Archiv für den Monat März 2008

Spiegel heizt Atom- und Kohlekraftwerke an

Donnerstag, 13. März 2008

Deutschland braucht mehr Atomkraftwerke. Welche Aktien der Spiegel dabei im Spiel hat, weiß ich nicht, aber sein Credo klingt konstant überzeugt. “Mit Volldampf in den Notstand” ist ein neuer Artikel betitelt, der eindringlich davor warnt, dass in Deutschland bald das Licht ausgeht und es aller Erderwärmung zum Trotz kalt wird. Einzige Rettung: Ausstieg aus dem Atomausstieg und neue Kohlekraftwerke.

Dem Artikel widersprich Wissenschaftsjournalist Björn Lohmann heftig – wundert sich aber erst mal:

Warum gleich drei Journalisten an dem Text gearbeitet haben, ist angesichts der einseitigen Darstellung kaum zu verstehen; noch dazu, weshalb einer beim Spiegel die Außenpolitik macht, ein anderer sich sonst im FAZ-Feuilleton austoben darf.

Und stellt dann den recht einseitig vom Spiegel ausgewählten Statements andere Positionen und Daten entgegen.

Problematischer allerdings ist die Spiegel-Grundhaltung, nach Herzenslust immer wieder die selben Themen durchzunudeln, ohne jemals selbst soviel Klarheit zu gewinnen, dass der Spiegel seinen Lesern ernsthaft Durchblick verschaffen könnte. Da schreiben die drei Autoren:

Denn ziemlich lange ist Energiepolitik in Deutschland gleichbedeutend mit Klimapolitik gewesen. Die dramatischen Erkenntnisse der Naturwissenschaftler einten alle Parteien in dem Ziel, erneuerbare Energiequellen auszubauen. Nun dämmert der Berliner Politik, dass darüber eine entscheidende Frage unbeantwortet geblieben ist: Woher genau 70 Prozent des Stroms stammen sollen, wenn das hehre grüne Ziel erreicht ist, 30 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen zu beziehen und die technische Effizienz zu maximieren.

Natürlich kann man bei einem Hausbrand Bedenken hinsichtlich der durch die Rettungs- und Löschtätigkeit in Mitleidenschaft geratende Vorgartenlandschaft hegen, für einen behutsameren Feuerwehreinsatz votieren oder auch ganz von der Brandbekämpfung abraten, der Primeln wegen. Doch alle Lokaljournalisten der Welt habe diese wichtige Dialektik bereits durch, und deshalb können sie sich und uns solchen Schmarrn ersparen.

Dass der Journalismus unterm Strich ein gutes Jahrhundert lang versagt hat, als er der Nutzung fossiler Brennstoffe eben nicht die hoch-investigative Recherchefrage entgegen schleuderte, welche Folgen es wohl haben wird, wenn Jahrmillionen währende Naturprozesse binnen eines erdgeschichtlichen Lidschlags rückgängig gemacht werden, – geschenkt (aber nicht, weil man hinterher immer schlauer ist, sondern weil das Nichtfagen ja auf allen Ebenen auch von uns praktiziert wird). Nun aber ist die Frage gestellt und hinreichend beantwortet worden, da wäre es eine vertrauenbildende Maßnahme, wenn’s auch Spiegel-Journalisten zur Kenntnis nähmen.

Der Beschluss, die Atommeiler vom Netz zu nehmen, war ein kurzer demokratischer Moment, der eine jahrzehntelange Politikeraristokratie unterbrach: nie gab es eine Mehrheit für Atomkraftwerke, immer dominierte die Angst vor dieser besonders perfiden Art des Geldverdienens. Wieviele Jahre lasse ich meine Haustür weiterhin offen stehen, wenn ich weiß, dass ich mich mit geschlossener Tür nachts sicherer fühle? Brauche ich Wahrscheinlichkeitsprognosen für den Besuch böser Menschen oder wissenschaftliche Aufklärung über die Vorzüge frischer Luft? Und wie viele Spiegel-Artikel wollte ich lesen, die den neuen Öko-Trend zur geschlossenen Haustür veralbern und als wahre Gefahrenquelle das gekippte Klofenster entlarven?

Es geht nicht darum, wie sich einzelne Spiegel-Redakteure oder Spiegel-Kritiker die Welt wünschen. Aber es wäre verdienstvoll, wenn der Spiegel uns nicht immer wieder abgefrühstückte Buffets anbieten würde. Sonst müssen wir uns demnächst vielleicht rechtfertigen, wieso wir den Standort Deutschland mit unserem Nein zur Sklaverei gefährden.

