Vernebelte Politikansätze

22. April 2015

An dem Tag, an dem sich Retter, die keine Retter mehr sind, sondern nur noch Berger, vor der italienischen Insel Lampedusa bemühen, ein paar Hundert Leichen, Frauen, Kinder, Männer, alle tot, aus einem gekenterten Schiff zu ziehen, sagt knapp zweitausend Kilometer entfernt, in Berlin, der Sprecher des für Flüchtlinge zuständigen Bundesinnenministers, es gehe jetzt um „einen möglichst kohärenten, gebündelten, vernetzten Politikansatz“. Und niemand schreit: Nein! Es geht um Menschen!

Schreibt Cornelie Barthelme sehr beeindruckend in der Frankfurter Neuen Presse.

Aber vermutlich wird das wieder als Politikkommentar missverstanden. Dabei ist es eine sehr treffende Medienschelte. Eine Selbstkritik.

Denn nach allen Regeln der Kunst muss sich Journalismus nicht für irgendwelches Dummgebabbel interessieren. Davon ist die Welt voll. Man darf es als politische Korrespondentin in Berlin ja gerne immer wieder versuchen: Politikern Fragen stellen, ihnen ein Mikrofon vor die Nase halten, mit der Kamera zur Pressekonferenz anrücken. Aber dann müssten Journalisten wohl viel häufiger sagen: “Wie, das ist es, was Sie zu sagen haben? Schade, aber für Blubbblubb haben wir keinen Platz/ keine Zeit/ keine Nerven.”

Und wer behauptet, Dummgebabbel entlarve doch den Ausstoßenden besser als jeder Kommentar, der erinnere sich daran wenigstens bei der nächsten Wahlanalyse und vor dem nächsten Nichtwähler-Bashing.

FAZ lässt exzellent gegen Studenten stänkern

17. April 2015


(Ist ja auch irgendwie Medienkritik – Leserbrief oder so)

Korinthe (79): Motorradseelsorger

14. April 2015

motorradseelsorge-hessenschau

In Hessen weiß man nicht nur: “Das Innere der Leberworscht ist noch geänzlich unerforscht”. Auch manch moderneres vom Menschen geschaffene Werk bietet noch reichlich Erkundungsmöglichkeiten: etwa das Innerste des Motorrads – seine Seele.
Um die kümmert sich aber schon ausweislich einer weit verbreiteten dpa-Meldung ein Pfarrer, nämlich ein “Motorradseelsorger“. Wenn Redakteure einmal sinnvoll redigieren könnten, tun sie’s nicht…

Die sinnentleerende Verkürzung findet sich nicht nur bei BILD (wo alle wieder “typisch” rufen könnten), sondern z.B. auch in der Offenbach-Post, im Web der Hessenschau (HR, Screenshot)​, FNP​, FOCUS Online​ etc.

Eine Hochzeit soll es beim “Anlassen” auch gegeben haben. Ob sich da nun zwei Bikes oder Biker das Ja-Wort gegeben haben,  ist angesichts der Nachrichtenlage nicht sicher zu entscheiden. Jedenfalls hats wohl laut Zoom gemacht.

Deutschland, der grüne Klecks

02. April 2015

Ein grüner Klecks inmitten von sehr viel Rot: Die Karte der globalen Staatsschulden zeigt, wie die Eurozone während der vergangenen fünf Jahre in die Krise schlitterte – und wie stabil Deutschland dasteht. Aber wer sind die größten Schuldenmacher?

Soll wohl heißen: Deutschland Superstar. Und in der Titelbild-Grafik zum Spiegel-Online-Beitrag “Weltkarte der Staatsverschuldung” ist tatsächlich der Raum, den man für Deutschland halten mag: grün.

weltkarte-staatsverschuldung-1

Aber wie sieht es in der Detailkarte aus?

weltkarte-staatsverschuldung-2

Und passt das nicht auch besser zur sonstigen Katastrophen-Berichterstattung?

