Offener Antisemitismus im „Spiegel“

Ein Gastbeitrag von Alan Posener (Kommentarchef Welt am Sonntag)

Erst vor einigen Tagen bin ich dazu gekommen, den Spiegel-Titel 52/2006 vom 22.12.06 zu lesen, „Gott kam aus Ägypten“ von Matthias Schulz. Und jetzt tut es mir leid um die Zeitverschwendung. Allerdings ist der Artikel, wenn auch ohne jeden theologischen oder geschichtlichen Erkenntniswert, als Dokument interessant. Als Dokument des Antijudaismus und Antisemitismus.

Schulz verfolgt zwei einander ausschließende Argumentationsstränge.

1. Die Juden haben den Monotheismus in die Welt gebracht und damit eine unduldsame, patriarchalische, totalitäre Weltsicht, die von Anfang an mit Massakern an den Ungläubigen einherging.

2. Weit davon entfernt, irgendetwas selbst erfunden zu haben, sind die Juden die geborenen Abkupferer, die ägyptische, assyrische und persische Vorstellungen verwurschteten und sich selbst anschließend als die Urheber ausgaben.

Belegstellen für (1.): „Führt der Glaube an einen Gott zwangsläufig zu einer gewalttätigen Religion? […] Semitische Stämme entwarfen vor bald 3000 Jahren in Kanaan ein Gottesbild, dem heute 3,3 Milliarden Juden, Muslime und Christen anhängen. Mit dem Ölzweig und dem Schwert brachten sie die Idee vom bildlosen Allvater in die Welt.“ Zum Nachteil der Nicht-Semiten: „Hat das Abendland vor 2500 Jahren einen gefährlichen Irrweg eingeschlagen?“ Denn: „Die … Vergangenheit der Israeliten besteht … aus einer Abfolge von Massakern, Strafaktionen und Blutvergießen.“ Und: „Vor allem Mose steht im Zwielicht. […] Nur sein Gott war gut – die anderen waren dagegen Tand, Dreck, […] Kroppzeug.“ „Vormals, im Polytheismus, hieß es: Leben und leben lassen. Jahwe hingegen war rachedurstig…“ (Die berühmte „alttestamentarische Rache“.)

Das alles ist ziemlich reines Nazitum, eine pagane Ersatzreligion, die, selbst von Vernichtungswillen geprägt, diesen Vernichtungswillen ihren Opfern, den Juden andichtete.

Hinzu kommt dann so ein bisserl Schauermärchenstunde: „In diesem düsteren Kultbau auf dem Zionberg“ (gemeinst ist der Tempel auf dem Berg Moriah in Jerusalem) „liefen einst alle Fäden zusammen“ (für die Fabrikation der Jahwe-Legende, mit der die Welt unterjocht wurde). „Bärtige Priester mit Kleidern, an denen blaue Kordeln hingen“ (aha!) „liefen in dem Gemäuer umher. Sie schlachteten Stiere. Bei einem der Riten benetzten sie ihre Ohrläppchen mit Widderblut.“ (Igitt.) „Mit der Wahrheit nahmen es die bigotten Anhänger des Ewigen allerdings nicht so genau.“ Kennt man.

„Der semitische Gott, so sah es der Psychologe Bruno Bettelheim“ (immer gut, einen Semiten als Kronzeugen wider die Semiten zu haben), sei „schlimmer als selbst die schrecklichsten Gottheiten der Naturvölker.“

Zumal er die Beschneidung forderte, „ein blutiges Attentat, das sich wie ein Mal in den Körper einbrannte… Es ist dieser Ritus, der zur Ausbildung einer kollektiven kultischen Identität der Juden führte.“ Goebbels hätte es nicht besser formulieren können. Nicht Thora und Talmud, nicht Propheten und Rabbbiner, nicht Lese- und Lernkultur, nicht Sehnsucht nach Jeruslaem und Diaspora-Erfahrung prägen die Juden; es ist „jenes blutige Werk, das die jüdische Seele bis heute prägt.“

Fragt sich nur, wie dieses Vok einen Mann wie Jesus von Nazareth hervorbringen konnte.

