BILD-Referendum: nicht unjournalistisch

03. Juli 2015

bild-referendum

Michael Konken, dem Bundesvorsitzenden der Journalisten-Lobby DJV, ist zuzustimmen, wenn er die BILD-Berichterstattung zu den Schulden Griechenlands kritisiert – was nun wirklich nicht schwer ist, schließlich führen viele BILD-Kampagnen schlicht zum Brechreiz, aber gesagt ist dazu schon alles.

Die Aufregung konkret aber über das “BILD-Referendum” ist nicht nachvollziehbar. Sie speist sich ganz offensichtlich nur aus der Angst vor dem Ergebnis. Auszug aus der Pressemitteilung:

Der Deutsche Journalisten-Verband fordert die BILD-Zeitung auf, ihr so genanntes „Referendum“ zur Griechenland-Unterstützung zu stoppen.
Sowohl in der gedruckten Zeitung als auch online bittet die Zeitung ihre Leser, darüber abzustimmen, ob Deutschland Griechenland weiterhin mit Geld unterstützen soll. Chefredakteur Kai Diekmann sagt dabei in dem Video-Format Daily auf Bild.de ganz unverhohlen, dass er damit rechnet, dass die Leser mit Nein stimmen werden. Dies sei dann auch ein Zeichen für die Mitglieder des Deutschen Bundestags, die im Herbst unter Umständen erneut über weitere Hilfszahlungen abstimmen müssen.
„Diekmann entfernt sich damit zum wiederholten Mal von seinem Auftrag als Journalist und macht selber Politik. Das ist nicht seine Aufgabe. Journalisten sollen Informationen anbieten, einordnen und erklären“, sagt Michael Konken, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes.

a) Leserbefragungen sind ein uraltes Mittel, um Stimmungen einzufangen. Ob Praktikanten oder Volontäre in die Fußgängerzone geschickt werden oder Online “gevotet” wird – es ist vollkommen normal.

b) Dass solche – natürlich nicht repräsentativen – Stimmungsbilder von der Politik wahrgenommen werden, gehört zum demokratischen Diskurs. Dazu berichten Zeitungen, dazu schreiben Journalisten Kommentare, dazu gibt es Leserbriefe und Foren. Eine Story wird es doch erst, wenn Politiker darauf nicht reagieren.

c) Seine Leser um Stellungnahme zu bitten ist keine Politik, sondern reden über Politik. Zu Politik müssen es andere machen (Punkt b) – schließlich haben sich Politiker genau dieses Recht in Deutschand vorbehalten, wo sie auf das repräsentative Systsem pochen und Volksentscheide auf Bundesebene ablehnen.

d) Experten, Lobbyisten, Parteien nach ihren Meinungen zu fragen, ist journalistisches Tagesgeschäft: “Informationen anbieten, einordnen und erklären”. Warum sollte die Bild-Zeitung da nicht auch die eigenen Leser befragen dürfen?

e) Der PR-Erfolg sei dem Springer-Blatt gegönnt (und zu den satirischen Tweets kann man sogar gratulieren), schließlich hätte jede “Qualitätszeitung” selbst eine solche Abstimmung anbieten könnten und die dafür notwendigen Informationen vorbildlich aufbereiten können. Allerdings besteht die Bevölkerung in Deutschland halt nicht nur aus FAZ-Lesern und DJV-Mitgliedern.

f) Grundsätzlich kranken Referenden wie Wahlen natürlich daran, dass viele Abstimmende nicht hinreichend informiert sind, dass Stimmenthaltungen nicht gewertet werden (außer beim Quorum) und dass es nur die Möglichkeit gibt, Ja oder Nein zu sagen, ohne etwas inhaltlich beitragen zu können. Aber genau dieses Problem wird von den Qualitätsmedien in ihrer Politikberichterstattung kaum behandelt. Der BILD kann man nun dieses Defizit aber wirklich nicht anlasten.

Strafanzeigen haben keine journalistische Relevanz

06. Juni 2015

Immer wieder vermelden Journalisten, jemand habe gegen eine andere Person eine Strafanzeige erstattet. Das mag zwar faktisch richtig sein (überprüft wird es selten, in der Regel reicht die Behauptung oder auch nur Ankündigung des (künftigen) Anzeigenerstatters), aber es ist keine Nachricht. Warum?