Medienkritik vom Feinsten

01. April 2015

Seit einer Woche läuft die Dauer-Berichterstattung über den Germanwings-Absturz in den französischen Alpen. Sie und die Diskussion über sie laufen wie immer. The same procedure…

Sensationsjournalismus? Nein, Business

Man braucht keine Nachrichtenwerttheorie zu bemühen um festzustellen, dass es für den Berichterstattungshype Gründe gab, die man sehr doof finden kann, die aber das Grundcredo unserer Gesellschaft stellen: es verkauft sich halt. Live-”Ticker”, Breaking-News, Sondersendungen, Klickstrecken, Dossiers, Talkshows, Experten-Interviews – über die Sinnlosigkeit dieser journalistischen Lebensäußerungen kann man beliebig lang und breit und immer wieder diskutieren, ohne dass es irgendetwas bewirken wird (außer ein gutes Gefühl bei jedem Diskutanten): solange es Leser, Hörer, Zuschauer, kurz: mit Geld oder Werbeaufmerksamkeit zahlendes Publikum gibt.

Deswegen ist es dann auch müßig zu verhandeln, welche journalistischen Leistungen in dem ganzen Bohei vielleicht verborgen sind. Eine “Orientierungsleistung”, die dem Journalismus gerne zugeschrieben wird, muss man wohl nicht suchen. Ist es “Trauerarbeit”? Oder schlichte Unterhaltung – egal, wie betroffen sich die Rezipienten geben (schließlich gibt es ja nicht von ungefähr die verschiedenen Unterhaltungs-Genres, von Komödie bis Horror)?

Ebenso müßig ist die Frage nach Henne und Ei: ob die Medien vorhandene Bedürfnisse befriedigen oder sie erst wecken. Natürlich kommt der Appetit mit dem Essen – auch dies gehört zum gesellschaftstragenden Businessmodell, dem wir schließlich all den Wahnsinn verdanken, der das Gegenteil zur “Nachhaltigkeit” bildet.

Das Mediengeschehen rund um den Germanwings-Absturz am 24. März 2015 war soweit business as usual.

 Alles wird aufgeblasen.

Ja, eine “entschleunigte Welt” wäre schön. Wenn wir Twitter und Konsortenquatsch wieder gegen eine Wochenzeitung oder den Wochenspiegel eintauschen könnten. Lesen, sehen, hören – und dann eine Woche Zeit für anderes und bei großem Interesse auch zum Nachdenken über diese letzten News, die sieben Tage später ein Update erfahren. Wieviel Schwachsinn wohl nicht gezeugt und geboren würde!

Nur ein Beispiel: Die Süddeutsche Zeitung fragte ernsthaft, ob die ärztliche Schweigepflicht aufgehoben werden sollte, ob also eine Denunziationspflicht für Depressionen eingeführt werden müsse.

Solche Fragen kommen, wenn ein Unternehmen meint, seine Kunden mit Internetdiskussionen bei Laune halten zu müssen. Aber ist das Journalismus?

Was wollen Journalisten vor dem Joseph-König-Gymnasiums in Haltern? Und was in Montabaur? Es soll Sendezeit und Sendeplatz und Druckfläche gefüllt werden, schon klar, aber was machen Journalisten dabei? Welches Berufsbild muss jemand haben, der seinem Chef für den Auftrag zu einem solchen Ortstermin nicht auf Tisch, Tablet und Smartphone bricht?

“Wie weit dürfen Medien gehen?” ist eine völlig belanglose Frage, solange sich für jeden Schwachsinn noch jemand findet, der ihn macht.

jeder-schwachsinn-braucht-einen-idioten-zur-ausfuehrung

Für Chef-Ethiker: Persönlichkeitsrechte des Co-Piloten

Was als – trallala, es geht alles so schön Hand in Hand – Business einiger für höhere Mathematik vermutlich ungeeignete Rechtsanwälte begann, ist inzwischen Volkssport (auch Dank Volksblogs): unendliche Empörung, wenn bei einem Ereignis, mit dem medial gerade die halbe Welt bewegt wird, Beteiligte genannt werden.

