Faktencheck für die Tagesschau (Korinthe 84)

Es ist ein ausgewogener, informativer Hintergrundartikel zur Sonntagsarbeit, den tagesschau.de (doch sehr presseähnlich) publiziert hat. Nur über den Fehler am Ende sind wir gestolpert, und weil auch nach 17 Stunden trotz Hinweis noch keine Korrektur erfolgt ist, sei es hier angemerkt:

Es sind (natürlich) nur 13 Prozent der Erwerbstätigen, die sonntags arbeiten, nicht „der Menschen“ mit allen Kindern, Schülern, Rentnern und Pflegefällen, denn nur etwa die Hälfte der Bevölkerung ist erwerbstätig (womit die Angabe der Tagesschau etwa 100% über dem echten Wert liegt). Problematisch sind solche Fehler vor allem, wenn sie den Eindruck vermitteln, dass ein Autor keine rechte Vorstellung von den Zahlen hat, die er kolportiert.

Bundesamt für Witzzulassungen

Von Rassismus kann man gut leben. Also von Rassismusvorwürfen. Denn nur mit ihnen kann man sich selbst als Antirassist abgrenzen. Psychologen haben für dieses Abgrenzen allerhand Erklärungen parat, aber es ist vor allem simple Ethologie: der Mensch als Familientier braucht ein paar Artgenossen um sich herum, mit denen er sich gegen den Rest der Welt verbündet und für seine Sippschaft sorgt (gerne auch beliebig auf Kosten anderer). Wo das mit Familien und kleinen Dörfern nicht mehr geht, bilden sich Ersatz-Clans auch ohne jede Verwandtschaft – eine Schulklasse hält für gewöhnlich gegen andere Klassen zusammen, auch eine Bundeswehrstube, eine Fußballfanuniform oder eine Twitter-Jüngerschaft schaffen neue Sozialverbände, die sich jeweils durch Abgrenzung von allen anderen definieren.

Es ist daher überhaupt nichts Besonderes, wenn irgendwelche Twitterwesen zu einer Karikatur der BILD über deutsche Politiker lauthals herausposaunen, es handele sich dabei um „rassistische Scheiße“. Man sollte es da auf gar keinen Fall mit Argumentation versuchen, mit Fakten oder Logik – es ist auch egal, ob sich Leute empören, die vor zweieinhalb Jahren noch Charlie waren, denn auch Charlie war ja nur eine temporäre Ersatzfamilie, die billigst mögliche Abgrenzung gegen Terroristen und ein Gute-Laune-Macher (wir stehen zusammen auf der richtigen Seite).

Nicht ganz so belanglos ist es, wenn Journalisten oder reichweitenstarke Journalismuskritiker ihre Peergroup-Fahne auch im Job hochhalten und darüber ein paar Tugenden guter Berichterstattung vergessen.  Weiterlesen

Fragen stellen und Antworten verstehen

Von der diesjährigen „Jahreskonferenz“ des Vereins „Netzwerk Recherche“ nur Eindrücke von zwei Veranstaltungen zu sehr grundlegenden Problemen im Journalismus.

1. Fakten statt Fiktionen – das bleibt eine Herausforderung

Mit dem richtigen Zuhören haben selbst gestandene Journalisten wie Hans Leyendecker ein Problem. Und das kann einen wahnsinnig machen, weil richtiges Zuhören (und Verstehen) die Voraussetzung für objektive Berichterstattung ist. Aber auch viele Journalisten hören, was sie hören wollen – bis hin zur Skandalisierung.
Alexander Gauland, stellvertretender Sprecher der Bundes-AfD und bis vor kurzem Vorsitzender in Brandenburg, hatte die Einladung zu einer Podiumsdiskussion angenommen, Titel: „‚Populisten‘ und ‚Lügenpresse‘ – Die AfD und die Medien“.
Die Besetzung des Panels sprach schon nicht für all zu viele neue Erkenntnisse, denn neben Gauland nahmen drei Journalisten Platz: Melanie Amann vom Spiegel, Kai Gniffke von ARD aktuell und als Moderator Stefan Weigel von der Rheinischen Post. Ein Medienforscher etwa oder ein ausländischer Beobachter fehlten, so dass Gauland über weite Strecken drei Kontrahenten gegenüber saß, die sich intellektuell schmerzhaft an der Forderung festbissen, Gauland habe dafür zu sorgen, dass Journalisten bei AfD-Veranstaltungen nicht ausgeschlossen werden, andernfalls müsste er doch wohl aus der Partei  austreten. Denn Gauland betonte zigfach, er selbst sei immer gegen Presseausschlüsse gewesen und in dem von ihm geführten Landesverband Brandenburg habe es das auch nie gegeben. Zur Erinnerung: Gauland selbst war 14 Jahre Herausgeber einer Tageszeitung, der Märkischen Allgemeinen.  Weiterlesen