Weil mit der Vermeldung einer Strafanzeige stets der Eindruck erweckt wird, es läge auch ein strafbares Verhalten vor oder wenigstens der Verdacht. Das muss aber gar nicht der Fall sein. Eine Strafanzeige ist zunächst nicht mehr als der Antrag an die Staatsanwaltschaft, eine Sache auf ihre strafrechtliche Relevanz hin zu überprüfen. Eine Strafanzeige kann jeder jederzeit stellen, auch anonym.

Weil nur selten vollständig berichtet wird, d.h. vor allem ebenso prominent später berichtet wird, das aus der Strafanzeige nichts geworden ist.

Weil eine solche Meldung den Anzeigenerstatter hervorhebt, obwohl es doch nur um eine juristische Prüfung durch eine Behörde geht.

Weil die Berichterstattung über Anzeigen Nachahmungstäter generiert. Jeder kann inzwischen darauf hoffen, öffentliche Beachtung zu finden, wenn er einen Promi anzeigt.

 

Beispiele:

Aktuell: Annegret Kramp-Karrenbauer
Zeit-online (und fasst wie die meisten Kollegen den Sachverhalt auch noch falsch zusammen: “Eine Berliner Anwältin hat wegen der Inzucht-Aussage Strafanzeige gegen die saarländische Ministerpräsidentin erstattet.” Link zur Anzeigenerstatterin)
Stern.de
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Strafanzeige gegen Dieter Nuhr

Strafanzeige gegen (Team) Günter Wallraff: DWDL, Kress,

PS:
Anzeigenerstattern, die groß hausieren gehen, sollten immer an § 164 StGB denken. Auszug: “Wer einen anderen bei einer Behörde oder einem zur Entgegennahme von Anzeigen zuständigen Amtsträger oder militärischen Vorgesetzten oder öffentlich wider besseres Wissen einer rechtswidrigen Tat oder der Verletzung einer Dienstpflicht in der Absicht verdächtigt, ein behördliches Verfahren oder andere behördliche Maßnahmen gegen ihn herbeizuführen oder fortdauern zu lassen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.”

Debattenkultur am Beispiel “Feminismus und Ronja von Rönne”

01. Juni 2015

Mit der Meinungsäußerungsfreiheit ist es so eine Sache: Etwas sagen zu dürfen ist das eine, die Bereitschaft, das Gesagte nicht einfach niederzubrüllen, sondern wenigstens ganz kurz zu bedenken, wenn es denn zum persönlichen Themenportfolio passt, das andere.

Wenn die Liebe zum eigenen Meinungssumpf nur an den längst aufgelösten Stammtischen zelebriert würde, wäre es kein Thema für uns bei Spiegelkritik. Doch seit Jahren beobachten wir leider, dass auch in unserer “Zunft” große Probleme bestehen, neue Meinungen zu hören, zu bedenken und gar zu würdigen.

Aktuell: der “Fall RvR”. Um was geht es? Ronja von Rönne, 23-jährige sehr begabte Autorin, die seit diesem Jahr aufgrund ihrer Begabung ausstrahlenden Texte Redakteurin im Feuilleton der WELT wurde, hat dort einen Debattenbeitrag zum Feminismus, der sie “anekelt”, geschrieben, wofür sie nun diverse digitale Schläge erhält, zumal sie just jetzt auch noch zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen wurde.

Wer sich da nun wie und warum echauffiert, spielt eigentlich keine Rolle. Und dass gerade im Netz bei solchen Auseinandersetzungen viel Quark getreten wird, überrascht auch nicht. Aber dass es dafür so viel Aufmerksamkeit = Aufregung gibt und Autorin von Rönne ihren Blog Sudelheft.de vom Netz nimmt, gibt dann doch zu denken:

1. Wozu sollen Medien nutze sein, wenn die Bereitschaft fehlt, sich mit neuen Gedanken auseinanderzusetzen? Damit ein jeder für seine kleine Fan-Group schreibt? Damit alles so bleibt wie es ist (oder ohnehin wird)?

2. Die Lesekompetenz in Deutschland wird deutlich überschätzt.  Nicht jeder, der aus Buchstaben Worte zu formen im Stande ist, versteht auch ansatzweise, was er gerade liest.

