Entblößte Phantasie

Der Unterzeile zum Spiegel-Titel 29/2006 legte nahe, Persönlichkeiten ins Blatt zu heben: “Wie sich die Menschheit online entblößt”. Und selbstverständlich darf man das, was öffentlich dargeboten wird, auch an anderer Stelle diskutieren, referieren, kommentieren. Aber ab wann werden Akteure zu Statisten, wird ihre “Selbstentblößung” zu einem fremden Bloßstellen, weil eben nur ein kurzes Spot(t)light auf sie geworfen wird, einer eigenen, unbeeinflussbaren Dramaturgie folgend – und möglicherweise völlig unzutreffend?

Zu eben jenem Spiegel-Titel “Ich im Internet” schreibt Chiara in ihrem Blog:

Reduziert auf das, was üblicherweise auf öffentliches Interesse stößt, nämlich Sex und gebrochene Knochen, wird mein Blog im Artikel einer der größten und bedeutendsten deutschen Publikationsorgane in dieser Woche. (…)

Aus mittlerweile 294 Einträgen, die bisher 198.000 mal angeklickt und 2.110 mal kommentiert wurden, schafft es der Spiegel, 4 Zeilen zu machen, in denen auf die seifenopernhafte Darstellung von ungeschütztem Sex in Tateinheit mit einer gebrochenen Hand verwiesen wird.

Liebe Spiegel-Leute, ich war bislang der Überzeugung, Journalisten in der Bundesrepublik müßten Abitur und irgendwas studiert haben, um mit Bleistift und Radiergummi auf die Öffentlichkeit losgelassen zu werden…

Nicht zum ersten Mal muß ich mir die Frage stellen, was sie Euch an den Unis eigentlich beibringen…

Der Spiegel hatte ihr folgende Zeilen gewidmet:

Wie in einer gigantischen Seifenoper breiten dort Online-Chronisten ihre phantasierten oder realen Erlebnisse aus, Figuren wie Chiara Online, die über ihren “ersten Sex seit bestimmt 15 Jahren ohne jede Schutzmaßnahme” ähnlich offen schreibt wie über die Operation ihres Trümmerbruchs der linken Hand. 50.000 Klicks hat sie mit ihrem Tagebuch in einem halben Jahr erzeugt.

Peter Turi hat sich mit Chiara darüber unterhalten (Interview über die Kommentarfunktion).

8 Gedanken zu „Entblößte Phantasie

  1. aus dem interview:

    “Im Ernst: Natürlich hat öffentliches bloggen schon ein bißchen was mit Exhibitionismus zu tun, keine Frage. Was man schreibt, kann jeder lesen und sich darüber seine Gedanken machen.

    Das haben die Leute vom Spiegel eben auch gemacht.

    Ohne jetzt so rüber kommen zu wollen “Ich hätte gern mehr Zeilen gehabt”: ich fand’s schade, daß sie aus fast 300 (!) Einträgen aus meinem Blog nun gerade diese 2 verwurstet haben.

    Übrigens auch, ohne genauer nachzulesen: der Eintrag, der sich – sicher auch – mit dem ungeschützten Sex beschäftigt, war ja nur entstanden, weil ich da gerade meine Tage bekommen hatte. Aber das haben die da wohl nicht rauslesen können…”

    es gab also diese 2 einträge (für jeden öffentlich einsehbar) und der spiegel hat sie eben rausgepickt. und nur weil es der bloggerin nicht gefällt ist dies nicht in ordnung? hahahahahaha. es ist doch wohl die sache des journalisten welche rosinen er sich für seine story rauspickt.

    ABSOLUTER SKANDAL!!!!!!

    skandalöser und bigotter finde ich es eher von der bloggerin, dass sie erst ihr privatleben öffentlich macht und sich dann wunder, dass jemand teile dieses privatlebens nimmt und für eine journalistische story benutzt.

  2. Und hier nochen Zitat:

    Natürlich lag der Spiegel mit dem Spruch “ich entblöße mich öffentlich” nicht wirklich daneben. Hab’ ich dagegen was gesagt? Ich glaube nicht.

    BLÖG BLÖG meckert die spiegelkritik

  3. Hier wird kritisiert und keine Hinweise gegeben. Sonst würde dies hier ja Spiegelhinweise heißen. Oder hap ich da was falsch verstanden?

    Aber es ist einfach extrem lächerlich. Da exhibitioniert sich eine Bloggerin und wundert sich dann, dass man wahllos aus ihren Beiträgen 2 rauszieht.

    Und dann diese subjektive Empfindlichkeit einer Selbbstdarstellerin als Vorwand nehmen als hätte der Spiegel Persönlichkeitsrechte oder sonstiges verletzt. Im gegenteil: Die soll sich mal nicht beschweren. Durch den bericht hat sie doch bestimmt jede Menge Clicks bekommen.

    Gut fürs ausgeprägte Blogger-Ego.

  4. Ich finde den Namen dieses Blogs auch etwas unglücklich gewählt. Wenn es in der FAQ heißt “Wir wollen hier selbst Spiegelkritik machen […] Darüber hinaus beobachten wir auch ganz allgemein die Entwicklungen in Redaktion und Verlag des Spiegel” und wenn es also nicht nur um Kritik geht, sondern auch um Hinweise, dann hätte das Blog hier ruhig auch anders heißen können!

  5. Und wo ist jetzt der Fehler? Das was im Spiegel steht scheint ja richtig zu sein und wenn man in einem Artikel halt nicht so rüberkommt wie man das gerne hätte, ist das schlicht und einfach Pech!

    Heult nicht so rum!

  6. Hi,

    ich möchte nur mal kurz einwerfen: der Spiegel und seine Autoren versuchen immer wieder, die Blogger zu degradieren. Neulich las ich dort noch, Blogger seien entweder Arbeitslose, die zu viel Zeit hätten oder aber Reiche, die zu viel Zeit hätten. Anders konnte sich der Autor es nicht erklären, warum Leute einen Blog pflegen.

    Viele Print-Autoren / Jornalisten / Redakteure versuchen gerade, die Blog-Szene abzuwerten (kein Journalismus, nicht recherchiert, usw.) und übersehen dabei, dass neben allen Tagebuchschreibern halt auch ausgebildete Journalisten schreiben, die ihr Handwerk ganz gut verstehen. Sie übersehen, dass sich hier gerade eine neue Form des Journalismus weiterentwickelt, von dem wir alle noch nicht wissen, was genau dabei herauskommen wird.

    Arroganz findet man in allerlei Spiegel-Artikeln auch immer wieder gegenüber Hartz IV-Empfängern, die man gerne mal als Schwarzarbeiter und faul darstellt.

    Auch ich frage mich oft, wer da alles für den Spiegel schreiben darf und wie platt manche Meinungen dort veröffentlicht werden.

    Sei’s drum: Weitermachen!

    Liebe Grüße,

    Tanja

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