“Das öffentliche Interesse muss in diesem Fall zurückstehen. Weder der veröffentlichte Name noch das Bild [des Co-Piloten] helfen uns bei der Beantwortung der Warumfrage.” Sagt Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik am Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW, – und dürfte damit für das Gros der akademischen Medienethiker stehen.
Doch auch wenn es ein ganz schlechtes Businessmodell ist, muss man ihm widersprechen. Von der Namensnennung hängt zwar nicht die Welt ab, aber die Persönlichkeitsrechte eines mutmaßlichen Katastrophenverursachers sind so ziemlich die letzte Sorge, die einen in solch einem Fall treiben muss. Warum? Weil alle, die mit dem Namen etwas anfangen können, sprich die Andreas L. aus Montabaur um egal wie viele Ecken kannten, ihn ohnehin im Zusammenhang mit dem Unglück kennen! Wie albern zu meinen, hier könnten professionelle Nachrichtenmedium noch irgendwem etwas Neues erzählen – oder eben verheimlichen. Das war schon vor der Digitalisierung nicht möglich, aber durch die digitalen Netzwerke sollte es für jeden Kritiker offensichtlich sein: Nachbarn, Arbeits- und Vereinskollegen, Schuljahrgänge, Partycliquen – jeder, der auch nur im Entferntesten eine Ahnung hat, wer Andreas L. ist, weiß auch ohne Journalisten, dass er in der Germanwings-Maschine auf Flug 4U9525 saß. Oder wie Stefan Winterbauer schreibt: “Einige deutsche Medien tun gerade so, als ob sie alleine bestimmen könnten, was öffentlich wird und was nicht.” Sie wären halt so gerne Gatekeeper.

Was bringt uns Mediennutzern der Name des Co-Piloten? Tatsächlich wenig, außer dass wir uns nicht verbiegen müssen, wenn wir von dem reden, dessen Name nicht genannt werden darf. Aber es bringt uns auch nicht weniger, als die meisten anderen Namen und sonstigen Details in Berichten und Reportagen. Weiß noch jemand aus dem Kopf, wie der Typ von Winnenden hieß? Aber immerhin den Ort habe ich noch präsent. Und das finden viele Einwohner von Winnenden vermutlich sehr ärgerlich. Hätte man deshalb 2009 von einem Amoklauf im Niemandsland berichten sollen? Die angenehmen Verbindungen, für die man ebenso wenig kann, will ja auch niemand abstreifen: die berühmten “Söhne und Töchter einer Stadt”, erhabene Vorfahren, tolle Kinder, Geschwister, Nachbarn.

Das Foto aber bringt sehr viel! Die Veröffentlichung von Bildern des Co-Piloten bremst unsere ansonsten grenzenlose Phantasie, denn schließlich hat jeder irgendwen irgendwie vor Augen, zusammengebastelt aus Berichten, eigenen Erfahrungen, Filmen…
Und was sollte es schaden? Das Bild ist ein Teil der Wirklichkeit (ganz gleich, was die Ermittlungen weiter ergeben), über die der Journalismus berichten soll – und er vermag es immer weniger, Teile dieser Wirklichkeit zu unterdrücken (“Wir haben in der Redaktion lange überlegt, ob wir Ihnen diese schrecklichen Bilder zeigen sollen…”). Das Interesse an dem Bild des mutmaßlichen Absturz-Verursachers haben nun wirklich nicht die Medien zu verantworten – sondern, neutral formuliert: der Absturz.

Es macht schon nachdenklich, mit welchem Verve bei jedem neuen Fall die meist immer selben Persönlichkeitsrechts-Verteidiger auftreten und – völlig uneitel – erklären, niemand habe das Recht, Namen, Bild, Wohnort oder sonst etwas identifizierendes über den Täter/ ihren Mandanten zu erfahren. Das wirkt – ehrlich gesagt – jedes Mal perfekt lächerlich. Und extrem arrogant, denn die Journalisten selbst, die da vor lauter Rücksicht etwas nicht sagen oder zeigen wollen, kennen natürlich die Namen und Bilder, was ihnen offenbar keine große Bürde ist.

Noch schlechter für den Business-Plan ist es, dieses Berichterstattungsrecht auch in Bezug auf die Opfer einzufordern. Aber je kleiner die Opferzahl ist, um so klarer wird, dass obige Argumentation auch dort gilt: denn warum wird denn überhaupt berichtet? Doch wegen der Opfer! (Was ist ein Unglück ohne Verunglückte, ein Mörder ohne Ermordete?) Alle, die ein Unglücks- oder Verbrechensopfer auch nur entfernt kannten, werden von seinem Schicksal erfahren – neben dem allgemeinen Tratsch (s.o.) auch, weil die Angehörigen selbst dafür sorgen werden, um nicht in den nächsten Wochen, Monaten oder auch Jahren immer wieder damit konfrontiert zu werden (“Er/ sie ist tot, wusstest du das nicht?”).

