Spiegel-Online erstellt in Fleißarbeit “Liste der Intransparenz”

Über Strategien, die Pageimpressions werbefinanzierter Online-Magazine zu erhöhen, ist schon einiges gesagt worden. Vor allem Bilderstrecken sind eine beliebte Methode, Zuschauer zu binden. Im günstigsten Fall sind die Fotos interessant und mit irgendeiner journalistischen Leistung zusammengestellt worden. Klicks hin, Klicks her – das könnte dann jedenfalls zu einem Nachrichtenmagazin passen.

Anders der aktuelle Fall von Spiegel-Online: “Die komplette Nebeneinkünfte-Liste auf SPIEGEL ONLINE: Wie viel sich welche Abgeordneten dazuverdienen – von A bis Z. Klicken Sie hier…”
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Was sich hier auf Spiegel-Online findet, ist das Ergebnis einer journalismusfreien Fleißarbeit. Die Daten, die der Deutsche Bundestag gestern Mittag online gestellt hat, wurden einfach kopiert, die Angabe der Einkommensstufe wurde jeweils um die Betragsspanne erweitert. Der Service soll offenbar darin liegen, dass bei Spiegel-Online nur die vergüteten Tätigkeiten aufgelistet sind – mithin auch nur die Parlamentarier stehen, die entsprechende Angaben gemacht haben. 161 der insgesgesamt 613 Abgeordneten finden sich in der SpOn-Liste. Doch eine solche Eingrenzung der veröffentlichungspflichtigen Angaben verdunkelt mehr, als sie erhellt.

Schon die vom Bundestag beschlossene Art der Angaben ist unbrauchbar, wenn keine jouralistische Eigenleistung hinzukommt. So verdient Friedrich Merz, Rechtsanwalt und einer der Beschwerdeführer, in acht unternehmerischen Tätigkeiten jeweils 7.000 EUR pro Jahr – mindestens. Im Minimalfall wären dies also weniger als 5.000 EUR pro Monat – und damit weniger, als z.B. seine Abgeordneten-Kollegen beziehen, die zugleich Bundesminister/-in sind. Wäre das ein Grund gewesen zu klagen? Über die wahre Höhe der “Nebeneinkünfte” erfahren wir aus den offiziellen Mitteilungen wenig.

Viel wichtiger ist daher zu sehen, wo Abgeordnete eingebunden sind, wessen Interessen sie möglicherweise im Plenum, in Ausschüssen oder in den Parteigremien vertreten. Relevant ist weniger, in welcher Höhe jemand vergütet oder “entschädigt” wird, sondern für welche Leistung. Das hätte die Spiegel-Online-Redaktion wenigstens für einzelne Protagonisten der Geheimniskrämerei recherchieren können.

Die SpOn-Selektion macht die “Nebentätigkeiten” von Bundestagsabgeordneten gerade nicht deutlich. Die meisten bei SpOn nicht aufgeführten MdB sind in Unternehmen, Verbänden oder Körperschaften aktiv – aber eben ohne angabepflichtiges Einkommen.

Besonders perfide dabei: SpOn findet selbst die vollständigen Angaben beim Deutschen Bundestag eine “Liste der Intransparenz”, die “zu einer verzerrten Darstellung des Parlamentarier-Daseins” führe. Warum sie dann ohne Eigenleistung stark gekürzt auf die eigenen Seiten übernommen wird, um dann gegen die Grundlage dafür mit der Überschrift “Politiker machen Front gegen ‘Gaga-Gesetz'” die Leser komplett zu verschaukeln, darf die geheime Marketing-Strategie von Spiegel-Online bleiben.
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3 Gedanken zu „Spiegel-Online erstellt in Fleißarbeit “Liste der Intransparenz”

  1. Nein, an der Stelle hat SpOn mit seiner Angabe “mindestens 7000 Euro” recht. Der Bundestag schreibt dazu: “Werden im Verlaufe eines Kalenderjahres unregelmäßige Einkünfte für eine bestimmte Tätigkeit bzw. einen bestimmten Vertragspartner angezeigt, wird die Jahressumme gebildet und das Kalenderjahr und nachfolgend die Stufe veröffentlicht („2006, Stufe 3“, d. h. für die jeweilige Tätigkeit betrug die Summe der Einkünfte im Jahr 2006 mehr als 7.000 Euro).” Die 10.000 EUR-Grenze gilt, wenn monatlich zwar weniger als 1000 EUR verdient werden (nicht veröffentlichungspflichtig), aber im Jahr doch mindestens 10.000 EUR, also regelmäßig pro Monat mehr als 833 EUR.

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