Recherche muss honoriert werden

Journalismus ist nicht nur Berichterstattung und Kommentar in vielfältigen Darstellungsformen, Journalismus ist vor allem auch Nicht-Berichterstattung und Nicht-Kommentar in keiner Darstellungsform. Informationsverdichtung, Selektion von Unwichtigem, Konstruktionen von Wirklichkeit… – es gibt viele Schlagworte zu dieser Achillesferse des Journalismus: was ist relevant, was nicht – was kommt über die Medien in die Öffentlichkeit, was bleibt unbeachtet?
Schulzki-Haddouti.jpegSpiegelkritik sprach darüber mit Christiane Schulzki-Haddouti. Die freie Journalistin arbeitet vor allem über Medien- und Technik-Themen und betreibt den Kooptech-Blog unter. Seit 2000 ist sie Jurymitglied in der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA), fünf Jahre leitete sie Rechercheseminare an den Universitäten Dortmund und Bonn.

SpKr: Die Initiative Nachrichtenaufklärung kürt jedes Jahr zehn vom deutschsprachigen Journalismus vernachlässigte Themen, das nächste Mal am 17. Februar. Mehr Wichtiges bleibt uns nicht verborgen?

Schulzki-Haddouti: Jedes Jahr sehen wir eine ganze Reihe von Themen, die zwar gesellschaftlich relevant, aber dennoch aus verschiedenen Gründen vernachlässigt wurden. Ich bin gespannt, auf welche Themen sich die Jury in diesem Jahr einigt.

In den USA kommt regelmäßig eine Liste von 25 Themen zusammen. Bei INA werden nicht so viele Themen eingereicht – es sind so etwa 150 pro Jahr. Diese Themen werden von Journalistik-Studenten recherchiert und am Ende werden etwa 20 Themen einer Jury vorgeschlagen, die dann die „TOP 10“ festlegt.

Eines der am meisten vernachlässigten Themen des vergangenen Jahr waren ja Menschenrechtsverletzungen in China – im Zuge der Olympischen Spiele wurde dann über einiges berichtet. Doch über die vielen Gefangenenlager weiß man – aus nachvollziehbaren Gründen – bis heute zu wenig.

SpKr: Und die Medien laufen hernach rot an vor Scham, dass sie so wichtige Dinge übersehen haben?

Schulzki-Haddouti: Die Reaktionen sind leider sehr verhalten. Die Kollegen berichten nur selten über die Initiative; man kann schon froh sein, dass das Ergebnis kurz vermeldet wird (siehe dazu ausführlich in Kooptech). Aber es wird praktisch nie als Anstoß für eigene Recherchen genutzt. Etwa die Geschichte über den Grünen Punkt: Hier hatten wir eine ganze Latte von Rechercheansätzen aufgezeigt, aber es hat ein paar Jahre gedauert, bis der WDR der Sache nachgegangen ist, und das nur in Ansätzen. Man hätte da sehr viel daraus machen können.

SpKr: Das beklagen auch investigative Journalisten wie Jürgen Roth, der sich wundert, dass gerade auch in der Regionalberichterstattung kaum an den vielen Informationen in seinen Büchern weitergearbeitet wird. Sind die Journalisten zu dusselig dafür, zu faul oder woran liegt es?

Schulzki-Haddouti: Was die INA betrifft gibt es sicherlich eine grundsätzliche Skepsis gegenüber einem solchen Projekt. Denn vom journalistischen Selbstverständnis her bekommt ja jede Redaktion Hinweise: es gibt Whistleblower, es gibt Informanten, Leserbriefe. Natürlich kann man davon ausgehen, dass spannende Themen bei den Redaktionen auflaufen – warum sollten sie deshalb nur der INA angeboten werden? Die Skepsis rührt sicherlich daher, dass man annimmt, es gäbe sicherlich gute Gründe dafür, warum diese Themen nicht gelaufen sind.

Es gibt allerdings auch strukturelle Schwächen. Es gibt jeden Tag eine große Themenkonkurrenz, begrenzten Platz. Da haben es randständige Themen schwer. Man müsste solche Themen aufwendig recherchieren, und dafür ist in den Redaktionen wenig Zeit – in Deutschland ist dieser Zeitmangel sicherlich das größte Problem.

SpKr: Wie kommt es denn, dass sich die Medien sehr gleich verhalten – es herrscht doch eine große Konsonanz bei der Themensetzung?

Schulzki-Haddouti: Weil jeder auf die Agenturen schaut und sich fragt: Können wir darauf verzichten, diese Meldung zu bringen. Schräg am Rande vorbei zu publizieren ist schwierig.