„Bild des Tages“ im Kopf des Fachmanns

Es war eine der schrecklichsten Aufgaben während des Volontariats: BUs zu Schmuckis texten. Einen vorgegebenen Raum unter irgendeinem mehr oder weniger hübschen Foto (meist von Abonnenten der Zeitung) mit Buchstaben zu füllen. Da sitzt man dann vor diesem Foto (damals noch Papier, jaja) und sinniert. Zunächst sieht man nur, was jeder Zeitungsleser am nächsten Tag auch sehen wird. Aber nach einer Weile beginnt das Foto dann doch ganz vertraulich zu einem zu sprechen und verrät Dinge, die hernach außer dem armen Volo, der Zeilen schinden musste, niemand auf der Welt wissen wird.

Seien Sie einmal (wieder) Volo und probieren es aus. Hier das Bildangebot von Christian Beutler, Keystone (Ausschnitt):

Und nun schreiben Sie ein, zwei nette Sätze dazu bitte, ohne auf die Lösungsvorschläge unten zu schauen. Aber lassen Sie sich wirklich Zeit, damit das Bild zu Ihnen sprechen kann.

Hat das Bild zu Ihnen gesprochen?

Hier nun die Musterlösung 1 des Branchendienstes turi2:

„Fliegender Wasserträger: Eine Agrar-Drohne besprüht Weinreben im Schweizer Rapperswil. Der fliegende Helfer der Winzer transportiert 10 Liter Wasser – und die Weinbauern können im Gegenzug mehr Zeit in der strahlenden Sonne genießen.“

Hatten Sie das auch rausgehört? Viele Leser werden sich am nächsten Morgen wieder beschweren: auch früher hätten die Weinbauern keine Wassereimer zu den Reben getragen, das sei ja wohl neumodischer Quatsch… Da muss man als guter Schmucki-Texter drüber stehen.

Turi2 beschäftigt offenbar gleich zwei Volos, die ins Bild hineinhorchen durften, denn in der E-Mail-Version eine Stunde später findet sich noch eine andere Musterlösung:

Natürlich wird es Klugscheißer geben, die Ihnen vorrechnen wollen, dass 10 Liter Wasser ja wohl mal nichts sind (die kommen dann mit „….entspricht einem Millimeter Niederschlag auf einen Quadratmeter, wie oft soll denn die Drohne betankt werden, damit das auch nur einem normalen Regen entspricht…“) und die ihnen als Hobbygärtner erklären wollen, die Sprühtechnik sehe auch sehr verschwenderisch aus, das bringe doch so gar nichts…

Der gute BU-Dichter steht weit über solcher Besserwisserei. Schließlich hätte er ja sonst auch direkt den langweiligen Text der picture alliance nehmen können, die das Bild vertreibt:

„Eine grosse Agrar-Drohne der Firma Remote Vision GmbH, die 10 Liter Fluessigkeit transportieren kann, besprueht Rebberge in Rapperswil, aufgenommen am 2. Mai 2017 in Rapperswil. Remote Vision ist ein spezialisierter Dienstleistungsbetrieb fuer industrielle und landwirtschaftliche Drohnen-Anwendungen.“

„Pah“, sagt da der dichtende Volo, „wer’s braucht – dann kann ich ja auch gleich investigativ arbeiten und schauen, was die Firma eigentlich zu ihrem Fluggerät sagt – aber im Ernst: das* will doch keiner in der Zeitung lesen.“

 

* „Der DJI Agras MG-1 ist ein Oktokopter und wurde speziell zur Verstreuung von flüssigen Pestiziden, Dünger und Herbiziden entwickelt. DJI führt ein neues Level an Effekitivät in den Landwirtschaftssektor ein.“

Ausländerkriminalität: Fragen wird man wohl noch müssen

Dass sich in den Sozialen Medien Leute reflexartig mit Juhu und Bäh profilieren wollen, mit Begeisterung und Verachtung, mit dem lukeschnell aus der Hüfte geschossenen Totalverriss tagelanger journalistischer Arbeit, gehört zur digitalen Ökologie – und die ist wertfrei. Es ist, wie es ist – der Journalismus muss sich des Phänomens nicht groß annehmen.
Wenn aber Journalisten selbst in dieser Art Journalismus infrage stellen, haben wir ein Problem. Denn wenn schon Journalisten mit einem Federstreich Journalismus aus markenstarker Quelle für Bullshit erklären, besteht wohl grundsätzlich Anlass, dieser angeblichen Info-Profession zu misstrauen.