Nach dieser Hass-Tirade ist es fast überflüssig, auf die Belegstellen zu (2.) zu verweisen. Kurz zusammegefasst laufen sie darauf hinaus, dass Moses entweder der ägyptischer Pharao Echnaton selbst war, den Schulz wegen dessen Sonnenkults als Erfinder des Monotheismus feiert – oder vielmehr kritisiert. Oder er war „in Wahrheit ein Aton-Preister“, also ein Priester des Sonnengotts. Oder die Juden haben einfach ihre Religion von den „ägyptischen Militärkasernen und verbündeten Fürstenhöfen in Palästina“ geklaut, wie der Psalm 104 beweise. (Den Schulz wohlweislich nicht zitiert. Der Psalm hat mit Anbetung der Sonne rein gar nichts zu tun. Im Gegenteil. Die Sonne dient hier schlicht dem Gott Israels als „Kleid“.)

Oder die Juden waren in Wirklichkeit die kriegerischen Hyksos-Stämme, die im 17. vorchristlichen Jahrhundert Ägypten eroberten und, wie das Juden (oder, so Schulz, „Ur-Juden“) so zu tun pflegen, „Städte niederbrannten, Heiligtümer verwüsteten und die Bevölkerung mit großer Feindseligkeit behandelten“. Nach ihrer Vertreibung hätten die Hyksos erstens die Erinnerung an Echnaton und den Aton-Kult mit sich nach Israel genommen, und zweitens ihre eigene Eroberungsgeschichte umgeschrieben, so dass sie selbst als Opfer ägyptischer Unterdrückung erscheinen.(Ahmadenidschad lässt grüßen. Zwar waren diese Hyksos VOR Echnaton in Ägypten und verließen das Land auch, bevor Echnaton den Thron bestieg, aber egal. Hier geht es nicht um Geschichte, sondern um Hetze. Da stören Fakten nur.)

Oder Moses ist eine Art KZ-Aufseher von 80.000 „Aussätzigen und Kranken“, der „eine Schreckensherrschaft in Ägypten aufrichtet“. Die blöden „Ur-Juden hingegen hielten den Guru wohl für einen genialen Mann“. Und schließlich haben sie „einen letzten ausgebufften Trick vollbracht“, um sich „an die Spitze der Bewegung zu setzen“, wie es Juden ja gern tun; sie erklärten Moses zum Juden, „um der jüdischen Kultur das Erstgeburtsrecht an der monotheistischen Religionsstiftung zu sichern“. Will sagen, zu erschleichen, wie es ja der Ur-Vater Jakob, genannt Israel, tat, auf dessen Geschichte hier angespielt wird.

Dass bei alledem der Hinweis auf die heutige politische Situation nicht fehlen darf, ist klar. „2500 Jahre danach ist der Nahe Osten nocht immer ein Pulverfass.“ Und wer ist daran schuld? „Die mosaische Unterscheidung zwischen wahr und falsch in der Religion.“ Alles klar: der Glaube des Moses „ist wie ein Beil, er spaltet.“ Das Judentum ist unser Unglück.

Noch Fragen?

Ja. Erstens: Wie kann einer einen Aufmacher für den „Spiegel“ schreiben, ohne die schlichte Tatsache zu erwähnen, dass die Juden in den 3000 Jahre ihrer Existenz während mindestens 2500 Jahre Objekt, nicht Subjekt der Geschichte waren? Und dass es unter den drei großen monotheistischen Religionen nur eine gibt, deren Anhänger keine Proselyten machen also Konvertiten zu gewinnen trachten, sei es mit dem Schwert oder mit dem Olivenzweig: das Judentum nämlich.

