China-Titel „Die gelben Spione“: eine Kampagne?

Leserbrief zum Spiegel Titel „Die gelben Spione“ und zum Leitartikel „Prinzip Sandkorn“

spiegel-titel-07-35.jpgIch möchte dem Spiegel nicht unterstellen, dass in dem Artikel „Prinzip Sandkorn“ in Teilen nicht auch ordentlich recherchierter Journalismus stattfindet, aber es werden mehrere Themen gekonnt verquickt und letztendlich ein Bild gezeichnet, welches in Deutschland lebende Chinesen, seien es nun Studenten, Doktoranden, Lehrbeauftragte oder Angestellte von deutschen Unternehmen quasi unter Generalverdacht stellt und als vermeintliche „gelbe Spione“ diffamiert.

Einerseits werden bekannte und unbestrittene Probleme mit China aufgeführt, welche auch sachlich in diversen Beispielen untermauert werden:

Urheberrechtsverletzungen und Produktpiraterie – Hierbei wird durchaus sachlich geschrieben. Es wird sogar herausgestellt, dass die Regierung in Peking hierzu in den letzten Jahren auch immer schärfere Gesetze erlassen hat. Das Problem ist, dass nun der Arm Pekings leider nicht immer und überall bis in jede Provinz- und Stadtverwaltung reicht und die Gesetze dort dann eben oft dennoch sehr lax gehandhabt werden. Auch das beschreibt der Artikel absolut sachlich.

Dazu kommen Themen wie die Qualitätsprobleme mit chinesischen Produkten, die in der letzten Zeit in den Medien schon mehrfach behandelt wurden. Der Umweltschutz, ebenfalls ein großes Problem in China in Folge des rasanten wirtschaftlichen Wachstums, wird ebenso aufgriffen wie natürlich Menschenrechtsverletzungen und die fehlende Pressefreiheit.

Das eigentliche neue Hauptthema ist aber der Vorwurf der Wirtschaftsspionage, welche laut Spiegel systematisch von der Pekinger Zentralregierung und ihren Vielzähligen Geheimdiensten quasi per Masterplan von ganz oben koordiniert betrieben wird. Den Aufmacher dazu liefert die Meldung, dass in verschiedenen deutschen Bundesbehörden massenhaft Spammails mit Trojanern aus Fernost eingehen.

Beim Thema Wirtschaftsspionage wird nun das Eis dünner und es wird gemutmaßt was das Zeug hält. An manchen Stellen wird sogar regelrechter Räuberpistolenjournalismus betrieben.

Da wird die Geschichte von einem angeblich von den Chinesen ausgebooteten Unternehmer aus Deutschland berichtet und dann fällt dieser Satz:

„Und auch an Geschäftsessen, bei denen lebenden Affen mit einem Hämmerchen die Schädeldecke eingeschlagen wurde, um ihr warmes Gehirn auszulöffeln.“ (Zitat Spiegel-Artikel)

Nun, ich war 16 Jahre alt und das war Mitte der Achtziger Jahre, als ich damals den eigentlich erst ab 18 freigegebenen Film „Gesichter des Todes“ auf Video gesehen habe. Darin gibt es eben diese berüchtigte Szene. „Gesichter des Todes ist ein 1978 erschienener Mondo-Film, in dem Szenen von angeblich echten Hinrichtungen und tödlichen Unfällen gezeigt werden, die so aussehen, als ob sie von wirklichen Nachrichtenteams aufgenommen wurden. In dem Film wird zwar so getan, als ob die Todesszenen real wären, aber der Film besteht zum Großteil aus gestelltem Material. Ebenso wurde dort die urbane Legende aufgegriffen, dass in Asien Affenhirn gegessen wird; so ist zu sehen, wie ein europäisches Paar das Gehirn mit dem Löffel direkt aus dem Schädel eines noch lebenden Affen verspeist. Tatsächlich ersteht dieser Eindruck aber erst durch den Filmschnitt, die Szene ist inszeniert.“ (Zitat Wikipedia)

So gibt es noch eine Vielzahl weiterer recht spekulativ anmutender Geschichten:

