“Versorgungslücke” – Energie-Lüge beim Spiegel

Ein Kommentar von Henrik Paulitz

Seit Jahrzehnten schon beschäftigen die großen Energiekonzerne Politiker, Journalisten und die interessierte Öffentlichkeit mit einer Energie-Lüge nach der anderen. Noch in den 1990er Jahren wurde behauptet und zehntausendfach in den Medien wiedergegeben, erneuerbare Energien könnten auch langfristig maximal vier Prozent zur Stromversorgung beitragen. Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen glaubten diesen Unsinn. Fakt ist, dass die erneuerbaren Energien heute bereits zu 15 Prozent zur Stromversorgung Deutschlands beitragen, in Sachsen-Anhalt sind es schon mehr als 35 Prozent. Für Hessen wurde in einer aktuellen Abschätzung exemplarisch gezeigt, dass bis zum Jahr 2025 – also in nur 17 Jahren – der Strom zu 100% aus erneuerbaren Energiequellen bereitgestellt werden kann. Das Gleiche ist bundesweit problemlos möglich.

Haben die Propheten aus der Energiewirtschaft, der Politik und den Medien ihre fehlerhafte Prognose jemals offiziell korrigiert? Haben diejenigen, die diese 4-Prozent-Prognose wider besseren Wissens verbreitet haben, jemals zugegeben, dass sie die Öffentlichkeit jahrelang systematisch belogen haben?

In den vergangenen Jahren beschäftigte man die Öffentlichkeit schließlich mit einer völlig verlogenen Klimadebatte, im Zuge derer man sogar neue Kohlkraftwerke begründen wollte und suggerierte, man könne und wolle das ganze CO2 in den Untergrund Deutschlands pumpen.

Und schon geht das illustre Unterhaltungsprogramm der gezielten Desinformation in die nächste Runde: „Spiegel Online“ warnt nun panisch vor einer „dramatischen Versorgungslücke“, wenn man aus Kohle und Atom aussteigt. Auch dieser neueste Unsinn dürfte in den nächsten Monaten und Jahren mit Unterstützung gut bezahlter „Experten“ vielfach in den Medien wiedergegeben werden.

Tatsächlich aber ist die Versorgungssicherheit Deutschlands vornehmlich dadurch gefährdet, dass die Energiekonzerne noch immer auf den Import von Öl, Gas, Kohle und Uran setzen und den dezentralen Ausbau der erneuerbaren Energien noch immer nach Kräften behindern. Wegen der energiepolitischen Versäumnisse in den vergangenen drei Jahrzehnten werden nun – unter Beteiligung deutscher Soldaten – weltweit Kriege um den Zugang zu den knapper werdenden Rohstoffen geführt und andere Länder besetzt. Da war auf einer Münchener Sicherheitskonferenz bereits von einer “Energie-Außenpolitik” Deutschlands die Rede – eine Umschreibung dafür, dass man sich auch mit militärischer Gewalt den Zugriff auf Energie-Rohstoffe in Form von Lagerstätten, Pipelines, Seewegen und dergleichen sichern will.

Haben sich die Verantwortlichen in der Energiewirtschaft, in der Politik und in den Medien jemals dafür entschuldigt, dass wegen ihrer jahrzehntelangen Blockade-Politik beim dezentralen Ausbau erneuerbarer Energien die Abhängigkeit von Energieimporten noch immer extrem hoch ist und dass die weltweiten Konflikte um Energie-Rohstoffe auch aufgrund der deutschen Energiepolitik dramatisch zugenommen haben? Warum wird selbst heute dieser brand-gefährliche Kurs nicht korrigiert? In einer Pressemitteilung des Bundesumweltministeriums vom Januar 2007 wurde bereits vor einem “Ressourcen-Weltkrieg” gewarnt.

Der Propaganda-Maschinerie der Industrie und vieler Medien ist dieser Kurs möglicherweise nicht unrecht – schließlich profitieren die Energiekonzerne von den steigenden Energiepreisen, die Rüstungskonzerne vom steigenden Absatz an Waffensystemen, Minen und Munition und die Medienkonzerne vom profitablen Anzeigengeschäft. Wenn der Rubel rollt, bleibt die Wahrheit vielfach auf der Strecke.

