„Spiegel Online“ in die Psycho-Klinik

Ein Gastbeitrag von Stefan Niggemeier (Freier Medienjournalist)

„Spiegel Online“-Chef Mathias Müller von Blumencron hat gegenüber der „taz“ die Entscheidung verteidigt, die „Bild“-Unterhaltungschefin Patricia Dreyer im nächsten April zur neuen Leiterin des „Panorama“-Ressorts zu machen — obwohl deren Name u.a. über dem Artikel stand, mit dem die „Bild“-Zeitung 2004 ihre Schmutzkampagne gegen Sibel Kekilli begann:

Dreyer sei für diese Geschichte und ihre Aufmachung nicht zuständig gewesen. „Man kann sich auch fragen: Muss man jemanden sein Leben lang für eine solche Geschichte verantwortlich machen?“

Ja, das kann man sich auch fragen. Man müsste es vielleicht nicht so formulieren, dass es klingt, als hätte Dreyer den Artikel in den frühen 60er Jahren geschrieben oder in der Pubertät und nicht im Februar 2004. Aber natürlich sollte man niemanden auf einen einzigen Artikel reduzieren, den er geschrieben hat.

Patricia Dreyer hat ja auch andere Sachen geschrieben.

Im März 2005 eine „Bild“-Serie über Sarah Connor, über der grotesk irreführende Überschriften standen wie: „Ich sollte mein Baby abtreiben … nur für die Karriere“ oder: „Mit meiner Freundin übte ich Zungenküsse“ — aber vermutlich war sie auch da für die Geschichte und ihre Aufmachung nicht „zuständig“ gewesen.

Und im Oktober 2003 einen „Bild“-Artikel, der mit den Worten begann:

Jetzt ist die zweite, zensierte Fassung von Dieter Bohlens Enthüllungsbuch im Handel. Viele pikante Stellen mussten geschwärzt oder gestrichen werden. Lesen Sie exklusiv in BILD die Enthüllungen, die Prominente verbieten ließen.

Und natürlich war sie für die Beleidigungen und Unterstellungen, die dann folgten, nicht „zuständig“, die waren ja von Bohlen.

Patricia Dreyer schrieb Artikel wie..

  • Ingrid Steeger in der Psycho-Klinik

  • „Sie muss weg von der Familie! Weg von den Freunden! Rettet meine Frau!“ — TV-Star Bernd Herzsprung (61) will, dass seine kranke Frau Barbara (50) wieder in die Psycho-Klinik geht.
  • Jetzt gehe ich erst mal in die Nerven-Klinik. Jimmy Hartwig – Abschied vom Dschungel-Camp
  • Yvonne Wussow Brustkrebs-Drama
  • Arme Jutta Speidel! / Warum fällt sie immer auf die falschen Männer rein?
  • Jetzt redet Michelle Hunziker über ihren Ehekrieg: Eros lügt und will mich fertigmachen!
  • Nackt-Eva triumphiert in der Lippenschlacht
  • Michael Jackson: Was trieb er mit diesem Hamburger Jungen
  • Macht Dschungel-TV dumm?
  • Fleißig büffelt Naddel für den Idioten-Test
  • Rod Stewart größter Pop(p)-Star aller Zeiten.

Und womöglich sind all diese Artikel sogar journalistisch unangreifbar. Aber man kann sich auch fragen, was es bedeutet, wenn der „Spiegel Online“-Chef sagt: „Wir wollen die Berichterstattung im Panorama-Ressort verstärken und originärer machen“, und dafür die Autorin dieser Texte einstellt.

Stefan Niggemeier schrieb zu diesem Thema auch den Beitrag „Bohlens Psyche bei Spiegel Online“

Korinthe (12): Schach-Großmeister

Im Zusammenhang mit einer 10-Jahres-Sperre für Schach-Spieler Umakant Sharma schreibt SpOn:

Allein in diesem Jahr erreichten vier indische Spieler Großmeister-Status, wobei Indien mit Parimarjan Negi den derzeit jüngsten Großmeister der Welt stellt. Negi wurde 1993 geboren, im Alter von 13 Jahren zum Großmeister. Das hatte es vorher nur ein einziges Mal gegeben: Auch der Chinese Bu Xiangzhi (aktuell Platz 37 im FIDE-Ranking) war 13 Jahre alt, als er den Titel gewann – war damals aber ein paar Monate jünger als Negi.

Pinwand-Blog merkt dazu an:

Jedem Schachspieler, der die Meldungen des letzten Jahres auch nur flüchtig verfolgt hat, fällt dazu spontan der Name Magnus Carlsen ein. Carlsen ist die größte nordeuropäische Schachbegabung seit Jahrzehnten und hat seinen Großmeistertitel im Alter von 13 Jahren, 3 Monaten und 27 Tagen erlangt. Und natürlich ist da auch noch der ukrainische Großmeister Sergey Karjakin, heute knapp 17 Jahre alt, der den Titel im Alter von 12 Jahren und 7 Monaten erwarb – früher hat es bislang noch kein anderer Spieler geschafft, Großmeister zu werden.