Vorsicht, Nachahmungstäter!

Geradezu Erheiterndes hat Heribert Prantl zur Reflexion beigesteuert. Meedia zitiert ihn aus einem Video:

“Man darf Nachahmungstäter publizistisch nicht provozieren“. So solle der Name des Täters nicht in den Vordergrund gestellt werden. Ziel sei es, dass niemand auf die Idee kommt, dass man mit solch einer “monströsen Tat” in die Geschichte eingehen könne.

Das mag gelingen, wenn Herr Prantel und Kollegen bereit sind, die Anschläge von “9/11″ irgendwo hinten in ihrer Süddeutschen als kleine Meldung abzuhandeln. Mein Abo dafür hätten sie! Aber da damals ja alle Journalisten die begangene Tat für “unvorstellbar” hielten (anstatt die Meldung dazu wie jeden Nachruf im Archiv bereit liegen zu haben) ist die Hoffnung auf solch ein professionelles Handling wohl nicht sehr realistisch.

Natürlich bekommt ein Flugzeugattentäter oder -selbstmörder jede erdenkliche Aufmerksamkeit! Und es wird ihn nicht allzu sehr kümmern, wenn die SZ in ihren Live-Tickern seinen Namen zu verschweigen sucht.

Über 9/11 wird heute noch täglich gesprochen, aber wehe jemand wagt es, dies eine handwerklich grandiose Inszenierung zu nennen. Was will Heribert Prantl dem PR-Terroristen sagen? “Du, 9/11 wird bei euch Selbstmordattentätern auch überbewertet…”

Auf das wahre Problem verweisen leider nur die Verschwörungsfuzzis: der Hype absorbiert jede Menge Aufmerksamkeit. Das sorgt nicht nur dafür, dass für den Augenblick andere wichtige Dinge unbemerkt bleiben (Fuzzi-Theorie), es führt vielmehr zu einer langfristig wirksamen Verschiebung von Relevanzkriterien.

Links:
Bernhard Pörksen (Prof. Uni  Tübingen) warnt vor “Pseudo-Nachrichten” bei einem Berichterstattungs-Hype. Aber: sind nicht die meisten Nachrichten pseudo? Weil sie entweder nicht neu sind oder nicht informieren?

Korrekturverhalten (3)

31. März 2015

Selbst wenn es nur kleine Fehler sind – widerspricht es irgendeiner Standesregel, sie (wo nötig transparent) zu korrigieren? Tebartz-van Elst heißt vorne Franz, nicht Frank, liebe Frankfurter (gefunden: 4 Tage nach Veröffentlichung).
frank-tebartz-fr

Wenn sich weder auf der Website noch auf Facebook ein Korrekturhinweis findet und offenbar auch keiner der Redakteure binnen eines Tages darüber gestolpert ist, darf man fragen: liest das überhaupt jemand, – oder ist generell unbekannt, dass der wunderbare Berliner Bezirk anders als die Schunkelmetropole mit zwei “L” geschrieben wird, Neukölln eben? epd-Meldung auf evangelisch.de

evangelischde-neukoeln-neukoelln

Wenn  sich der Adrenalinpegel wieder normalisiert hat, könnte die neue sueddeutsche.de auch den aneblich angeblich ausgerufenen “Ausnahmezustand” wieder einfangen.

ausnahmezustand-berlin

Ein Ausnahmezustand ist etwas anders, als wenn die Feuerwehr viel zu tun hat. Dann kann vielleicht auch nochmal jemand über den sonstigen Text schauen:

“Bei der Havarie wurden beide Schiffe zum Teil erheblich beschädigt.”

 

Siehe auch:
Korrekturverhalten 2: Keine Verlinkung zu Gegendarstellungen oder Leserbriefen und anderen Korrekturen

Positive Beispiele:
Jakob Augstein wies u.a. via Facebook auf einen Fehler in der Welt hin. Die Korrektur dort wird transparent gemacht. (Allerdings ist es bei manchen Fehlern natürlich nicht mit einer Korrektur getan, weil möglicherweise die recherchierte Grundannahme eines Artikels damit wegfällt.)

