Lesebeute

30. September 2014

# Stefan Niggemeier kritisiert, dass der SPIEGEL eine Missbilligung des Presserats nicht publiziert. Es bestehe dazu zwar keine Pflicht, sei jedoch Ausdruck fairer Berichterstattung. Der Presserat hatte im SPIEGEL-Cover vom 28.Juli (“Stoppt Putin jetzt”) eine Verletzung von Persönlichkeitsrechten der abgebildeten Opfer des Fluges MH17 gesehen.

# Uns ging es zwar in erster Linie um Transparenz, aber die kritischen Fragen, die sich nun die Spiegel-Online-Redaktion öffentlich gestellt hat, waren in “Missing Link” schon angedeutet. Für Rechercheprofis haben die SpOn-Leute wenig Antworten gefunden. Sie müssen nicht die Verantwortung für Extremsportler übernehmen, sie gar aufhalten, wie es SpOn als Option durchspielt – sie sollten nur nicht überrascht sein, wenn es kein Happy End gibt. Das war auch vor vier Jahren bei Samuel Koch’s Wetten-dass-Unfall die einzig spannende Frage: wird ein Unfall gar nicht einkalkuliert, wenn jemand auf Sprungfedern über ein heranbrausendes Auto hüpfen will?

 

Missing Link

27. September 2014

Einen großen Vorteil, den Online-Medien gegenüber papiernen haben, lassen sie fast durch die Bank weg ungenutzt: nämlich bereits veröffentlichte Beiträge nachträglich durch hilfreiche Links versehen zu können.

Das hat Spiegelkritik schon vor Jahren bei Gegendarstellungen (und inhaltlich dem nahe kommenden Leserbriefen) moniert: Warum kann nicht vom kritisierten Artikel ein Link auf die Gegendarstellung oder Korrektur gesetzt werden? Der SPIEGEL sieht sich dazu seit Jahren technisch nicht in der Lage (wie wohl es angeblich “projektiert” war).

Fehlende Verlinkungen gibt es auch in umgekehrter Richtung, vom Aktuellen zur Vergangenheit. Das erweckt oft den Eindruck, die Redaktion wolle das Vorangegangene am liebsten ungeschehen machen.

So wie jüngst bei der “mit exklusiven Videos, Fotos und Berichten” auf Spiegel-Online begleiteten Extremsporttour “Double 8″, der Besteigung von zwei Achttausendern binnen sieben Tagen, die für zwei Bergsteiger tödlich endete. In der Unglücksmeldung räumt Spiegel-Online zwar direkt ein, intensiv über den Weltrekordversuch berichtet zu haben – setzt aber keinen Link mehr dahin.

mehr-tote-auf-sponAuch bei der eine Woche zuvor verfassten Ankündigung der Tour findet sich kein Update (anders als hier im Verlaufsbericht). Stattdessen wurde schon damals auf ältere Berichte von tödlichen Bergtouren verwiesen. Die Möglichkeit, dass so etwas auch gewaltig schief gehen kann, müsste den Redakteuren also durchaus gegenwärtig gewesen sein, als sie den kommerziellen Rekordversuch gepusht haben.

Rundfunkräte auslosen

26. September 2014

Die vom Bundesverfassungsgericht geforderte Vielfalt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist nur mit der Auslosung von Bürgern zu gewährleisten, erklärt der Medienjournalist Timo Rieg in einem Essay der aktuellen Ausgabe von “epd Medien”.

Wo immer eine Menschengruppe zu groß ist, um in ihrer Gesamtheit etwas zu beraten, ist die Auslosung von einzelnen Stellvertretern das demokratischste Verfahren. Denn das Los ist unbestechlich, gerecht und blind wie Justitia. Das Los gibt jedem die gleiche Chance, es diskriminiert und privilegiert niemanden. Deshalb haben es schon die Erfinder der Demokratie vor 2.500 Jahren genutzt: sie haben Bürger ausgelost, die stellvertretend für alle miteinander Politik diskutiert haben. Sogar die meisten einzelnen Ämter wurden verlost. Um die Gefahr zufälliger Verzerrungen zu minimieren, muss die ausgeloste Gruppe nur groß genug sein. In der attischen Demokratie kamen in einer “Bule” genannten Versammlung 500 ausgeloste Bürger zusammen. Für einen repräsentativen Rundfunkrat dürfte ein Fünftel davon genügen.

