Journalismus als Bestatter denn Feuerwehr

„Der Foltertod eines jungen Häftlings in Siegburg war absehbar: Die Justiz hat Gewalttäter im Jugendstrafvollzug nicht mehr im Griff.“ (SPIEGEL 47/2006:70; online nur kostenpflichtig)

Weil die deutschen Knäste zu voll sind, war – meint Guido Kleinhubbert – „der Foltertod von Hermann H. der grausame Höhepunkt einer Entwicklung, die sich seit langem abzeichnet.“

Richtig ist die Beobachtung der Kontinuität des Problems. Es währet ewig. Richtig ist auch die konstatierte Zwangstödlichkeit. Wird ein junger Mann zu einer Gefängnisstrafe verurteilt – wer hilft dem Sträfling, wenn er schikaniert wird, dass ihm die Augen übergehen? Keiner. Denn das zuständige Justizministerium, wo immer einer die Verantwortung auf den andern abschiebt -, braucht nur ’sinngemäß‘ die Bestimmungen anzuwenden – und der Mann tut gut, sich aufzuhängen.

Falsch ist die Kausalität. Denn das Problem ist der Vollzug einer Absurdität: Es gibt kein staatliches Recht des Strafens. Es gibt nur das Recht der Gesellschaft, sich gegen Menschen, die ihre Ordnung gefährden, zu sichern. Alles andere ist Sadismus, Klassenkampf, dummdreiste Anmaßung göttlichen Wesens, tiefste Ungerechtigkeit.

Wer das am wenigsten von allen einsieht, ist unsere Volksvertretung in Düsseldorf und Berlin, die so ganz in ihren lächerlichen Geschäftchen aufgeht.

Man frage einmal einen ausgekochten Parlamentarier der regierenden Großkoalition, was er denn so im Laufe seiner Amtszeit zur Verbesserung des bejammernswerten Loses derer getan habe, die das Unglück hatten, der deutschen Justiz in die Hände zu fallen. Wenn wirklich einmal von Parlamentariern eine Besichtigungsreise durch die Gefängnisse unternommen wurde, so war die halbe Wirkung selbstverständlich von vornherein sabotiert: die Reise war angekündigt. Kein Volksvertreter hat das Recht, unangemeldet ein Gefängnis zu inspizieren. Also hat er praktisch nur die halbe Möglichkeit, Missstände aufzudecken.

Die Berichte über den Mord im Siegburger Gefängnis offenbaren die unüberwindbare Außenperspektive der Journalisten. Sie schauen von außen auf hohe Mauern und hören mit Staunen, was man ihnen bei Pressekonferenzen erzählt. Merkwürdige Wesen müssen das sein, die dort hinter Gittern gehalten werden…

Wir dürfen nie außer acht lassen, dass das Gesichtsfeld und die Erlebnissphäre des Gefangenen auf ein Minimum zusammengeschrumpft ist, dass das Feld, in dem er körperlich und geistig lebt, sehr beschränkt ist. Nimmt man selbst an, dass jeder Gefangene während seiner Gefängniszeit abstumpft, so bleibt doch noch mindestens die Hälfte seiner gewöhnlichen Energie übrig, die nun statt auf Quadratkilometer auf Quadratmeter seelischer und körperlicher Erlebnisse angewiesen ist.
Die Folge davon ist, dass jedes Erlebnis, jede Sinnenreaktion tausendmal stärker ist; daß jedes Vorkommnis tausendmal größern Eindruck hervorruft, als es das im freien Leben zu tun pflegt, wo es sofort wieder von andern verdrängt wird.

Wäre denn nicht die entscheidende Frage, wie überhaupt jemand ins Gefängnis kommt? Der getötete Häftling Hermann H. war ein Junkie. Kein lieber braver Zögling, sondern zwangsläufig ein Krimineller. Und so einer gehört am sinnvollsten – ins Gefängnis. Diese Gerechtigkeit steht auf dem Niveau eines mittleren Konfirmandenunterrichts und mufft nach Kaserne, kleiner Beamtenwohnung und Pastorenehe. Aber niemanden störts.

Denn es gibt nur eine Möglichkeit, Folter und Mord wie in Siegburg zu verhindern: Schutz durch öffentliche Kontrolle. Diese öffentliche Kontrolle ist zur Zeit dünn. Immerhin wäre die Beaufsichtigung der Gerichtsverhandlungen durch die Presse recht förderlich, besonders in den kleinem Städten. Es ist eine von den Zeitungen aller Schattierungen fast durchgängig vernachlässigte Pflicht, diese Kontrolle durch eigne fähige Leute ausführen
zu lassen. Was wird da verhandelt, wie wird es verhandelt und wie wird es geahndet? Im Fall Hermann – und vielen, vielen anderen – gab es diese Leute nicht.
Lebendvieh ist nichts für Geier.