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Ist Journalismus mehr als Posten?

09. März 2015

Wenn sich Journalisten noch irgendwie von Mediennutzern unterscheiden wollen (von denen man einige früher mal “Blogger” nannte, was aber in Zeiten von WhatsApp & Co so viel mehr out ist als der den Bloggern so verhasste “Cyberspace”), dann sollten sie vor dem Veröffentlichen ihrer beruflichen Beiträge vielleicht doch ganz kurz prüfen, was sie damit gerade von ihrem Publikum abhebt.

So kann man natürlich jede Menge Bildchen und Sprüche posten. Als journalistisches erzeugnis ausgegeben, sollte dem aber vielleicht ein klein wenig Journalismus*) vorweg gehen. Dann hätte etwa die Rheinische Post wohl bemerkt, dass die Beschriftung eines LKW-Anhängers mit einem Protest gegen die Einstellung des Strafprozesses gegen Sebastian Edathy nicht reiner Volksmut war.

laster-gegen-edathy

Sondern schlicht eine biedere rechte Meinungsäußerung – legitim, aber wenig originell. So wie die Trucker-Kalender mit nackten Mädels derselben Firma. Oder ihre Warnung vor Zuwanderung (1).

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*) Journalismus, was ist das eigentlich? Da schauen wir doch spaßeshalber mal in ein Lehrbuch, Journalistik von Klaus Meier, 3. Auflage. Da definiert er auf Seite 14:

“Journalismus recherchiert, selektiert und präsentiert themen, die neu, faktisch und relevant sind. er stellt Öffentlichkeit her, indem er die Gesellschaft beobachtet, diese Beobachtungen über periodische Medien einem Massenpublikum zur verfügung stellt und dadurch eine gemeinsame Wirklichkeit konstruiert.”

(Den Konstruktivismusschlenker musste er natürlich wegen der “Anschlussfähigkeit” einbauen, viele seiner Kollegen haben darin ja ein leckeres Betätigungsfeld gefunden…)

Das Qualitätsstichwort heißt im Fall dieser Spedition Stegemöller aus Kamen: Vollständigkeit. (Bei der “Neuigkeit” sind wir mal nicht so streng.)

(1) Zu diesem auch nur gefundenen Bild haben wir heute Abend die Firma nicht mehr befragt, wie es sich für Journalismus gehören würde. Es ist ein Blog-Post.

Update:
Bild kommt auch ohne Verweis auf andere Sprüche des Splittfahrers aus.
Edathy selbst postet das zweite Bild auch auf Facebook und nennt die Parole einen NPD-Spruch (was google auch so anbietet).

Falschinformation im Fall Edathy

05. März 2015

Der Strafprozess gegen Sebastian Edathy ist eingestellt worden, und viele Kommentatoren schäumen – die meisten über Edathy selbst (“mieses Schwein“, “erbärmlicher Sack“, Dreckschwein, Ratte, Kinderficker, “möge ihm der Dödel abfaulen“…), einige aber auch über die Edathy-Kommentierer (“Volksseele kocht” und mit welchem Recht etwa Til Schweiger eine Meinung zu dem Thema habe). Natürlich sind da jetzt auch die mahend-staatstragenden Journalisten: alles habe seine rechtmäßige Ordnung, die Einstellung nach § 153a StPO sei nichts Besonders, kein “Promi-Bonus”. Doch das Gros der Leute schäumt eben.

Und warum? Weil die journalistische Berichterstattung von Anfang an Edathy verurteilt hat, indem sie – ohne weitere Erklärungen, ohne Belege – von “Kinderpornografie” spricht. Das regt die Fantasie an und – um im Tenor der Facebook-Community zu sprechen – vor dem Ergebnis muss sich ekeln, wer nicht als strafbar pervers gelten will. Da ist es natürlich ein Schock, wenn ein Gericht einfach das Verfahren einstellt, sagt: alles nicht sehr bedeutsam.