(Henrik Paulitz ist Koordinator des Arbeitsbereichs Atomenergie bei IPPNW)

Spiegel heizt Atom- und Kohlekraftwerke an

Deutschland braucht mehr Atomkraftwerke. Welche Aktien der Spiegel dabei im Spiel hat, weiß ich nicht, aber sein Credo klingt konstant überzeugt. “Mit Volldampf in den Notstand” ist ein neuer Artikel betitelt, der eindringlich davor warnt, dass in Deutschland bald das Licht ausgeht und es aller Erderwärmung zum Trotz kalt wird. Einzige Rettung: Ausstieg aus dem Atomausstieg und neue Kohlekraftwerke.

Dem Artikel widersprich Wissenschaftsjournalist Björn Lohmann heftig – wundert sich aber erst mal:

Warum gleich drei Journalisten an dem Text gearbeitet haben, ist angesichts der einseitigen Darstellung kaum zu verstehen; noch dazu, weshalb einer beim Spiegel die Außenpolitik macht, ein anderer sich sonst im FAZ-Feuilleton austoben darf.

Und stellt dann den recht einseitig vom Spiegel ausgewählten Statements andere Positionen und Daten entgegen.

Problematischer allerdings ist die Spiegel-Grundhaltung, nach Herzenslust immer wieder dieselben Themen durchzunudeln, ohne jemals selbst soviel Klarheit zu gewinnen, dass der Spiegel seinen Lesern ernsthaft Durchblick verschaffen könnte. Da schreiben die drei Autoren:

Denn ziemlich lange ist Energiepolitik in Deutschland gleichbedeutend mit Klimapolitik gewesen. Die dramatischen Erkenntnisse der Naturwissenschaftler einten alle Parteien in dem Ziel, erneuerbare Energiequellen auszubauen. Nun dämmert der Berliner Politik, dass darüber eine entscheidende Frage unbeantwortet geblieben ist: Woher genau 70 Prozent des Stroms stammen sollen, wenn das hehre grüne Ziel erreicht ist, 30 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen zu beziehen und die technische Effizienz zu maximieren.

Natürlich kann man bei einem Hausbrand Bedenken hinsichtlich der durch die Rettungs- und Löschtätigkeit in Mitleidenschaft geratende Vorgartenlandschaft hegen, für einen behutsameren Feuerwehreinsatz votieren oder auch ganz von der Brandbekämpfung abraten, der Primeln wegen. Doch alle Lokaljournalisten der Welt habe diese wichtige Dialektik bereits durch, und deshalb können sie sich und uns solchen Schmarrn ersparen.

Dass der Journalismus unterm Strich ein gutes Jahrhundert lang versagt hat, als er der Nutzung fossiler Brennstoffe eben nicht die hoch-investigative Recherchefrage entgegen schleuderte, welche Folgen es wohl haben wird, wenn Jahrmillionen währende Naturprozesse binnen eines erdgeschichtlichen Lidschlags rückgängig gemacht werden, – geschenkt (aber nicht, weil man hinterher immer schlauer ist, sondern weil das Nichtfagen ja auf allen Ebenen auch von uns praktiziert wird). Nun aber ist die Frage gestellt und hinreichend beantwortet worden, da wäre es eine vertrauenbildende Maßnahme, wenn’s auch Spiegel-Journalisten zur Kenntnis nähmen.

Der Beschluss, die Atommeiler vom Netz zu nehmen, war ein kurzer demokratischer Moment, der eine jahrzehntelange Politikeraristokratie unterbrach: nie gab es eine Mehrheit für Atomkraftwerke, immer dominierte die Angst vor dieser besonders perfiden Art des Geldverdienens. Wieviele Jahre lasse ich meine Haustür weiterhin offen stehen, wenn ich weiß, dass ich mich mit geschlossener Tür nachts sicherer fühle? Brauche ich Wahrscheinlichkeitsprognosen für den Besuch böser Menschen oder wissenschaftliche Aufklärung über die Vorzüge frischer Luft? Und wie viele Spiegel-Artikel wollte ich lesen, die den neuen Öko-Trend zur geschlossenen Haustür veralbern und als wahre Gefahrenquelle das gekippte Klofenster entlarven?

Es geht nicht darum, wie sich einzelne Spiegel-Redakteure oder Spiegel-Kritiker die Welt wünschen. Aber es wäre verdienstvoll, wenn der Spiegel uns nicht immer wieder abgefrühstückte Buffets anbieten würde. Sonst müssen wir uns demnächst vielleicht rechtfertigen, wieso wir den Standort Deutschland mit unserem Nein zur Sklaverei gefährden.

Mit bestem Dank an Lars.
PS: Ebenso die Kurzmeldung im Print-Spiegel 11/2008, Seite 19