Interview mit Walter van Rossum zur Tagesshow auf allen Kanälen

„Man präsentiert uns die Welt als eine Folge simulierter Ereignisse, eine Realität, die keinerlei Wert auf unsere Beteiligung legt, ein pausenloses Fait accompli. Das Reale ist stets ein Prozess. Die Tagesschows stellen das Reale still, frieren es in Ereignissen ein, die keine sind. Ereignisse, in denen das Reale Audienz gewährt: ein Blick auf den Kabinettstisch voller verschlossener Akten, eine Pressekonferenz bei Porsche oder Telekom, wo Wirtschaftskapitäne Kurs nehmen, aber der Besatzung das Ziel verschweigen, …“

„Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht“ heißt die Fundamentalkritik an Tagesschau im Besonderen und Nachrichtenjournalismus im Allgemeinen, die Walter van Rossum jüngst veröffentlicht hat (wir berichteten). Mit dem 53-jährigen Journalisten, der in Köln und Marokko lebt, sprach Spiegelkritik über öffentlich-rechtlichen und privatwirtschaftlichen Qualitätsjournalismus.

Spiegelkritik: Die ersten Rezensionen zu Ihrem Buch „Die Tagesshow“ sind erschienen – wie sind Sie mit der Aufnahme zufrieden?

van Rossum: Ich erlebe genau das, was ich im Buch auch schon ein Stück weit beschrieben habe – eine Art freiwillige Gleichschaltung der Medien. Eigentlich kann ich mich darüber natürlich nicht wundern, dass die Welt so ist, wie ich sie beschreibe. Aber das Niveau der Kritik überrascht mich dann schon. Nicht, dass ich über Kritik erhaben wäre. Aber ich sehe mein Buch als Anstoß für eine Auseinandersetzung mit dem Nachrichtenjournalismus, doch so wird es bisher nicht wahrgenommen. Ich werde ideologisch sortiert, als anti-amerikanisch und gefährlich wahrgenommen – und meine Medienkritik kommt gar nicht vor.

Aber klar, Gelassenheit hätte „Die Tagesshow“ ziemlich sinnlos gemacht. Deshalb produziert van Rossum Anti-Amerikanismus auf einem Niveau, das ihn auf der nächsten Rosa-Luxemburg-Konferenz zum Hauptredner qualifiziert. (Arno Orzessek, Deutschlandradio Kultur)


Spiegelkritik: Geben die bisher erschienenen Rezensionen denn nicht einfach die freien Meinungen der jeweiligen Autoren wieder und müssen von Ihnen wiederum als Anstoß für Auseinandersetzung akzeptiert werden?

van Rossum: Wenn man wenigstens teilweise hinter die Kulissen schauen kann und dann mitbekommt, dass es regelrechte Aufträge gab, in eine bestimmte Richtung zu rezensieren, dann sicherlich nicht.

Spiegelkritik: Vor Ihrem Buch haben Sie im Juli zum Thema ein Radiofeature im Deutschlandfunk veröffentlicht – waren Sie daher nicht vorgewarnt?

van Rossum: Dieser Beitrag hatte intern schon einigen Wirbel verursacht, einschließlich Entschuldigung bei der Tagesschau etc. Es gab aber auch viel positive Hörerpost – nicht waschkörbeweise, zumal das meiste ja digital kommt, aber es kam viel Zuspruch. Auch die Medienreaktionen damals – vor allem im Internet – waren positiv. Das fehlt nach der Buchveröffentlichung bisher. Alle halten sich bedeckt- und das kann ich mir nicht so ganz erklären.

Spiegelkritik: Bei „Meine Sonntage mit Sabine Christiansen“ war es einfacher, Ihrer Kritik zuzustimmen?

van Rossum: Da konnten viele applaudieren, auch Leute, bei denen ich mich dann fragen musste, was ich falsch gemacht habe. Es war einfach, weil die Christiansen als Personen so unbeliebt ist unter Journalisten – was ich vorher in dem Ausmaß nicht wahrgenommen hatte – und weil es viele Kollegen toll finden, auf eine Talkshow einzuhauen, da sie selbst ja anderes Niveau sind.

Spiegelkritik: Aber die Tagesschau ist ein Leitstern, wenn auch kein Agenda-Setter, und den greift man nicht an?

van Rossum: Wenn man wenigstens wichtige Positionen meines Buches teilt, hat man natürlich im Journalismus ein Problem. Denn diese Pseudowelt wird ja nicht nur in der Tagesschau gebaut…

Spiegelkritik: Waren Sie von dem, was Sie bei ARD-aktuell erlebt haben, überrascht – oder entsprach es Ihrer Erwartungshaltung, mit der Sie sich überhaupt erst an das Thema gemacht haben?

van Rossum: Ich war überrascht. Mit den Prozessen in einer solchen Redaktion kannte ich mich ja nicht aus. Es ist zunächst mal ein geschlossenes System. Da wird nicht rechts und links geschaut, es wird nicht wahrgenommen, was außerhalb des eigenen Orbits mit Redaktionen, Agenturen und Korrespondenten passiert. Man nimmt die Welt nur über andere wahr.
Das zweit ist die unglaubliche Trivialität des ganzen Betriebes, die auf einer inneren Abstimmung beruht. Da stellt sich überhaupt nicht die Frage „Was zeigen wir von dieser wahnsinnig wirren Welt“, sondern das ist alles schon verdaut.
Beim Buchschreiben hat mich dann noch überrascht, mit welcher Zuverlässigkeit ich davon ausgehen konnte, dass die Tagesschau nicht stimmt. Welches Thema auch immer ich mir vorgenommen habe – vieles davon ist ja gar nicht ins Buch eingeflossen – die schlimmsten Befürchtungen wurden erfüllt.

