Gestellte Szene auf Spiegel-Online

Leserbrief von Prof. Dr. Werner Steffan, Potsdam
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Als treuer Leser habe ich den SPIEGEL immer für ein „seriöses“ Magazin gehalten. Dass auch bei Ihnen mit „gefakten“ Informationen/Bildern gearbeitet wird, hätte ich nicht für möglich gehalten. Sehr erstaunt war ich von daher, als ich in der Fotostrecke zu diesem Artikel ein Bild mit einem angeblich „wartenden Fahrgast“ an der Bushaltestelle Zoo sah. Nun warum?

Am Freitag morgen so gegen 9:00 Uhr habe ich zusammen mit einem Bekannten auf einem Parkplatz in umittelbarer Nähe des völlig verwaisten Busbahnhofs am Zoo gewartet. Weit und bereit war kein einziger „wartender Fahrgast“ zu sehen. Einige Parkplätze neben meinem stehenden Wagen parkten dann zwei Autos ein, aus dem einem stieg ein Fotograf, aus dem anderen ein junger Mann. Die beiden inszenierten nun gerade jene Szene, die Sie in einem Bild unter der Überschrift “ VERZWEIFELTE PENDLER“ präsentieren. Und nachdem einige „realitätsgetreue“ Bilder geschossen waren, haben sich die beiden noch kurz unterhalten, sind zu ihren Autos zurückgegangen und davongefahren.

Dass dieses gefakte Bild nun im SPIEGEL-online als Illustration in einem Bericht mit dem Grundtenor “ wartender Fahrgast – verzweifelte Pendler – Verkehrschaos in Berlin“ auftaucht, das erstaunt mich schon. Im übrigen: Spaßeshalber habe ich zu meinem Bekannten nach dem beobachteten Foto-Shooting gesagt: „Morgen müssen wir die BILD kaufen, da finden wir dann wohl die gestellte Szene unter der Überschrift ‚Verzweifelter Fahrgast“ wieder“. Nun: Nicht in der BILD war’s, sondern im SPIEGEL …

Anmerkung von SpKr: Da es sich um ein Agenturbild handelt, haben wir ddp zu dem Sachverhalt angefragt.

Update 17.50 Uhr: Die Nachrichtenagentur ddp bestätigt nach Prüfung den Fake und entschuldigt sich für die Panne. Das Bild wird aus dem Angebot genommen, die Zusammenarbeit mit dem Fotografen wurde beendet. Der ddp-Redaktionsleiter Bilderdienste sagt, „dass Fake-Bilder weder Bestandteil unserer Prinzipien noch unseres Geschäftes sind. Insofern kann ich mich bei Prof. Dr. Werner Steffan und bei Ihnen nur bedanken, dass Sie uns auf den Missstand hingewiesen haben.“

Update 2: SpOn hat das Bild ausgetauscht.

25 Gedanken zu „Gestellte Szene auf Spiegel-Online

  1. das zeigt sich doch, das auch grosse agenturen nicht ihre quellen überprüfen! trotz des sinngemässen fotos ist es nicht zu vertreten die leser mit solchen gestellten aufnahmen zu veräppeln…. wie soll das weiter gehen? nach gestellten fotos gestellte artikel?

  2. Ich denke schon, dass man hier weder DDP noch SPon einen Vorwurf machen – es handelt sich eindeutig um die vorsätzliche Täuschung durch einen Fotografen (vorausgesetzt, DDP hat den Fake nicht beauftragt). Wie hätte DDP die Quelle denn prüfen sollen, Basti? Selber zur Haltestelle fahren? Und als „Beispielfoto“ hat das Bild ja in sich keinen Nachrichtenwert, sondern dient nur zur Illustration. Das ist etwas anderes, als wenn man Wladimir Putin auf einem Foto mit Bin Laden zeigt. Da stellt sich normalerweise die Frage nach Authentizität nicht, die wird vorausgesetzt. Letztlich: DDP hat sofort und (sofern nicht nur behauptet) umfassend reagiert. Gratulation an dieses Blog für die Wahrnehmung der Kontrollfunktion – Schande über den Fotografen (der das Bild nur als „Symbolfoto“ hätte labeln müssen). Aber das ist auch schon Anfang und Ende der Geschichte.

