Das Geheimnis des Tom Grünweg

Der Journalist Tom Grünweg ist ein Phänomen. Eifrig schrieb er bislang 314 Artikel auf Spiegel Online und Manager Magazin Online (beide gehören zur Spiegel-Gruppe), davon alle über sein offenbar einziges Thema: Das Autofahren. Grünweg arbeitet offenbar als Freier Journalist (jedenfalls wird er weder im Impressum von Spiegel Online noch dem des Manager Magazins als Redakteur geführt).

Jörg-Olaf Schäfers hatte Anfang Juli im Medienrauschen vermutet, Tom Grünweg sei ein “begeisterter Opel-Blogger”, der besonders häufig über die Freuden des Opel-Fahrens berichte und auch in seinen Artikeln über andere Hersteller “fast immer ein Fahrzeug aus der Opel-Flotte zu Vergleichszwecken” heranziehe. Auch andere Blogs sahen da einen Zusammenhang. Und lagen wohl falsch, denn Opel wird in lediglich 71 der 314 Artikel Grünwegs genannt. Bei der Suche nach einer Reihe von Marken in allen Texten des Autors gibt es mehr Treffer als für Opel bei Mercedes (134), Volkswagen (103), BMW (98) und Audi (83). Auf den Plätzen folgen Ford (62), Porsche (60), Fiat (41), Peugeot (37), Nissan (34), Honda und Chevrolet (beide 27), Ferrari (25), Jaguar (24), Citroën (22), Hyundai (20), Cadillac (16), Dodge (16), Bugatti (11), Bentley und Alfa Romeo (beide 10) sowie Daihatsu (4). Sieht nicht so aus, als ob ein Hersteller besonders bevorzugt oder benachteiligt werden würde – Grünweg scheint sich quer durch die ganze Branche auszukennen.

Umso erstaunlicher, dass Grünweg seine ganze publizistische Kraft allein auf die Online-Ausgaben der Spiegel-Gruppe konzentriert. Sein erster Artikel erschien am 7. Juni 2005, seither veröffentlichte er im Schnitt mehr als vier Artikel pro Woche. Eine Suche im recht viele Medien umfassenden Archiv ergab keinen Hinweis darauf, dass Grünweg auch in einem anderen Medium schonmal etwas veröffentlicht hat. Doch Grünwegs Engagement blieb ohne entsprechende Würdigung durch die Spiegel-Online-Redaktion, die ansonsten ihre regelmäßigen Mitarbeiter im Impressum als “Autor” aufführt (Armin Himmelrath zum Beispiel, der aus Köln vor allem über Bildung und Wissenschaft für Spiegel Online berichtet, wird trotz seiner nur 29 Artikel dort schon genannt).

Grünweg hat auch im Netz keine Spuren hinterlassen: Alle Google-Treffer beziehen sich allein auf seine Auto-Artikel – aber weder sucht er über eine Stayfriends-Seite nach Klassenkameraden, noch hat er in einem Forum mal seine Meinung zu irgendetwas geäußert, noch wurde über eine Preisverleihung für einen seiner Artikel berichtet. Selbst im Telefonbuch ist bundesweit kein einziger Mensch mit diesem Nachnamen eingetragen. Wie gesagt: Der Journalist Tom Grünweg ist ein Phänomen. Wenn nicht sogar ein Phantom. (Heiser)

Update: Sechs Jahre später hat sich Stefan Winterbauer von Meedia intensiv mit Tom Grünweg beschäftigt, der Thomas Geiger heißt und auch die Pseudonyme Benjamin Bessinger und Tom Debus nutzt. Wobei, das sei deutlich gesagt, wir als Tucholsky-Fans natürlich große Sympathie für die Verwendung von bis zu “5 PS” haben. (Tg)

13 Gedanken zu „Das Geheimnis des Tom Grünweg

  1. Ich glaube, es war mehr die Art der Berichte, weniger die Anzahl, die mich damals wunderte. Analog zu den Reifenspecials etwa.

    Statistisch ebenfalls vernachlässigbar: Die kurzeitige Begeisterung “Grünwegs” für USCars24.de, einen Importeur von US-Fahrzeugen:

    Infiniti FX 35: Der Nächste bitte, 14.07.2006
    Cadillac Escalade: Die Wuchtbrumme, 12.07.2006
    Toyota FJ Cruiser: Play-Mobil, 06.07.2006

  2. Grünweg: Seine Texte werden von nur von den besten Magazinen der Welt gekauft. Er schreibt pro Tag rund 200 Artikel, hat eine Zeitmaschine, denn er schafft es gleichzeitig aus den USA, Europa und China zu berichten. Vielleicht kaufen aber SPON, Focus online, faz.de, sueddeutsche.de, ams, autobild.de und diverse andere Publikationen, die Wert auf eine eigene Sprache legen, ihre Texte einfach bei pressinform. Und der Herr Grünwald ist ein Pseudonym. Denn wer derart offen PR für die Anzeigenkunden dieser Magazine macht, kann unmöglich im Impressum der hoch seriösen o.a. Verlage stehen. Wobei serös und professionell heute nicht mehr in einem Zusammenhang erwähnt werden können. Die Auto-und Reise-Rubriken der meisten Zeitungen und Magazine sind schon seit Jahren nichts anderes als Milchkühe.

  3. “Das löst allerdings nicht die Frage nach dem Phantom ;)”

    Hier die Lösung: Thomas Geiger

  4. Tom Grünweg: Ich nenne nur eine typische, idiotische Nonssnes-Aussage allg. Natur von ihm zum VW- 3 Zylinder Basismodell; “Wer unter der Haube spart, spart womöglich am falschen Ort”; wo will das Greenhorn sonst sparen? Die stossstange kostet nicht jeden km, aber, welchen Motor ich habe. 60 PS ist dem Greenway , äh- Grünweg, äh- Greenhorn freilich zu wenig; wielange noch muss die Öko-Diskussion gehen, bis das Greenhorn sie auch mitkriegt? Sämtliche Motoren sind überdimensioniert; Downsizing hat Greenhorn noch nicht mitbekommen; dass das Öl nur noch 40 Jahre reicht, auch nicht! Oh No, sagt, wie so oft: 13.11.09, Dr.No

  5. Ein besonderes Phänomen von Tom Grünweg, neben seiner baukastenartigen Retorten-Schreibweise ist das Wörtchen flott. Fast schon aus dem deutschen Sprachgebrauch verschwunden – oder zumindest in den 80ern hängen geblieben – schafft der flotte Tom es nahezu in jedem Artikel mind. einmal unterzubringen. Flottes Design, flotte Fahrt, flott unterwegs, BMW: flotter Dreier (hahahaha) …

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