Spiegelkritik: Sie kritisieren nicht nur das eigentliche Nachrichtengeschäft, dessen Berichterstattung sich an den Sprachregelungen der politisch Mächtigen orientiere, sondern Sie lassen auch an den Kommentatoren in den Tagesthemen kein gutes Haar. Steht da nicht nur Meinung gegen Meinung?

van Rossum: Erst wenn man diese Kommentare transkribiert und einem die Feder unter der Hand verdorrt, weil es so absurd ist, intellektuell so wenig feinsinnig und dafür wahnsinnig wichtigmeierisch, wird das Desaster deutlich. Wenn man das mit Leitartikeln vergleicht: ich weiß nicht, welche Dorfzeitung das sein könnte, in der so ein Blödsinn steht. Dabei kann man bei Zeitungen natürlich das ein oder andere mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten begründen, die es aber bei der Tagesschau als öffentlich-rechtlichem Angebot eben nicht gibt – deshalb habe ich sie mir ja ausgesucht.

Welches Problem will Bösenberg [der ebenen einen Kommentar über Flatrate-Saufen von Jugendlichen gesprochen hat] eigentlich lösen? Mein Deutschlehrer hätte wahrscheinlich gesagt: Um ein Problem zu lösen, musst du es erst beschreiben. Die Lösung liegt in der Beschreibung. Doch Jost Bösenberg beschreibt kein Problem. Eventuell gibt es auch gar keines. Ein Jugendlicher hat übertrieben. Das ist alles. Aber der Kommentator schürt ungerührt den Alarmismus, er lässt den bedrohlichen moralischen Ausnahmezustand ahnen: die Gleichgültigkeit der Amtsstuben.“ (Die Tagesshow, Seite 149)

Spiegelkritik: In Ihrem Buch gibt es das Kommentarbeispiel von Jost Bösenberg (RBB) zum Alkoholkonsum unter Jugendlichen. Da haben sich nach unserer Wahrnehmung aber praktisch alle Kommentatoren ähnlich besorgt geäußert. Niemand hat zum Beispiel gesagt. Jugendliche haben ein Recht auf Selbstbestimmung, und sie dürfen sich auch mit Schnaps wegschießen…

van Rossum: Der Meinungstotalitarismus in diesem Land ist erschreckend. Ob Eva Herman mit der Familienpolitik der Nazis oder Bischof Mixa, der Kleinkinder lieber von ihren Eltern als Krippenpersonal betreut sähe – man wirft einen Brocken rein in den Medienbetrieb und kann sich darauf verlassen, dass sich die Meute darum balgt. Alle wollen eben dasselbe.

Spiegelkritik: Sind die Journalisten denn phantasielos oder warum reportieren und kommentieren sie im Gleichklang?

van Rossum: Es ist eine enorme Anpassungsleistung: um was geht es heute und wie sagen wir das? Dazu gibt es bei ARD-aktuell sicherlich keine Vorgaben, keine Magna Charta, aber es gelingt in täglicher Feinabstimmung, in den vielen Konferenzen und Besprechungen, bis sich die Sprachregelung zu den aktuellen Themen herausgebildet hat. Es geht um Objektivitätsschein, der durch größtmögliche Annäherung an die politische Mitte erreicht werden soll.

Spiegelkritik: Was würden Sie dem idealtypisch entgegensetzen wollen?

van Rossum: Man kann ja zunächst mal mit dem Informationsbegriff der Tagesschau selbst arbeiten – nichts anderes habe ich gemacht, die Selbstbeschreibungen von Gniffke und anderen nehmen ja breiten Raum ein, und die stelle ich ihrem tatsächlichen Handeln gegenüber. Wenn eben allgemein der Nachrichtenbegriff so umgesetzt würde, wie er überall gelehrt wird, hätten wir schon einen ganz anderen Journalismus.

