schreibfaul

Nachher wollen es alle immer schon vorher gewusst haben. Natürlich gab es früher viel Kritik an Klinsmann – aber die kam ja wohl von anderer Seite. Nachdem Klinsmann nicht mehr Bundestrainer sein will, sieht Spiegel Online ihn als einen, der sogar den Olymp erreicht hatte, veröffentlicht Reaktionen von Klinsmann-Fans (und derzeit gibt es nur Klinsmann-Fans), im Diskussionsforum trauern die Leser um den Bundestrainer, die Fotogalerie trägt den Titel So schön war’s mit Jürgen Klinsmann.

Nun zur Kritik am Ex-Bundestrainer. Unter dem Titel Maul-Fouls gegen Klinsmann “dokumentiert SPIEGEL ONLINE die bösen Fouls, die der Ex-Nationaltrainer einstecken musste”, darunter auch die Attacken der Bild-Zeitung, der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgmeinen Zeitung. Schreibfaul wird Spiegel Online aber, sobald es um die Maul-Fauls im Spiegel geht. Denn zu Beginn von Klinsmanns Amtszeit als Bundestrainer veröffentlichte der Spiegel zwei überwiegend Klinsmann-kritische Artikel, später war das Blatt – gerade im Vergleich zu anderen Medien – eher Klinsmann-freundlich, aber es gab auch dann noch Klinsmann-kritische Passagen im Blatt. Doch jetzt findet sich bei Spiegel Online kein Hinweis darauf, dass im Mutterblatt zum Beispiel stand:

Am 6. März 2006 schrieben Dirk Kurbjuweit und Alfred Weinzierl im Spiegel unter anderem:

Mit seiner Philosophie des aggressiven Tempospiels scheint Jürgen Klinsmann seine junge Mannschaft zu überfordern. […] Der Erneuerer hat seinen Zauber eingebüßt.

Am 27. Juni 2005 verglich Jürgen Leinemann im Spiegel die Nationalmanschaft unter Klinsmann mit der rot-grünen Koalition auf Bundesebene unter Gerhard Schröder, der zuvor nach der verloren gegangenen Landtagswahl in NRW eine vorgezogene Neuwahl zum Bundestag angekündigt hatte: Ob die Chancen für Klinsmann und sein Team wirklich “besser sind als die von Otto Schily und seiner rotgrünen Streitriege”, sei unklar, denn es lasse sich “allenfalls vermuten”.

Am 6. September 2004 schrieb Jörg Kramer im Spiegel unter der Überschrift “Sanierer in Teilzeit” und dem Vorspann “Jürgen Klinsmann wollte ursprünglich den gesamten DFB reformieren. Jetzt beschränkt sich der neue Bundestrainer darauf, eine Mannschaft für 2006 zu formen. Die aber soll gleich Weltmeister werden. In der DFB-Zentrale fürchten Skeptiker, der Wahlkalifornier nehme sich zu viel vor.”:

[…] Ex-Stürmer mit dem wehenden Blondhaar, der mit hochgezogenen Knien hinter den Bällen herfegte und der wegen seines Lebemann-Images vom damaligen Bundestrainer Berti Vogts als “Surf-Weltmeister” bespöttelt wurde […]

Manche fragen sich, warum er vorige Woche vier spielfreie Tage des Fußballkalenders verstreichen ließ, die schon als Lehrgang für die Nationalelf hätten genutzt werden können. Schließlich soll ja nach Klinsmanns Wunsch ein “aktiver Stil” einstudiert werden, bei dem “eines ins andere fließt”, und zwar auf “ganz hohem Aggressivitätslevel” mit entsprechender “Willensbereitschaft”. Die Spieler sollen lernen, den Ball schneller zu passen. Doch der Trainer hatte knapp zwei Wochen in den USA zu tun. […]

Eine Sprache haben Klinsmann und sein Assistent Joachim Löw in die Welt der Nationalmannschaft eingeführt, die mit ihren Anglizismen (“key messages”) an Manager-Kurse erinnert und manchmal derart ins Esoterische lappt, dass Zuhörer glauben, sie hätten sich ins Seminar eines Motivationsgurus verirrt. […] Man stellt sich dann vor, wie sie hinter Kabinentüren alle gemeinsam mit geschlossenen Augen die Kraft fühlen, und vielleicht ruft jeder für sich ein kerniges “Du schaffst es” in den Raum.

So ist für Klinsmann klar: Ob ein Miroslav Klose frei vor dem Tor ins Netz treffe oder nicht, hänge “letztendlich von seiner Birne ab”. […] Die etwas überproportioniert erscheinende Bedeutung der Psyche und des Gemeinschaftssinns hat er einst bei den Tottenham Hotspurs verinnerlicht, als ihn der englische Teamspirit durchfuhr. […]

Jetzt kann er selbst entscheiden, welche seiner zahllosen Ankündigungen niemals Realität werden. Von dem Workshop mit Trainern und Managern der Bundesliga, den er forderte, ist schon keine Rede mehr. […]

Am 26. Juli 2004 schrieben Maik Grossekathöfer und Michael Wulzinger im Spiegel unter dem Titel “Rudis Wiedergänger”:

[…] Thomas Berthold, 1990 mit Klinsmann Weltmeister, bemängelte: “Für mich muss ein Bundestrainer ein anderes Profil haben. Die Nationalelf ist doch keine Übungswiese.” Anscheinend doch. Denn im Grunde ist Jürgen Klinsmann als Teamchef der Nationalmannschaft ein Wiedergänger Rudi Völlers – ohne Schnauzbart und mit schwäbischem Akzent. Wie Völler hat Klinsmann als Profi so ziemlich alles erreicht, und wie Völler gilt er bundesweit als Sympathieträger. Das Fußballlehrer-Diplom bekam er vor vier Jahren nach einem Schnellkurs – eine Verbeugung des DFB vor dem Weltmeister. […]

Zudem ist unklar, woher Klinsmann sein Fachwissen bezieht. Seit seinem Karriereende im Sommer 1998 hatte sich der Sohn eines Bäckers aus der deutschen Fußballszene vollkommen ausgeklinkt. Mit seiner Familie war er in die USA umgesiedelt. Er bezog eine Villa in Strandnähe, lernte Spanisch, machte Computerkurse, beteiligte sich an einer Consultingfirma, berät einen Fußballclub in L. A. und gründete ein Kinderhilfswerk mit Häusern in Deutschland, Rumänien, Bulgarien und Moldau. […]

Dass der Trainerneuling die Trainerfindungskommission mit seiner reichlich oberflächlichen Kritik (“Im Ausland wird über uns gelacht, weil wir ein jämmerliches Bild abgeben”) derart schnell für sich einnahm, wirft ein Schlaglicht darauf, wie wenige Alternativen die DFB-Emissäre in der Hinterhand hatten. […]

Und so hielten sich bis zuletzt hartnäckig die Namen zweier Ausländer: der des Niederländers Guus Hiddink und der des Dänen Morten Olsen. Doch offiziell, das räumt DFB-Vize Hackmann nun kleinlaut ein, wurde weder mit dem Coach des PSV Eindhoven noch mit dem Coach der dänischen Nationalmannschaft verhandelt. Verpasste Chancen. Nun also die schwäbische Lösung. Ob “Klinsi” den bei der EM in Portugal offenkundig gewordenen Mangel der Deutschen an Spielwitz und Ballfertigkeit beheben kann, scheint fraglich. […]

2 Gedanken zu „schreibfaul

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