Die Mitglieder des ZDF-Fernsehrats haben angekündigt, ab nächstem Jahr überwiegend öffentlich zu tagen. Damit will das Aufsichtsgremium dem Transparenzgebot des Bundesverfassungsgericht nachkommen. Die für die Zusammensetzung des Fernsehrats zuständigen Ministerpräsidenten hatten zurvor schon erklärt, den Anteil von Politikern und “staatsnahen” Funktionären etwas reduzieren zu wollen (das BVerfG hält maximal ein Drittel für vertretbar).

Das alles wird aber nicht dem gerecht werden, was das Karlsruher Gericht am 25. März 2014 gefordert hat, meint Rieg: nämlich die Vielfalt der Gesellschaft abzubilden. Derzeit bildeten die Mitglieder der Aufsichtsgremien in ARD und ZDF eine sehr homogene Gruppe: überwiegend männlich, im mittleren bis fortgeschrittenen Alter, formal gebildete, gut verdienend, überwiegend vom Steuerzahler finanziert oder zumindest bezuschusst.

Da sich die Ministerpräsidenten als Verantwortliche für den rechtlichen Rahmen derzeit wohl nicht auf eine strikte Beschneidung der Lobbygruppen einlassen, schlägt Timo Rieg vor, unabhängig von den etablierten Gremien ausgeloste Bürgergruppen über die selben Themen beraten zu lassen. Die Ergebnisse der “Bürger-Jurys” wären zwar unverbindlich, aber immerhin öffentlich diskutierbar.

Update: Eine Kurzvorstellung des Vorschlags ist bei Telepolis erschienen

Rigide redigierende Redakteure

25. September 2014

Warum beauftragen Redakteure eigentlich freie Journalisten? Weil sie selbst keine Zeit haben? Weil ihnen das Thema zu langweilig oder mühselig oder widerspenstig erscheint? Ein gutes Motiv wäre: Weil sie interessiert daran sind, was der Freie (m/w) an Fragen entwickelt und an Antworten findet, wie er Fakten einordnet und kommentiert, wie er das Ergebnis für die Leserschaft aufbereitet. Wenn Redakteure ihre Autoren ernst nehmen, müssen sie ihnen Raum geben – mindestens für die journalistische Darstellung, aber eigentlich auch für Themen: Warum entscheidet über jedes Thema die Redaktion, anstatt zu sagen: “Hier, Kollegin X, dieses Mal bist du dran, fünf Seiten zur freien Verfügung, wir sind wahnsinnig gespannt, was du ins Heft bringen wirst!”

Das verlangte allerdings ein hierarchieärmeres Berufsverständnis: Redakteure erziehen ihre Autoren nicht, so zu schreiben, wie sie selbst schrieben, wenn sie könnten, wollten, müssten – sondern sie suchen Autoren, die eigene Themen, Sichtweisen und Darstellungen ins Blatt bringen.

Der ganze Text (mit falsch hineinredigiertem Komma an entscheidender Stelle – dort steht nämlich: “Redakteure erziehen ihre Autoren, nicht so zu schreiben …”)

AGB für Freie Journalisten

24. September 2014

AGB – meine, deine, keine
Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) halten fest, was bei allen Verträgen gelten soll, soweit nicht explizit davon abgewichen wird. Alle größeren Firmen  haben eigene AGB, unter Geschäftsleuten werden sie automatisch Vertragsbestandteil, auch ohne ausdrücklich darauf hinzuweisen. Deshalb sollten Freie Journalisten die AGB ihrer Abnehmer genau prüfen und ggf. für ihren individuellen Auftrag Abweichungen verhandeln (z.B. bei Nutzungsrechten). Eigene AGB brauchen Freie in der Regel nicht, zumal in vielen Fällen nur wiederholt wird, was schon in den Gesetzen steht. Haben beide Vertragsparteien AGB und widersprechen sich diese, sind die betroffenen Regelungen unwirksam und es gilt, was im Gesetz steht. Das ist für Urheber meist gar nicht so schlecht.