8 Antworten zu “Journalismus als Bestatter denn Feuerwehr”

  1. siegstyle sagt:

    ich hap hier ja schon viel gelesen, aber so einen tendenziösen unsinn wie das hier noch nicht. spiegelkritik ist steigerungsfähig: immer wenn man denkt es geht nicht dümmer, wird man von noch dümmeren einträgen überrascht.

    erst schreibt der schreiber diese kritik:

    „“Die Berichte über den Mord im Siegburger Gefängnis offenbaren die unüberwindbare Außenperspektive der Journalisten. Sie schauen von außen auf hohe Mauern und hören mit Staunen, was man ihnen bei Pressekonferenzen erzählt. Merkwürdige Wesen müssen das sein, die dort hinter Gittern gehalten werden…“

    um dann selbst aus seiner aussenperspektive zu mutmaßen:

    „Wir dürfen nie außer acht lassen, dass das Gesichtsfeld und die Erlebnissphäre des Gefangenen auf ein Minimum zusammengeschrumpft ist, dass das Feld, in dem er körperlich und geistig lebt, sehr beschränkt ist. Nimmt man selbst an, dass jeder Gefangene während seiner Gefängniszeit abstumpft, so bleibt doch noch mindestens die Hälfte seiner gewöhnlichen Energie übrig, die nun statt auf Quadratkilometer auf Quadratmeter seelischer und körperlicher Erlebnisse angewiesen ist.“

    wenn dieser schreiber aus seiner aussenperspektive über das leben von gefangenen mutmasst, dann kann das auch jeder journalist. ob vom spiegel oder von der bäckerblume.

    auch toll dieser absatz:

    „Wäre denn nicht die entscheidende Frage, wie überhaupt jemand ins Gefängnis kommt? Der getötete Häftling Hermann H. war ein Junkie. Kein lieber braver Zögling, sondern zwangsläufig ein Krimineller. Und so einer gehört am sinnvollsten – ins Gefängnis. Diese Gerechtigkeit steht auf dem Niveau eines mittleren Konfirmandenunterrichts und mufft nach Kaserne, kleiner Beamtenwohnung und Pastorenehe. Aber niemanden störts.“

    zunächst mal scheint der schreiber nur zu wissen, dass er junkie war. war das alles? und selbst wenn: drogenbesitz ist strafbar. und wird mit gefängnis bestraft.

    totaler qutsch auch dieser absatz:

    „Es gibt kein staatliches Recht des Strafens. Es gibt nur das Recht der Gesellschaft, sich gegen Menschen, die ihre Ordnung gefährden, zu sichern. Alles andere ist Sadismus, Klassenkampf, dummdreiste Anmaßung göttlichen Wesens, tiefste Ungerechtigkeit.“

    sagt mal: hat jetzt die mlpd die seite hier übernommen oder ist das noch in grüner hand…hahahahaah

  2. siegstyle sagt:

    und wer hier sich zur kritik aufschwingen will, sollte zumindest mal korrekt recherchieren, bevor er hier halbwahrheiten verkündet.

    zitat über das opfer hermann h.:

    Der jugendliche Wiederholungstäter mit „einigen Vorstrafen, aber keine dicken Sachen“ bekam einen Bewährungshelfer. Zudem musste er Arbeitsstunden leisten. Doch seine Auflagen hielt er nicht ein. „Zu dem Zeitpunkt scheint er sich endgültig abgesetzt zu haben; es gab auch keine gültige Adresse mehr“, sagt Schlaeper unserer Zeitung. Anfang 2006 widerrief der Amtsrichter die Bewährung, und der 20-Jährige musste die Haftstrafe antreten.

    gefunden hier:

    http://www.rp-online.de/public/article/aktuelles/politik/deutschland/hintergrund/377264

  3. siegstyle sagt:

    und hier:

    Hermann H., sagt eine Kölner Staatsanwältin, habe eine „typische Diebstahlskarriere“ durchlaufen, ein richtiger Krimineller sei er nicht gewesen. Immerhin war er in drei schwere Diebstähle verwickelt. Bei vier weiteren hatte er eine Waffe dabei, ohne sie einzusetzen. Das alles führte dazu, dass ihn das Amtsgericht Leverkusen am 17. Mai 2005 zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilte. Weil er weder die auferlegten Sozialstunden ableistete noch den vorgeschriebenen Kontakt zum Bewährungshelfer suchte, wurde die Bewährung im September 2005 widerrufen. Seine Haftstrafe trat er mehr als ein Jahr später an.

    gefunden hier:

    http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?cnt=1011941

  4. siegstyle sagt:

    wie kommt zu jemand ins gefängnis? ganz einfach: weil er sich nicht an die bewährungsuaflagen hielt.

    man was ist diesewr beitrag für ein tendenziöser mist ohne gehalt.

  5. Ernie und Bert sagt:

    Um was geht’s?

  6. Dass der Text Unsinn ist, fanden schon andere. Deshalb ist er (in weiten Teilen) auch schon mal verbrannt worden. Natürlich nicht in der hier publizierten Montage-Form.

  7. […] Doch neben dem ursprünglichen Problem, welches sicherlich nicht zu entschuldigen ist oder hier relativiert werden soll, werden die weiteren Aspekte nicht im Ansatz beleuchtet. Die Kollegen des SPIEGEL entwerfen mal wieder das dunkle BILD des bösen Internets. Das hat mit Journalismus wenig bis gar nichts zu tun, es ist einfach nur peinlich und lächerlich – aber wie ich gerade lesen konnte, war das nicht die erste journalistische Glanzleistung des SPIEGEL-Autors. […]

  8. Michael Reuther Mendes sagt:

    Warum Herman im Knast war??? Spielt das noch eine Rolle???? Auf jeden fall ist er jetzt tot- obwohl er nicht zum Tode Verurteilt wurde!!!!

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