Gespiegelte Irrelevanz

Mathias Müller von Blumencron, ehemaliger Chef-Blogger und inzwischen Chefredakteur des Spiegel, hält Spiegelkritik.de für irrelevant und wirkungslos. Das hat er frühzeitig genug gesagt, um in seinem Heft 30/2008 in der kleinen Geschichte über die unpolitischen „Beta-Blogger“ Deutschlands journalistisch korrekt nicht weiter auf die Pimpfe einzugehen. Nicht klar ist allerdings, warum sich sein Blatt überhaupt mit Blogs beschäftigt.

Das Problem wird im Vorspann deutlich: da sprechen die drei Autoren – Markus Brauck, Frank Hornig und Isabell Hülsen – von Online-Schreibern, um dann fortan aber doch nur Blogger zu meinen, also die Nutzer eines stark vereinfachten und stets chronologisch sortierenden Content-Management-Systems (CMS).

Über diese Fokussierung auf eine Technik bin ich wenige Stunden vor Lesegenuss der „Beta-Blogger“ bei einem Telefonat gestoßen. Mal wieder schreibt eine Studentin ihre medienwissenschaftliche Abschlussarbeit über Blogs, und selbst die kleine Spiegelkritik wird dann befragt, – etwa einmal im Monat kommt eine solche Anfrage. Und da war sie dann wieder, diese dubiose Frage: „Wann haben Sie mit dem Bloggen angefangen?“ Mit dem Bloggen? Wen interessiert das, was kann man damit anfangen? Ich arbeite seit 1995 mit dem Internet und publiziere dort seit 1997 – in Dutzenden Projekten. Ich habe sowohl „Online-Tagebücher“ als auch komplette News-Sites in HTML geschrieben und täglich etliche Male mit Dreamweaver aktualisiert. Dann kamen (Web-)CMS. Und irgendwann war auch WordPress dabei. Aber es war mit Sicherheit kein besonderer Tag, keine Wende, kein Sprung oder Flug in eine neue Dimension.

Als Bildblogger Christoph Schultheis noch bei seinen Vorträgen erklären musste, was Blogs sind und was Bildblog macht, habe ich einmal – es war in Wiesbaden – gefragt, was denn an Bildblog nun der die das Blog sei – und nur Achselzucken im ganzen Raum als Antwort bekommen. Denn natürlich gab es schon längst Medienmagazine im Internet, auch monothematische. Aber die nannten sich nicht Blog, weil sie eine andere Software genutzt haben oder schlicht nicht wussten, dass sie gerade einen Hype verpassen. Es war der damalige Online- und heute Ganz-Spiegel-Chef Mathias Müller von Blumencron, der die Klassifizierung einmal damit karikierte, dass er sprach: „Wir machen ein Blog, das ist Spiegel Online.“

Natürlich kann man mal einen neuen Technik-Trend thematisieren, auch im großen Spiegel-Rahmen – wenn denn irgendwie die Relevanz erkennbar wird. Schließlich sorgt jede Thematisierung dafür, dass anderes unbeachtet bleibt – nicht nur Druckseiten sind begrenzt, auch die Konsum-Lust, die Zeit, der gute Wille der Rezipienten sind endlich.

Aber was ist relevant? Jedenfalls nicht, was Menschen bewegt. Jeder pupsige Gemeindebrief hat mehr Leser als fast alle Blogs – von ihrer „Meinungsmacht“ ganz zu schweigen -, und doch gab es im Spiegel zu dem Stichwort in den letzten 15 Jahren von einer Randbemerkung abgesehen nur zwei bescheidene Schenkelklopfer im Hohlspiegel. Der Spiegel dürfte jede Woche mehrere tausend Leserbriefe erhalten – von denen uns nur ein Bruchteil stark bearbeitet und nach nicht-öffentlichen Kriterien ausgewählt publik gemacht wird. Wo ist das Summary all der engagierten Äußerungen, wo die Auseinandersetzung damit, die Antwort auf Kritik, die Reaktion auf Vorschläge, die Debatte mit den Nicht-Anteilseignern des Spiegel?

Denn warum sonst sollte man sich als Journalist mit Blogs beschäftigen, wenn nicht um andere Publikationen zur Kenntnis zu nehmen? Natürlich bietet das Internet Partizipationsmöglichkeiten – aber nur soweit, wie auch zur Kenntnis genommen wird, was dort geschieht. Das unterscheidet aber das Netz nicht von Papier, Blogs nicht von Schülerzeitungen, den Spiegel nicht von der – um mal in der Verbreitung nach oben zu gehen – ADAC-Motorwelt.

Journalismus leidet bei uns in weiten Teilen an einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Er beschäftigt sich mit Pipifax und lässt das Großeganze außen vor. Deshalb wird auch über jeden Parteitag berichtet, obwohl die ausrichtenden Sekten schon lange nicht in der Lage sind, politischen Willen zu artikulieren. Aber es ist so einfach, sich mit ihnen zu beschäftigen: wenig Aufwand, geringe Kosten – aber volle Medien. Viel anstrengender ist es, die unglaublich vielen Bürgervereinigungen zur Kenntnis zu nehmen, Diskussionsforen zu lesen, sich mit Petitionen zu befassen, die vielen, vielen Experten zur Kenntnis zu nehmen, die sich hobbymäßig für eine Sache engagieren.