„Ein anderes Unternehmen verlor seinen leitenden Ingenieur an die Liebe – und seine Spitzentechnologie an die chinesische Konkurrenz. … Doch notierten sich die Chinesen seine speziellen Vorlieben, besorgten ihm eine passende Gespielin, und das Ergebnis war das gewünschte: Der Mann ließ seine Frau in Deutschland sitzen, heiratete die Chinesin, und die Produkte seiner Ex-Firma gibt es nun auch aus chinesischer Herstellung.“ (Zitat Spiegel)

„Unter China-Reisenden auch oft erzählt: die Anekdote von der deutschen Delegation, die abends im Hotel eincheckte….“ (Zitat Spiegel)

Anekdote! Einige und nicht gerade wenige der geschilderten Beispiele machen vor allem den Eindruck von Anekdoten und Mutmaßungen.

Der Artikel geht aber noch einen Schritt weiter, er diffamiert sämtliche in Deutschland lebenden Chinesen als potentielle „gelbe Spione“:

„Natürlich ist nicht jeder Student, Doktorand oder Gastprofessor ein Informant, vermutlich AUCH nur eine Minderheit,…“ (Zitat Spiegel-Artikel)

Davor heißt es im Text: „Chinas Dienste können nach der Einschätzung der westlichen Konkurrenz auf das größte informelle Spionagenetz der Welt zurückgreifen: 800.000 Spitzel. „Jeder Student, jeder Geschäftsmann, der ins Ausland gelassen wird, steht in der Schuld der Partei“. Hier wird ein in vielen deutschen Köpfen vorherrschendes Klischee bedient: Viele denken immer noch an die DDR.

Dann heißt es etwas weiter im Text:

„In Deutschland studieren mehr als 27.000 Chinesen…“ und dann wieder etwas weiter der bereits oben zitierte Satz „Natürlich ist nicht jeder… ein Informant, vermutlich AUCH NUR eine Minderheit“.

800.000 – 27.000 – VERMUTLICH davon AUCH NUR eine Minderheit, klar, aber ganz sicher tausende „gelbe Spione“! Das ist suggestiv, reißerisch und diffamierend.

Stellt sich die Frage, übertreibt der Spiegel hier einfach nur ein wenig, schließlich will man ja auch die Auflage verkaufen, oder steckt da vielleicht sogar kalkulierte Meinungsmache dahinter?

Vor kurzem hat der Spiegel-Redakteur Gabor Steingart für Furore gesorgt, als er eine „Nato der Wirtschaft“ forderte, um sich der vermeintlichen Bedrohung aus Asien zu erwehren. (Gabor Steingart, ‘Westbündnis gegen Asien. Drei Gründe für eine NATO der Wirtschaft’, Spiegel Online, 22.9.2006.) Sogar in Angela Merkels Kanzleramt werde über eine „europäisch-amerikanische Freihandelszone“ nachgedacht. Was in Asien nach Marktwirtschaft aussehe, folge in Wahrheit den Regeln einer Gesellschaftsformation, die Ludwig Erhard als „Termitenstaat“ bezeichnet habe. In einer Titelgeschichte verkündete der Autor Gabor Steingart bereits 2006, die asiatischen „Angreiferstaaten“, vor allem China und Indien, hätten dem Westen den „Weltkrieg um Wohlstand“ erklärt. (Der Spiegel, Nr. 37, 11.9.2006, S. 44-75. Unter dem gleichen Titel erschien ein Buch des Autors, aus dem Spiegel Online mehrere Ausschnitte veröffentlichte.) Setze der Westen sich nicht gegen den chinesischen „Termitenstaat“ zur Wehr, werde er selbst zur „raueren Spielweise“ gedrängt.

China, in dessen Wirtschaftsleben Tote „billigend in Kauf genommen“ würden, sei eine „düstere“ Großmacht, „weil wir nicht fühlen, was sie fühlen, nicht wissen, was sie denken, und nicht einmal ahnen, was sie planen“. Steingart hingegen meint zu wissen, dass „das Gegenüber anderen als friedlichen Zielen nachhängt“. Als Antwort propagiert er die transatlantische Freihandelszone, eine „Nato der Wirtschaft“: „Was die Nato im Zeitalter militärischer Bedrohung für den Westen bedeutete, könnte im Angesicht der ökonomischen Herausforderung eine transatlantische Freihandelszone leisten.“ Amerikaner und Europäer müssten wieder enger zusammenrücken: „Die im Kalten Krieg bewährte Waffenbrüderschaft könnte im Weltwirtschaftskrieg fortgesetzt werden“, tönt es martialisch bei Steingart.

