Archiv für den Monat März 2009

Bilder nach Art des Hauses

Freitag, 27. März 2009

Der Auskunftsanspruch des Presserechts gilt nur gegenüber Behör-den. Unternehmen hingegen müssen die Presse nicht unterstützen – sie können es, und knüpfen dies oft an dubiose Bedingungen. Deut-sche Bahn AG, FC Bayern München oder die Marek Lieberberg Kon-zertagentur: zumindest die Foto- und Filmberichterstattung über sich haben die Unternehmen derzeit fest in ihrer Hand. (Von Timo Rieg)

Eine Zwölfjährige fährt an einem Montagabend mit dem Zug von Bad Doberan nach Rostock. Sie will zum Cello-Unterricht. Beim Einsteigen hilft sie einem schwerstbehinderten 42-Jährigen und setzt sich mit ihm in einen Waggon. Als die Zugbegleiterin kommt, bemerkt sie, dass sie ihr Portemonnaie mit der Fahrkarte zu Hause vergessen hat. Die Schaffnerin gibt sich stur: Die Schülerin sei eine Schwarzfahrerin. Der Mann bietet seine Hilfe an. Er darf als Behinderter eine Begleitperson kostenfrei mitnehmen. Doch das lehnt die Zugbegleiterin ab. Ebenso wie das Angebot eines anderen Mitreisenden, für die junge Musikerin einen Fahrschein zu lösen. Stattdessen wird die Zwölfjährige am menschenleeren Bahnhof Parkentin ausgesetzt – bei hereinbrechender Dunkelheit läuft das Mädchen fünf Kilometer weinend heim.

Zweifelsohne ein Thema für die Öffentlichkeit. Die in Rostock erscheinende Ostsee-Zeitung greift denn auch den Vorfall auf; in der Folge berichten auch andere Medien, selbst im Ausland. Leider war kein Journalist zugegen, der die Szene filmen oder die entsetzten Passagiere während der Weiterfahrt des Zugs befragen konnte.  Doch hätte ein anwesender Journalist überhaupt in Bild und Ton berichten dürfen? Nach Auffassung der Deutschen Bahn AG jedenfalls nicht.

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Lesebeute: Kriminal-Studie verzerrend dargestellt

Sonntag, 22. März 2009
  • Heftige Kritik an der journalistischen Präsentation einer Studie des medial hyperpräsenten Christian Pfeiffer äußert die Neue Zürcher Zeitung. «Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt» heißt das Werk des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Wer Studie und Berichterstattung (sowie 2 und 3) vergleiche,  “wird Anlass zum Erschrecken finden, weil das Medienecho nicht nur den Schwerpunkt der Studie grob verzerrt wiedergibt, sondern auch eine völlige Kritiklosigkeit gegenüber den methodischen Fragwürdigkeiten des Unternehmens erkennen lässt.”
  • Die Initative Nachrichtenaufklärung hat die vernachlässigten Top-Themen 2008 präsentiert.
  • SpOn-chef Büchner wird Chefredakteur der Deutschen Presseagentur (dpa).
  • Zu Büchners Online-Plänen derzeit beim Spiegel gibts ein Kress-Interview.
  • Auch der Spiegel hat mit Anzeigenrückgang zu kämpfen.
  • Die Galle hoch kam Joachim Müller-Jung, weil Spiegel-Online embryonalen und fötale neuronale Stammzellen verwechselt hat. Ist aber korrigiert.
  • Mit Buzzriders.com will Robert Basic “Spiegel Online und Heise angreifen”, sagt er im Meedia-Interview.
  • Dass Spiegel-Online die Pinneberger für die schlechtesten Autofahrer hält, sorgt bei den Betroffenen für Unmut, der im Abendblatt gelüftet wird.
  • Fehlerliebe

    Dienstag, 17. März 2009

    Alice Schwarzer beruft sich auch in ihren aktuellen Kommentaren zum Amoklauf von Winnenden auf einen Professor, der womöglich gar kein Professor ist. Der Hinweis darauf von Marvin Oppong in Carta ist gut und wichtig. Nur seine Leitfrage dazu ist Banane:

    “Gibt es in Deutschland noch Journalisten, die recherchieren? Oder ist die Zeit dafür zu knapp geworden?”

