Antisemitismus herbeigeschrieben?

Ein Gastbeitrag von Hersch Fischler

Mit alarmierenden groß aufgemachten Schlagzeilen auf der Homepage verkündete Spiegel Online am Abend des 7.12. eine zuvor seit Ende des Dritten Reichs in Deutschland nicht gekannte Eskalation

Antisemitische Welle an Schulen
Jüdische Schüler fliehen vor Nazis und aggressiven Muslimen”

“Die Jüdische Oberschule in Berlin-Mitte gleicht einem Hochsicherheitstrakt: Wer den imposanten Altbau in der Großen Hamburger Straße betreten will, muss eine Sicherheitsschleuse passieren. Das Gelände ist von einem meterhohen Zaun umgeben, Kameras überwachen jede Bewegung, Polizisten stehen vor dem Gebäude Wache.” [Artikelanfang] […]

“Schulleiterin Witting sagt: “Wir sind mittlerweile die einzige Schule in Berlin, an der sich jüdische Kinder zu ihrer Identität bekennen können.” [Artikelende]

Wie bedrohlich diese neue Antisemismus-Welle ist, macht Spiegel-Online also in bewährter Manier mit den ersten und letzten Sätzen des Berichts seinen Lesern deutlich. Es soll ja der richtige Eindruck haften bleiben:

Die Zeilen zwischen den Anfangs- und den Schluss-Sätzen enthalten nichts, was die Horrormeldung rechtfertigen könnte.
Sicherheitsanlagen und Polizei schützen jüdische Schulen in Deutschland seit den Zeiten des palästinenschischen Terrorismus in den sechziger Jahren und sind auf diesen Terrorismus ausgelegt. Als die vor der neuen Antisemitismuswelle flüchtenden Schüler präsentiert der SpOn Bericht lediglich ein 14-jähriges jüdisches Mädchen und ihre Freundin, die von einer Kreuzberger Schule in die Jüdische Oberschule wechselten, weil sie “über Monate hinweg von arabischstämmigen Jugendlichen antisemitisch beschimpft, geschlagen und bespuckt worden ” waren. Das ist schlimm genug, ebenso wie die Entwicklung, dass “Jude” in Schülerkreisen zunehmend als Schimpfwort wie z.B. “Opfer” auch benutzt wird.

Dass dies nicht unbedingt Antisemitismus verraten muß, bemerkt SpOn beiläufig. Alle angeführten Beispiele liefern keinen Beleg für die suggerierte antisemitische Welle von Horror-Format – und die zitierten Äußerungen der Schulleiterin Wittig und der Jüdischen Gemeinde Berlin auch nicht. Wann haben jüdische Gemeinden und Lehrer an jüdischen Schule jüdischen Eltern nicht empfohlen, die Kinder in ihre Obhut zu nehmen? Wer aus einer jüdischen Familie stammt und im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre zur Schule ging, erinnert sich daran, dass sehr viele jüdischen Kinder in den Schulen mit deutschen Vornamen angemeldet wurden und an so gut wie keine, die in den Schulen Kippa trugen.

Es gibt eine Zunahme antisemitischer Äußerungen und Delikte an Schulen. Aber die Schlagzeile “Jüdische Schüler fliehen vor Nazis und agressiven Muslimen” wift die Frage auf, ob SpO inzwischen nicht nur Texte von der FAZ am Sonntag nachdruckt , sondern auch solche aus dem Papierkorb der BILD-Redaktion. Denn solch eine Schlagzeile wäre selbst bei Bild kaum gedruckt worden oder online gegangen. Wo kann SpOn über die unverbesserlichen 80-jährigen Ex-NSDAPler (alle anderen wären Neo-Nazis) und die mörderischen Islamisten schreiben, die in Deutschland Jagd auf jüdische Schulkinder machen? Es berichtet vor allem über Kinder und Jugendliche. Die groß aufgemachten Schlagzeilen sind vor allem dazu gut,Trittbrettfahrer auf den Plan zu rufen.

Man könnte hoffen, die bemerkenswerten Schlagzeilen samt Meldung seien Produkt überforderter Hilfskräfte gewesen, die als sogenannte “Nachtschwestern” (siehe das Buch von Julia Bönisch, Spiegel-Kritik vom 6.12.) in die Tasten hauen müssen, wenn die festen Redakteure ihre Bierchen in den Hamburger Pressekneipen genießen. Aber diese Hoffnung geht schnell dahin. Es waren Jan Friedman und Björn Hengst, zwei etablierte SpOn-Redakteure aus der Mannschaft von Politik-Ressortleiter C.C. Malzahn, der auch das Berliner SpOn Büro leitet. Was mag die beiden geritten haben, solch einen gefährlichen Mist zu verzapfen?

Es sind nur noch zwei Tage. Dann findet in Berlin am 11.12. die internationale Tagung “Der Holocaust im transnationalen Gedächtnis” statt, die Bundeszentrale für politische Bildung und Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin veranstalten, um der von Iran Präsident Achmanijad für denselben Tag in Teheran einberufenen Konferenz der Holocaust-Leugner entgegen zu treten. SpOn wird auf dieser Konferenz seine journalische Qualität ganz groß unter Beweis stellen. Es ist der offizielle Medienpartner der Konferenz. Seine Logos begegnen auf Programmen und Einladungen. SpOn-Resortleiter C.C. Malzahn wird als Moderator auftreten.

Hersch Fischler

2 Gedanken zu „Antisemitismus herbeigeschrieben?

  1. Antisemtismus ist ein zu ernstes Thema, um wie SPIEGEL online das tun, reißerisch damit umzugehen. Insofern teile ich die Kritik von Hersch Fischler. Dass der SPIEGEL Bedarf hat, die Aufarbeitung der Wirkungen von SS-Offizieren und Antisemiten im eigenen Nachrichtenmagazin zu leisten, wurde im Beitrag “Vergangenheitsbewältigung” vom Juni 2006 hier bei Spiegelkritik.de deutlich: http://spiegelkritik.de/2006/06/18/vergangenheitsbewaeltigung/

    Dort habe ich auch den folgenden Link zu dem vom SPIEGEL inkriminierten Radiofeature des Bayerischen Rundfunks zum Reichstagsbrand eingegeben – der Text der Radiosendung war bislang online nicht nachzulesen:
    http://www.nfhdata.de/premium/newsboard2/dcboard.php?az=show_mesg&forum=104&topic_id=37&mesg_id=122&page=

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