Der Triumpf des Bockmist

Es ist eine typische Spiegel-Geschichte, die Dirk Kurbjuweit im aktuellen Heft über fünf Seiten niedergeschrieben hat. Seine These: Der Demokratie in Deutschland geht es gerade nicht so gut, viele Bürger sind nicht interessiert an politischen Debatten. Wie bei jeder Spiegel-Geschichte, so muss auch in dieser die steile These durch ein paar Belege fundiert sein. So hat Kurbjuweit beim CDU-Parteitag etwa beobachtet, dass viele Delegierte in der Mittagszeit Mittagessen waren, statt der Richtungsdebatte im Saal zu folgen: „Dresden war ein Sieg der Bockwurst über die Demokratie“, schreibt Kurbjuweit, und die Überschrift seines Textes lautet:

Der Triumpf der Bockwurst

Auch sonst schlängelt der Text sich hauptsächlich an Beobachtungen dieses Parteitages entlang. Der einzige externe, harte Beleg in dem Text ist eine Umfage. Kurbjuweit schreibt in seinem Artikel, dass

erstmals 51 Prozent der Bundesbürger unzufrieden mit der Demokratie sind, wie jüngst der „Deutschlandtrend“ der ARD ergab […].

Doch dies hatte der Deutschland-Trend gar nicht ergeben. Dies trotzdem zu behaupten ist ziemlicher Bockmist. Die Frage im Deutschlandtrend lautete schließlich nicht, ob die Deutschen zufrieden mit der Demokratie an sich sind, sondern ob sie zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie sind. Dass dies ein wichtiger Unterschied ist, erläuterte der Demoskop Dieter Roth, der ehemals für die Forschungsgruppe Wahlen arbeitete, im Interview mit Spiegel Online:

SPIEGEL ONLINE: Nach einer Umfrage des ARD-Deutschlandtrends (Infratest dimap) sind 51 Prozent der Befragten mit der Art und Weise, wie die Demokratie in Deutschland funktioniert, nicht zufrieden. Kann man davon ableiten, dass die Deutschen die Demokratie nicht mehr wollen?

Roth: Das kann man nicht. Die Frage zielt eher auf die gelebte Demokratie, das heißt, auf die Arbeit der Regierung. Das Ergebnis spiegelt eine Unzufriedenheit mit dem Regierungsgeschäft wider. Es wird nicht die Verfassung zur Disposition gestellt. Wird nach der besten Staatsform gefragt, hat die Demokratie in der Regel eine Zustimmung von rund 75 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Wir können somit nicht von einer Demokratiemüdigkeit sprechen?

Roth: Nein, denn die Demokratie wird mehrheitlich bei Weitem nicht in Frage gestellt. […]

Und dieses Beispiel zeigt, wie der Spiegel Belege (Umfrageergebnisse, Zitate, Statistiken) so zurechtbiegt, bis sie zur These passen. Insofern ist dieser Spiegel-Artikel typisch. Ungewöhnlich ist nur, dass diesmal das eigene Online-Magazin die Sache richtig stellt – aber auch das erst, nachdem sie zuvor den gleichen Fehler gemacht hatten und dafür in der ZEIT online von Gero von Randow kritisiert wurden. Aber das ist eine andere Geschichte – und die hat bereits Bildblogger Stefan Niggemeier lesenswert aufgeschrieben.

Ein Gedanke zu „Der Triumpf des Bockmist

  1. Sarkasmus scheint Ihnen ein Fremdwort zu sein, ist das möglich? Und, das die Bürger nicht mit der Demokratie an sich unzufrieden sind, soviel sollte jeder halbwegs intelligente Mensch den deutschen Volk zutrauen. Nur Berufspessimisten und Dauernörgler können dies so deuten wie Sie es getan haben.

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