Und zweitens: Wie lange soll Matthias Matussek noch Kulturchef des „Spiegel“ bleiben, da es klar ist, dass die Etablierung der Deutschtümelei als Leitkultur des Blattes nun auch dessen dunklen Bruder ans Licht bringt, den offenen, verleumderischen Antisemitismus? Sagen wir es so: Hätte ein CDU-Abgeordneter eine vergleichbare Rede gehalten, die halbe Republik, allen voran die linksliberale Presse, hätte seinen Kopf gefordert. Wohlan, Freunde. Oder habt ihr Angst? Oder findet ihr das am Ende nicht so schlimm?

Dieser Beitrag erschien zuerst in Alan Poseners Blog Apocalypso auf welt.de

10 Antworten zu “Offener Antisemitismus im „Spiegel“”

  1. Jochen Krüger sagt:

    Posener ist total hysterisch und irr. Aus dieser etwas langweiligen Titelgeschichte ein Manifest des Antisemitismus zu machen, schafft man nur, wenn man selbst so was da reinlesen will. Ich finde es beschämend, dass ein Kommentarchef der Welt seine Antisemitismuskeule so unbedacht und falsch einsetzt. Der Spiegel hat immer schon religionskritische Texte veröffentlicht, und den alttestamentarischen Gott, der nicht nur der Gott der Juden ist, mit Mitteln der Archäologie auf frühere Kulte zurückzuverfolgen, muss erlaubt sein, ohne den Pitbull Posener mit seinem Antisemitismusspeichel am Hintern kleben zu haben. Bisher wurde der Spiegel islamophob und proisraelisch gescholten, jetzt soll er also auch noch antisemitisch sein. Der Spiegel scheint eine prächtige Fußmatte zu sein, wo jeder seinen Dreck drauf abstreifen darf.
    What a pathetic whimp!

  2. Antisemitismusvorwurf auch von Hannes Stein

  3. Juliane sagt:

    Nun, dass Welt und die „Achse des Guten“ sich traditionell aus hysterischen Antideutschen zusammensetzen wäre doch ganz nett von euch dazu zu schreiben.
    Aber ansonsten muss ich dem Welt.de-Typen recht geben, was man sich beim Spiegel da mal wieder unreflektiert zusammen schwurbelt… Gruselig.

  4. Albert sagt:

    Nichts gegen Religionskritik. Aber wenn diese rassistische, pseudohistorische Schmiererei im Spiegel kein Antisemitismus ist, was ist es dann?

  5. […] … alles erdenklich Schlechte… […]

  6. maloXP sagt:

    Der Link zu „Apocalypso“ geht nicht.

  7. sebastian sagt:

    @ maloXP: Vielen dank, ich hatte daran herumgespielt und hätte am Ende nochmal überprüfen sollen, ob es klappt… Ist jetzt korrigiert.

  8. […] Antisemitismusvorwürfe gegen den Spiegel und seine Weihnachtsausgabe erhebt auch Erziehungs-Prof. Micha Brumlik. Unsere Nachfrage dazu läuft noch. […]

  9. Peter sagt:

    Vielen Dank für Ihre detailierten Kritiken, besser hätte man den Verantwortlichen deren menschenverachtende Gesinnung kaum vor Augen halten können.

    Meiner Meinung nach hätte der bis jetzt in meinen Augen noch einigermaßen angesehene Spiegel niemals diesen Artikel veröffentlichen dürfen. Dass er es doch tat, zeigt, dass er wohl bald dem stern folgt.

    Um diesem Schicksal zu entgehen, sollte sich der Spiegel wohl zum nächstmöglichen Zeitpunkt von den entsprechenden Personen trennen.

  10. Lorenz sagt:

    Was soll man dazu noch sagen. Man muss auch kritikfähig sein und nicht von anfang an behaupten das sei Antisemitisch. Mir kam dieser Artikel wie eine übertriebene Reaktion vor. Spiegel kann nichts dafür dass das alte Testament über die jüdische Geschichte erzählt.

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