Sprachwissenschaftler warnt vor Bastian Sicks „unverantwortlichen“ Deutschtipps

Die Sprachglossen von Spiegel-Online-Autor Bastian Sick, Verfasser der „Zwiebelfisch-Kolumnen“, sind leicht und locker zu lesende Geschichten – aber sind seine Tipps für richtiges Deutsch alle korrekt? Keineswegs, schreibt Peter Eisenberg, emeritierter Professor für Deutsche Sprachwissenschaft der Universität Potsdam, an diesem Wochenende im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung in seinem Artikel über den „Sprachentertainer“, der mit „einer gewaltigen Medienmacht“ seine Texte verfasse und „sich als Sprachwahrer gibt“.

Eisenberg macht seine Zweifel an der fachlichen Kompetenz von Sick an zwei Beispielen fest. In der Frage, ob es „am Anfang dieses Sommers“ oder „am Anfang diesen Sommers“ heißt, schließt Sick „diesen Sommers“ als falsch aus. Eisenberg: „Für eine germanistische Linguistik neueren Zuschnitts ist dieses Urteil unzutreffend. Der Ausdruck ,am Anfang diesen Sommers‘ ist nach allen Regeln der Kunst wohlgeformt und Ausdruck einer hohen Flexibilität des Sprachsystems“. Frage man Sprecher, die das Deutsche in Wort und Schrift beherrschen und nicht „etwa durch übermäßige Lektüre von Sprachglossen verunsichert wurden“, so halte die Mehrheit „diesen Sommers“ für besser. Eisenberg: „Und sie haben recht: Im Gegenwartsdeutschen wird die Markierung des Kasus am Substantiv mehr und mehr abgebaut.“

Das zweite Beispiel: Sick beschreibt, wie er bei einer Lesung in der Kölnarena nach dem richtigen Partizip von winken fragt, worauf die meisten der 15.000 Teilnehmer nach Sicks Bericht „nicht für gewinkt, sondern für das falsche gewunken stimmen“. Eisenberg bemängelt, dass Sick nirgendwo erklärt, warum er gewunken für falsch hält: „Eine Erklärung findet sich nicht, weder im Vortrag noch im Buch. Man darf vermuten, dass der Autor die im allgemeinen Gebrauch ältere Form als die richtige ansieht. […] Klar ist aber: Wir haben keinen Grund für die einfache Zweiteilung falsch/richtig“ bei gewunken/gewinkt.

Eisenbergs Fazit:

Sprachentertainer wie Bastian Sick oder Hape Kerkeling müssen die Leute zum Lachen bringen, sonst haben sie ihren Beruf verfehlt. Sie und ihre Medien sollten aber nicht so tun, als brächten sie auch nur eines der Sprachprobleme, denen wir uns gegenübersehen, auch nur um einen kleinen Schritt einer Lösung näher. Würde ihr Auftreten Wirkung zeigen, wäre eher das Gegenteil der Fall. Sie transportieren ein Sprachbewusstsein, das nicht in der Sprache ruht, sondern deren Eigenschaften in Multiple-Choice-Rastern auf willkürliche Weise digitalisiert. Man kann das machen, wenn man Eigenschaften von Süßwasserfischen abfragt, bei der Sprache ist es verfehlt, ja, unverantwortlich. In Zeiten zunehmender Sprachverunsicherung sind demonstrative Selbstgewissheit und schulmeisterlicher Dünkel sicher eine gute Geschäftsgrundlage für Medienprodukte. Sprachwissenschaftler stehen dem aus guten Gründen misstrauisch gegenüber.

22 Gedanken zu „Sprachwissenschaftler warnt vor Bastian Sicks „unverantwortlichen“ Deutschtipps

  1. viel geiler finde ich es, wenn so „pseudosatiriker“ wie der helgoländer vorbote ellenlange arteikel zum weltuntergang schreiben (mit vielen schreib- und sinnfehlern übrigens) und dann nicht die eier haben, die kommentarfunktion zu öffnen.

    ganz schwach. hahahahaha

  2. Mensch siegstyle,

    sei doch nicht so verkrampft! Gleiches gilt für Dich, ***********!