3. Nicht billig, sondern hinterfotzig ist es, jemandem “Applaus von der falschen Seite” vorzuhalten. Publizisten sind nicht dafür verantwortlich, wer ihre Publikationen stalkt.

4. Meinungsäußerungsfreiheit sollte unbegrenzt gelten (dafür stehen wir bei Spiegelkritik jetzt auch schon seit 10 Jahren). Dazu gehören auch hinterfotzige Meinungskundgaben und (vermutlich) strunzdumme.

5. Meinungsäußerungsfreiheit verlangt von Widersachern daher keine Verbotsanträge, sondern eigene geistreiche Beiträge.

6. Der Twitter-Post eines als Religionslehrer arbeitenden Pfarrers der EKHN, Dr. Hans Christoph Stoodt, fällt genauso unter die Meinungs- oder vielleicht eher Kunstfreiheit – er schrieb:

>>Feminismus ist was für Unterprivilegierte” – “Adel ist was für die Laterne.” Ca ira, #BachmannPreis, ca ira von Rönne!<< Foto Retweet

[Dazu folgende Erläuterungen:  “Feminismus ist was für Unterprivilegierte” kommt als Zitat daher, steht aber so gar nicht in RvR’s Text. “Ca ira” ist ein Lied aus der Französischen Revolution mit dem Slogan: “Wir werden es schaffen, die Adeligen an die Laterne”]

7. Dieser Post, der auf Twitter nicht mehr verfügbar ist, wurde nun von vielen als Morddrohung gesehen oder zumindest als verbale Gewalt: Ronja von Rönne als “Adelige” an die Laterne. Darüber können sich Deutschkurse den Kopf zerbrechen, problematisch wurde der Post spätestens dadurch, dass er in Massenmedien aufgegriffen wurde. Andreas Rosenfelder, Ressortleiter Feuilleton der WELT, macht in seinem Kommentar “Wie man Sachen mit Wörtern macht” für die aufgebrachte Stimmung im Netz wesentlich den “Frankfurter ‘Antifa-Pfarrer’ Hans-Christoph Stoodt” verantwortlich. Doch dieser reagiert darauf gar nicht weiter, obwohl er einen langen Text (“Die Morddrohung. Wie ein FAZ-Ritter mal in den Krieg ziehen wollte”) zu dem schon von Don Alphonso in einem FAZ-Blog erhobenen Vorwurf schreibt.
Alleine, weil Stoods Mini-Kommentar auf Twitter nun als Äußerung eines evangelischen Pfarrers wahrgenommen wird, wäre seine Beteiligung an der Debatte notwendig (bevor sich in seiner Beamtenstruktur Höherstehende dazu berufen fühlen).

8. Wie so oft melden sich in der Debatte viele mit von ihnen für göttlich gehaltenen Statements zu Wort.Sie erlauben sich absolute Urteile, die ohne jede Begründung, ohne jeds nachvollziehbare Kriterium auskommen und allein darauf basieren, dass der Urteilende über allem steht, eben als Gott. Beispiele:
Fabian Federl (Tagesspiegel) nennt von Rönne schlicht “altklug“, womit ihre Erfahrung mit dem Feminismus eben nicht mehr ihre Erfahrung ist, sondern der inszenierter Skandal eines – auch dieser Hinweis darf nicht fehlen – “Ex-Models”.
Joerg Thadeusz hält eine von Rönne-Kritikerin schlicht für überfordert – damit ist sie hilfsbedürftig, aber nicht diskutabel – nettester Paternalismus.
Andere sprechen von Rönne einfach mal jedes Schreibtalent ab.