    Ein Fall für die vorläufig abgeschlossene Liste der Immer-mehr-Phänomene: Immer mehr Journalisten recherchieren nicht. Man kann auch sagen: früher war alles besser, weil: es wird ja immer schlimmer.

    Erst kürzlich wurde dies beim Karl-Theodor deutlich – auch von Oppong als Beispiel gewählt. Da wurde des neuen Wirtschaftsministers Vornamenswirrwarr immer mehr – und der Journalismus versagte (sich) auf langem Strich. Gut immerhin für die Watchblogs, die wegen des Immermehr an immer weniger Qualität Beschäftigung haben.

    Wären sie nur nicht so besserwisserisch. So fürchterlich grantig. Mit dieser “Oh Gott, oh Gott, wie kann man nur”-Attitüde. Es ist doch schön, dass sich aufgrund der heutigen Technik- und Spaßfaktoren immer mehr Menschen kritisch mit journalistischen Leistungen befassen – und ihre Klickergebnisse veröffentlichen. Das sollten sie aber als eigene Profession begreifen – mithin als sinnvolle Ergänzung im Mediengeflecht. Es ist nicht nur albern, sondern kontraproduktiv, jeden kleinen journalistischen Fehler zum Drama aufzubauschen und seinetwegen eine Gretchenfrage zu stellen.

    Literaturkritiker sind kein Außenlektorat der Verlage, Blogger kein Korrektorat. Es sind eigenständige Kommunikatoren – weshalb allerdings Literaturkritiker auch sehr ökonomisch auswählen, mit was sie sich beschäftigen. Der ökonomische Druck auf Blogger – vor allem in der Aufmerksamkeitswährung – führt, ganz nach der Erfolgsformel des Boulevards, zu Dramatisierungen und damit vor allem zu Relevanzverzerrungen. Jeder aufgespürte Pups wird zu einer bedrohlichen Giftgaswolke. Vor Erfindung der Google-Korrektur wurde dies in ähnlicher Weise von Pensionären mit dem Duden betrieben und fand sich auf den Leserbriefseiten der Zeitungen. Denn wer nämlich mit “h” schreibt ist dämlich.

    Journalismus ist wie Wissenschaft eine ewige Suche nach Neuem. Mithin sind journalistische Erzeugnisse eben immer auch nur vorläufige Beschreibungen. Zum Journalismus gehört die Vermutung – anders ist Recherche gar nicht möglich – und er muss stets auch Vages und Unfertiges präsentieren. Im Rahmen der Möglichkeiten ist dies bekanntlich entsprechend zu kennzeichnen – Stichwort Verdachtsberichterstattung.

    Vieles im Journalismus stimmt nicht. Im Lokaljournalismus ist etwa praktisch nichts, was zitiert wird, auch so gesagt worden. Das ist schlecht, richtig schlecht. Aber es wird nicht dadurch besser, dass man immer mehr Journalisten für immer unfähiger hält.

    Korinthe (71): Theoretische Bahnfahrt

    Sonntag, 15. März 2009

    Etwas ungeschickt ist es, einen (werbenden) Reisebericht zu veröffentlichen, wenn die Reise derzeit gar nicht möglich ist. Über den  Bernina-Express “auf einer der steilsten Eisenbahnstrecken der Welt” schreibt Spiegel-Online:

    In Brusio schraubt sich der Zug auf einem kreisrunden Viadukt ins Tal – anders wäre der große Höhenunterschied nicht zu meistern.

    Doch bis Gründonnerstag schraubt sich da wohl kein Zug hinauf oder hinab – denn nach einem Steinschlag im Dezember ist die Strecke gesperrt.

    Schon dumm, findet Sebastian Lisken, der uns mit seinem dankenswerten Hinweis zu einem Lebenszeichen von den Reparaturarbeiten nötigt.

    bahnstoerung


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