Meinungsfakten: Kommunistische Straßennamen

Zum Tag des 17. Juni am 3. Oktober schrieb Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, für SpOn den Beitrag „Wie die DDR in der Provinz weiterlebt“, in dem er aufgrund einer Studie seines Hauses beklagt:

Wer in Ostdeutschland zu einer Landpartie aufbricht, könnte leicht auf die Idee kommen, die SED sei dort immer noch an der Macht: Ernst-Thälmann-Straße, Rosa-Luxemburg-Straße, Straße der Einheit, Straße der Freundschaft – so heißen fast in jedem Dorf die wichtigsten Straßen. Sie haben nicht nur die friedliche Revolution im Herbst 1989 überdauert, sondern auch Wiedervereinigung und 16 Jahre Demokratie.

Besonders ärgerlich findet Knabe:

Sogar Walter Ulbricht, der bereits 1972 aus dem öffentlichen Leben in der DDR verbannt wurde, hat noch eine Straße: in Chemnitz.

In einer kurzen Entgegnung im Neuen Deutschland (ND) meint allerdings Claus Dümde unter der Überschrift „Angst vor toten Roten“:

Unglaublich! Zumal die schon 1943 so hieß, als ich in dem Viertel geboren wurde. Und geschichtsbewusste Chemnitzer wollen angeblich schwören, dass sie an einen Maschinenbaufabrikanten dieses Namens erinnert, der im 19. Jahrhundert am Aufblühen des »sächsischen Manchesters« beteiligt war.

Die Pressestelle der Stadt Chemnitz bestätigt nach Klärung im Stadtarchiv, dass es eine Ulbricht-Straße (ohne Vornamen) seit 1908 gibt – der Namensgeber sei nicht belegt, doch Walter Ulbricht scheide offensichtlich aus.

Knabe hat, wie er spiegelkritik auf Anfrage sagt, seine Mitarbeiter beauftragt, die Namensherkunft zu prüfen – einschließlich der Frage, ob der Namenspatron vor Ort auch entsprechend ausgewiesen ist. Auf die Kritik des „nicht satisfaktionsfähigen“ ND wolle er aber nicht reagieren, da sie „am Kern unseres Vorstoßes vorbeizielt“. Autor Dünde sei einschlägig als „Hassprediger gegen jede Form der Aufarbeitung“ bekannt.

Sinn von Straßenbenamsungen hin oder her – die „toten Roten“ leben jedenfalls auch im Westen. Die Verbreitung der inkriminierten Straßennamen im bundesdeutschen Altgebiet kann jeder selbst prüfen: zum Beispiel bei der Postleitzahlensuche: Straßenname „Karl-Marx-Straße“, und als Postleitzahlen die ersten zwei Stellen eines sicher westdeutschen Gebietes – ergibt für den Bereich 64 elf Treffer, Rosa Luxemburg ist in beiden Frankfurts vertreten, Ernst Thälmann hat in seinem Geburtsort Hamburg tatsächlich auch seinen Platz.

3 Gedanken zu „Meinungsfakten: Kommunistische Straßennamen

  1. Tote Rote? Schön wär´s. Wolf Biermann sang mal: „Im Freiheitskampf der Menschheit gibt es keine toten Toten“. Nur standen die als Namensgeber fungierenden „Toten Roten“ in diesem Kampf eben nicht auf der Seite der Freiheit, sondern auf der Seite der Unfreiheit – Stichworte „Diktatur des Proletariats“, „Roter Terror“, „despotische Eingriffe des Staates“ (O-Ton Marx, Engels, Lenin, Stalin). Ihr Motto gegen „die Feinde“ war: „Den Daumen auf´s Auge und das Knie auf die Brust!“ (Rosa Luxemburg). Und Feinde waren alle, die sich ihrer Diktatur nicht freiwillig fügen wollten… Knabes Verdienst ist es, daran erinnert zu haben, was die geschichtspolitischen Unsäglichkeiten ost- und westdeutscher Gemeinden manifestieren: das wir bis heute nicht wirklich etwas begriffen haben. Und Sonntagsreden zu Menschenrechten dann auch stecken lassen könnten.

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