“Spiegel” und “junge Welt” werben für die Wahrheit

“Fakten stören beim Verriß” überschrieb die Junge Welt (jW) am 28. Januar eine Kritik an der Spiegel-Berichterstattung über die Links-Fraktion und die Abgeordnete Ulla Jelpke.

Dabei geht es der jW zum einen um den Beitrag “Gysis Heimkind” (“Ulla Jelpke steht so weit links, dass sich der Verfassungsschutz für sie interessiert. Ihre Alleingänge belasten die Partei – doch die Führung hält an der Abgeordneten fest.” – bereits einmal hier verhandelt), zum anderen um den Artikel “Komplizen des Terrors” (“In der Partei Die Linke schüren etliche Israel-Gegner antisemitische Ressentiments. Fraktionschef Gregor Gysi wurde zum israelischen Botschafter gebeten.” Spiegel 5/2009, S. 26, noch nicht online), beide von Markus Deggerich vom Berliner Spiegel-Büro.

Nach mehreren Telefonaten und Mailwechseln dokumentieren wir nun die beiden widerstreitenden Ansichten.

Die jW schreibt unter dem Pseudonym Karl Faust:

Erst Anfang der Woche lieferte Der Spiegel ein weiteres Beispiel für manipulative Berichterstattung. »Komplizen des Terrors« ist ein Bericht über die Linksfraktion betitelt, in dem der Autor Markus Deggerich meinungsstark aber faktenschwach versucht, Teilen der Fraktion wegen ihrer Ablehnung der israelischen Kriegspolitik Antisemitismus anzuhängen. Dabei macht sich Deggerich nicht einmal die Mühe, zwischen »Antisemitismus« und »Antizionismus« zu unterscheiden. Die unterschwellige Botschaft lautet: Wer gegen Israels Kriegspolitik ist, will ein neues Auschwitz.
Fakten können bei einem solchen Verriß nur stören. Da wird der Abgeordnete Wolfgang Gehrcke flugs zum außenpolitischen Sprecher ernannt. Falsch – er ist Obmann seiner Fraktion im außenpolitischen Ausschuß. Seiner Kollegin Ulla Jelpke wird ein israelkritisches Zitat aus einer Bundestagsrede untergeschoben – sie hat dort jedoch nie zu diesem Thema geredet.

Markus Deggerich sagt dazu: “Wir haben Frau Jelpke kein “israelkritisches Zitat untergeschoben”, Sie finden es auf ihrer Homepage. Sie hat es allerdings nicht im Bundestag gesagt, wie sie nun sagt, sondern auf einer Demo, auf ihrer Homepage fand es sich aber unter der Rubrik “im bundestag”. Das Zitat selbst bestreitet sie auch gar nicht – anders als die junge Welt suggeriert.”

Die jW schreibt:

Über einen Protestbrief, den die Abgeordneten Gehrcke und Norman Paech (letzterer ist tatsächlich außenpolitischer Sprecher) an den israelischen Botschafter geschrieben hatten, heißt es, Fraktionschef Gregor Gysi habe dem Diplomaten »sein Bedauern über das Schreiben« geäußert, »auch im Namen der Autoren«. Beide bestätigten jedoch gegenüber jW, daß sie inhaltlich überhaupt nichts bedauern.

Im Spiegel heißt es in “Komplizen des Terrors”:

“Am vergangenen Donnerstag saß der Linken-Fraktionschef [Gregor Gysi] in der Residenz [des israelischen Botschafters] und erklärte sein Bedauern über das Schreiben, auch im Namen der Autoren. Am Ende einigte man sich, dass der Brief nun aus der Welt sei.”

Deggerich dazu:
“Wir behaupten desweiteren an keiner Stelle, Gehrcke und Paech hätten ihr Bedauern über den Brief an den Botschafter ausgedrückt. Wir schreiben, dass Gysi dieses gegenüber dem Botschafter gesagt hat. Wir bleiben bei unserer Darstellung.
Mir ist kein Dementi von Gysi bekannt und die junge Welt kann es bisher auch nicht belegen.”

Karl Faust dazu:
“Herr Deggerich hätte auch Sorgfaltspflicht bewiesen, wenn er berichtet hätte, daß sich Gysi in der Fraktionssitzung am Dienstag vor dem Gespräch mit dem israelischen Botschafter inhaltlich voll hinter den Brief von Gehrcke und Paech gestellt hat. Deggerich hätte das wissen müssen – nach Informationen aus der Fraktion war er bei dieser Sitzung anwesend.
Woher Deggerich die Information hat, daß Gysi in dem Gespräch sein »Bedauern über das Schreiben, auch im Namen der Autoren« geäußert hat, bleibt sein Geheimnis. Weder Gysis Büro noch die Pressestelle der Linksfraktion bestätigen diese Aussage. Dazu diese Presseerklärung von Gysi:


