Demokratie im journalistischen Paralleluniversum

Der Auftakt verhieß schon nichts Gutes. „Demokratie“ sollte die Serie also schlicht lauten, und das „o“ im Signet ist angekreuzt – Demokratie ist Wählen, ist Ankreuzen, Stimme abgeben. Der erste Beitrag in Heft 19/2008 (S. 38-44) kommt unter der Überschrift „Das Kreuz mit der Demokratie“ daher. Da war auf die in der Einleitung gestellte Frage: „Wie können sich Deutschland und die internationalen Institutionen reformieren, damit die Demokratie neuen Schwung gewinnt?“ nicht viel zu erwarten. Sinkende Wahlbeteiligungen werden denn auch als „schwindendes Interesse“ graphisch fehlinterpretiert, Demokratie „im westlichen Sinne“ wird zum „Versprechen auf Gerechtigkeit und Mitbestimmung“ reduziert, die Welt in „frei“, „teilweise frei“ und „nicht frei“ arealisiert. So einfach ist der Spiegel- Globus, auf dem Paraguay schlicht das „Reich der pfannkuchenflachen Pampas“ ist.

Diese Woche sollte es dann um „die prekäre Demokratie in Deutschland“ gehen, versprach die Weekly-Soap-Vorschau, doch schon der Vorspann macht klar, dass hier nicht journalistisch Probleme recherchiert, sondern religiös Dogmen zelebriert werden:

„Die Demokratie in Deutschland lebt, aber sie zeigt Abnutzungserscheinungen, während weltweit autokratische Staatsformen triumphieren. Zu selbstverständlich wird genommen, was jeden Tag gepflegt sein will.“

Oh Gott! Politiker-Litanei also, in einer Art Girls-Day mal nicht aus Bundestag oder Bundespressekonferenz, sondern dem Spiegel-Haupstadtbüro. Dirk Kurbjuweit und Christoph Schwennicke hätten bereits hier „Amen“ sagen können und mit den überflüssig folgenden sieben nicht Anzeigen bepackten Seiten ihre Spiegel-Anteilseigner-Rendite verbessern können. Stattdessen wird ein Demokratie-Credo entfaltet, das es in dieser Banalität nichtmals auf den stets veralberten evangelischen Kirchentagen gibt.

Dabei ist es durchaus ein überraschender Ansatz, für einen Essay auf die Straße zu gehen, sein Büro zu verlassen und zu schauen, zu fragen, eventuell auch zuzuhören. Allerdings nur, wenn man wirklich etwas erfahren möchte, wenn man neugierig ist auf die Welt da draußen, auf das wie auch immer empfundene Ticken der Menschen. Und wenn man nicht die Wahllosigkeit Regie führen lässt, sondern mit eigenen Fragen auf Recherchetour geht.
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