Angemessene Vergütung
Journalisten steht für ihre Werke stets eine angemessene Vergütung zu (§ 32 UrhG). Angemessen ist, was als branchenüblich gilt oder in Allgemeinen Vergütungsregeln festgelegt ist. Da nicht immer schon bei Ablieferung eines Beitrags zu erkennen ist, was eine angemessene Vergütung ist, kann der Journalist ggf. später eine Nachzahlung verlangen, allerdings nicht bei Honoraren nach Tarifvertrag. Weiterlesen »

Ins Leere gelinkt – 5 Jahre Drei-Stufen-Test

23. September 2014

Vor fünf Jahren wurden mit den 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag (RÄStV) die Online-Aktivitäten von ARD und ZDF deutlich begrenzt. Unzählige Angeboten wurden aus dem Netz genommen, neue oder veränderte müssen einen sogenannten Drei-Stufen-Test durchlaufen. Wie erfolgreich ist dieses deutsche Modell? Timo Rieg ist verschiedenen Links gefolgt.

Die Rundfunkgebühr als Subvention
Wer sich mit der Internetpräsenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland beschäftigt, muss sich zunächst klar werden, warum es die entsprechenden Regelungen seit 1. Juni 2009 überhaupt gibt. Auslöser waren nämlich u.a. eine Beschwerde des „Verbands Privater Rundfunk und Telemedien“ (VPRT) im Jahr 2003, dass bestimmte Web-Angebote nicht unter den öffentlichrechtlichen Auftrag fielen und damit zu Wettbewerbsverzerrungen führten. Daraufhin stufte die EU-Kommission die deutsche Rundfunkgebühr als staatliche Beihilfe (=Subvention) ein – obwohl man sich viel Mühe gegeben hatte, mit GEZ, KEF, Rundfunkräten und anderem mehr genügend Staatsferne zu schaffen. Insbesondere in den Online-Aktivitäten der Sendeanstalten sah die EU eine Benachteiligung des privaten Rundfunks und der – immer schon privatwirtschaftlich organisierten – Presse, wobei sie das duale Rundfunksystem nicht grundsätzlich infrage stellt, sondern weiterhin „ein vielfältiges und ausgewogenes Medienangebot öffentlicher und privater Rundfunkveranstalter“ wünscht.
Nach einigem Hin und Her versprach die Bundesregierung gegenüber der EU-Kommission Veränderungen, die mit dem 12. RÄStV eingeführt wurden. Der Drei-Stufen-Test und die damit verbundene deutliche Beschränkung der öffentlich-rechtlichen Onlineangebote steht im Zentrum dieser Änderungen.
„Es ging nicht um die Zuschauer, es ging nicht um Journalismus, sondern es ging ausschließlich um marktwirtschaftlichen Wettbewerb“, konstatiert Benno H. Pöppelmann, Justitiar beim Deutschen Journalistenverband (DJV). Weiterlesen »

Grund zur Freude

22. September 2014

Der Griff zur Floskel ist meist einer fundierten Ahnungslosigkeit geschuldet, die eine klare Aussage nicht zulässt. Gelegentlich lässt der Floskelgebrauch allerdings auch eine sehr klare Meinung erkennen – unfreiwillig. Claudia Keller eröffnent im Tagesspiegel einen Kommentar mit den Worten:

“Das Image des Islams ist schlecht wie nie – doch ein Grund zur Freude ist das nicht.”

Mit einem so herzigen Freud’schen ist alles gesagt – und sie kann sich den Rest gleich sparen.