  3. Das erinnert mich auch an ein Artikel, der vor einiger Zeit bei Spiegel Online veröffentlicht wurde. In dem Artikel ging es um die Ausschreitung von Fußball-Hooligans in Leipzig oder Dresden (genau weiß ich das nicht mehr). Zu dem Artikel wurde ein Foto veröffentlich. Allerdings zeigte das Foto die Ausschreitungen von serbischen Fans, die einen Zivilpolizisten mit Leuchtraketen beworfen haben. Darüber hat auch Spiegel Online berichtet, jedoch einige Wochen vorher. Daher hab ich das Foto wiedererkannt.

    Es gab also absolut keinen Zusammenhang zwischen dem Artikel und dem Foto, außer daß es sich um Gewalt in Stadien gehandelt hat. Aber wenn man das nicht wußte, hätte man denken können, diese Szene wäre in Leipzip respektive Dresden aufgenommen worden.

    Man sollte heutzutage vor allem den Bildern auf Spiegel Online nicht zuviel Vertrauen entgegenbringen.

  4. Pingback: Boje online
  5. […] nachdem ich um das fake weiß und mir das Foto nochmal genauer angucke..springt mir die “Gestelltheit” geradezu ins Gesicht…[…]

    Finde ich nicht. Mmn ist das einzig gute an der sache die schauspielerische Leistung des Darstellers.

    Leicht zusammengepresste Lippen, nervöses Falten der Hände, angespannte Sitzhaltung, der Blick zur nächsten Straßenkreuzung, kribbelnde Sehnsucht in den Augen – das alles schreit förmlich: „Wann kommt denn endlich dieser scheiß Bus“.

    Im Gegensatz zum Fotografen hat er ganz sicher eine große Zukunft.

  6. Echt dramatisch – dieses Bild hat wirklich mein Vertrauen in den Journalismus in den Grundfesten erschüttert… Zum Glück wurde dieser unverfrorene Betrugsskandal aufgeklärt! Gibt’s eigentlich auch echte Themen?! Wer blind den Medien vertraut, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen.

  7. Noch Shakespeare erkannte die Macht der Bilder (‚A picture is worth a thousand words‘). Er hat’s positiv und produktiv gemeint, jedoch die Bilder sind wahrlich autoritär. Sie verfügen über Ansprüche, die Wirklichkeit spiegelgerecht wiederzugeben, was sie jedoch keineswegs tun. Denn bei jedem Bild geht es nur um das Selektive, um die Ausschnitte, die man oft als „pars pro toto“ präsentiert und für das Wirkliche erklärt.

    Jedoch eine Inszinierung dieser unwirklichen Wirklichkeit (also gestellte Bilder des Selektiven) sind wirklich unzumutbar. „Spiegel“ wollte es sich leichter machen. Tja…

  8. Pingback: Stefan Jung
  9. Für diejenigen, die es nicht begriffen haben (z.B. „Merzmensch“): Spiegel Online hat mit diesem gestellten Bild überhaupt nichts zu tun – das Bild stammt von der Nachrichtenagentur ddp und einer derer Fotografen hat offensichtlich diese Nummer abgezogen.

  10. @Stefan W.: Also das Foto ist echt, es ist im LKA Sachen-Anhalt in Magdeburg entstanden. Es zeigt eine von der Polizei erstellte Datenkopie im LKA-Auswertungsbereich (daher die Bildschirme im Hintergrund). Unten auf der CD, im Foto bewusst abgeschnitten, steht das Aktenzeichen der Ermittlung.

  11. Aber andererseits ist es doch arg lachhaft. Man muss sich andererseits doch mal vorstellen, was der Fotograf sonst an zusätzlichen Einwilligungen benötigen würde. Den genervten Pendler einen Wisch unter die Nase reiben, dass man sein Bildnis veröffentlichen will. Man kann ja nicht so einfach irgendwen fotografieren.

    Ob das deswegen eine Fälschung sei? Ein Fake, aber keine Fälschung. Es ist doch ziemlich absurd, wegen so einer Kleinigkeit herumzupingeln. Das ist meines Erachtens wirklich sinnlose Gegenbespitzelung. Der Austausch der Bilder und Redaktionen anlässlich des G8-Gipfels in Heiligendamm, da hätte man mehr Material und zwar welches, welches gesellschaftlich wirkt! Muss man nur nachlesen in der aktuellen Ausgabe von „Bürgerrechte & Polizei“.

    Das hier ist doch ein Popanz. Und ein Professor für Sozialarbeit und Sozialpädagogik an der FH Potsdam macht da den großen Aufklärer. Gratulation – der sorgt eher für Nachschub seiner Klientel 😉

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