Mit bestem Dank an Lars.
PS: Ebenso die Kurzmeldung im Print-Spiegel 11/2008, Seite 19

Hessische Parlaments-Vorpremiere im Spiegel-Feuilleton

Samstag, 08. März 2008

Im letzten Monat sinnierte epd Medien über die “Verfloskelung der Nachrichten”, in der jedes Ereignis auf Formeln zurechtgestaucht wird. Was Spiegel-Online zu Regierungsbildung in Hessen schreibt, ist entweder formvollendeter Sprachmissgriff oder totales – vielleicht sogar bewusst inszeniertes – Unverständnis von Politik, vorausgesetzt, man sieht Journalismus noch als Informationsvermittlung für die öffentliche Kommunikation.

ypsilanti-debakel.jpg
Was ist passiert? Eine Abgeordnete des neuen Parlaments kündigt an, sie werde sich ans Grundgesetz halten und bei der Wahl eines Ministerpräsidenten / einer Ministerpräsidentin nicht der gegenwärtigen Parteilinie folgen, für Andrea Ypsilanti zu stimmen.
“Ypsilanti am Ende – Beck in Erklärungsnot” macht Spiegel-Online daraus als Headline zum Stichwort “Hessen-Debakel”. Das gesamte journalistische Versagen steckt bereits im ersten Satz:

“Was für ein Scheitern: Die einsame Abgeordnete Dagmar Metzger hat Andrea Ypsilantis rot-rot-grüne Regierungsträume beendet.”

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Lesebeute: Mac- und SPD-Freunde mit Spiegel unzufrieden

Mittwoch, 05. März 2008

(Diesmal besonders gut abgehangen)

  • “Und warum schreiben bei dir [Spiegel] eigentlich immer genau die Redakteure über den Mac und seine Nutzer, die davon offensichtlich am wenigsten Ahnung haben?”

    Fragt Hendrik Auf’mkolk leserbrieflich in Macnotes.

  • Stefan Niggemeier hat Spiegel-Wissen getestet – natürlich anhand der Berichterstattung über Springer. Und weil’s gerade so schön passt: beschränkt auf das Jahr 1968.
  • Mit der Spiegel-Berichterstattung über SPD und Linke befasst sich der Vieldenker, der eine Anti-Beck-Kampagne sieht (und sich in einem PS noch mit der Frage befasst, ob Spiegelkritik(en) überhaupt Sinn ergeben).
  • Die junge Welt sieht in einem Spiegel-Online-Artikel über die Ausbildung von Kindersoldaten in Afghanistan durch die Bundeswehr Kaltschnäuzigkeit
  • Als Anfang Februar (oh ja, so lange schon keine Lesebeute mehr …) beim Spiegel endlich der Chefredakteurswechsel vollzogen war, unterbrach Spiegel-Online kurz das Schweigen in eigener Sache – allerdings entsprach der Text wörtlich der Pressemitteilung des eigenen Hauses.
  • Nett wie immer und dieses Mal zum Thema empfohlen: das Altpapier der Netzeitung
  • Eine Fehlinterpretation der BILD-Zeitung zum gesunkenen Straßenverkauf des SPIEGEL korrigiert zuständigkeitshalber das BILDblog: Nein, den Personalquerelen lässt sich kein dramatischer Absatzeinbruch entnehmen.
  • Matthias Matussek ist mit dem Goldenen Prometheus im Blogger-Olymp angekommen und wartet nun auf seine nächste Beauftragung der Vorsehung – herrlich anzusehen in seinem “Kulturtipp”.
  • Das Rumoren der Mario-Frank-Unbegeisterten hat der Tagesspiegel in reichlich Worte gefasst.
  • Auch in Düsseldorf, Frankfurt und Hamburg gibt es den Spiegel künftig erst am Montag – die erst im letzten Sommer eingeführte Sonntagszustellung entfällt dort (Horizont).
  • Ein Porträt des neuen Chefredakteurs Mathias Müller von Blumencron: der Außenminister (im Tagesspiegel)
  • “Gott sei Dank dürfen wir Kiffer-Fotos jetzt herausgeben” war ein Interview mit Marcus Riecke, Studi-VZ, zunächst überschrieben, nach Protest des Gesprächspartners wurde das Zitat geändert – klingt allerdings nicht weniger befremdlich: “”Gott sei Dank dürfen wir bei Ermittlungsersuchen Daten jetzt herausgeben”
    StudiVZ regt sich komisch auf. Torsten Kleinz karikiert die Riecke-Antwort und geht auf die verkürzte Überschrift ein. Aber niemand karikiert die Spiegel-Online-Fragen, die vollkommen wild mal nach Userschutz, mal nach totaler Überwachung fahnden.