Zurück zu „Die gelben Spione“:

„…in den USA listete eine Untersuchung für das Repräsentantenhaus 16 technologische Durchbrüche auf, die dem Reich der Mitte nur durch Wirtschaftsspionage gelungen sein könnten.“ (Zitat Spiegel „Prinzip Sandkorn / Die gelben Spione“)

Nun, wie wir alle wissen, hatte Saddam Hussein auch Atomwaffen, da gab es sogar Beweisfotos, um die UNO zu überzeugen!

Ähnlich wie die Bush-Administration damals im Vorfeld des Irakkrieges alle Mittel ausschöpfte, um ein Bild des bedrohlichen Diktators zu zeichnen, bemüht sich auch der Spiegel-Artikel darum ein düsteres Bedrohungsszenario zu untermauern, nämlich das des chinesischen „Angreiferstaates“ im künftigen „Weltkrieg um Wohlstand“ des Gabor Steingart.

Die größte Gefahr dieses Spiegelartikels ist aber der suggerierte Generalverdacht, der alle Chinesen in Deutschland als vermeintliche Wirtschaftsspione darstellt. Eine Steilvorlage für den rechten Mob, um demnächst auf Volksfesten wie in Mügeln die Jagd auf „die gelben Spione“ zu eröffnen.

Dieser Spiegel-Artikel ist nicht besser, nein sogar viel gefährlicher, als wenn beispielsweise die NPD Ausländer als kriminell oder „Arbeitsplatzdiebe“ darstellt. Der Spiegel ist für viele Deutsche eine Heilige Kuh, was der Spiegel schreibt ist wahr. Unter dem Deckmantel des investigativen Journalismus wird hier eine große Geschichte verkauft: „Die gelben Spione“ in Deutschland. Und das um möglicherweise den Thesen einiger Spiegelredakteure um Gabor Steingart und ihrem „Weltkrieg um Wohlstand“ Nachdruck zu verleihen. Die Verantwortung bleibt dabei auf der Strecke.

Michael (Anschrift der Redaktion bekannt)

54 Antworten zu “China-Titel „Die gelben Spione“: eine Kampagne?”

  1. […] This in my eyes not only borders on, it is a piece of shitty propaganda journalism. In a badly understood, emotionally charged situation like the pre-Olympic Tibet campaign, this is an example of irresponsible reporting if there ever was one. I guess the firebrand young staff at Spiegel Online are not aware of the fact that German media is closely watched by Chinese netizens in online forums, and that it is not only the dreaded state and party leaders that might feel attacked and offended by such biased reporting and the mindset expressed in it, but also a broad majority of ordinary Chinese who happen to care a lot for the upcoming Beijing Olympic Games, for many reasons, not least because they are seeing the event as a symbol of their rise out of poverty, a symbol of openness and hope. And may I add that, after the notorious “Yellow Spies” title story, Der Spiegel gets (and deserves) special attention, and not exactly for its investigative depth? […]

  2. Tee-Bett…

    OMG, es wird wieder politisch und es hat auch nix mit Japan zu tun und eigentlich bin ich völlig genervt, dass ich tagtäglich in wissenschaftlichen MLs mit lächerlich polemischen Hetzmails bombardiert werde, aber was ich kürzlich auf Tagesschau.de …

  3. […] Aha – hier werden eventuell darbenden Unternehmen Möglichkeiten aufgezeigt, die sich in der Praxis allerdings als nachteiliger Bumerang herausstellten. Denn die kommunistische Staatsführung Chinas unterdrückt nicht nur Ethnien wie z.b. aktuell in Tibet, sondern richtet seine Bildung nach staatskundlichen Richtlinien aus, d.h. die Möglichkeiten des Auslandsstudiums erhalten nur jene, welche sich auf auf Linie des totalitären Staates befinden. […]

  4. […] tot – Internet-Nutzung in Deutschland ab Herbst 2007 illegal“. – Blogs zum Thema: SPIEGELKRITIK […]