Dass Journalisten so wie jeder Mensch ihre Meinung zu allem und jedem kund tun dürfen, ist unbestritten – wenn auch allein dies in vielen Zusammenhängen das Vertrauen in objektive Berichterstattung trüben kann.

Wenn sich Journalisten oder ihre Medien allerdings gegenseitig vorwerfen, Propaganda statt Aufklärung zu betreiben, hat sich das Business tatsächlich erledigt. (Den Verlagen und Sendern wird das wenig ausmachen, sie verkaufen dann eben nur noch Kochtöpfe und Unterhaltung, Journalisten braucht es dafür allerdings nicht, allenfalls zum Päckchenpacken und Durchfeudeln.)

Nur weil Mario Sixtus auf Twitter (über einhunderttausend Follower) im Cover der aktuellen „FAZ Woche“ eine Wiederkehr des „Stürmers“ sieht, habe ich mir das Heft gekauft (von dessen Verzichtbarkeit in meinem Medienplan ich mich schon vor einiger Zeit überzeugt hatte).
Aber Sixtus‘ kleine Notiz war zu provozierend:

Er konnte zu seinem Geistesblitz ja nur nach Lektüre des Artikels gekommen sein, schließlich gab das von ihm zitierte Cover zu einer Stürmer-Analogie nun überhaupt keinen Anlass.
Doch der Text tut dies noch weniger. Von Propaganda nicht die Spur! Die Redakteure Philip Eppelsheim und Andreas Nefzger erläutern völlig unaufgeregt Zahlen aus der „Polizeilichen Kriminalstatistik“ (PKS) und lassen Fachleute zu Wort kommen. Ein ganz normales Stück.

Sollte die Kritik ernsthaft an einer stinknormalen Frage festgemacht sein? „Wie kriminell sind Ausländer?“ steht klein auf dem Umschlag. Oder gar an der Silhouette dreier Personen, eine davon mit bekanntem Sportgerät in der Hand? Sixtus schreibt dazu in einem weiteren  Post: „Es ist dabei völlig egal, was in dem Artikel steht. Umpfzigtausend Menschen sehen im Netz und am Kiosk nur den Titel, und der bleibt hängen.“
Doch was soll da hängenbleiben? Eine Schlagzeile „Tatort Deutschland“ und drei nicht erkennbare Personen, aus der Nähe betrachtet wohl ohne Frauenquote?

Was erstaunlich viele Journalisten, die sich lautstark auslassen, nicht verstehen, ist ihr Job. Journalismus soll Fragen stellen, Antworten darauf suchen, diese aufbereiten, gewichten und als Informationsangebot zur Verfügung stellen, zur Orientierung, zur gesellschaftlichen Diskussion, und aus dem, was damit geschieht, sollen sie ggf. weitere Fragen entwickeln, Antworten suchen …

Aber es ist absolut nicht die Aufgabe des Journalismus, Menschen von bestimmten Positionen zu überzeugen, sie Glaubensbekenntnisse nachbeten zu lassen, ihr Verhalten in eine bestimmte Richtung zu lenken. Das ist gemeinhin die Profession der vom Journalismus so sehr (m.E. zu Unrecht) verachteten PR (m.E. konkreter: der Werbung).
Am Beispiel Ausländerkriminalität: Vielen Journalisten erscheint schon jeder Blick auf Zahlen und Fälle verboten, solange sie sich im Gefühl wiegen, es gebe da keine eklatanten Auffälligkeiten, gerne beschrieben mit dem Satz: „Ausländer sind nicht krimineller als Deutsche.“
Wenn dem so ist, ist dies die Information, die Journalismus zur Verfügung stellen muss – mit Quelle und ein paar mehr Details. Journalismus kann aber aus sich heraus gar nicht taxieren, ob das nun eine gute oder schlechte Nachricht ist, ein Langweiler oder ein Aufreger. Es ist legitim zu erwarten, dass sich Ausländer in dieser oder jener Weise in ihrem Gastland verhalten und mithin nicht strafrechtlich auffällig werden. Es ist ebenso legitim zu erwarten, dass Ausländer weit überdurchschnittlich kriminell sind, weil sie aus bestimmten Verhältnissen kommen, traumatische Erlebnisse haben, nur wegen finanzieller Erfolgsaussichten im kriminellen Business einreisen oder sonst etwas. Journalisten sollten ihre Ohren aufsperren und diese unterschiedlichen Positionen wahrnehmen, dazu wiederum Fragen stellen…

