Parteien und Journalisten haben gewählt

Warum blicken Journalisten immerzu aus der Sicht der Mächtigen, der großen Akteure unserer Gesellschaft – und so selten aus der Sicht der Bürger, des Souveräns, ihrer Journalismus-Kunden auf das politische Geschehen? Viele Verdrossenheiten, die sich derzeit als Journalismus-Verdruss bündeln lassen, dürften sich in Wohlgefallen auflösen, wenn es in der Berichterstattung, dem Talk-Gequatsche, den Analysen und Kommentaren um die große Mehrheit der Leser, Hörer und Zuschauer ginge. Und das sind keine Berufspolitiker, keine Vorstandsvorsitzenden von Banken oder Autokonzernen.

Nie wird das Manko so deutlich wie bei der Wahlberichterstattung. Von der Idee her soll am Wahltag der Souverän die Grundrichtung festlegen, in die es in den nächsten Jahren gehen soll.

Dabei beschränkt sich die Selbstbestimmung des Volkes zwar auf das, was Parteien und ggf. Direktkandidaten anbieten und – ohne jeden Bindungszwang – olitisch umzusetzen versprechen, aber immerhin: aus dem vorgelegten Angebot, vom politischen System selbst auf seine Zulässigkeit geprüft, sollen die stimmberechtigten Bürger frei wählen dürfen. Sie können dabei nichts falsch oder richtig machen, denn was für richtig und was für falsch zu halten ist, entscheiden sie ja gerade bei der Wahl selbst.

Doch was machen die Damen und Herren Journalisten? Sie verkumpeln sich mit den Politikanbietern, mit den Dienstleistern der Wähler, verbringen den Tag mit ihnen in deren Geschäftszentralen und kolportieren über Stunden, wie sich das vom Steuerzahler finanzierte Politikpersonal gerade fühlt und wie es – ab 18 Uhr – gedenkt, den Wählerwillen jetzt Wählerwillen sein zu lassen und zum Parteiengeschäft überzugehen.

Die Wähler haben nicht einfach gewählt, nein, es sind immer die Parteien, die gehandelt haben – und zwar die Mitte-Parteien immer gut, wenn sie viele Stimmen bekommen haben.

“ Während sich die SPD auf ihre alten Stärken besonnen hat, hat die CDU die Macht in den Ruhrgebietsstädten verspielt.“ (Der Westen)

Der Wähler hat nicht entschieden, sondern SPD und CDU haben entschieden. Die Sozis haben sich richtig, die Union irgendwie falsch benommen. Der WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz weiter:

„Duisburg zeigt, wie es auch gehen kann […] Duisburg ist für die Revier-CDU der einzige Trost. Trostlos ihre Perspektive in Bochum, einer Stadt, in der der SPD zuletzt eine Menge daneben ging und in der immerhin der Bundestagspräsident Lammert zuhause ist. Ernüchtern auch das CDU-Ergebnis in Mülheim: Mit diesem schlechten Abschneiden der CDU hatte niemand gerechnet, nicht einmal die SPD. „

Andere Überschriften vom WE:
„Sein Traum vom OB-Amt ist wieder geplatzt“ (Aus Bürgersicht heißt das: Etwa 15% der Wahlberechtigten wollten den CDU-Kandidaten als Oberbürgermeister haben – oder auch: 85% haben ihn nicht gewählt.)
„NRW-Siege als kleines Trostpflaster für die SPD“ (Eine wirklich reizende Perspektive: das Wählervotum als Bonbon für die SPD.)

Auch in Thüringen gab es keine Wahl, sondern schlechte (sportliche?) Leistungen der Wähler, für die ungenügende PR-Arbeit der Parteien verantwortlich ist.

„Trotz der CDU-Schlappen in Thüringen und im Saarland startet Angela Merkel keine Offensive.“ (Spiegel-Online)

Es geht nicht um Politik, sondern um Strategie und Attacke.

„Thüringen: Althaus nach der Wahlpleite“ (Süddeutsche)

„NPD verfehlt Einzug in Thüringer Landtag um 7300 Stimmen“ (Welt)

Was muss man tun, um einen Einzug zu verfehlen? An der Tür vorbeilaufen, den Bus verpassen, verschlafen? „Thüringen bleibt damit weiterhin das einzige ostdeutsche Bundesland, in dem es seit 1990 keine rechtsextreme Partei in den Landtag geschafft hat.“ Ist das ein Versagen der Parteien? Oder haben schlicht stets weniger als 5 Prozent der Wähler für rechtsextreme Politik votiert?