SpKr: Aber eure Themen von der INA haltet ihr doch nicht für Ladenhüter, sondern für Knaller.

Schulzki-Haddouti: Teilweise sind sie das sicherlich. Beispiel Grüner Punkt: das ist sehr rechercheaufwendig, aber das ist nicht ohne weiteres im Alltag leistbar. Natürlich könnte man das an Freie geben, aber es bleibt komplex. Aber merkwürdigerweise fehlt hier das Rechercheinteresse. Das Thema hätte ideal zur taz gepasst. Aber welcher Autor macht eine so aufwendige Geschichte für 300 Euro? Und wenn die Geschichte veröffentlicht ist, hat der Autor ja keine Garantie, dass er Folgeaufträge bekommt, es könnten ja alle anderen dann auch verwenden. So in etwa könnten die Gründe dafür sein, dass man von komplexen Themen dann wegen des oft unkalkulierbaren Aufwands lieber die Finger lässt.

SpKr: Ist es denn mehr die Rechercheunlust und -unfähigkeit oder ein ökonomisches Problem?

Schulzki-Haddouti: Guter Journalismus wird derzeit für Freelancer nicht bezahlt. Als freie Journalistin kann ich mir bei den gegenwärtigen Tagessätzen nur ein bestimmtes Maß an Recherche leisten. Ich weiß, dass viele Redakteure die Auffassung haben: „Ich will zu jedem Honorar die beste Geschichte haben.“ Das ist für freie Journalisten völlig unmöglich. Die Honorare stagnieren seit zehn Jahren oder sinken sogar, und es gibt praktisch keine Zweitverwertungsmöglichkeiten mehr, weil jede Geschichte sofort übers Internet vergleichbar ist. Ich habe vor zehn Jahren meine Geschichten drei- bis viermal veröffentlichen können, da konnte ich mich in komplexe Themen einarbeiten. Heute bin ich froh, wenn ich eine Veröffentlichung zweimal unterbringen kann.

SpKr: Was ist zu tun?

Schulzki-Haddouti: Wir brauchen höhere Honorare, aber vor allem müssen wir weg von den Knebelverträgen. Warum sollen die Freien nicht zweitverwerten dürfen, wenn die Zeitungen auch Agenturmaterial nehmen? Natürlich ist ein freier Journalist teurer als die Agentur, aber so teuer nun auch wieder nicht. Die Knebelverträge aber sind letztlich für die Recherchequalität absolut tödlich. Eigentlich sollte das Urheberrecht ja so novelliert worden, dass man die Rechte der Freien und Autoren stärkt, aber letztlich ist das in das Gegenteil umgeschlagen.

SpKr: Die Forderung nach mehr Geld ist natürlich nicht neu…

Schulzki-Haddouti: Der Exklusivitätsanspruch muss weg. Denn wenn man seine Geschichten nicht quer durch die Bank anbieten und weiterentwickeln kann, ist auch der Schwung raus. Noch mal am Beispiel Grüner Punkt: Das ist doch ein Thema von dem ein freier Journalist eigentlich ein ganzes Jahr leben könnte, da es so viele Facetten hat. Aber dazu braucht er eben die Möglichkeit, bei dem einen Medium diesen, beim anderen Medium jenen Aspekt unterzubringen, um so eine ständige Recherche fahren zu können und auf die weitere Entwicklung der Geschichte eingehen zu können. So eine Geschichte muss sich nämlich auch nach und nach, von Veröffentlichung zu Veröffentlichung, entwickeln – da gibt es nicht den einen großen Wurf, in dem alles drinsteckt. Aber ein solches Vorgehen wird von den Redaktionen leider nicht mehr mitgetragen.

SpKr: Wäre das nicht ein tolles Betätigungsfeld für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Schulzki-Haddouti: Wie man sieht, ist der Grüne Punkt ja letztlich vom WDR aufgegriffen worden. Ja, ich denke, dass die Öffentlich-Rechtlichen tatsächlich ein Refugium für gute Recherche bieten. Aber auch hier haben sich die Konditionen für Freie in den letzten Jahren verschlechtert. Recherchereisen werden grundsätzlich nicht mehr bezahlt – es geht über Sendeminuten. Und auch hier mindert die Verfügbarkeit von Podcasts und Online-Videos die Möglichkeiten der Zweitverwertung.

SpKr: Wie kann man denn die Recherche dann fördern? Für Print gibt es ja keine Gebühren, die verteilt werden könnten wie bei ARD und ZDF. Sollen sich alle um Stipendien beim Netzwerk Recherche (nr) bewerben?