So resümiert der Spiegel denn in seiner Beta-Blogger-Geschichte auch konsequent falsch:

„Blogs bleiben ein Nischenprodukt. Mal lustig, mal interessant. Sehr oft mit nichts als sich selbst beschäftigt. Aber insgesamt ohne große Bedeutung. Man spricht nicht darüber.“

Man spricht nicht darüber, weil unsere bedeutungslosen Alpha-Journalisten nur die personalisierbare Einzelgeschichte suchen. Unter anderem den einzelnen Blogger, über dessen Hybris oder wenigstens Arbeitszimmer sich doch irgendwie eine Geschichte machen lassen muss.

Der Spiegel-Logik folgend erwartet uns wohl in Kürze ein Beitrag über das ach so überschätzte Familiengespräch: keine relevante Werbevermarktung, keine Resonanz in der Welt-Presse – das Geschwätz an deutschen Küchentischen ist – noch vor dem Stammtisch, der wenigstens rhetorisch Erwähnung findet – „ohne große Bedeutung“.

In Wahrheit manövriert sich allerdings ein Journalismus in die Bedeutungslosigkeit, der alles ignoriert, was Menschen bewegt, der noch daran glaubt, selbst die Agenda zu setzen und die Hürden aufbauen zu dürfen, über die springen muss, wer irgendwie ins Blatt will.

Dass der Spiegel zu dieser Hybris neigt, zeigt beispielhaft der Beta-Blogger-Text – aber auch die Diplomarbeit von Katja Schönherr „Medienwatchblogs als journalistische Qualitätskontrolle“.

Die Arbeit wurde bereits im Mai 2007 fertiggestellt, liegt mir aber erst seit kurzem vor. Katja Schönherr stellt u.a. Ergebnisse ihrer Inhaltsanalyse von sechs Medienblogs vor: BILDblog, Dailyerror, Spiegelkritik, Meckern (Zeit), Österreich-Blog (offline) und Krone-Blog.

Ferner hat sie mit Vertretern der gewatchblogten Medien Leitfadeninterviews geführt.

Nun liegt der ganzen Arbeit, wie schon der Titel verrät, eine sehr fragwürdige Aufgabenzuschreibung für Medienblogs vor. Denn „Qualitätskontrolle“ ist wahrlich nicht die Aufgabe von Medienjournalismus – dafür stehen ja bisher nicht einmal brauchbare Qualitätsstandards bereit. Zumindest wir bei Spiegelkritik wollen wahrlich kein kostenloses Außenkorrektorat für den Spiegel sein, und Fact Checking haben wir bei unseren eigenen Projekten genug. Doch die Erwartung ist weit verbreitet. Jedes Kollegengespräch über Spiegelkritik führt innerhalb der ersten Minute zu der Frage: „Und, was sagt der Spiegel dazu?“ Und selbst ein dpa-Mitarbeiter schreibt, so er richtig wiedergegeben ist, Medienblogs die Aufgabe zu, Nachrichten zu überprüfen, weshalb er Spiegel-Online für ein bedenkliches Leitmedium hält, das nicht wie BILD durchs BILDblog überprüft werde (ich war zwar bei der NR-Konferenz, aber nicht bei diesem Panel).

Es ist Hybris oder schlicht Unverstand zu meinen, Medienjournalismus geschehe den Medien zuliebe. Eine Buchrezension schreibt man doch auch nicht für den einen Buchautor, sondern für die (potenziellen) Buch-Leser.

Katja Schönherr konstatiert:

Nach Auswertung der Leitfadeninterviews zu Spiegelkritik, DailyError und Krone-Blog sind diese drei Blogs als wirkungslos zu betrachten. Spiegelkritik scheint dabei noch das bekannteste zu sein, weil es auch von anderen Befragten erwähnt wurde. Hier wird der fehlende lange Atem zum Manko: Mit kurzen Überprüfungsrecherchen kommt das Blog nicht an gegen die redaktionsinternen Kontrollmechanismen des Spiegel, wo Fehler ohnehin nicht so offensichtlich sein dürften wie bei Boulevardblättern. SpiegelOnline, repräsentiert durch Mathias Müller von Blumencron, hält die kritisierten Aspekte nicht für relevant genug, als dass sie Korrekturen bedürften.

Mal abgesehen davon, dass das Korrekturverständnis beim Spiegel für Fremde ohnehin schwer zu verstehen it: es ist absolut nicht unsere Intention, den Spiegel zu irgendetwas zu bewegen. Spiegelkritik ist ein klitzekleiner Beitrag zur Medienkritik. Dabei ist das meiste, was wir aufgreifen, nur beispielhaft. Die diskutierten Beiträge, journalistischen Standards oder Dogmen sind so auch bei vielen anderen Medien zu finden. Der Spiegel bietet aber ob seiner weiten Verbreitung eine gute Grundlage.

