Archiv für den Monat August 2009

Parteien und Journalisten haben gewählt

Montag, 31. August 2009

Warum blicken Journalisten immerzu aus der Sicht der Mächtigen, der großen Akteure unserer Gesellschaft – und so selten aus der Sicht der Bürger, des Souveräns, ihrer Journalismus-Kunden auf das politische Geschehen? Viele Verdrossenheiten, die sich derzeit als Journalismus-Verdruss bündeln lassen, dürften sich in Wohlgefallen auflösen, wenn es in der Berichterstattung, dem Talk-Gequatsche, den Analysen und Kommentaren um die große Mehrheit der Leser, Hörer und Zuschauer ginge. Und das sind keine Berufspolitiker, keine Vorstandsvorsitzenden von Banken oder Autokonzernen.

Nie wird das Manko so deutlich wie bei der Wahlberichterstattung. Von der Idee her soll am Wahltag der Souverän die Grundrichtung festlegen, in die es in den nächsten Jahren gehen soll.

Dabei beschränkt sich die Selbstbestimmung des Volkes zwar auf das, was Parteien und ggf. Direktkandidaten anbieten und – ohne jeden Bindungszwang – olitisch umzusetzen versprechen, aber immerhin: aus dem vorgelegten Angebot, vom politischen System selbst auf seine Zulässigkeit geprüft, sollen die stimmberechtigten Bürger frei wählen dürfen. Sie können dabei nichts falsch oder richtig machen, denn was für richtig und was für falsch zu halten ist, entscheiden sie ja gerade bei der Wahl selbst.

Doch was machen die Damen und Herren Journalisten? Sie verkumpeln sich mit den Politikanbietern, mit den Dienstleistern der Wähler, verbringen den Tag mit ihnen in deren Geschäftszentralen und kolportieren über Stunden, wie sich das vom Steuerzahler finanzierte Politikpersonal gerade fühlt und wie es – ab 18 Uhr – gedenkt, den Wählerwillen jetzt Wählerwillen sein zu lassen und zum Parteiengeschäft überzugehen.

Die Wähler haben nicht einfach gewählt, nein, es sind immer die Parteien, die gehandelt haben – und zwar die Mitte-Parteien immer gut, wenn sie viele Stimmen bekommen haben.

” Während sich die SPD auf ihre alten Stärken besonnen hat, hat die CDU die Macht in den Ruhrgebietsstädten verspielt.” (Der Westen)

Der Wähler hat nicht entschieden, sondern SPD und CDU haben entschieden. Die Sozis haben sich richtig, die Union irgendwie falsch benommen. Der WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz weiter:

“Duisburg zeigt, wie es auch gehen kann [...] Duisburg ist für die Revier-CDU der einzige Trost. Trostlos ihre Perspektive in Bochum, einer Stadt, in der der SPD zuletzt eine Menge daneben ging und in der immerhin der Bundestagspräsident Lammert zuhause ist. Ernüchtern auch das CDU-Ergebnis in Mülheim: Mit diesem schlechten Abschneiden der CDU hatte niemand gerechnet, nicht einmal die SPD. “

Andere Überschriften vom WE:
“Sein Traum vom OB-Amt ist wieder geplatzt” (Aus Bürgersicht heißt das: Etwa 15% der Wahlberechtigten wollten den CDU-Kandidaten als Oberbürgermeister haben – oder auch: 85% haben ihn nicht gewählt.)
“NRW-Siege als kleines Trostpflaster für die SPD” (Eine wirklich reizende Perspektive: das Wählervotum als Bonbon für die SPD.)

Auch in Thüringen gab es keine Wahl, sondern schlechte (sportliche?) Leistungen der Wähler, für die ungenügende PR-Arbeit der Parteien verantwortlich ist.

“Trotz der CDU-Schlappen in Thüringen und im Saarland startet Angela Merkel keine Offensive.” (Spiegel-Online)

Es geht nicht um Politik, sondern um Strategie und Attacke.