    (Beleidigung in diesem Kommentar gelöscht – Sebastian)

  3. Es wird endlich Zeit, dass die Sprachwissenschaft auf die Popularität halbgebildeter Unterhaltungskünstler eine kompetente Antwort findet. Wenn Herr Eisenberg damit beginnt, dann ist ihm viel Erfolg zu wünschen. Den Sicks und Schreibers (Mathias Schreiber, Autor der Spiegel-Story ‚Rettet dem Deutsch‘) die öffentliche Bühne in Fragen des Sprachgebrauchs zu überlassen, ist einfach fahrlässig.

  4. @romanist und profilierungssüchtige Sprachwissenschaftler: so ein elender Humbug. Man muss Sick nicht zwingend toll finden. Nicht alles, was Sick schreibt, muss auch zwangsläufig richtig sein. Aber was durch die Sick-Kolummnen eindeutig unters Volk gebracht wird, ist folgendes: das Bewusstsein, dass Sprache nicht einfach ein beliebig zu krümmendes Ding ist. Es gibt Regeln. Es gibt eine Sprachgeschichte. Man kann sich mit solchen Dingen beschäftigen und es kann Spaß machen. Ginge es den oben genannten, profilierungssüchtigen Wissenschaftlern tatsächlich um die Sprache und nicht um ihre Missgunst gegenüber Sick, würden sie eine solche Entwicklung schlicht gutheißen und nicht an Feinheiten herummäkeln. Ganz schön armselig, möchte man meinen.

  5. lieber hans,
    genau das ist doch das problem: die REGELN der sprache. ist denn die sprache eine heilige kuh? für viele ja. das führt aber zu der absurden situation, dass man sich über die form einer mitteilung ereifert (z.b. rechtschreibfehler), den inhalt der mitteilung aber völlig ausser acht lässt. ein „deppenapostroph“ kann einen kompletten text in misskredit bringen, unabhängig seines inhalts, den man dann nicht mehr zur kenntnis nehmen muss. ergebnis: eine weitere ausgrenzung des prekariats, weitere gräben zwischen menschen.

    ich behaupte dagegen: der sinn von sprache ist kommunikation, der sinn von regeln ist, diese kommunikation auf eine ebene zu holen, die von allen in etwa gleich verstanden wird. klar werde ich weiter verben beugen. aber vieles von diesem sprachpurismus ist doch götzenanbeterei – mit durchaus unguten gesellschaftlichen folgen. deshalb kann man dem sebastian sick als vorreiter einer solchen bewegung schon mal eins vor den bug schießen. ob er aber auch „fehler“ macht bei „dieses wochenendes“ oder „diesen wochenendes“ ist mir ehrlich gesagt schnurz.

  6. Richtig. Ich gebe Dir vollumfassend Recht. Allerdings ist die Argumentation, die Du anführst, nicht die des Textes. Im Text der äh… Sprachwissenschaftler erkenne ich lediglich Neid und Missgunst – bei Dir durchaus mehr. Mein Eintrag war nicht pro-Sick sondern kontra-Neidhammel gemeint.

  7. In letzter Zeit mehren sich die Kritiker an Sick. Schaut man sich allerdings deren Argumente an, dann findet man den Punkt, über den sich viele so ecchauffieren, nicht. Macht Sick Fehler, die er an anderer Stelle selbst bemängelt? Sicher, und auch mit bestem Bemühen wird er dies nie gänzlich vermeiden können. Was hingegen nicht bedeutet, dass der sichtbar gemachte Fehler in seinen Essay keiner sei. Ist nun „diesen Sommers“ in die deutsche Umgangssprache eingegangen, wie sieht es dann mit nicht minder populären Formulierungen wie „in 1990“, „was ein spruch“ oder „da werden sie geholfen“ aus? Folgt man der „Kritik“ des Herrn Eisenberg hier, gäbe es auch diesen Formulierungen nichts auszusetzen, da sie Verbreitung gefnden haben. Wenn es bei Sprache nur um pure Verständlichkeit ging und die „heilige Kuh“ der Regeln als überflüssiger Fetisch geschlachtet werden könnte, könnte man viele Fälle, Endungen usw. weg lassen. Selbstredend würde uns das auch hervorragende ergebnisse beim Pisatest bescheren. Schauen wir, wann die Politiker auf diesen Gedanken kommen. Zur Kritik an Sick bleibt meine Meinung auch nach diesem Beitrag, dass es sicher hierbei vielfach um Neid handelt, mit einem Thema, das man als das eigene empfindet, auf so lockere Weise einen so großen Erfolg zu haben.