 

Noch einige weitere Hinweise zur Debatte

Vor ihrem “Feminismus”-Text (8. April)  hat von Rönne u.a. den Beitrag “Warum ihr alle psychisch gestört seid” publiziert (26. März). In einem Interview mit dem Blog Kaffee und Fluchen sagt sie dazu u.a. (29. März):

>>Es tut mir aufrichtig Leid, wenn einige aus dem Text herauslesen, dass ich psychische Krankheiten so sehe wie einen Kurzurlaub. Dann ist tatsächlich etwas schief gelaufen. An Stellen war der Text sehr unsensibel, euphemistisch würde man sagen: polemisch. Wenn der Eindruck entsteht, dass ich aus dem Leiden schwer Kranker Menschen mit einem provozierenden Artikel Profit schlagen wollte, ist wirklich etwas schief gelaufen.
Allerdings wirkten viele der Twitterer nicht wie Depressive oder Borderliner, sondern wie Internet – Krawallmacher, Trittbrettfahrer auf einer Empörungswelle, die mit ihrer Pseudo-Betroffenheit retweets generieren wollen. Posts wie „Ich wünsche dir Krebs“ sind ekelhaft. Das war sehr schlimm, und es trifft mich auch. Natürlich frage ich mich dann, wie das eigentlich so schief laufen konnte. Auf Twitter ist es leicht, bei einem ungerechten Post auf „retweet“ zu klicken. Die 140 Zeichen berauben jeden User der Differenzierung. Ein schreckliches Portal, Twitter. Man kann sich nicht wehren.<<

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Im Teaser zu Ronja von Rönne’s Beitrag “Hasskultur: Schreibt diese Frau gerade ‘homophobe Schlampe’?” steht auch ein Absoluturteil: “Eine Kolumnistin sagt etwas Unkluges zu einer Schwulenhochzeit …” was nun gerade im Hinblick darauf, dass die “Kolumnistin” aus ihrem Fachgebiet schrieb schon eine ordentliche Anmaßung wäre, nur: der Teaser stammt wie so oft von der Welt-Redaktion.

Weitere Beiträge:
Beifall von der falschen Seite” (SZ, Johannes Boie)
“Meinungsfreiheit in Deutschland: Zwei Fälle in zwei Wochen” (Roland Tichy)
von Rönne sei “normschön” (A++)
“Über das Zurückschlagen von Empörungswellen und eine seltsame Argumentation im Fall Rönne” (Annette Baumkreuz)

 

 

 

 

 

Konservative Christen irritieren Spiegel-Intellektuelle

20. Mai 2015

spiegel-2015-21Konservative Christen erobern Deutschland” titelt der SPIEGEL (Nr. 21/2015). Die Geschichte dahinter ist so langweilig wie die Sexstory des Covers. Auf halbe Twitterlänge redigiert: Konservative Protestanten sind konservativ und stehen dazu.

Erstaunlicher aber ist, welche Engstirnigkeit SPIEGEL-Leute heute zur Schau stellen. Von Auseinandersetzung, Disput, intellektueller Freiheit ist da nichts zu merken.

Ja,  es gibt evangelikale Kreise, die Homosexualität als “unvereinbar mit der biblischen Ethik” sehen. Na und? Niemand muss ihnen folgen. Und Polemik über Vertreter “traditioneller Familienbilder” wäre mutiger gewesen zu Zeiten, als in Deutschland männliche Homosexualität noch unter Strafe stand – immerhin bis 1969 in jeglicher Form und bis 1994 mit einem  “Schutzalter” von 18 Jahren!

Dafür fordert der SPIEGEL in seinem Artikel gleich eine neue Diskriminierung: nämlich die der Evangelikalen. Mit ihnen dürfen Politiker nicht sprechen, sie dürfen für ihre Positionen keine Lobbyarbeit machen, und sie sollen wohl auch nicht demonstrieren dürfen. Und es gilt dem Blatt für Religions-Mainstreaming schon als unerhört, wenn ein evangelischer Pfarrer predigt, man solle als Christ keine Buddhafiguren zuhause aufstellen. Wie intolerant! Wie mittelalterlich! Wie gefährlich für das Abendland.

“Man fragt sich, warum in den Medien immer wieder Beiträge mit dieser Stoßrichtung platziert werden, meist im Stil eines »Enthüllungsjournalismus«”, schreibt Helmut Frank im nicht gerade als pietistisch bekanntem Sonntagsblatt dazu.

Weil, so eine mögliche Antwort, im deutschen Politikjournalismus Antikirchlichkeit zum guten Ton gehört. Dass man dabei die verschnarchten Landeskirchen und die konservativ-lebendigen Freikirchen gegeneinander ausspielen kann, macht die Kritik selbst Ahnungslosen einfach.