Schulzki-Haddouti: Die Recherche-Stipendien des Netzwerks sind eher eine kleine Auszeichnung, aber davon kann man ja nicht leben. Sie sind aber eine schöne Möglichkeit, in einem bekannten Blatt zu reüssieren. Das ist dem „Netzwerk Recherche“ aber ja bewusst. Es weist darauf hin, dass Not am Mann ist.

Ich denke, man muss jetzt experimentieren und neue Wege ausprobieren – vermutlich erst mal unbezahlt. Ich sehe da natürlich das Internet als Plattform, ich sehe auch die Leser als Mitrechercheure. Natürlich stellt sich die Frage, wie das auf längere Sicht finanziert werden könnte. Mit Werbung allein wird das nicht möglich sein – da kommt man vielleicht allerhöchstens auf die Hälfte des taz-Honorars.

Aber warum sollte man nicht wie in den USA jemanden finden, der solche Experimente sponsert. Sponsoring aus der Privatwirtschaft könnte aber auch jetzt in Krisenzeiten etwas schwierig werden. Ich sehe im Moment keinen Mäzen, der hier Geld investieren wollte. Letztlich sollte man sich vielleicht fragen, warum sich nicht die Verlage stärker um neue Wege bemühen, deren ureigenstes Interesse es doch sein müsste, journalistische Produkte zu erzeugen. So etwas wäre aus meiner Sicht sinnvoller als teure Experimente mit Tauschbörsen oder Kontaktplattformen wie dem Studi-VZ.

SpKr: Es gibt eine führende Nachrichten-Website, auf die wir gelegentlich schauen, hinter der ein großes, ertragreiches Haus steht, das man ja auch mal befragen könnte, wie es dort um die Recherche-Förderung steht und um die Finanzierung von Nachwuchs und Freien…

Schulzki-Haddouti: Der Spiegel wird ja vor allem von den Mitarbeitern getragen und diese haben eher wenig Interesse an riskanten Experimenten. Man kann froh sein, dass Spiegel-online so schnell in die Schwarzen Zahlen gekommen ist. Doch wenn man sich Projekte wie die Gutenberg-Bibliothek ansieht, die seit über zehn Jahren beim Spiegel „gespiegelt“ wird, sieht man, dass hier nicht sehr viel weiter entwickelt wurde. Ein neuerer Ansatz ist „einestages“, aber auch hier scheint das Budget so knapp zu sein, dass es zwar interessanterweise für Werbung, aber nicht dafür reicht, in lokalen Initiativen aktiv an Bürger heranzutreten. Ich habe selbst einmal mit der „Erlebten Geschichte“ für ein halbes Jahr ein solches Projekt gemacht. Damals haben wir Veranstaltungen durchgeführt, um an die Senioren heranzutreten und um ihre besten Erinnerungen zu werben. Nur so kamen wir auch an die Geschichten vor über 50 Jahren.

SpKr: Bringt Spiegel-online Themen innovativ nach vorne?

Schulzki-Haddouti: Spiegel-online überrascht mich irgendwie nicht. Da ist eine Marke mit großem Anspruch – vor allem einem hohen Anspruch an den Recherchejournalismus, der im Heft ja teilweise gemacht wird. Online passiert da aber eher wenig. Im Prinzip wird dort das alte traditionelle Modell der Tageszeitungen online umgesetzt. Innovativ, das ist für mich mit Bürgerbeteiligung, oder investigativ passiert doch eher wenig. Insofern ist Spiegel-online nicht unbedingt auf meiner Innovationslandkarte zu finden. Aber, um fair zu sein, auf dieser Karte befinden sich auch keine anderen deutschsprachigen Medien.

SpKr: Online wird uns doch immer noch als die große Chance verkauft, von einigen Protagonisten gerne mit der Ermutigung: „Macht euch selbstständig“.

Schulzki-Haddouti: Das geht in der Masse natürlich gar nicht. Es ist unökonomisch. Tausende Einzelanbieter – wie soll das ökonomisch im deutschsprachigen Raum funktionieren? Zu den geringen Einnahme-Möglichkeiten kommt ja bei investigativen Geschichten auch das juristische Risiko. Wenn ich eine tolle Geschichte habe, bei der sich jemandem aber auf die Füße getreten fühlt, kann dieser mein Blog leicht abschießen. Mit einem Blog als Veröffentlichungsplattform ist viel schneller mit Gegenwind zu rechnen als bei einem großen Verlag mit eigener Rechtsabteilung. Deswegen würde ich eine heikle investigative Geschichte erst einmal nicht auf einer kleinen Plattform veröffentlichen.