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Es drohen viele Jahre Gefängnis

16. August 2014

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Da dachten wir erst, die Ösis sind genauso dösi – aber es war nur eine Ösi-Meldung in einer vorbildlich preußischen Postille. In gewohnter Manier wird darin für eine Lappalie (blanker Busen in leerer Kirche) orakelt: ” [Der Frau] drohen bis zu sechs Monate Haft oder eine Geldstrafe wegen ‘Herabwürdigung religiöser Lehren’.” Das Schreiben Journalisten gerne: jemandem droht eine hohe Strafzahlung oder knallharter Knast. Vier Jahre Knast für Nackt-Selfie (USA), zehn Jahre Gefängnis für Diebstahl (Malaysia), und als absoluter Klassiker drohen täglich irgendwelchen armen Würstchen “250.000 Euro Ordnungsgeld oder ersatzweise sechs Monate Ordnungshaft”.

Merkwürdig, dass viele Journalisten das nicht merkwürdig finden, sollte die Welt wirklich so alptraumhaft sein und Richter so brutal strenge Väter – aber immer natürlich “im Namen des Volkes”? Weiterlesen »

Handelnde Personen ausgeschlossen

15. August 2014

Wenn Deutschland gegen Argentinien gewinnt, ist das sprachlich eine geläufige Flapsigkeit. Jeder weiß, dass die Fußballnationalmannschaft gemeint ist, die da bei einem von der Fifa organisierten Turnier mitgespielt hat. Und zumindest die Fans wissen auch, wer genau auf dem Feld stand.

Wenn Deutschland Argentinien mit Sanktionen droht, ist die Sache schon weit weniger eindeutig. Klar, es wird um Politik gehen, vermutlich, aber vielleicht sind mit „Deutschland“ auch Wirtschaftsverände gemeint? Aber wenn die Politik agiert – wer ist das genau? Ein Minister, der gerade spricht, ein Staatssekretär, der im Hintergrund gewirkt hat, Ministerialbeamte, die sich seit Jahr und Tag mit Sanktionen beschäftigen, oder das Parlament bzw. genauer einzelne Abgeordnete dort, die für oder gegen eine bestimmte Politik gestimmt haben?

Es ist – gerade für Journalisten – schön und einfach, Organisationen handeln zu lassen. Eben ein ganzes Land, gar die Europäische Union oder den ganzen afrikanischen Kontinent – das klingt gut und griffig.

Aber in Wirklichkeit verschleiern diese Kraftbegriffe sehr viel – und nicht selten in eigentlich unerträglicher Weise. Das lässt sich an Kirchenthemen besonders deutlich zeigen (gerade weil es dafür unter Journalisten wenig Fans gibt). Ein Beispiel:

Matthias Drobinski hat gerade über das neue Verfahren der Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge geschrieben – und warum das zu Kirchenaustritten führt.

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Mich flöskelt

11. August 2014

Floskelwolke-Starttag
Ist die “großartige Floskelwolke” nicht derzeit die beliebteste Floskel hypebarer Journalisten? Weiß man nicht, jedenfalls erfährt man es nicht bei Floskelwolke.de, denn die hat ja ein erschreckend einfaches Konzept: es werden nicht etwa Floskeln aufgrund ihrer Redundanz, Häufigkeit, Sinnlosigkeit oder sonst etwas erkannt, sondern es werden per päpstlichem Sekret “50 Floskeln und Phrasen” von den Wolkenmachern Sebastian Pertsch und Udo Stiehl zusammengestellt. Dieser Index “basiert auf der langjährigen Redaktionserfahrung der beiden Nachrichtenredakteure.” Sapperlot!
Man kann es schon länger oder immer dem Forschungsbetrieb fern stehenden Journalisten nicht oft genug sagen: Daten an sich sagen gar nichts, Muster, Cluster und Schäfchenwolken haben nicht den geringsten Aussagewert – wenn man nicht vorher Hypothesen aufstellt, warum welche Datenstruktur zu erwarten ist und woran das liegen könnte! Weiterlesen »