Vernebelte Politikansätze

22. April 2015

An dem Tag, an dem sich Retter, die keine Retter mehr sind, sondern nur noch Berger, vor der italienischen Insel Lampedusa bemühen, ein paar Hundert Leichen, Frauen, Kinder, Männer, alle tot, aus einem gekenterten Schiff zu ziehen, sagt knapp zweitausend Kilometer entfernt, in Berlin, der Sprecher des für Flüchtlinge zuständigen Bundesinnenministers, es gehe jetzt um „einen möglichst kohärenten, gebündelten, vernetzten Politikansatz“. Und niemand schreit: Nein! Es geht um Menschen!

Schreibt Cornelie Barthelme sehr beeindruckend in der Frankfurter Neuen Presse.

Aber vermutlich wird das wieder als Politikkommentar missverstanden. Dabei ist es eine sehr treffende Medienschelte. Eine Selbstkritik.

Denn nach allen Regeln der Kunst muss sich Journalismus nicht für irgendwelches Dummgebabbel interessieren. Davon ist die Welt voll. Man darf es als politische Korrespondentin in Berlin ja gerne immer wieder versuchen: Politikern Fragen stellen, ihnen ein Mikrofon vor die Nase halten, mit der Kamera zur Pressekonferenz anrücken. Aber dann müssten Journalisten wohl viel häufiger sagen: “Wie, das ist es, was Sie zu sagen haben? Schade, aber für Blubbblubb haben wir keinen Platz/ keine Zeit/ keine Nerven.”

Und wer behauptet, Dummgebabbel entlarve doch den Ausstoßenden besser als jeder Kommentar, der erinnere sich daran wenigstens bei der nächsten Wahlanalyse und vor dem nächsten Nichtwähler-Bashing.

FAZ lässt exzellent gegen Studenten stänkern

17. April 2015


(Ist ja auch irgendwie Medienkritik – Leserbrief oder so)

Korinthe (79): Motorradseelsorger

14. April 2015

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In Hessen weiß man nicht nur: “Das Innere der Leberworscht ist noch geänzlich unerforscht”. Auch manch moderneres vom Menschen geschaffene Werk bietet noch reichlich Erkundungsmöglichkeiten: etwa das Innerste des Motorrads – seine Seele.
Um die kümmert sich aber schon ausweislich einer weit verbreiteten dpa-Meldung ein Pfarrer, nämlich ein “Motorradseelsorger“. Wenn Redakteure einmal sinnvoll redigieren könnten, tun sie’s nicht…

Die sinnentleerende Verkürzung findet sich nicht nur bei BILD (wo alle wieder “typisch” rufen könnten), sondern z.B. auch in der Offenbach-Post, im Web der Hessenschau (HR, Screenshot)​, FNP​, FOCUS Online​ etc.

Eine Hochzeit soll es beim “Anlassen” auch gegeben haben. Ob sich da nun zwei Bikes oder Biker das Ja-Wort gegeben haben,  ist angesichts der Nachrichtenlage nicht sicher zu entscheiden. Jedenfalls hats wohl laut Zoom gemacht.

Deutschland, der grüne Klecks

02. April 2015

Ein grüner Klecks inmitten von sehr viel Rot: Die Karte der globalen Staatsschulden zeigt, wie die Eurozone während der vergangenen fünf Jahre in die Krise schlitterte – und wie stabil Deutschland dasteht. Aber wer sind die größten Schuldenmacher?

Soll wohl heißen: Deutschland Superstar. Und in der Titelbild-Grafik zum Spiegel-Online-Beitrag “Weltkarte der Staatsverschuldung” ist tatsächlich der Raum, den man für Deutschland halten mag: grün.

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Aber wie sieht es in der Detailkarte aus?

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Und passt das nicht auch besser zur sonstigen Katastrophen-Berichterstattung?