Der Artikel in der FAZ-Woche macht das recht lehrbuchhaft: er dröselt die Zahlen auf, er trägt Interpretationsmöglichkeiten vor, er stellt Beziehungen her, lässt diese von anderen bewerten. Aber der Artikel gibt nicht die einzig zulässige Befindensmöglichkeit vor: Es ist Sache jedes einzelnen Bürgers, die dargestellten Ermittlungszahlen groß oder klein zu finden, bedrohlich oder beruhigend oder belanglos.

Zum Titelthema veröffentlicht die FAZ-Woche auch eine zwei Seiten umfassende Vertiefung zum speziellen Segment „Drogenkriminalität“. Auch das recht nüchtern. Die Interpretation bleibt wieder dem mündigen Bürger überlassen. Ich kann das ganze Thema z.B. vom Tisch wischen, wenn Politik und Wähler von Bevormundung und Besserwisserei abrücken und alle Drogen freigeben: freier Konsum für freie Bürger. Aber auch zu Drogen liefern viele Journalisten lieber Benimmunterricht als Fakten. Das zum FAZ-Artikel „Kampf gegen die Hydra“ veröffentlichte Foto z.B. zeigt eines der vielen Informationsdefizite: Wo sind die unabhängigen, sprich verdeckten Beobachtungen polizeilicher Arbeit? Mir persönlich wird schlecht wenn ich sehe, wie Polizisten intim befingern, wen sie und wo sie jemanden für interessant halten, minderjährige Bleichgesichter natürlich eingeschlossen. „Alltägliche Szene: Die Polizei kontrolliert mutmaßliche Dealer im Frankfurter Bahnhofsviertel“ steht bei dem Bild; von dem, was da tatsächlich passiert, gibt es nichtmals eine Ahnung. Mehr Infos bitte! Dann kann sich mit mir erbrechen, wem danach ist, oder sich daran ergötzen und mehr Härte fordern – das liegt nicht im Zuständigkeitsbereich des Journalismus. Seine Aufgabe ist es, wissbegierig und wachen Verstandes hinzuschauen – und die recherchierten Informationen bereitzustellen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann, darf und soll das selbst dann tun, wenn sich überhaupt niemand dafür interessiert. Der kundenfinanzierte Journalismus kann sich das nicht leisten und muss auch noch für die Aufmerksamkeit sorgen. Die FAZ-Woche hat dabei sicherlich nicht gegen Qualitätsstandards verstoßen.

Wenn jetzt Journalismus nicht mehr nur von denjenigen diskreditiert wird, die in seinen Produkten vorkommen, sondern direkt von denen, die ihn produzieren, hat er sich schlicht erledigt.

Glyphosat, Fotojournalismus und Küchenstatistik

Fehler können passieren, und wir sind hier schon vor Jahren davon abgekommen, auf journalistische Patzer hinzuweisen – wenn sie denn (transparent) korrigiert werden. Aber wenn Unfug einfach trotz Hinweisen stehen bleibt, stellt sich eben regelmäßig die Frage nach der journalistischen Qualität. Zwei Beispiele, kurz hintereinander über Twitter gesehen und auch nach vier Tagen mit einem „wir schaffen das“ präsent gehalten.

a) Bebilderung zu Glyphosat


Gerade weil die Kollegen von Übermedien schon mal vor knapp einem Jahr ausführlich darauf hingewiesen haben ist es ärgerlich, wenn angebliche Fachredaktionen weiterhin in die Irre führen, wie hier abgebildet bei der taz: Glyphosat ist ein Totalherbizid, das Pflanzen über ihre Blätter aufnehmen, die daraufhin absterben. Es wäre unsinnig, dies auf wachsendes Getreide oder blühenden Raps zu sprühen. Einzige Ausnahme:

 Weiterlesen

Lesebeute zum neuen Trump-Cover

* Michael Hanfeld, FAZ, über den aktuellen SPIEGEL-Titel:

Insofern spielt der „Spiegel“-Titel genau das, was Trump braucht: ein Zerrbild von ihm, mit dem er weiter an seinem Zerrbild der Presse arbeiten kann. Denn zu einem lädt der „Spiegel“ in Bild und Text nicht ein – zu einer nüchternen, differenzierten Betrachtung von Trumps Politik. Von der hat sich das Blatt allerdings nicht erst jetzt verabschiedet. Schon der Titel vom 12. November des vergangenen Jahres, in dem Trump als Komet mit Feuerball erschien, der die Erde verschlingt, war von ähnlicher Machart wie der jetzige.