Ging es bei den Landtagswahlen überhaupt um Landtagswahlen? Die Süddeutsche erklärt uns die Probleme, die die Wähler verursacht haben:

„In einem Punkt ist der Wahlsonntag für Angela Merkel gut gelaufen: In drei Ländern haben Persönlichkeiten die Wahlen entschieden, im Sieg wie in der Niederlage. […]Die Probleme für die CDU-Vorsitzende Merkel beginnen damit, dass sie als Parteichefin eine Mitverantwortung für die Niederlagen übernehmen muss, weil sie Althaus und Müller nicht die alleinige Schuld hinschieben kann, obgleich beide selber schuld sind – wenn auch Althaus mehr als Müller.“

Und wie geht es weiter? Nicht mit Politik jedenfalls, sondern mit PR, mit Werbung, mit Propaganda. Die FAZ weiß schon jetzt, dass es nicht etwa am Bürgerwillen liegt, wenn nach dem 27. September auf Bundesebene keine schwarz-gelbe Koalition entsteht. Unter der Überschrift „Gelbe Sorgen“ heißt es:

„Wenn es wieder nicht reicht, wird das auch daran liegen, dass die Union bis hinauf zur Bundeskanzlerin bisher nichts tut, um die Strahlkraft eines schwarz-gelben Bündnisses zu vermitteln und damit Wechselstimmung zu erzeugen.“

Über das zu berichten, was Wähler wollen oder nicht wollen, ist anstrengend. Einfach ist es, mit den Parteien über ihren Wahlkampf zu schwadronieren. Wie beim Staubsaugerverkäufer geht es nicht um das Produkt, sondern um Verkaufsgeschick.

„Angela Merkel bleibt beim Schlafkampf – Angela Merkel will weiter die entrückte Superkanzlerin spielen und sich nicht mit der SPD fetzen. Experten sagen, das sei strategisch richtig – die Quittung komme aber nach der Bundestagswahl. Von Lutz Kinkel“ (stern.de)

„Berlin vertraulich: SPD entkoppelt sich von der Realität – Die Siegerlaune von SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier schien Beobachtern arg übertrieben. In der SPD jedoch freuen sich viele. Man darf wieder hoffen, Juniorpartner in einer Großen Koalition zu werden. Von Hans Peter Schütz“ (stern.de)

Journalisten können über Politiker und ihr Streben nach Macht sogar berichten, wenn es praktisch gar keine Wähler gibt. Solange die Story gut ist. „Die Partei“ von Satiriker Martin Sonneborn ist ein reines Medienprodukt, und die Bereitschaft der Journaille, sich für die Werbung von Hape Kerkeling als Horst Schlämmer einspannen zu lassen, ist nur noch witzfrei, ekelig und Wähler verachtend zu nennen.

Hans Onkelbach klagt in der Rheinischen Post:

„Das kann man drehen und wenden, wie man will – Tatsache ist, mehr als 50 Prozent der Düsseldorfer Wähler sind gestern nicht zur Urne gegangen und haben damit unmissverständlich klar gemacht, wie egal es ihnen ist, wer im Rathaus das Sagen hat.“

Es ist ein An- und Beklagen aus Sicht der Politiker – und der Journalisten, die mit ihrem Medientanz um das Promi-Personal der Parteien an deren Unattraktivität partizipieren.
Welche Unverschämtheit, in Wahlverweigerung eine Scheißegal-Haltung hineinzuinterpretieren. Ist mir meine Ernährung – oder noch besser: die Volksgesundheit – egal, wenn ich an einer dreckigen Imbissbude weder Currywurstpommes noch Frikadelle bestelle?

Ralf Klassen, stellvertretender Chefredakteur von stern.de, verortete CDU-Mann Peter Müller am Wahlabend in einem Paralleluniversium. Wo immer Klassen sich befindet, viele seiner Kollegen sind bei Müller – und fühlen sich dort sichtlich wohl.

Ein Gedanke zu „Parteien und Journalisten haben gewählt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.