Medienkritik vom Feinsten

01. April 2015

Seit einer Woche läuft die Dauer-Berichterstattung über den Germanwings-Absturz in den französischen Alpen. Sie und die Diskussion über sie laufen wie immer. The same procedure…

Sensationsjournalismus? Nein, Business

Man braucht keine Nachrichtenwerttheorie zu bemühen um festzustellen, dass es für den Berichterstattungshype Gründe gab, die man sehr doof finden kann, die aber das Grundcredo unserer Gesellschaft stellen: es verkauft sich halt. Live-”Ticker”, Breaking-News, Sondersendungen, Klickstrecken, Dossiers, Talkshows, Experten-Interviews – über die Sinnlosigkeit dieser journalistischen Lebensäußerungen kann man beliebig lang und breit und immer wieder diskutieren, ohne dass es irgendetwas bewirken wird (außer ein gutes Gefühl bei jedem Diskutanten): solange es Leser, Hörer, Zuschauer, kurz: mit Geld oder Werbeaufmerksamkeit zahlendes Publikum gibt.

Deswegen ist es dann auch müßig zu verhandeln, welche journalistischen Leistungen in dem ganzen Bohei vielleicht verborgen sind. Eine “Orientierungsleistung”, die dem Journalismus gerne zugeschrieben wird, muss man wohl nicht suchen. Ist es “Trauerarbeit”? Oder schlichte Unterhaltung – egal, wie betroffen sich die Rezipienten geben (schließlich gibt es ja nicht von ungefähr die verschiedenen Unterhaltungs-Genres, von Komödie bis Horror)?

Ebenso müßig ist die Frage nach Henne und Ei: ob die Medien vorhandene Bedürfnisse befriedigen oder sie erst wecken. Natürlich kommt der Appetit mit dem Essen – auch dies gehört zum gesellschaftstragenden Businessmodell, dem wir schließlich all den Wahnsinn verdanken, der das Gegenteil zur “Nachhaltigkeit” bildet.

Das Mediengeschehen rund um den Germanwings-Absturz am 24. März 2015 war soweit business as usual.

 Alles wird aufgeblasen.

Ja, eine “entschleunigte Welt” wäre schön. Wenn wir Twitter und Konsortenquatsch wieder gegen eine Wochenzeitung oder den Wochenspiegel eintauschen könnten. Lesen, sehen, hören – und dann eine Woche Zeit für anderes und bei großem Interesse auch zum Nachdenken über diese letzten News, die sieben Tage später ein Update erfahren. Wieviel Schwachsinn wohl nicht gezeugt und geboren würde!

Nur ein Beispiel: Die Süddeutsche Zeitung fragte ernsthaft, ob die ärztliche Schweigepflicht aufgehoben werden sollte, ob also eine Denunziationspflicht für Depressionen eingeführt werden müsse.

Solche Fragen kommen, wenn ein Unternehmen meint, seine Kunden mit Internetdiskussionen bei Laune halten zu müssen. Aber ist das Journalismus?

Was wollen Journalisten vor dem Joseph-König-Gymnasiums in Haltern? Und was in Montabaur? Es soll Sendezeit und Sendeplatz und Druckfläche gefüllt werden, schon klar, aber was machen Journalisten dabei? Welches Berufsbild muss jemand haben, der seinem Chef für den Auftrag zu einem solchen Ortstermin nicht auf Tisch, Tablet und Smartphone bricht?

“Wie weit dürfen Medien gehen?” ist eine völlig belanglose Frage, solange sich für jeden Schwachsinn noch jemand findet, der ihn macht.

jeder-schwachsinn-braucht-einen-idioten-zur-ausfuehrung

Für Chef-Ethiker: Persönlichkeitsrechte des Co-Piloten

Was als – trallala, es geht alles so schön Hand in Hand – Business einiger für höhere Mathematik vermutlich ungeeignete Rechtsanwälte begann, ist inzwischen Volkssport (auch Dank Volksblogs): unendliche Empörung, wenn bei einem Ereignis, mit dem medial gerade die halbe Welt bewegt wird, Beteiligte genannt werden.