“Thüringen: Althaus nach der Wahlpleite” (Süddeutsche)

“NPD verfehlt Einzug in Thüringer Landtag um 7300 Stimmen” (Welt)

Was muss man tun, um einen Einzug zu verfehlen? An der Tür vorbeilaufen, den Bus verpassen, verschlafen? “Thüringen bleibt damit weiterhin das einzige ostdeutsche Bundesland, in dem es seit 1990 keine rechtsextreme Partei in den Landtag geschafft hat.” Ist das ein Versagen der Parteien? Oder haben schlicht stets weniger als 5 Prozent der Wähler für rechtsextreme Politik votiert?

Ging es bei den Landtagswahlen überhaupt um Landtagswahlen? Die Süddeutsche erklärt uns die Probleme, die die Wähler verursacht haben:

“In einem Punkt ist der Wahlsonntag für Angela Merkel gut gelaufen: In drei Ländern haben Persönlichkeiten die Wahlen entschieden, im Sieg wie in der Niederlage. [...]Die Probleme für die CDU-Vorsitzende Merkel beginnen damit, dass sie als Parteichefin eine Mitverantwortung für die Niederlagen übernehmen muss, weil sie Althaus und Müller nicht die alleinige Schuld hinschieben kann, obgleich beide selber schuld sind – wenn auch Althaus mehr als Müller.”

Und wie geht es weiter? Nicht mit Politik jedenfalls, sondern mit PR, mit Werbung, mit Propaganda. Die FAZ weiß schon jetzt, dass es nicht etwa am Bürgerwillen liegt, wenn nach dem 27. September auf Bundesebene keine schwarz-gelbe Koalition entsteht. Unter der Überschrift “Gelbe Sorgen” heißt es:

“Wenn es wieder nicht reicht, wird das auch daran liegen, dass die Union bis hinauf zur Bundeskanzlerin bisher nichts tut, um die Strahlkraft eines schwarz-gelben Bündnisses zu vermitteln und damit Wechselstimmung zu erzeugen.”

Über das zu berichten, was Wähler wollen oder nicht wollen, ist anstrengend. Einfach ist es, mit den Parteien über ihren Wahlkampf zu schwadronieren. Wie beim Staubsaugerverkäufer geht es nicht um das Produkt, sondern um Verkaufsgeschick.

“Angela Merkel bleibt beim Schlafkampf – Angela Merkel will weiter die entrückte Superkanzlerin spielen und sich nicht mit der SPD fetzen. Experten sagen, das sei strategisch richtig – die Quittung komme aber nach der Bundestagswahl. Von Lutz Kinkel” (stern.de)

“Berlin vertraulich: SPD entkoppelt sich von der Realität – Die Siegerlaune von SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier schien Beobachtern arg übertrieben. In der SPD jedoch freuen sich viele. Man darf wieder hoffen, Juniorpartner in einer Großen Koalition zu werden. Von Hans Peter Schütz” (stern.de)

Journalisten können über Politiker und ihr Streben nach Macht sogar berichten, wenn es praktisch gar keine Wähler gibt. Solange die Story gut ist. “Die Partei” von Satiriker Martin Sonneborn ist ein reines Medienprodukt, und die Bereitschaft der Journaille, sich für die Werbung von Hape Kerkeling als Horst Schlämmer einspannen zu lassen, ist nur noch witzfrei, ekelig und Wähler verachtend zu nennen.

Hans Onkelbach klagt in der Rheinischen Post:

“Das kann man drehen und wenden, wie man will – Tatsache ist, mehr als 50 Prozent der Düsseldorfer Wähler sind gestern nicht zur Urne gegangen und haben damit unmissverständlich klar gemacht, wie egal es ihnen ist, wer im Rathaus das Sagen hat.”

Es ist ein An- und Beklagen aus Sicht der Politiker – und der Journalisten, die mit ihrem Medientanz um das Promi-Personal der Parteien an deren Unattraktivität partizipieren.
Welche Unverschämtheit, in Wahlverweigerung eine Scheißegal-Haltung hineinzuinterpretieren. Ist mir meine Ernährung – oder noch besser: die Volksgesundheit – egal, wenn ich an einer dreckigen Imbissbude weder Currywurstpommes noch Frikadelle bestelle?

Ralf Klassen, stellvertretender Chefredakteur von stern.de, verortete CDU-Mann Peter Müller am Wahlabend in einem Paralleluniversium. Wo immer Klassen sich befindet, viele seiner Kollegen sind bei Müller – und fühlen sich dort sichtlich wohl.