»28.01.2009 – Gregor Gysi
Spieglein, Spieglein an der Wand

Im Gespräch des Vorsitzenden der Fraktion DIE LINKE, Gregor Gysi, mit dem israelischen Botschafter hat der Inhalt des offenen Briefes der Fraktionsmitglieder Wolfgang Gehrcke und Norman Paech zum Gaza-Krieg keine Rolle gespielt<, korrigiert der Pressesprecher der Fraktion DIE LINKE einen entsprechenden Bericht in der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“, in dem es hieß, Gregor Gysi habe gegenüber dem Botschafter auch im Namen der Autoren sein Bedauern über das Schreiben ausgedrückt. Thalheim weiter: In der Fraktion wurde noch einmal bekräftigt, dass die Außenvertretung der Fraktion gegenüber Regierungen und Botschaftern Sache der Fraktionsvorsitzenden ist. Dies wird auch von Wolfgang Gehrcke und Norman Paech so gesehen. Nichts anderes hat Gregor Gysi dem Botschafter Israels übermittelt. Der Inhalt des offenen Briefes war schon deshalb nicht Gegenstand des Gesprächs mit ihm.« ---
Mit zwei kurzen Telefonaten hätte er außerdem herausfinden können, daß beide Autoren überhaupt nichts bedauern.
Angesichts dieser Sachlage sollte Herr Deggerich das Wort Recherche besser nicht in den Mund nehmen.”

Markus Deggerich kritisiert:
“Im Übrigen unterlässt die junge Welt den Hinweis, dass Frau Jelpke vor ihrem Einzug in den Bundstag Innenpoltik-Chefin des Blattes [jW] war.”

Faust kommentiert:
“Im jW-Artikel werden auch andere biografische Stationen von Frau Jelpke nicht erwähnt. Es wird auch nicht erwähnt, daß sie immer noch regelmäßige Mitarbeiterin der jW ist. Dieser Einwand hat etwa die gleiche Qualität, als wolle man uns anlasten, nicht erwähnt zu haben, daß Deggerich aus dem katholisch versumpften Dörfchen Elte stammt.
Was will Herr Deggerich mit diesem Einwand andeuten? Daß dieser Artikel etwa von Frau Jelpke veranlaßt wurde? Oder daß sie ihn gar selbst unter dem Pseudonym »Karl Faust« geschrieben hat?”

Der Spiegel schrieb im Juli 2008:

Am Rednerpult steht Ulla Jelpke, 57, schmal, gut gebräunt und die Haare zum strammen Zopf geflochten.

Die jW schrieb dazu:

Den »strammen Zopf«, den er Jelpke andichtet, hat er bislang als einziger entdeckt.

Deggerich verweist auf ein Video.

Faust entgegnet:
“Herr Deggerich schreibt: »… die Haare zum strammen Zopf geflochten.« Wo bitte hat er das gesehen? Auch das you-tube-Video gibt das nicht her.”

Die jW schreibt:

Fakten scheinen wohl nicht Deggerichs Ding zu sein. Ein ganzseitiger Artikel, den er im Juli [2008] über Jelpke schrieb, wimmelt von Fehlern, die die junge Welt keinem Praktikanten durchgehen ließe. Gysi wird da als Zitat in den Mund gelegt, Jelpke sei ein »Heimkind« – der Fraktionschef dementierte später, jemals dieses Wort gebraucht zu haben. Jelpke wird auch vorgeworfen, »Parteitage der DKP« besucht zu haben – was sie auch nach Auskunft von DKP-Mitgliedern nicht ein einiges Mal getan hat. Und daß sie im Juli zu politischen Gesprächen in die Türkei reiste, kommentierte ¬Deggerich als »erneutes Jelpke-Solo«, über das sich ihre Genossen »entsetzt die Haare raufen«, »ihre Alleingänge belasten die Partei«.

Markus Deggerich verweist dazu auf eine Entscheidung des Beschwerdeausschuss 2 des Deutschen Presserats (BK2-206/08; dort wird fälschlich für die Spiegel-Veröffentlichung der 1. September 2008 genannt), die auf eine Eingabe von Ulla Jelpke zurückgeht. Am 3. Dezember 2008 hat demnach der Presserat entschieden: “Insgesamt liegt damit kein Verstoß gegen die Publizistischen Grundsätze des Deutschen Presserats vor, so dass der Beschwerdeausschuss die Beschwerde für unbegründet erklärt.
Die Entscheidung ergeht mit 3 Ja-Stimmen, 1 Nein-Stimme und 1 Enthaltung.”

Insgesamt ging es um sechs Kritikpunkte, die der Beschwerdeausschuss letztlich verworfen hat. Zu den Erwägungen des Beschwerdeausschusses heißt es darin: “Falsche Tatsachen kann der Ausschuss nicht erkennen. Alle aufgestellten Behauptungen kann die Redaktion mit Fakten belegen, lautet das abschließende Urteil der Mehrheit der Ausschussmitglieder.”