“Das öffentliche Interesse muss in diesem Fall zurückstehen. Weder der veröffentlichte Name noch das Bild [des Co-Piloten] helfen uns bei der Beantwortung der Warumfrage.” Sagt Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik am Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW, – und dürfte damit für das Gros der akademischen Medienethiker stehen.
Doch auch wenn es ein ganz schlechtes Businessmodell ist, muss man ihm widersprechen. Von der Namensnennung hängt zwar nicht die Welt ab, aber die Persönlichkeitsrechte eines mutmaßlichen Katastrophenverursachers sind so ziemlich die letzte Sorge, die einen in solch einem Fall treiben muss. Warum? Weil alle, die mit dem Namen etwas anfangen können, sprich die Andreas L. aus Montabaur um egal wie viele Ecken kannten, ihn ohnehin im Zusammenhang mit dem Unglück kennen! Wie albern zu meinen, hier könnten professionelle Nachrichtenmedium noch irgendwem etwas Neues erzählen – oder eben verheimlichen. Das war schon vor der Digitalisierung nicht möglich, aber durch die digitalen Netzwerke sollte es für jeden Kritiker offensichtlich sein: Nachbarn, Arbeits- und Vereinskollegen, Schuljahrgänge, Partycliquen – jeder, der auch nur im Entferntesten eine Ahnung hat, wer Andreas L. ist, weiß auch ohne Journalisten, dass er in der Germanwings-Maschine auf Flug 4U9525 saß. Oder wie Stefan Winterbauer schreibt: “Einige deutsche Medien tun gerade so, als ob sie alleine bestimmen könnten, was öffentlich wird und was nicht.” Sie wären halt so gerne Gatekeeper.

Was bringt uns Mediennutzern der Name des Co-Piloten? Tatsächlich wenig, außer dass wir uns nicht verbiegen müssen, wenn wir von dem reden, dessen Name nicht genannt werden darf. Aber es bringt uns auch nicht weniger, als die meisten anderen Namen und sonstigen Details in Berichten und Reportagen. Weiß noch jemand aus dem Kopf, wie der Typ von Winnenden hieß? Aber immerhin den Ort habe ich noch präsent. Und das finden viele Einwohner von Winnenden vermutlich sehr ärgerlich. Hätte man deshalb 2009 von einem Amoklauf im Niemandsland berichten sollen? Die angenehmen Verbindungen, für die man ebenso wenig kann, will ja auch niemand abstreifen: die berühmten “Söhne und Töchter einer Stadt”, erhabene Vorfahren, tolle Kinder, Geschwister, Nachbarn.

Das Foto aber bringt sehr viel! Die Veröffentlichung von Bildern des Co-Piloten bremst unsere ansonsten grenzenlose Phantasie, denn schließlich hat jeder irgendwen irgendwie vor Augen, zusammengebastelt aus Berichten, eigenen Erfahrungen, Filmen…
Und was sollte es schaden? Das Bild ist ein Teil der Wirklichkeit (ganz gleich, was die Ermittlungen weiter ergeben), über die der Journalismus berichten soll – und er vermag es immer weniger, Teile dieser Wirklichkeit zu unterdrücken (“Wir haben in der Redaktion lange überlegt, ob wir Ihnen diese schrecklichen Bilder zeigen sollen…”). Das Interesse an dem Bild des mutmaßlichen Absturz-Verursachers haben nun wirklich nicht die Medien zu verantworten – sondern, neutral formuliert: der Absturz.

Es macht schon nachdenklich, mit welchem Verve bei jedem neuen Fall die meist immer selben Persönlichkeitsrechts-Verteidiger auftreten und – völlig uneitel – erklären, niemand habe das Recht, Namen, Bild, Wohnort oder sonst etwas identifizierendes über den Täter/ ihren Mandanten zu erfahren. Das wirkt – ehrlich gesagt – jedes Mal perfekt lächerlich. Und extrem arrogant, denn die Journalisten selbst, die da vor lauter Rücksicht etwas nicht sagen oder zeigen wollen, kennen natürlich die Namen und Bilder, was ihnen offenbar keine große Bürde ist.

Noch schlechter für den Business-Plan ist es, dieses Berichterstattungsrecht auch in Bezug auf die Opfer einzufordern. Aber je kleiner die Opferzahl ist, um so klarer wird, dass obige Argumentation auch dort gilt: denn warum wird denn überhaupt berichtet? Doch wegen der Opfer! (Was ist ein Unglück ohne Verunglückte, ein Mörder ohne Ermordete?) Alle, die ein Unglücks- oder Verbrechensopfer auch nur entfernt kannten, werden von seinem Schicksal erfahren – neben dem allgemeinen Tratsch (s.o.) auch, weil die Angehörigen selbst dafür sorgen werden, um nicht in den nächsten Wochen, Monaten oder auch Jahren immer wieder damit konfrontiert zu werden (“Er/ sie ist tot, wusstest du das nicht?”).