Natürlich weisen wir auch mal auf Fehler hin: wenn sie uns anspringen und sie eine Veröffentlichung wert sind (wobei die Latte dafür inzwischen sehr niedrig hängt, nachdem Spiegel-Online bei der Konkurrenz jeden Stripe zum Skandal aufbläst). Das sind aber nicht mehr als Hinweise darauf, dass selbstredend auch im großen Spiegel nicht alles stimmt. Es ist aber überhaupt nicht unsere Absicht, besonders viele Fehler zu entdecken. Es geht um die Funktion von Journalismus – „Richtigkeit“ ist nur einer von vielen Aspekten.

Die Forschungserkenntnis, dass der Spiegel den Blog spiegelkritik nicht zur Kenntnis nimmt, ist für uns weder neu noch überraschend – es ist ganz bestimmt so.

Hinsichtlich der Frage „Wie beurteilen Kritisierte die sie beobachtenden Medienwatchblogs?“ lässt sich für DailyError und Spiegelkritik sagen, dass sie von den Befragten als irrelevant und wirkungslos erachtet werden. Spiegelkritik hatte es lediglich mit einem Eintrag vermocht, den befragten Spiegel-Redakteur zu einer Überprüfung eines Fakts zu bewegen, der sich als richtig herausstellte. Er besucht es seither nicht mehr und hält es für zu „gewollt“. Mathias Müller von Blumencron findet, es würden zu viele Kleinigkeiten thematisiert.

Der Spiegel schreibt:

In Deutschland sind die vielen Hände der Amateure ziemlich leer. Blogs bleiben ein Nischenprodukt. Mal lustig, mal interessant. Sehr oft mit nichts als sich selbst beschäftigt. Aber insgesamt ohne große Bedeutung. Man spricht nicht darüber.

Mit „man“ sind wohl die Spiegel-Redakteure gemeint. Denn natürlich spricht sonst wer darüber, mögen es auch zu jedem Blog nicht viele sein. Sehr schön hat das gestern Olaf in einem Beitrag auf jonet formuliert:

Ein einzelnes Blog mag nicht journalistisch sein. Viele Blogs hingegen, und das ist der Witz, den auch der Begriff der Blogosphäre nur unzureichend zu fassen bekommt, verdichten die Subjektivität der Einzelmeinungen schnell zu einem – mmja, – interaktiven Kosmos der persönlichen Meinungsbildung.

Und *zack* haben wir etwas, das journalistische Funktionen erfüllt, auch wenn nicht jedes einzelne Blog journalistisch geführt wird. Und ja, wir befinden uns da erst am Anfang einer sehr interessanten Entwicklung, zumal in Deutschland, wo es um die Diskussionskultur im öffentlichen Bereich nun wahrlich nicht gut bestellt ist.

Es geht nicht darum, einen einzelnen Blog zur Kenntnis zu nehmen. Es geht darum, als Journalist eine Ahnung von den vielfältigen Debatten, Berichten, Ideen, Kritiken, Aktionen zu haben, die kund getan werden, u.a. in Blogs. Dabei muss niemand Spiegelkritik lesen, und auch die im Spiegel namentlich Geschmähten darf man durchaus übersehen, für irrelevant halten, einfach nicht mögen. Aber unterm Strich sollten Journalisten, die sich mit Gesellschaftsthemen im weitesten Sinne beschäftigen, doch wissen, dass da was läuft. Davon ist der Beitrag „Die Beta-Blogger“ weit entfernt.

4 Gedanken zu „Gespiegelte Irrelevanz

  1. Schon der Titiel ‚Gespiegelte Irrelevanz‘ verspricht eine geballte Ladung an Information über das Umgehen mit Kritikern in der Brandswiete 19.

    Langsam scheint die Masche Blumencrons nicht mehr nachhaltig zu ziehen und Armin Mahler verkündet aufrichtig zur Berufung Ove Saffes, dass er den SPIEGEL und seine Kultur aus eigenem Erleben kennt. Dann erwarten wir mal die neue alte Kultur des SPIEGEL, wenn die anders ist als die aktuell in SPIEGEL ONLINE gezeigte…

  2. „Blogs sind ja soooo irrelevant, die beachten wir gar nicht“, schreibt der Spiegel. Und weil sie soooo irrelevant sind und gar nicht beachtet werden, muss auch noch eine Studie her, die natürlich zu dem Ergebnis kommt: „Blogs sind irrelevant und werden überhaupt nicht beachtet.“ Mein Gott, Ihr Blogger, wann erkennt Ihr endlich, wie irrelevant Ihr seid und dass Ihr überhaupt nicht beachtet werdet? Wie bitte? Ihr wollt trotzdem weiterschreiben? Obwohl Ihr vollkommen irrelevant seid und von fast niemand beachtet werdet? Wer soll das begreifen? Journalisten, die ja soooo relevant sind und außerdem von fast allen beachtet werden, bestimmt nicht, wie man unschwer erkennen kann.

  3. Pingback: Duckhome

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