Die derzeitige öffentliche Empörung über die Einstellung des Strafverfahrens gegen Edathy liegt schlicht und ergreifend in der über ein Jahr lang praktizierten Desinformation. Mit zwei simplen, stets zu fordernden Maßnahmen wäre dem jederzeit zu begegnen gewesen:
a) Ersetze willkürlich definierte Schlagworte durch klare, möglichst wertungsfreie Beschreibungen. Schreibe statt “Kinderpornographie”, was zu sehen ist auf den Fotos und Videos, die so pervers sein sollen, dass sich sogar der sonst analytisch scharfe Volker Pispers völlig vergaloppiert und von “seltsamen Neigungen” und “abscheulichen” Taten spricht.
b) Zeige, worüber du dir als Journalist eine Meinung gebildet hast, damit sie nachvollziehbar und der eigenen Meinunbsbildung nützlich wird.
Das ist nicht geschehen. Derzeit dürfte jede Abbildung eines nackten Minderjährigen als “Kinderpornografie” (§ 184c StGB) gelten, weil als “unnatürlich geschlechtsbetonte Körperhaltung” vielen alles gilt, was die primären Geschlechtsmerkmale überhaupt sichtbar werden lässt – und da sind wir längst nicht mehr beim Schutz von Minderhährigen vor sexueller Ausbeutung und Missbrauch, sondern in einer geisteskranken Welt, die spielerischen Mord und Totschlag schon zum Frühstück für Ausdruck von Liberalität hält, mit dem Erscheinungsbild unverletzter Menschen aber sehr schnell an ihre nervlichen Grenzen stößt – und in der sexuelle Handlungen zwischen Jugendlichen nicht einmal mehr in einem Roman beschrieben werden dürfen. (Die neue Pönalisierung von “Jugendpornografie” hatte die Medien seinerzeit äußerst wenig interessiert, wie wohl es gut begründete Warnungen gab.)

Es sollte den mit der Edathy-Berichterstattung befassten Journalisten peinlich sein, dass ihnen nun, hernach, Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof (2. Strafsenat), erklären muss, was sie seit einem Jahr nicht verstanden haben*) – und das auch noch in selten zu lesender Positionierungsfreude (“Vielleicht sollten diejenigen, die ihn [Sebastian Edath] gar nicht schnell genug in die Hölle schicken wollen, vorerst einmal die eigenen Wichsvorlagen zur Begutachtung an die Presse übersenden.”]

*)= “Er hat, nach allem, was wir wissen, nichts Verbotenes getan.” (Zeit.de)

Siehe zum Thema auch: “Edathy soll brennen” (Heinrich Schmitz, Strafverteidiger, in The European)
Siehe auch unseren nächsten Eintrag zur LKW-Werbung mit Kritik am Edathy-Prozess.
10. März: Fischer hat sich erneut geäußert. Der letzte Absatz seiner unnötig lang geratenen Kritik ist etwas bizarr:

Wäre ich Inquisitor auf der Suche nach dem nächsten vom Teufel der Wollust Besessenen – ich wüsste, bei wem ich mit der Folter anfinge: bei denen, die am lautesten über Edathys “Buben” und die süßen 14-Jährigen wehklagen.

Aber ansonsten begründet er nochmal deutlich, dass die Einstellung des Verfahrens gegen Edathy mit einer Geldauflage völlig normal ist – und derzeit nichts die Annahme rechtfertig, hier sei Recht gebeugt worden und ein Verbrecher habe sich von seiner gerechten Strafe freikaufen können. Der medienkritische Aspekt kommt bei Fischer aber etwas kurz. Schließlich wird gebetsmühlenartig behauptet, eine freie Presse sei unverzichtbar für eine Demokratie. Doch was folgt daraus, wenn eine freie Presse es offenbar nicht schafft, halbwegs vernünftig über ein Strafverfahren zu berichten, wenn sich also offenbar hunderttausende oder gar Millionen über eine korrpute, unfähige Justiz erregen – obwohl im konkreten Fall dafür jeder Anhaltspunkt fehlt?