  • Korinthe (58): Lenins Leningrad

    Sonntag, 02. März 2008

    Leningrad.jpg

    Staatsgründer Lenin gar pries Iwanowo als dritte proletarische Hauptstadt nach Moskau und Leningrad.

    Diesen kleinen Lapsus kommentiert Daniel hier.

    Korinthe (57): Russische Prozente

    Sonntag, 02. März 2008

    pozentrechnung-spon.jpg
    Dem Vergleich soll offenbar eine Rechnung zugrunde liegen.

    “Während der schmerzlicher Reformen der Jelzin-Jahre verloren die Russen im Schnitt 60 Prozent ihrer Realeinkommen. [...] Jeder Deutsche stelle sich vor, dass er Jahr für Jahr zwölf Prozent weniger Einkommen hat und das ein halbes Jahrzehnt lang.”

    12 mal 5 ist in der Tat 60. Aber wenn man von einem Betrag X fünf Mal 12% abzieht, hat man nicht 60% abgezogen, sondern etwa 47,23%. So wie beim Zinseszins die Rechenbasis immer größer wird, wird sie hier natürlich von Jahr zu Jahr kleiner. Im zweiten Jahr zieht man 12% ja bereits von (X – 12%) ab. Damit man über 5 Schritte (mit einer gleichbleibenden Verlustrate) 60% verliert, ist in jedem Schritt eine Verlustrate von ca. 17% nötig.

    Mit Dank an unseren Sonntagsrechner Sebastian, der sich an solchen Stellen ein besseres SpOn-Lektorat wünscht, das wenigstens über die Mathematik höherer Schulklassen verfüge.

    Theaterkritik: Michael Naumann und der Enthüllungs-SPIEGEL

    Samstag, 01. März 2008

    Ein Gastbeitrag vom Politik-Echo

    Michael Naumann neigt nicht zu drastischen Worten: Seinen Ärger über Kurt Beck kleidete er nach der Hamburg-Wahl zunächst in vorsichtige Worte: “Hilfreich war es sicher nicht”, kommentierte er die nach außen gesickerten Pläne des SPD-Chefs, mit den Stimmen der Linken Frau Ypsilanti zur Hessischen Ministerpräsidentin wählen zu lassen.

    Doch dann legte der ZEIT-Herausgeber in den SPD-Gremien nach: “Wir waren auf der Überholspur, doch dann kam ein LKW aus Mainz und hat alles platt gemacht.” Wie von Naumann gewünscht, wurde dieser Satz nach außen kolportiert – und von SPIEGEL-Online dankbar aufgegriffen. Auch jede andere Form der Kritik hätte die vertrauliche Runde verlassen, deshalb wählte Naumann lieber gleich ein schönes Bild, um seinem Ärger Luft zu verschaffen.

    In einem persönlichen Brief an Beck erläuterte Naumann seinen Unmut: Statt mit jener Geduld weiter zu arbeiten, die unser – und doch auch Dein! – Hamburger Programm charakterisiert, hast Du aus riskantem Kalkül und vor allem zum falschen Zeitpunkt das Tor für die Linkspartei in Westdeutschland zum Einzug in die scheinbare Respektabilität geöffnet.”

    Welch Wunder: Dem SPIEGEL liegt der Brief vor. Und Naumann, der den Hunger seiner Zunft nach solchen Informationen kennt, gibt sich naiv, wie auf SPIEGEL-Online nachzulesen ist:

    Der Hamburger SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann ist erschüttert darüber, dass Inhalte seines Beschwerdebriefes an Beck bekannt geworden sind.

    “Ich bin fassungslos”, sagte Naumann dem Sender NDR 90,3. Er sei entsetzt, dass richtige Zitate aus dem absolut vertraulichen Brief erschienen. “Ich habe das nicht veröffentlicht”, beklagte sich Naumann. An weiteren Spekulationen wolle er sich jedoch nicht beteiligen.

    So revanchiert sich SPIEGEL-Online für den zugespielten Brief: Naumann wird brav zitiert, er sei “fassungslos” über seine – natürlich gezielte – Indiskretion. Dabei hätte der Griff zum Telefonhörer die Vertraulichkeit gesichert.

    So führt Naumann mit Hilfe von SPIEGEL(-Online) ein Schauspiel auf, das der normale Leser kaum durchschauen kann.


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