Die Beziehungs-Arbeiter

Man darf auch über Unbedeutendes schreiben, natürlich. Es ist sogar eine journalistische Tugend. Denn Bedeutung gewinnt ja häufig erst, was öffentlich ist, und da tut Journalismus gerne mal eine Schippe bei.
Es wäre also nicht weiter verwunderlich, dass Jan-Philipp Hein auf Spiegel-Online (SpOn) über den Blog „Bildschirmarbeiter“ schreibt. Wäre der Text nicht so grottig – und wären Autor und Porträtierter nicht so auffällig enge Gesinnungsgenossen.

Um den Blog „Bildschirmarbeiter“ zum Alleinthema eines SpOn-Beitrags zu machen, braucht es ein Alleinstellungsmerkmal. Und das kreiert Hein so fantasievoll wie eben unglaublich:

„Fernsehen spielt online fast keine Rolle.“

Es gibt nach Heins Wahrnehmung im Internet weder Fernsehen noch Fernsehkritik (die er übrigens auch im Fernsehen selbst nicht findet, vermutlich, weil bei ihm Fernsehen keine Rolle spielt). Allein der freie Journalist David Harnasch opfert sich: „Ich sehe jeden Mist, damit Sie es nicht müssen.“

Von Harnasch abgesehen ist es laut Hein

mit Crossmedialer TV-Kritik via Internet nicht weit her. Auf “ call-in-tv.net“ kämpft der Berliner Marc Doehler gegen die Produzenten von Telefon-Gameshows, wie sie „9 Live“ rund um die Uhr und andere Sender im Nachtprogramm bringen. Ein paar Medienjournalisten bloggen hin und wieder Abstrusitäten des TV-Programms, News-Seiten besprechen das Programm. Das war’s.

Geschenkt, dass dieser Harnasch Georg Schramm nicht versteht und uns stattdessen rät, Omid Djalili zu schauen, man muss Harnasch auch sonst in keiner seiner Kritiken folgen können, nur: in irgendeiner Form lustig, witzig oder gar satirisch ist an seinen mit Kalkofe verglichenen Gegenreden auch bei erheblichem Zeiteinsatz wahrlich nichts zu finden.

Und so ist denn Heins Urteil ebenso konstruiert wie der Anlass seiner Besprechung:

B-Arbeiter ist mehr als Geblödel übers Fernsehen. Harnaschs Argumentation ist meist stringent und nachvollziehbar. […]Wie Kalkofe beamt er sich ab und an selbst in die Kulissen der karikierten und kritisierten Sendungen. Das ist meistens originell, weniger krawallig, aber ähnlich komisch wie bei Altmeister Kalkofe.

Einfacher wäre zu sagen: Ich mag ihn. Ich freue mich, dass ich neben dem Mitglied der „Achse des Guten“ auch schon drei Mal dort als Gastautor auftreten durfte und dass wir nun gemeinsam ein Netzwerk Gegenrecherche starten.

Wie sich auch David Harnasch schließlich öffentlich freut über die Zusammenarbeit und drei Tage vor Veröffentlichung der wohlwollenden SpOn-Worte mit Zurückhaltung bedankt: „Auch wenn ich momentan guten Grundes wegen nicht über SPON lästern sollte…“

Das alles ist in Ordnung, nur wäre zumindest für Spiegel-Online Transparenz den Kunden gegenüber eine feine Sache. Denn ob Mitglied im Netzwerk Recherche (dem ich angehöre) oder Gegenrecherche: Freundschaftsdienste genügen wohl nur selten den journalistischen Selektionskriterien – genau deshalb hilft man sich ja.

Apropos Recherche und Freundschaftsdienste: Jan-Philipp Hein schreibt

Nimmt die Online-Welt das Fernsehen nicht mehr zur Kenntnis, weil fast nur noch Schwachsinn über die Mattscheibe geht? Sehen Blogger womöglich gar nicht fern? Medientheoretiker Norbert Bolz von der TU Berlin hält das für plausibel: „Kritik impliziert ein positives Werturteil.“ Im Klartext: „Fernsehen ist nicht mehr kritikwürdig.“

Natürlich hat Bolz nicht gesagt, Blogger würden nicht fern sehen, weil nur noch Schwachsinn läuft, wie es Hein intendiert. Mal ungeachtet dessen, dass die paar Blogger für eine neue Fernsehtheorie auch recht egal sein dürfen, sind doch viele von ihnen regelrechte Medienjunkies. Und so erläutert Norbert Bolz auf Anfrage, dass es ihm um etwas anderes ging: „Für Internetnutzer ist Fernsehen keine Autorität mehr. Wie viel Fernsehen man de facto schaut, hat mit dieser Einschätzung nichts zu tun.“

8 Gedanken zu „Die Beziehungs-Arbeiter

  1. Danke, dass ihr euch dessen angenommen habt. Schon beim Lesen war mir klar, dass das eigentlich nichts anderes sein kann als ein Gefälligkeitsartikel. Nach kurzem Googlen nach Hein war dann soweit alles klar. Anspruch und Realität klaffen hier doch etwas auseinander.

  2. Soll das jetzt der Beleg dafür sein, dass es genauso grottig geht?

    Aus dem Zitat, dass *Fernsehen* im Internet *fast* keine Rolle spielt, wird plötzlich die abweichende angebliche Behauptung, dass laut Hein im Internet *weder Fernsehen noch Fernsehkritik* eine Rolle (also gar keine Rolle) spielen würde.

    Außerdem soll Hein behauptet haben, im Fernsehen keine Fernsehkritik gefunden zu haben, woraus geschlossen wird, dass Fernsehen bei ihm wohl keine Rolle spiele. Diese Behauptung würde weniger lächerlich wirken, wenn Hein nicht explizit „Switch“ und „Kalkofes Mattscheibe“ als wenige Beispiele für Fernsehkritik genannt hätte.

    Dann soll sich angeblich erst laut Hein Harnasch „allein opfern“, dann wird kurz darauf sogar das Originalzitat von Hein gebracht, in dem Hein auf weitere Fernsehkritiker eingeht, was belegt, dass er das gerade nicht gesagt hat.

    Welche Relevanz hat das Humorverständnis von Harnasch? Fällt das nicht in die Zuständigkeit der Geschmackspolizei?

    Was soll der aufgebaute Strohmann, Harnaschs Gegenreden seien weder so lustig, noch so witzig oder so satirisch wie Kalkofes, wenn Hein das überhaupt nicht behauptet hat, sondern sogar ausdrücklich Unterschiede zu Kalkofe erwähnt? (Mich würde übrigens der Unterschied zwischen „lustig“ und „witzig“ interessieren.)

    Und wieso gibt es keine Beispiele, die die These von Hein widerlegen, wenn sie doch falsch und konstruiert sein soll?

    Mit einer derartigen Unmenge an falschen Tatsachenbehauptungen und verqueren Schlussfolgerungen sollte man die Bälle besser flach halten.

  3. @Heiko:

    „Welche Relevanz hat das Humorverständnis von Harnasch? Fällt das nicht in die Zuständigkeit der Geschmackspolizei?“

    Ist dir etwa noch nicht aufgefallen, dass sich die selbsternannte Spiegelkritik zu 90% auf Geschmacksfragen beschränkt? Dieser Beitrag ist mal wieder ein Pardebeispiel dafür.

  4. Ohne Kritik geht es aber leider auch nicht. Das ist so in etwa wie ohne SCHWARZ gibt es kein WEISS und ohne HOCH nun auch mal kein TIEF. Gegensätze braucht das Leben sonst würde es nicht funktionieren. Macht weiter so!

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