per definitionem mit den Dingen, die noch nicht im Netz sind oder noch nicht so verknüpft sind, wie sie der Journalismus dann verknüpft. Dazu und wie das alles weitergehen soll (auch außerhalb des Webs), gibt es sehr viel zu sagen – im Manifest steht dazu nichts.

10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit.
Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Internet hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus.

Bisher ist die Presse- und Rundfunkfreiheit sehr wohl ein Berufsprivileg. Der Auskunftsanspruch der Presse ist etwas anderes als eine Auskunft nach dem  Informationsfreiheitsgesetz (wo es dies überhaupt gibt). Dass es neben bezahlten Journalisten auch unbezahlte gibt, ist keine Innovation des Internets, und es gab schon immer Bereiche, wo überhaupt nur “Amateure” agieren konnten, etwa bei Schülerzeitungen.
Es besteht ganz erheblicher medienrechtlicher Entwicklungsbedarf – aber die Abschaffung der bisherigen Pressefreiheit (die etwas ganz anderes als die Meinungsäußerungsfreiheit ist!) gehört sicherlich nicht dazu. Und sollte mit dem letzten Satz so etwa wie ein Journalismus-TÜV intendiert sein, bei dem sich jeder seine Plakette für geprüften Gutjournalismus abholen kann, fehlt mir ein Link zur entsprechenden Debatte, um es nicht einfach für ganz großen Blödsinn zu halten, zumal die Autoren ausgerechnet zur Qualität gar nichts zu sagen haben:

16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität.
Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.

Wer die Fachliteratur zur journalistischen Qualität der letzten 20 Jahre kennt, weiß, dass es kaum Einigkeit gibt. Das Manifest macht nun im bekannten Zirkelschluss den Erfolg selbst zum Qualitätskriterium.  Für den Journalismus ist die Frage, was seine Qualität ausmacht und wie man sie misst, von größter Bedeutung. Diese Behauptung Nr. 16 trägt dazu leider gar nichts bei.

Update 09.09.09 / 11.09.09:
* Es gibt neben einer braven englischen Übersetzung auch eine englische Kurzfassung (Beispiel zu Nr. 11: “Quantity is an excellent thing. Make lots of things and put them on the internet.”)
* Klassische Redaktionsarbeit wäre jetzt bei der Gestaltung der Diskussion gefragt. Denn diese verläuft an verschiedenen Orten je recht selbständig. Die offizielle Manifest-Seite zählt im Moment 245 Kommentare, bei Stefan Niggemeier stehen 377,  bei Sascha Lobo 41 usw.
* Lesenswerte Rezension: Julia Seeliger (taz.de)
* Überblick beim Altpapier
* Die FR-Online über Blog-Eliten

Update 11.09.09
Stefan Niggemeier erklärt ausführlich seine Intention für das Manifest.


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