Die ewig falsch verstandene „Polizeiliche Kriminalstatistik“

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Henning Ernst Müller*)

Das Thema Kriminalität, insbesondere Jugendkriminalität, ist ein sensibler Bereich in der öffentlichen Auseinandersetzung. Auch wenn die Forderung nach Verschärfung des Jugendstrafrechts in den jüngeren Landtagswahlen nicht entscheidend geworden ist, steht sie nach wie vor auf der politischen Agenda weit oben.

Unter dem Titel „So kriminell ist Deutschland“ gibt Florian Gathmann auf Spiegel Online Erkenntnisse aus der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) 2007 wieder und will zeigen „wo Deutschlands Kriminalitätshochburgen sind“.
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Vorangestellt wird die „wichtigste Erkenntnis“ der neuen Kriminalstatistik: „Immer mehr Jugendliche sind gewalttätig“.
Indes verkennt Gathmann die Aussagekraft der polizeilichen Statistik schon hier. Wie auch in der Statistik selbst nachzulesen ist – kann die PKS nur eine sehr eingeschränkte Aussage zur realen Kriminalität in Deutschland treffen. Die PKS ist eine Statistik der polizeilichen Tätigkeit auf dem Gebiet der Strafverfolgung. Die Erfassung der realen Kriminalität ist schlicht nicht ihre Aufgabe.
Diese Statistik gibt nur wieder, was durch Strafanzeigen (ca. 90 %) und eigene Kontrolltätigkeit den Verfolgungsbehörden an Delikten bekannt geworden ist.
So heißt es dort auch ganz richtig: „Wenn sich z. B. das Anzeigeverhalten der Bevölkerung oder die Verfolgungsintensität der Polizei verändert, so kann sich die Grenze zwischen Hell- und Dunkelfeld verschieben, ohne dass eine Änderung des Umfangs der tatsächlichen Kriminalität damit verbunden sein muss.“ (BKA, PKS 2007, S. 2)

In Deutschland fehlt es nach wie vor an einer systematischen und regelmäßig durchgeführten Untersuchung der realen Kriminalität. Vor diesem Hintergrund verwundert es, wie viele Journalisten Jahr für Jahr wieder kriminalstatistische Daten missinterpretieren und ihre Fehlschlüsse als Realität weitergeben.

Inwieweit man von der polizeilich registrierten Anzahl der Delikte auf tatsächliche Kriminalität schließen kann, ist von Deliktsbereich zu Deliktsbereich ganz unterschiedlich. Delikte, bei denen der Schadenersatz durch Versicherungen von einer Strafanzeige abhängt (insbesondere Delikte im Zusammenhang mit Kraftfahrzeugen) werden wohl in der Häufigkeit beinahe realitätsgetreu in der Polizeistatistik abgebildet.
Bei anderen Delikten hängt es ganz entscheidend vom Anzeigenverhalten ab, ob ihre statistisch registrierte Anzahl steigt oder sinkt. Die Annahme, man könne von einem auch nur annähernd konstanten Verhältnis zwischen Statistik und Realität ausgehen, ist offenkundig falsch. Dies gilt für die Jugendkriminalität ganz besonders.

Ganz unabhängig von der Entwicklung der weit höheren realen Deliktsanzahl, kann die Zahl in der Statistik steigen oder fallen. Wenn nur die Anzeigebereitschaft um einen geringen Prozentsatz steigt, bildet die Statistik dies als dramatischen Anstieg der Fallzahlen ab. Wenn also die Zahl der Körperverletzungen jugendlicher Täter in diesem Jahr um einige Prozent steigt, bedeutet dies nicht, dass die Zahl dieser Delikte in der Wirklichkeit gestiegen ist. Es finden sich erhebliche Indizien dafür, dass in den letzten Jahren nicht die Zahl der Körperverletzungen Jugendlicher gestiegen ist, sondern die Anzeigenhäufigkeit, so dass aus dem Dunkelfeld mehr Delikte in das Hellfeld der Statistik gelangt sind. Auch Dunkelfelduntersuchungen aus den letzten Jahren sprechen für eine weitgehende Konstanz oder sogar einen Rückgang der realen Jugendgewalt (vgl. dazu Heinz, ZJJ 2008, 88 mit weiteren Quellenangaben). Da die meisten Opfer von jugendlichen Körperverletzungen andere Jugendliche sind, spricht viel dafür, dass gerade unter Jugendlichen die Ablehnung der Gewalt und die Tendenz, die Polizei einzuschalten, zugenommen hat. Dann ist nicht steigende Gewaltbereitschaft, sondern möglicherweise die geringere Bereitschaft jugendlicher Opfer, Gewalt hinzunehmen, für die steigenden Zahlen in der Kriminalstatistik verantwortlich.

So wird auch in der Polizeilichen Kriminalstatistik selbst konstatiert:
„Der Anstieg der registrierten Gewaltkriminalität und der vorsätzlichen leichten Körperverletzung lassen sich zum einen auf ein insgesamt gestiegenes Gewaltpotential in Teilen der Gesellschaft und zum anderen auf eine auch durch polizeiliche Sensibilisierung erhöhte Anzeigebereitschaft der Bevölkerung und eine Intensivierung der polizeilichen Ermittlungstätigkeit zurückführen, die wiederum in Änderungen gesetzlicher Rahmenbedingungen (Reformen des Sexualstrafrechts, Einführung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung, Gewaltschutzgesetz) und damit einhergehend in einer stärkeren Sensibilisierung der Öffentlichkeit gegenüber Gewalt begründet ist.“ (BKA, PKS 2007, S. 7)

Gathmann hat diese differenzierten Zusammenhänge ausgeblendet.

*) Professor für Strafrecht, Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug,
Universität Regensburg

4 Gedanken zu „Die ewig falsch verstandene „Polizeiliche Kriminalstatistik“

  1. Es gab schon vor Jahren ein sehr gutes Buch zum Thema: „Zwischen Ghetto und Knast“. Dort wurde eingehend erläutert, wie Kriminalstatistiken zu lesen sind. Insbesondere wurde darauf Wert gelegt, dass man zwischen Statistiken mit Tatverdächtigen und Verurteilten unterscheiden muss – das wird in der Presse ständig vernachlässigt.
    Dann kommt, gerade bei den Tatverdächtigen, die Frage der Anzeigehäufigkeit hinzu. Nichtdeutsche werden eher angezeigt.
    Grober Fehler: eine Statistik, die nicht berücksichtigt, dass bestimmte Delikte nicht von Deutschen begangen werden können – z.B. Aufenthalt außerhalb eines Landkreises bei Asylbewerbern oder Geduldeten.

    Richtig interessant wird es, wenn dann von der Statistik der Verurteilten auf die Kriminalitätsbelastungszahl umgerechnet wird. Dabei ist zu berücksichtigen, wie die Altersverteiltung in einer Gruppe ist. Wenn also vermehrt jugendliche Ausländer verurteilt werden, kann das auch daran liegen, dass ihre Altersgruppe in der Gruppe der ausländischen Einwohner weit höher vertreten ist, als bei den Deutschen. Wurde damals mit männlichen jungen Erwachsenen durchgerechnet, da war das Ergebnis dann recht erstaunlich.

    Leider findet man selten eine wirklich fundierte Auswertung mit den polizeilichen Statistiken.

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