[Zitate von Kai Gniffke, Chefredakteur ARD aktuell, aus van Rossums Buch „Die Tagesschow“]

„Die Basis all dessen, was wir machen, was wir auch verbreiten, ist Recherche. Recherche ist der Anfang von allem. Bei uns heißt es nicht einfach nur schnell sein, sondern schnell und auch korrekt.“
„Wir leisten es uns, sehr intensiv darum zu ringen, was wir machen und warum wir es machen.“
„Was unser Auftrag ist und was wir leisten können, ist, die Leute fit für den nächsten Tag zu machen. Dass sie am nächsten Tag bestehen können, dass sie mit all den Informationen, die dann auf sie einstürzen, etwas anfangen können, dass sie dann wissen, das habe ich doch schon mal gehört.“

Wenn fünf Jahr lang über das iranische Atom-Programm berichtet wird, kann Ihnen immer noch kein Mensch sagen, was an diesem eigentlich schlimm sein soll. Das ist ein Informationsdesaster. Stattdessen werden völlig irreale Debatten lanciert. Da wird uns als Alternativen für eine Iran-Politik angeboten: Diplomatie oder Krieg. Die Aufgabe des Journalismus wäre ja nun zu zeigen, dass diese Debatte absurd ist, meiner Meinung nach sogar strafrechtlich nicht erträglich ist. Denn ein Angriffskrieg ist immer noch ein Verbrechen, nach deutschem Recht, nach Völkerrecht – kurz: diese Option gibt es gar nicht. Der Journalismus darf sich nicht auf Pro-Contra-Debatten einlassen, sonst ist er schon eingebunden in ein Spiel, das andere mit ihm machen. Aber dazu muss man eben Fragen stellen.

Spiegelkritik: Woher sollen die Fragen kommen, die Sie sich wünschen?

van Rossum: Das ist natürlich das Problem unserer bereits desinformierten Gesellschaft: sie stellt eben diese Fragen nicht. In diesem Nachrichtendurcheinander, bei dem offenbar ein paar Arbeitsplätze für was auch immer, die globale Klimaveränderung und ein Bundesligaergebnis gleichwichtig sind, sitzt die Gesellschaft dann Abend für Abend vor der Tagesschau und wartet auf Leitplanken, anstatt vor Lachen in Tränen auszubrechen – oder aufzustehen und zu toben „Das kann doch alles nicht wahr sein!“.

Spiegelkritik:
Sie schauen nicht nur Tagesschau, Sie lesen natürlich auch den Spiegel. Bietet der denn Orientierung?

van Rossum:
Ich habe mal wirklich erwogen, „Meine Montage mit dem Spiegel“ zu schreiben… Das Problem beim Spiegel ist, dass in einem Heft alles steht. Sie haben in jeder Ausgabe zu einem Thema Ja und Nein in drei verschiedenen Formen – das bedient der Spiegel genial. Der Spiegel hat immer schon gewarnt vor dem Neoliberalismus, er hat ihn aber zugleich genau dahin gehustet, wo er jetzt ist Und da beim Spiegel ja wirklich alles über die Chefredaktion geht, ist das klares Konzept. Da wird Design hergestellt: Waren wir Merkel-kritisch und haben wir Merkel auch gelobt, haben wir alle Parlamentsparteien drin und auch was Außerparlamentarisches und so weiter.

Spiegelkritik: Klingt nach Ausgewogenheit.

van Rossum: Nein, es ist Orientierungslosigkeit, weil es nicht das Ziel gibt, aufzuklären. Sonst müsste etwas zur Atomkraft längst alles gesagt sein, ohne dass mit jeder neuen Klimaprognose und jedem Störfall in einem AKW das Tableau neu sortiert wird.
Es ist eine völlig desorientierte Gesellschaft, die nicht weiß, um was es gehen soll: geht es um Mehr, um Erhalt, um Dabeibleiben, geht es um Frieden, um Glück – niemand kann einem das sagen. Immer weniger hat der Einzelne Steuerungsinstrumente für sein Leben in der Hand.

Spiegelkritik: Woher kann denn dann die Orientierung kommen – Politik und Medien liefern sie ja Ihre Ansicht nach nicht?

van Rossum: Das mag dürftig klingen, aber es fängt bei einzelnen an, die sich erst mal aus dem Gespinst herausdrehen müssen, die Luft schnappen und sehen, dass da auch andere sind, die ausbrechen wollen, die auf der Suche sind und die Fragen stellen. Darin liegt sicherlich eine Chance. Aber als Salon-Marxist befürchte ich natürlich, dass der Anstoß erst kommt, wenn das Ding hier kollabiert. Denn auch uns Kritikern fällt ja nicht sehr viel ein.

8 Gedanken zu „Interview mit Walter van Rossum zur Tagesshow auf allen Kanälen

  1. Van Rossum hat – rein oberflächlich gesehen – vollkommen Recht. In seinen Schlussfolgerungen liegt er meines Erachtens daneben. Er insinuiert „Absicht“, „Plan“ oder „Verschwörung“ hinter der täglichen Desinformation. Als langjähriger ARD-Mitarbeiter sehe ich die Ursache eher in dem erschreckenden Ausmaß von Unwissen und Nicht-Bildung der Mitarbeiter der Rundfunk- und Fernsehanstalten. Die Öffentlich-Rechtlichen haben nach den für sie bedrohlichen Erfolgen der Kommerzsender zunehmend deren Personal aufgekauft. In den mittleren und oberen Führungsriegen sitzen und entscheiden seit Jahren überwiegend Leute, die in Kommerzsendern sozialisiert worden sind. Sie haben von Qualität keine Ahnung, da sie Qualität und Quote nicht auseinander halten können.

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