Vorsicht, Nachahmungstäter!

Geradezu Erheiterndes hat Heribert Prantl zur Reflexion beigesteuert. Meedia zitiert ihn aus einem Video:

“Man darf Nachahmungstäter publizistisch nicht provozieren“. So solle der Name des Täters nicht in den Vordergrund gestellt werden. Ziel sei es, dass niemand auf die Idee kommt, dass man mit solch einer “monströsen Tat” in die Geschichte eingehen könne.

Das mag gelingen, wenn Herr Prantel und Kollegen bereit sind, die Anschläge von “9/11″ irgendwo hinten in ihrer Süddeutschen als kleine Meldung abzuhandeln. Mein Abo dafür hätten sie! Aber da damals ja alle Journalisten die begangene Tat für “unvorstellbar” hielten (anstatt die Meldung dazu wie jeden Nachruf im Archiv bereit liegen zu haben) ist die Hoffnung auf solch ein professionelles Handling wohl nicht sehr realistisch.

Natürlich bekommt ein Flugzeugattentäter oder -selbstmörder jede erdenkliche Aufmerksamkeit! Und es wird ihn nicht allzu sehr kümmern, wenn die SZ in ihren Live-Tickern seinen Namen zu verschweigen sucht.

Über 9/11 wird heute noch täglich gesprochen, aber wehe jemand wagt es, dies eine handwerklich grandiose Inszenierung zu nennen. Was will Heribert Prantl dem PR-Terroristen sagen? “Du, 9/11 wird bei euch Selbstmordattentätern auch überbewertet…”

Auf das wahre Problem verweisen leider nur die Verschwörungsfuzzis: der Hype absorbiert jede Menge Aufmerksamkeit. Das sorgt nicht nur dafür, dass für den Augenblick andere wichtige Dinge unbemerkt bleiben (Fuzzi-Theorie), es führt vielmehr zu einer langfristig wirksamen Verschiebung von Relevanzkriterien.

Links:
Bernhard Pörksen (Prof. Uni  Tübingen) warnt vor “Pseudo-Nachrichten” bei einem Berichterstattungs-Hype. Aber: sind nicht die meisten Nachrichten pseudo? Weil sie entweder nicht neu sind oder nicht informieren?

Korrekturverhalten (3)

31. März 2015

Selbst wenn es nur kleine Fehler sind – widerspricht es irgendeiner Standesregel, sie (wo nötig transparent) zu korrigieren? Tebartz-van Elst heißt vorne Franz, nicht Frank, liebe Frankfurter (gefunden: 4 Tage nach Veröffentlichung).
frank-tebartz-fr

Wenn sich weder auf der Website noch auf Facebook ein Korrekturhinweis findet und offenbar auch keiner der Redakteure binnen eines Tages darüber gestolpert ist, darf man fragen: liest das überhaupt jemand, – oder ist generell unbekannt, dass der wunderbare Berliner Bezirk anders als die Schunkelmetropole mit zwei “L” geschrieben wird, Neukölln eben? epd-Meldung auf evangelisch.de

evangelischde-neukoeln-neukoelln

Wenn  sich der Adrenalinpegel wieder normalisiert hat, könnte die neue sueddeutsche.de auch den aneblich angeblich ausgerufenen “Ausnahmezustand” wieder einfangen.

ausnahmezustand-berlin

Ein Ausnahmezustand ist etwas anders, als wenn die Feuerwehr viel zu tun hat. Dann kann vielleicht auch nochmal jemand über den sonstigen Text schauen:

“Bei der Havarie wurden beide Schiffe zum Teil erheblich beschädigt.”

 

Siehe auch:
Korrekturverhalten 2: Keine Verlinkung zu Gegendarstellungen oder Leserbriefen und anderen Korrekturen

Positive Beispiele:
Jakob Augstein wies u.a. via Facebook auf einen Fehler in der Welt hin. Die Korrektur dort wird transparent gemacht. (Allerdings ist es bei manchen Fehlern natürlich nicht mit einer Korrektur getan, weil möglicherweise die recherchierte Grundannahme eines Artikels damit wegfällt.)

fehlerhinweis-augstein-oecd

korrektur-welt-oecd