  8. Danke an „Hans Says“ und „Deutschbenutzer“.

    Stilvoll kann nur mit Konventionen brechen, wer sie beherrscht. Und einer besseren Kenntnis von Konventionen dient Sick allemal. Und vermittelt nebenbei ganz spielerisch und leicht das Gefühl, dass diese Konventionen einen Wert besitzen, eben weil er elegant mit ihnen spielt.

    Interessant finde ich an vielen Kritikern (auch im restlichen Kunstbereich), dass die Leichtigkeit und Gelassenheit, die sie vorgeblich verteidigen möchten, ihnen selbst vollkommen abgeht. Wenn jemand mit dem Stock im Popo am Rande einer Tanzfläche den freien Ausdruck verteidigt, so ist mir dieser jemand suspekt. So auch Herr Eisenberg.

  9. @BREMER SPRACHBLOG >> Alles geht, oder?:
    Endlich mal ein sinnvoller Kommentar.
    Darin, daß die Form, in der die Kritik erfolgt, nicht besonders gut gewählt ist, gebe ich einigen Vorrednern recht. Denn es ist unpassend anhand von (nur zwei) Beispielen etwas zu kritisieren. Der richtige Weg wäre wohl – falls man es für nötig hält – den allgemeinen Stil von Sick (z.B. daß er nicht-wissenschaftlich bzw. deskriptiv vorgeht) zu kritisieren und dies an Beispielen zu belegen. Und dahingehend ist die Kritik m. E. auch gerechtfertigt: Sick hält sich nicht an wissenschaftliche Konventionen und Begründet auch nicht, warum er mit diesen bricht bzw. welche Maßstäbe er für „richtig“ und „falsch“ anlegt. In seinen Bücher findet man nie – vielleicht habe ich es aber auch überlesen – eine legitime und anerkannte Grundlage seiner dogmatischen Regeln. Sick selbst scheint sich auch kaum mit der Sprachwissenschaft an sich, sondern hauptsächlich mit einigen Teilgebieten beschäftigt zu haben, weshalb er, m. E., häufig auf falscher Grundlage argumentiert und urteilt. Hinzu kommt das öfter auftretende Vermischen von synchronen und asynchronen Argumenten innerhalb einer Argumentationskette.

  10. Warum ein gestandener, gutbetuchter Professor, der die Sprache von innen kennt und sie erforscht, der federführend an Büchern und Zeitschriften mitarbeitet, die Herr Sick liest (oder besser: lesen sollte), der
    im übrigen alles andere als klassisch professoral ist (ich kenne ihn selbst, ich habe bei ihm studiert), neidisch auf einen oberflächlichen, beifallheischenden Possenreißer sein soll, der sich zum Sprachlehrer der Nation hochjubeln läßt, aber immer wieder zeigt, daß er nicht versteht, wie Sprache funktioniert – das hätte ich doch gern mal genauer erklärt. Warum sollte eine Persönlichkeit neidisch auf ein Abziehbild sein?

    Immer dieselbe Leier. Wenn jemand, der das hat, was man Erfolg nennt, in Frage gestellt wird, kommt postwendend das Neidgelaber. Wenn ich sage, daß eine fragwürdige Type wie zum Beispiel Bohlen eine fragwürdige Type ist, und erkläre, warum, dann kann man mir natürlich zustimmen oder auch nicht. Aber wenn mir einer unterstellt, ich wäre ja nur neidisch, dann, bitte, auch sagen, worauf.

    Nicht für eine Million monatlich möchte ich Dieter Bohlen sein – und auch nicht Bastian Sick.

    Ist einer anderer Meinung?

  11. Anlass für Eisenbergs Kritik an Sick ist nicht Neid, sondern das Selbstverständnis des Profs als deskriptiver Linguist. Das ist so weit in Ordnung; doch den angehenden Deutschlehrern, für deren Ausbildung diese Linguisten auch bezahlt werden, hilft das wenig.

  12. Hallo!
    Peter Eisenberg ist zufällig dieses Semester mein Professor in Grammatik. Seine Ansätze empfinde ich als absolut erfrischend und ich glaube, wer ihn schonmal gesehen hat und ihm zugehört hat, der wird schnell begreifen, dass er absolut Ahnung von seinem Fach hat.
    Ich glaube sogar, dass er hier missverstanden wird.
    Er vertritt mitnichten die Meinung, so kommt es in seinen Vorlesung jedenfalls nicht rüber, dass es keine Regeln gibt, er glaubt nur, dass die Sprachpuristen begreifen müssen, dass Sprache sich weiterentwickelt.
    Aber ich gehe da jetzt rein von meinem Verständnis aus und kann keineswegs für ihn sprechen.
    MfG!