Nachtrag 15. März:

“Nimmt man die Unschuldsvermutung als Recht »für« einen Menschen Ernst, muss dies bedeuten, dass eine wegen einer Straftat angeklagte Person zwar während des Strafverfahrens mit einem Tatverdacht belastet werden kann, soll dieser doch gerade in jenem Verfahren aufgeklärt werden. Nach Ende des Strafverfahrens endet für ihn aber jene Möglichkeit der Verdachtsaufklärung, so dass aus dem »ehemals Verdächtigen« nicht – und zwar auch nicht in Einstellungs- und Kostenentscheidungen mehr oder weniger versteckt – ein »weiterhin Verdächtiger« gemacht werden darf, sondern dieser vielmehr von der Last eines Zweifel an seiner Unschuld durchscheinenden Tatverdachts zu befreien ist.” (Prof. Dr. Daniela Demko (LLM), Luzern: Zur Unschuldsvermutung nach Art. 6 Abs. 2 EMRK bei Einstellung des Strafverfahrens und damit verknüpften Nebenfolgen)

 

Popeljournalismus

09. Februar 2015

Oh Himmel, wie unglaublich sensibel deutsche Journalisten doch sind. Da hat der Papst bei seiner Generalaudienz am Mittwoch eine Anekdote berichtet und wohlwollend kommentiert – und halb Deutschland steht auf den Tischen und ruft “unerhört!” Denn der Journalismus hat einen “Prügelpapst” entdeckt und geoutet. (Korrekter müsste es wohl “Prügelfanpapst” heißen, aber darauf kommt es ja nicht an.)

n-tv:
wuerdevolles-pruegeln-n-tv

focus:
schlagen-ist-in-ordnung-focus

Stuttgarter Nachrichten:
wurdevoll-schlagen-stuttgart

Die unglaublichen Worte des Papstes lassen sich bei Radio Vatican so nachlesen:

„Ein guter Vater versteht es zu warten und zu vergeben, aus der Tiefe seines Herzens. Natürlich weiß er aber auch mit Entschlossenheit zu korrigieren: er ist kein schwacher, nachgiebiger, sentimentaler Vater. Der Vater, der es versteht zu korrigieren, ohne zu erniedrigen, ist derselbe, der Schutz gebietet, ohne sich zu schonen. [In freier Rede fährt der Papst fort:] Einmal habe ich in einer Versammlung mit Ehepaaren einen Vater sagen hören: „Hin und wieder muss ich meine Kinder ein wenig schlagen, aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu erniedrigen.“ Wie schön! Er hat Sinn für die Würde. Er muss strafen, aber er tut es gerecht, und geht voran.“

Bei allem Recht auf journalistische Konstruktion von Wirklichkeit: Mit wie viel Unverstand und mit wie viel Hochmut muss man ausgestattet sein, um aus diesen Worten einen Eklat zu konstruieren?

Allein schon der Mut, überhaupt einen kurze Redesequenz zum Anlass für Berichterstattung und harsche Kommentare zu nehmen, ist – trotz der guten deutschen Übung – stets wieder erstaunlich. Wie selbstgerecht muss man sein, wenn man sich anmaßt, aus einem solch winzigen Fragment die Haltung eines lebenserfahrenen und wohl unbestreitbar gebildeten Menschen herauszulesen und darüber gleich selbst noch zu Gericht zu sitzen?

Was steht in den Papstworten, vielleicht ausnahmsweise nüchtern betrachtet, ideologiefrei? Franziskus gibt wieder, was ihm mal bei entsprechender Gelegenheit irgendein Vater aus dessen Erziehungsalltag erzählt hat. Irgendeiner, irgendwann. Es sagt nicht: “Täglich erzählen mir Eltern….”, sondern “Einmal habe ich (…) einen Vater sagen hören”.

Und die simple Kommentierung des Papstes zu der Aussage des anonymen Vaters: “Wie schön! Er hat Sinn für die Würde. Er muss strafen, aber er tut es gerecht, und geht voran.”

Wo ist hier die Rede von Prügel? Wo von einem Recht auf körperliches Strafen oder Erziehen? Wo die Empfehlung, es so zu tun?

Und wenn sich hier ein “Prügelpapst” geoutet hätte: gab es einen Aufschrei derer, zu denen er gesprochen hatte (und für ausschließlich die seine Worte gedacht waren)? Haben die aufmerksame Wortpaparazzi keinen weiteren Papstkrumen gefunden, der sich zu einem Empörungskuchen aufblasen ließe?