Tief im Westen wird mehr malocht

Donnerstag, 27. August 2009

Die Gewerkschafter mit ihren sozialparadiesischen Vorstellungen:

„Wer 38,5 Stunden am Tag arbeitet, der muss damit seine Familie ernähren können”, betonte Bischoff.  (NRZ)

Fundstücke: Journalisten ohne Gehbehinderung

Donnerstag, 27. August 2009

Zwei nette,  sich ergänzende Fundstücke zur Selbstbeschreibung journalistischer Arbeit Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre. Zunächst Emil Dovifat (in den “Blättern zur Berufskunde” der Bundesanstalt für Arbeit, 1965):

“Der Beruf fordert eine eigene stilistische Kraft und Ausdrucksfähigkeit von charaktervoller und tiefgreifender Wirkung. Alle diese Eignungsvoraussetzungen liegen gleich den künstlerischen Begabungen in der Persönlichkeit. [...] Der Beruf verlangt ein hohes Maß an opferbereitem Idealismus und moralischer Grundsatzfestigkeit sowie den ganzen Einsatz der Person. Widerstandsfähige, größten Arbeitsanforderungen standhaltende Gesundheit, starke Nerven, Ruhe, Beweglichkeit, gutes Sehen und Hören, keine Gehbehinderung. Gepflegtes Äußeres.”

Und ebenfalls in den Blättern zur Berufskunde Wilmont Haacke (1971):

“Frauen fehlt für das kulturkritische Amt [des Journalisten]zumeist die unerlässliche und unablässige Härte für lobendes oder verdammendes Urteil.”

(Beides zitiert nach Armin Scholl und Siegfried Weischenberg: Journalismus in der Gesellschaft, 1998, Seite 32)

Spiegel bringt Farbe in 2. Weltkrieg

Donnerstag, 27. August 2009

Foto-Deklarationen sind beim Spiegel so eine Sache, der wir bei Gelegenheit einmal einen genaueren Blick schenken wollen. Heute nur der Hinweis, dass das Cover-Foto der aktuellen Ausgabe (37/2009) nachträglich coloriert worden ist, ohne dass darauf hingewiesen wird. Laut Bild will die Redaktion auf dieses Versäumnis in der nächsten Ausgabe hinweisen.

Werbung suboptimal gekennzeichnet

Dienstag, 25. August 2009

Noch vor wenigen Tagen beklagte das Bildblog ungekennzeichnete Werbung bei Spiegel-Online, nun gibt es bei solchen Pseudo-”Menüpunkten” einen Mouse-over-Hinweis “Anzeige”. “Druckbesser.de” findets prima.

Aber so ganz der Weisheit letzter Schluss ist die derzeitige Kennzeichnung noch nicht. Vieles spricht weiterhin dafür, dass die Werbekunden gerne den Eindruck vermitteln wollen, man befinde sich weiterhin im redaktionellen Angebot.

Beispiel Anzeige “Wissenschaftszug” von Siemens, der in den Wissenschafts-Rubriken bei Spiegel-Onlien beworben wird.

wissenschaftszug-spon

Zwar steht oben – mit viel weißem Abstand, als fehle hier einfach ein Werbebanner -  “Anzeige”;  aber dass sich dieser Hinweis auf die ganze Webseite beziehen soll, die auch eine normale Spiegel-URL trägt, muss nicht jedem gleich klar sein. Immerhin ist die Anzeige wie ein Artikel aufgemacht, es gibt ein integriertes Youtube-Video und einen rechten Seitenrand mit weiteren Informationen, – mit Bezug auf  den Spiegel (“Themenspezial im Spiegel”). Klickt man etwa das offerierte Interview an, landet man mitten im Text, so dass der oben auf der Seite angebrachte Hinweis “Anzeige” gar nicht erst zu sehen ist.

Gutenberg-Bibliothek bei SpOn offline

Mittwoch, 19. August 2009

Im Zuge des Relaunches ist die Bibliothek des Gutenberg-Projektes derzeit bei Spiegel-Online nicht zu erreichen.

chefredakteur Rüdiger Ditz versichert aber, dass an der Beseitigung des Fehlers intensiv gearbeitet werde. Man sollte also darauf verzichten, voreilig Wikipedia-Links zu überarbeiten.