  13. Sick tut so, als wäre das, was er sagt, richtig. Dabei hat er natürlich keine Ahnung von Sprachwissenschaft. Das einzige, was Sick wirklich mit seiner Kolumne erreicht, ist Hass. Alleine schon der Titel „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ schafft Hass und Ausgrenzung all den Leuten gegenüber, die diese Variante als Teil ihres Dialektes benutzen.
    Sick hat doch gar keine Ahnung von den Vorgängen in der deutschen Sprache, denn sonst würde er sowas nicht schreiben. Er tut so, als wären bestimmte Dinge in der deutschen Grammatik besser als andere. Der Genitiv soll besser und hochsprachlicher als der Dativ sein. Warum? Das kann der Sick natürlich nicht erklären. Warum darf „wegen“ nicht mit Dativ verwendet werden? Spielt keine Rolle. Es soll laut ihm falsch sein.

    Er ist ein Dummschwätzer und ich finde, Sprachwissenschaftler sollten sich häufiger gegen ihn aussprechen.

  14. „Wegen dem?“ Genau daran zieht sich Herr Sick, ein Norddeutscher, hoch, weil es eben in seinem Umfeld als falsch gilt. Das Gegenteil ist der Fall. Dativ nach „wegen“ oder „trotz“ ist korrektes, gutes Deutsch;in der süddeutschen, österreichischen Varietät der plurizentrischen Deutschen Sprache gang und gäbe, und was ist Hoch-deutsch, wenn nicht süddeutsch?
    Ich empfehle hier mal nachzulesen:
    http://www.belleslettres.eu/artikel/wegen-genitiv-dativ.php

  15. Der Reformator Luther hat zwischen 1522 und 1534 die vorherrschenden Sprachen in allen deutschsprachigen Landen aus Ost/West/Süd/Nord (ausser der Schweiz…) vereinheitlicht, was dann Sprachwissenschaflter & Grammatiklehrer im 18/19. Jhdt. > in Nachschlagewerken vervollkommt haben. Es gibt also Richtlinien > anerkannte Grammatikbücher. Mit der Zeit schliffen sich dann halt die Genetivformen zu Dativformen ab, so dass sie heute als gestelzt empfunden werden mögen, falsch sind sie nicht > bloss literarisch geworden. // Anderes Beispiel: die Präposition „Während“: Beispiel: „“Er arbeitet während der Sommerferien“ oder Dativ: „….den Sommerferien“. Das Irre an so Streitpunkten ist, dass ausländische Deutschsprachschüler die deutsche Grammatik dann besser beherrschen als die Einheimischen, weil sie sich ans Lehrbuch halten. // Anderer Irrtum-Fall: „von“, das fälschlicherweise wie mundartlich im Genetivfall benutzt wird, allwo es in der Schriftsprache gar nicht vorkommen dürfte: „Er wohnt im Haus „vom“ Onkel“ statt: „Er wohnt im Haus des Onkels“ oder, sächsischer Genetiv: „…in Onkels Haus“. // Im privaten > bis klein-geschäftlichen Umfeld kann natürlich jeder so schreiben, wie ers für richtig hält, im literarischen aber tunlichst nicht. Solche Sprach-Feinheiten gibts übrigens auch im Französischen: Für die Literaten und Edel-Schwatz (genannt „Konversation) betreibenden Müssiggänger der Nomenklatura ist Schriftsprache eben nicht nur Code zum sich Mitzuteilen sondern auch Selbstzweck > zur Auffrischung aller Gefahr laufenden, unüblich zu werdenden Wörter und Grammatikformen besonders des „Konjunktivs der Vergangenheit“. // Ich glaube, sich da weiter streiten ist sinnlos: Entweder man lebt > leibt mit Schriftsprache oder dann halt eben nicht. Alle haben sie Recht auf ihre (irrige) Meinung, auch wenn sie halt nie recht Deutsch gelernt haben…. > Wer nicht täglich mit Schrift-Sprache zu tun hat, hält sich da besser raus.
    ……Oder schreibt nur noch auf Englisch > unsere zukünftige EU-Verkehrssprache.

  16. Guten Tag.
    Ist es möglich den Link zu dem Artikel zu erhalten, auf welchen sich hier bezogen wird? Oder gegebenenfalls das Veröffentlichungsdatum?

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