Wenn das, was angebliche Nachrichtenmedien in Deutschland über die letzte Generalaudienz des Papstes schwadroniert haben, noch Journalismus sein soll – was ist dann in Abgrenzung dazu Klatsch, Tratsch und Trash?

- Wo ist der Nachrichtenwert?
Er liegt ja ganz offenbar nicht im Zitat selbst, sonst hätte dieses in allen Medien zu kolportieren genügt. Der Nachrichtenwert liegt ausschließlich in der journalistischen Empörung.

- Wo ist der Maßstab, die Relation?
Ein – launig dahergesagter – Satz soll für eine komplette Haltung stehen, und zwar am besten nicht nur der sprechenden Person, sondern einer gesamten Institution? Was sagt der Papst sonst zur Kindererziehung? Mit welchem Recht soll dieser eine Papstaussage für die ausgelöste “Empörungswelle” stehen?

- Wo ist der eingeforderte Respekt?
Natürlich, liebe berufsatheistische Kollegen, dürfen Sie auch mit dem Papst so hart umspringen wie es Ihnen beliebt. Aber beim Objekt seiner Berichterstattung einen Mangel an Respekt zu konstruieren und diesen mit größtmöglicher Respektlosigkeit pazifistisch zu geißeln kratzt doch ein wenig an der ehemaligen journalistischen Qualitätskategorie “Glaubwürdigkeit”.

“Die Mär vom Heiligen Opi” betitelt Christiane Florin auf Zeit.de ihre Empörung – und stöhnt: “Mein Gott, Franz” (um schließlich die Bedeutungslosigkeit der ganzen Aufregung und demnach auch ihres Geschreibsels mit der Erkenntnis zu krönen: “Die Haudraufrate in katholischen Haushalten wird aber trotz des päpstlichen Segens nun gewiss nicht steigen. Ihren Päpsten gehorchen Katholiken nämlich schon lange nicht mehr.”)

Dieser Popeljournalismus, der aus einem winzigen Fragment einen Eklat konstruiert, um sich daran tagelang zu laben, ist natürlich kein neues Geschäftsmodell. Schon vor Social Media und Internet überhaupt haben Politikjournalisten gerne aufs Denken verzichtet (persönliches Erweckungsdatum: 10. November 1988). Inzwischen lässt sich allerdings mit den Popeln mehr machen: sie lassen sich digital vervielfältigen und beliebig weit schießen. Als Material sind dafür weder Wissen noch Bildung nötig. 140 Zeichen Info sind schon hinreichend Zumutung fürs eigene Weltbild.

Der Überbringer einer schlechten Nachricht ist für diese nicht verantwortlich, das stimmt. Aber ihr Erfinder vielleicht doch.

Updates: Andere Beispiele für Popeljournalismus

Burger-King-Kritik, weil ein Mitarbeiter auf Facebook einen doofen  Kommentar doof kommentiert hat.

Aus dem Bereich Test & Lebensberatung gibt es jede Menge Beispiele, die einen fragen lassen, für wie dumm oder unfähig Redaktionen ihr Publikum halten mögen. Selbst mit Schmunzelfaktor ist etwa ein “Kleckertest” mit Milchverpackungen reichlich Banane – die FAZ hat ihn trotzdem gemacht: “Welche Milchtüte spritz am wenigsten?”

Mythos Ausgewogenheit

19. Januar 2015

Wie schwer das mit der Meinungsäußerungsfreiheit ist, machen erfreulich viele Kommentatoren deutlich: mit ein bisschen “Je suis Charlie” ist es eben nicht getan. Eine Meinung ist nur dann frei, wenn auch jede denkbare Gegenposition geäußert werden kann. Und das ist, wie u.a. Bettina Gaus in der taz schreibt, alles andere als selbstverständlich, sondern “ein Recht, das ständig neu erkämpft werden muss”.

Wenn etwa Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, erklärt: “Diese Pegida-Demonstration ist widerlich. Aber natürlich haben unsere Behörden dafür zu sorgen, dass auch diese widerlichen Meinungsäußerungen möglich sind“ – dann sollte man ihn fragen, wie er auf PEGIDA-Plakate mit der Aufschrift “Grüne sind widerlich” reagieren würde. Ob da vielleicht schon wieder ein Angriff auf die Demokratie vorläge? Weiterlesen »