Die fantasierte Gewalt

„Nur viel komplizierter“ ist alles, so lautet der letzte Halbsatz der Titelgeschichte des aktuellen Spiegels über „die Migration der Gewalt“ (2/2008). Und weil die Welt nun mal von sich so unergründlich scheint, muss der Journalist sie halt einfach herbeischreiben: man suche ein Problem und erfinde dafür eine möglichst aufregend klingende Erklärung.

Das Problem ist in diesem Fall die durch eine zufällige Videoaufnahme medienrelevant gewordene Jugendgewalt. „Selten zuvor war das Problem so virulent: die massive, zerstörerische Jugendgewalt, die in Deutschland in den neunziger Jahren aufflammte und seitdem auf beängstigendem Niveau zur Dauererscheinung geworden ist.“ Die Lage stellt sich, wie kann es im aufmerksamkeitsheischenden Tagesjournalismus anders sein, urplötzlich „dramatisch“ dar, es rollt eine „Welle der Jugendgewalt“.

Für die Ursachenforschung greift der Spiegel nun in die Trickkiste. Einfach zu schreiben, die jungen Türken sind Schuld, geht natürlich nicht, das wäre ja BILD-Zeitung. Stattdessen wird das Ganze mittels kruder historischer Theorien weltgeschichtlich überhöht: „Es geht nicht nur um den bösen Serkan und seine Freunde. Es geht um die ganze gefährliche Spezies der wütenden jungen Männer“, denn: „Wo immer in der Geschichte es einen Überschuss junger Männer gegeben hat, so erklären Wissenschaftler, sei die Gesellschaft in Eroberungskriege, Terror und Verbrechen verwickelt worden.“
Bei den besagten Wissenschaftlern handelt es sich in erster Linie um den Bremer Professor Gunnar Heinsohn, der von „Jugendüberschüssen“, übermäßiger „Kinderproduktion“ und „Jugendarmeen“ aus islamischen Ländern fabuliert. Immerhin werden die Thesen des Wissenschaftlers noch als umstritten bezeichnet, wie auch an anderer Stelle nachzulesen.
Letztlich, so die Quintessenz der Spiegel-Ursachenforschung, ist die „Gewalt importiert“, „böse, junge Männer aus aller Welt“ drohen mit ihrem Testosteronüberschuss und ihrer Macho-Kultur „Teile Deutschlands über kurz oder lang unter das Gesetz der Straße fallen zu lassen“.

Klar, solche Gewaltphantasien brauchen wenigstens ein bisschen harte, nämlich zahlenmäßige Unterfütterung. Hierzu bemüht der Spiegel nun in virtuoser Weise die polizeiliche Kriminalstatistik (sehr viel gröber dagegen bereits zuvor SpOn):

 Weiterlesen