* Ähnlich kritisiert Clemens Wergin in der Welt:  Weiterlesen

70 – und immer noch in der Pubertät

Man könnte Dirk Kurbjuweit eine eigene Rubrik spendieren, einerseits. Aber vermutlich ist er mit seiner Selbstgefälligkeit* doch eher der Prototyp des SPIEGEL-Redakteurs. Den Glückwünschen von Anja Reschke an die Hamburger Illustrierte schließen wir uns jedenfalls herzlichst an:

* Zur Erläuterung, wers verpasst haben sollte: Dirk Kurbjuweit hatte im Newsletter „Die Lage“ am Dienstag äußerst kompetent spekuliert, wer SPD-Kanzlerkandidat werden wird. Er lag daneben und den Scoop landete außgerechnet eine andere Hamburger Zeitschrift mit Bildchen. Darüber ging Kurbjuweit am nächsten Morgen mit einem Sonnenbad in der Gästeliste seines Büros hinweg. Auszug:  Weiterlesen

Kurz verklärt

Einstellungstest für Sozialwissenschaftler beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk:

Eine Familie besitzt einen Acker, der gerade groß genug ist, sie zu ernähren. Er ist seit Generationen in Familienbesitz und so sollen auch die heutigen Kinder der Familie später die Bewirtschaftung des Ackers übernehmen. Das Auskommen aller scheint auf ewig gesichert.
Nun kommt ein Fürst mit Soldaten daher und sagt, er beanspruche den Acker für sich, er wolle darauf seine Pferde spielen lassen oder ein Naturschutzreservat errichten oder einen Flugplatz bauen.
Wenn sich dieser Fürst nun nicht wie ein gewöhnlicher Räuber aufführen will: wie viel Entschädigung sollte er der Familie fairerweise zahlen? Soviel Kartoffeln und Getreide, dass sie über den ersten Winter kommt (um danach zu verhungern)? Oder Kartoffeln und Getreide für zehn Jahre? Oder Kartoffeln und Getreide bis ans Ende aller Tage?

Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich vielen Journalisten erscheint, die Entschädigungen, die der Staat an die Kirchen für frühere Enteignungen jährlich zahlt, müssten jetzt nach so vielen Jahren endlich eingestellt werden – die kirchliche Raffgier kenne ja von alleine kein Ende.

So aktuell in einem 2-Minuten-Stück der Tagesschau von Sebastian Kisters, das die sogenannten Staatsleistungen als politisches Gemauschel skandalisieren will.  Weiterlesen

Rigide redigierende Redakteure

Sie sind die besten im Text, die Popstars der Sprache: Redakteure (m/w). „Wenn ein unfertiger Text ein Kind ist, das sich noch entwickeln muss, dann sind gute Redakteure ein wenig wie Eltern, die ein Manuskript das werden lassen, was es eigentlich sein könnte.“ Da japst der Autor nach Luft und der freie Journalist erbricht sich vor Schreck. Als unfertiges Menschenkind mit Adoptiveltern hatte er (m/w) sich bislang nicht gesehen. Doch die das sagen, sind so unschlagbar vom Fach, dass Welten kleiner Journalisten-i-Dötzkes zusammengebrochen sein müssen, als am 5. August das Zeit-Magazin zum Thema Redigieren erschien: „Ein Heft, wo wir Ihnen alles verschönern tun“ stand rot unterringelt auf dem ersten Umschlag, und dann folgte die vor Selbstsicherheit strotzende Ankündigung: „Wir machen das Beste aus Ihren Texten“.

Bei meiner Suche nach den Katastrophengebieten, die ich vor allem in den Journalisten-Slums von Hamburg und Berlin wähnte, wurde ich heulend zähneklappernder, depressiver oder gar suizidaler Kolleginnen und Kollegen allerdings nicht gewahr – zumindest war das Redigier-Heft der Zeit nicht ursächlich dafür. Zu vertraut ist den meisten Freien die Fehlübersetzung von Redigieren als „Texte verschönern“ – wie im Zeit-Magazin, das in dieser künstlerischen Tätigkeit die Berufung fest angestellter Journalisten sieht:  „Redigieren ist, was Redakteure tun“.  Weiterlesen