SpKr: Eine Königsfrage lautet: was ist überhaupt relevant? Die INA-Liste behauptet, die „vernachlässigten Themen“ sind in Wahrheit interessant, doch die Redaktionen entscheiden offensichtlich tagtäglich anders.

Schulzki-Haddouti: Die Relevanz ist für jede Geschichte individuell, darum haben wir dafür keine Formel gefunden – auch wenn die Studierenden danach immer fragen. Es geht darum, wen es betrifft – je mehr Menschen oder gesellschaftliche Bereiche angesprochen werden, umso relevanter ist ein Thema. Geschichten müssen so geschrieben werden, dass sie für viele relevant sind. Man kann jedes Thema klein schreiben. Man kann viele Themen aber auch groß schreiben, indem man die Zusammenhänge recherchiert. Viele Themen, die bei INA eingereicht werden, sind kleine Sachen. Aber wenn dann die Studenten recherchieren, und das Thema in diese und jene Richtung drehen, dann wird deutlich, ob etwas dahintersteht.

SpKr: Wie geht das, eine Geschichte groß schreiben, ohne sie aufzubauschen?

Schulzki-Haddouti: Bei einem Technikthema etwa kann ich nur vom Produkt ausgehen, ich kann aber die Zusammenhänge mit dem Menschen schildern, dann ist es nicht nur für die Technikfreaks interessant, sondern auch für den Anwendungszusammenhang oder die Branche oder hinsichtlich politischer oder juristische Fragen, die sich über die Nutzung ergeben. Die Geschichte wird relevanter, je mehr neue Aspekte hinzutreten, die das ganze in neuem Licht erscheinen lassen. Es gibt aber natürlich auch Geschichten, die erst einmal sehr groß aussehen, die sich aber nicht erhärten lassen.

SpKr: Nehmen wir den SPIEGEL von dieser Woche [24. November 2008] und blättern mal das Deutschland-Kapitel durch: Was die Seeräuber mit Deutschland zu tun haben, sei dahingestellt, aber dann folgen praktisch nur noch Personen-Geschichten aus den Parteien. „Ruf nach dem Retter“, ein Interview mit Michael Glos, ob er eine Schlafmütze sei, Flügelkampf der SPD, Macht der FDP im Bundesrat, Roland Koch „auf Durchreise“, „Unchristliche Christen“ in der DDR-CDU, die „Affäre“ um einen grünen Abteilungsleiter des CDU-Wirtschaftsministeriums NRW – das sind die Themen, die der Spiegel offenbar in dieser Woche für relevant hält.

Schulzki-Haddouti: Die meisten dieser Geschichten lassen sich eher schnell recherchieren und schreiben, da keine wirklich komplexen Zusammenhänge erschlossen werden müssen. Die Geschichte über den grünen gemobbten Abteilungsleiter jedoch fand ich sehr schön recherchiert und geschrieben. Das war sicherlich nicht ganz einfach.

SpKr: Diese Politik hat doch auch mit Menschen zu tun, aber das fehlt. Der Spiegel schaut wie im Zirkus nur auf die Akteure, die ihren Auftritt haben, ohne sich um all die Menschen zu kümmern, die außerhalb der Manege leben.

Schulzki-Haddouti: Es wird ja vieles nur für die Medien veranstaltet, die können dann – ökonomisch sinnvoll – schnell ihre Geschichten machen. Die Geschichten, die dir vermutlich vorschweben, sind aufwendiger zu realisieren. Sie verlangen einen Background des Schreibers und auch Zeitressourcen für die Recherche. Doch, um auf Spiegel online und die Bezahlung für freie Journalisten zurückzukommen: Falls für eine solche Geschichte nur etwa 130 Euro geboten wird, stellt sich doch die Frage, ob derjenige, der diese Background-Geschichte gut schreiben könnte, die Geschichte nicht gleich nur für Print macht?

Nehmen wir an, diese Geschichte würde geschrieben und online veröffentlicht werden – würde sie nicht recht schnell wieder in dem Nachrichtenfluss untergehen? Lohnt sich das – für den Verlag, für den Schreiber? Ich fürchte nein – ein Online-Nachrichtenmagazin ist da nicht unbedingt das passende Format. Leider kenne ich aber im deutschsprachigen Online-Bereich im Moment auch kein anderes, besser passendes.

SpKr: Beim Spiegel sitzen Leute, die sicherlich nicht unqualifiziert sind und dafür sehr gut verdienen.