Update 16:53: Gutenberg scheint wieder vollständig da zu sein.

Spiegel dementiert: Keine illegale Datensammlung

Dienstag, 18. August 2009

Turi2 machte seinen mindestens 50% zu häufig erscheinenden Newsletter heute früh mit der Meldung auf: “Hat der “Spiegel” ein Datenschutz-Problem im eigenen Haus? Der “Spiegel”-Kritiker Torsten Engelbrecht berichtet in seinem “Spiegelblog” von einem “klaren Verstoß gegen den Datenschutz” bei der “Spiegel”-Abo-Tochter Quality Service.  [...]“. Demnach seien zum einen Daten für die Mitarbeiter zugänglich auf einem Server aufbewahrt worden. Zum anderen gäbe es eine Ranking-Liste von Mitarbeitern mit den meisten Fehltagen. Damit “verfolge der SPIEGEL ausgerechnet über seine Tochterfirma QS eine menschenunwürdige und sogar illegale Praxis, die das Magazin bei anderen Unternehmnen oft und heftig kritisiert hat”, heißt es im Spiegelblog.

Auf Anfrage ließ uns Spiegel-Sprecherin Anja zum Hingst folgende “gemeinsame Stellungnahme des SPIEGEL-Verlags und des Betriebsrats des Quality Service zu der auf www.spiegelblog.net aufgeworfenen Frage: Sammelt der SPIEGEL illegal Krankendaten über seine Callcenter-Mitarbeiter?” zukommen, mit der die Zugänglichkeit der Daten eingeräumt, eine illegale Sammlung jedoch bestritten wird:

“Nein, die SPIEGEL-Tochterfirma Quality Service (QS), zuständig für den Abonnentenservice der SPIEGEL-Gruppe, sammelt keinesfalls illegal Krankendaten über ihre Mitarbeiter. Die dortige Erfassung von Arbeitsunfähigkeitstagen und weiteren Abwesenheitstagen erfolgt im Rahmen der üblichen und betrieblich notwendigen Maßnahmen. Sie dient ausschließlich der quantitativen Ermittlung von Fehlzeiten, die von Unternehmen erhoben werden müssen. Bedauerlicherweise sind die vertraulichen Daten nicht gesichert gespeichert und in einem für die Mitarbeiter des QS zugänglichen Ordner abgelegt worden. Dieser Fehler wurde vor zwei Wochen festgestellt und umgehend behoben. Die Mitarbeiter des QS wurden anschließend darüber informiert. ” (18. August 2009, 15:12 Uhr)

Spiegel-Online Relaunch

Dienstag, 18. August 2009

Spiegel-Online (SpOn) soll heute noch in neuem Gewand erscheinen. So*) kündigt es der Verlag an. Die Forums-Diskussion läuft allerdings schon, bevor etwas zu sehen ist.  Wir warten lieber. (weiterlesen…)

Lesbeute: Rotzige Spiegel-Leute

Donnerstag, 06. August 2009

+Über den “rotzigen Ton” eines Spiegel-Interviews mit Ministerpräsident Günther Oettinger, das mehr über die Fragesteller als den Befragten aussage, mokiert sich im Südkurier Gabriele Renz: ” Meist aber spielt Oettinger mit wie ein Schaf, das ohne Murren zur Schlachtbank geführt wird. Er steht nicht auf und verlässt das Gespräch, bemüht sich, anders als sein Gegenüber, um Sachlichkeit. Forsch sei gefragt worden, und er habe ‘sportlich reagiert’, sagt Günther Oettinger, darauf in der Regierungspressekonferenz angesprochen.
Im Inhaltsverzeichnis ist nachzulesen, worum es den Fragestellern offenbar ging: den ‘politischen Abstieg’ des Interviewpartners.”
+Die ARD ist Deutschlands zweitgrößter Medienbetrieb – nach Bertelsmann und lange vor Axel Springer.

+Den Verzicht auf eine Urhebernennung von Filmmaterial in SpiegelTV kritisiert Stefan Niggemeier.


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