In der Entscheidung heißt es aber auch: “Einen handwerklichen Fehler erkennt der Ausschuss in der Passage: ‘Doch egal, ob Jelpke auf Treffen ehemaliger Stasi-Kader ihre Solidarität beteuert, Parteitage der DKP besucht oder bei Grußworten in der venezolanischen Botschaft die ‘Unbeugsamkeit’ der kubanischen Revolution feiert: […]’ Vor dem Hintergrund, dass die Beschwerdeführerin zwar nie an einem DKP-Parteitag teilgenommen hat, dennoch mehrfach auf DKP-Veranstaltungen gesprochen hat, bewertet der Ausschuss die Wirkung dieses handwerklichen Fehlers auf den Leser als gering.”

Dazu Karl Faust:
“Auch wenn der Presserat im wesentlichen die Rabulistik der Spiegel-Rechtsabteilung übernimmt – auch er spricht von »handwerklichen Fehlern« in Herrn Deggerichs Bericht.
Stellungnahmen des Presserates sind für die jW kein Ersatz für das, was tatsächlich geschehen ist und was wir persönlich recherchiert haben.
Als Beispiel möchte ich Frau Jelpkes Reise nach Ankara anführen. Herr Deggerich schreibt »unabgesprochen«, daß sich die Genossen »entsetzt die Haare raufen«, »erneutes Jelpke-Solo«. Ich (K. Faust) war persönlich anwesend, als Frau Jelpke mit Gregor Gysi, Bodo Ramelow und Ulrich Maurer telefonisch ihre Reise abstimmte. Ich saß zufällig auch daneben, als sie das AA informierte. Da kann der Presserat schreiben, was er will: Deggerich hat Falsches berichtet: es war weder unabgesprochen, noch haben sich »die« Genossen die Haare gerauft, noch war es ein »Solo«.
Es wäre vielmehr Herrn Deggerichs Sorgfaltspflicht gewesen, zu recherchieren.”

Karl Faust meint abschließend:
“Daß im journalistischen Alltag aus verschiedenen Gründen Fehler entstehen können, für die man anschließend am Ohr gezogen wird, weiß jeder Redakteur. Bei Deggerichs Berichten ist jedoch eine eindeutige Tendenz erkennbar: Er konstruiert künstliche Gegensätze in der Linksfraktion, bzw. in der Partei. Er hat zwar schon mehrfach in ziemlich abträglicher Weise über Frau Jelpke geschrieben, sich bisher jedoch nicht ein einziges Mal die Mühe gemacht, sie selbst anzurufen. Seriöse Berichterstattung sieht anders aus.”

2 Gedanken zu „“Spiegel” und “junge Welt” werben für die Wahrheit

  1. Der entscheidende Punkt beim Artikel “Fakten stören den Verriss” ist doch der Vorwurf der jW an den SPIEGEL, dass das Nachrichtenmagazin “meinungsstark aber faktenschwach versucht, Teilen der [Links-]Fraktion wegen ihrer Ablehnung der israelischen Kriegspolitik Antisemitismus anzuhängen”. So behauptet der SPIEGEL doch tatsächlich, dass “in der Partei Die Linke etliche Israel-Gegner antisemitische Ressentiments schüren” würden.

    Doch weder belegt der SPIEGEL diesen herben Anwurf in seinem Artikel, noch scheint dieser Anwurf plausibel. Dies wird schon deutlich, wenn man sich den Aufhänger des SPIEGEL-Artikels vergegenwärtigt, der da ist, dass die Linkspolitiker Gehrcke und Paech den Waffengang Israels in Gaza als “unmenschlich” bezeichnen und “durch kein Recht auf Selbstverteidigung oder Notwehr legitimiert”. Und wenn man bedenkt, dass viele Leute, die alles andere als antisemitisch sind, Israels Waffengang mit sehr gutem Grund als völkerrechtswidrig bezeichnen, so scheinen diese Sätze von Gehrcke und Paech durchaus nachvollziehbar. Natürlich kann man da unterschiedlicher Auffassung sein. Fest steht aber, dass das, was Gehrcke und Paech gesagt haben, nicht als antisemitisch eingestuft werden kann, wie es der SPIEGEL in diffamierender Weise tut.

    Was die SPIEGEL-Berichterstattung hier eben so unseriös macht, ist, dass ziemlich massiv und haltlos Stimmung gemacht wird gegen eine Partei. Dies zeigt sich immer wieder, etwa auch bei einem Bericht über die Sendung Anne Will nach der Hessenwahl, siehe http://www.spiegelblog.info/mit-ruttgers-friedman-und-seebacher-brandt-auf-dem-schos-lasst-sich-eben-nicht-uberparteilich-berichten.html.

    Wohlgemerkt: Damit sollen weder die Linke noch das Vorgehen der Hamas beschönigt oder per se als “klasse” bewertet werden. Worum es geht und was journalistisch so unsauber ist, sind diese haltlosen Diffamierungen, von denen v.a. auch in der Regel nur bestimmte Gruppen in der Bevölkerung betroffen sind.

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