Schulzki-Haddouti: Die Arbeitsbedingungen beim Print-Spiegel sind sicherlich traumhaft. Es gibt im Spiegel ja auch aufwendige Geschichten. Die Titelgeschichte mit George Washington auf dem Cover in der letzten Woche etwa („Das Kapital-Verbrechen“) oder zuvor die tolle Reportage über afrikanische Flüchtlinge. Aber auch eine so gut ausgestattete Redaktion wie die Spiegel-Print-Redaktion hat nur begrenzte Zeitressourcen. Deswegen kann es nicht nur solche Geschichten geben. Ich finde aber auch, dass das Heft nach Aust wieder wesentlich interessanter geworden ist. Es liegt wohl auch an der redaktionellen Leitung, welche Themen im Heft einen Platz finden.

SpKr: Aber müssen Themen nicht auch mal fertig bearbeitet sein, ohne dass jede Woche wieder das ganze Fass aufgemacht wird, weil eine neue Studie vorliegt, weil sich irgendjemand geäußert hat? Atomenergie etwa, da ist doch wirklich alles zu gesagt, so dass sich jeder eine Meinung bilden kann – und dann muss es doch auch mal gut sein, ohne ständig wieder neu damit anzufangen.

Schulzki-Haddouti: Das finde ich okay, denn wir haben hier ja einen lebendigen gesellschaftlichen Diskurs. Man sollte die vielen Einzelerkenntnisse aber vielleicht häufiger zusammenfassen und dann mal einen Überblick schreiben, Dossiers verfassen. Das ist der Vorteil von Online: ich kann viele einzelne Stränge verfolgen aber diese gleichwohl zusammenbinden. Die Tag-Wolke am Ende von Spiegel-Online-Artikeln ist da allerdings noch nicht die perfekte Lösung. Diese Verweise auf andere Beiträge wirken oft ziellos und willkürlich.

SpKr: Geht es denn darum, Thema zu klären oder darum, Themen am Kochen zu halten?
Man kann doch zur Arbeitslosigkeit nichts sinnvoll Neues mehr schreiben, es sind die immer gleichen Fragen und Antwort-Phrasen, ohne dass die Basics mal geklärt werden: was kann Politik da überhaupt steuern, wollen Unternehmen Arbeitsplätze schaffen, wozu sollen solche Arbeitsplätze gut sein und so weiter.

Schulzki-Haddouti: Vor ein paar Jahren haben schwedische Zeitungen begonnen, Themen aus dem Wissensbereich auf die Titelseite zu packen, auch Verbraucherfragen sind anders in ihrer Wichtigkeit gewertet worden. Man muss näher an die Menschen ran, das ist ein Problem der ganzen Politikberichterstattung.

Ich fand Artikel von mir immer dann gelungen, wenn ich noch jemandem aus der Zivilgesellschaft dazugenommen habe. Das fehlt im deutschen Politikjournalismus. Es werden die Parteien abgeklappert, vielleicht noch einige Verbände, aber es wird nicht mehr gefragt, was sagt derjenige, der von dem Verband vertreten wird, was sagt der Betroffene. Die zivilgesellschaftliche Stimme fehlt.

Wenn man sich in der Recherche öffnen würde, dann würden sich die Geschichten vermutlich auch ändern, vielleicht auch spannender werden. Die gesellschaftliche Debatte würde vielfältiger dargestellt. Das wäre ein kleiner Schritt, den jeder Journalist machen kann. Es muss zulässig sein, Helga W. in einem Nachrichtenartikel unterzubringen, wenn sie etwas Relevantes und Interessantes zu erzählen hat. In einem Feature ist das üblich, aber in die Nachricht schafft sie es bisher nicht.

7 Gedanken zu „Recherche muss honoriert werden

  1. Eigentlich wollte ich den nächsten, der ‚Achillesverse‘ schreibt, auf kleiner Flamme grillen!

    😉

    SpKr: Sei gnädig, es war doch nur wegen Achilles‘ Versen bei SpOn.

  2. Mir fällt immer wieder auf, dass als Ursache für „vergessene“ Themen Angst vor heissen Eisen oder vor dem Schwimmen gegen den Mainstream vergessen wird. Man schreibe mal ausgewogen – nicht subjektiv links – über die fachlichen Überlegungen Lafontaines zum Mindestlohn aus 2005 oder seine Warnung vor einer Finanzkrise und Vorschläge zur Kontrolle des Kapitalverkehrs aus 2006 (pawlowscher Aufschrei!), den jämmerlichen ARD/BKA-Propagandafilm über die Sauerlandterroristen oder oder…

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