Aus der Gießener Allgemeinen vom 27. Juli 2010
Stilblüte: Ins Krankenhaus gestoßen
27. Juli 2010Korrekturverhalten (1): FTD
27. Juli 2010Was Print- und vor allem Online-Medien an ihrer eigenen Berichterstattung und Kommentierung korrigieren, wo von anderen auf Fehler hingewiesen wird, und wie transparent sie diese ggf. vorgenommenen Korrekturen machen war in den letzten Jahren immer wieder Thema bei Spiegelkritik. Besonders negativ fallen unterbliebene Korretkuren oder fehlende Hinweise auf relevante Diskussionen natürlich bei den Internet-Medien auf – denn solche Artikel werden oft noch nach langer Zeit über Suchmaschinien gefunden und für mehr oder weniger bare Münze genommen.
Es sind meist keine spektakulären Fehler oder handwerklichen Mängel – ansonsten werden sie meist hinreichend von den Alpha-Blogs aufgegriffen - aber sie eignen sich doch für die Frage, wie es um die Selbstkritik der Medien bestellt ist. Schließlich wird Medienkritik und vor allem Medienselbstkritik immer wieder als ein Garant für Qualität im Journalismus beschworen.
Wir wollen daher eine Zeit lang Fallbeispiele aufzeigen – mit der üblichen Einschränkung, dass hier alles nur nach Lust und Laune und ausschließlich bei günstigem Freizeit-Aszendenten geschieht, und mit der speziellen Einschränkung, dass wir ab Donnerstag zwei Wochen Betriebsferien machen.
Heute also – und der langen Vorrede wegen zum selber Basteln: die Financial Times Deutschland (FTD). Sie schrieb am 14. Juli unter der Headline “Windparks bricht Fundament weg” über das Bundesamt für Naturschutz (BfN) als Wirtschaftsverhinderer, da es Offshore-Windparks wegen Bedenken bei deren Sockel-Konstruktion nicht genehmige.
Das BfN widersprach zentralen Behauptungen des FTD-Artikels am folgenden Tag in einer Pressemitteilung. So sei das Amt gar nicht für Genehmigungen zuständig. Die PM endet mit der faktischen Gegendarstellung: “Einem zügigen Bau der zum Teil seit Jahren genehmigten Windparks mit über 1.800 Anlagen steht aus Sicht des BfN nichts entgegen.”
Die FTD hat die entsprechende Replik in ihrem ursprünglichen Artikel bisher nicht aufgegriffen, eine Anfrage von Spiegelkritik vom Montagvormittag ist bisher unbeantwortet geblieben.
Update 27. Juli 16 Uhr: Guido Warlimont, Ressortleiter Unternehmen der FDT, hat sich nun gemeldet und teilt mit: “Da unser Autor das BfN schon, wie es sich gehört, im Zuge der Recherche um eine Stellungnahme gebeten und diese in den Text eingearbeitet hatte, sahen wir keinen Anlass, den Text noch um die erweiterte Stellungnahme des BfN zu ergänzen. Nach Erkenntnissen unseres Autors blockiert das BfN derzeit mit seinen Stellungnahmen im Genehmigungsverfahren de facto weitere Genehmigungen. Insofern bleiben wir bei unserer Darstellung.”
Lesen Journalisten ihre Leser ?
26. Juli 2010Muss es, lieber Herr Turi, einem leidlich erschöpften Menschen so schwer gemacht werden, einem Computer die Unterscheidung zwischen Computer und Mensch zu ermöglichen, die einen bei Ihnen zwingt, ein ums andere Mal und stets vergeblich einen “Verifizierungscode” zu erahnen. Dieses ReCaptcha-Programm, das inzwischen google gehört, ist ein Müllanschlag auf den menschlichen Intellekt.
Aber bitte, gut, wir sind gescheitert und wollten Ihnen doch nur zu Ihrem Beitrag “Chaos auf Loveparade war absehbar” mitteilen, dass der von Ihnen zitierte Leser-Kommentar auf DerWesten nicht erst zwei Tage vor dem Unglück, sondern – unter einem anderen Artikel – bereits am 7. Juni erschienen ist, weshalb der Vorwurf, die Medien insgesamt hätten Zeit gehabt zu recherchieren, vor allem aber die WAZ-Medien nähmen ihre Leser offenbar gar nicht zur kenntnis, noch viel deutlicher trifft.
Vordergründig subtiles Geschwafel
25. Juli 2010Vorlage für eine Feuilleton-Satire gefällig? Sascha Jouini lesen:
Pianist David Fray wartete mit sehr weichem, geschmeidigem Anschlag auf und war sehr um ein ausgeglichenes Gesamtbild bemüht. Dabei setzte er indes ziemlich schwach Akzente. Seine Interpretation mutete in ihrer Dezenz unspektakulär, ja sogar etwas glatt an, obwohl ihm das Orchester genug Gelegenheit zu solistischer Entfaltung gab. In der Romanze behielt Fray diese vornehm-zurückhaltende Linie bei, spielte vordergründig subtil, in Wirklichkeit aber dynamisch und auch in emotionaler Hinsicht eher flach; der leidenschaftliche Ausbruch im Mittelteil ließe sich viel spannender vorstellen. Beim Rondo-Finale ergab sich ein ähnlicher Eindruck wie im Kopfsatz: Das Orchester begann mit viel Energie, um sogleich vom Pianisten auf streng gezügelte Bahnen zurückgeholt zu werden. Bei aller Kultiviertheit – so intellektuell tiefsinnig, wie es zunächst schien, war Frays Spiel keineswegs. (Gießener Allgemeine)
Zugabe von Jouini? Bitte.
Zusammenfassungen, die es nicht braucht
23. Juli 2010Das besondere Profil von “evangelisch.de” muss mir zwar ohnehin nochmal jemand erklären, aber auch das unspezifische ist mir gerade Limit-kennend vernebelt: Da bringt das “Mehr als du glaubst”-Portal eine absolut für Print geschriebene epd Meldung ohne jeden Link und in biederstem Agenturdeutsch:
Im Streit über das Engagement des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Internet hat sich der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust mit scharfen Worten gegen die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” (FAZ) gewandt. In einem offenen Brief an Herausgeber Frank Schirrmacher, blablablub
Was soll das? Service wäre eine kurze Notiz der Art: FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld hat in einem Kommentar die Online-Aktivitäten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erneut kritisiert und von “Staatsjournalismus” gesprochen, der ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust reagierte mit einem offenen Brief an FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, “denn mit dem Kommentar von Herrn Hanfeld ist meines Erachtens eine Grenze überschritten”.
Nichts gegen gute Zusammenfassung. Aber die beiden Originaltexte müssten wenigstens verlinkt sein – und der Rest ist entbehrlich. (Tg)
Lesebeute: Halbschwul
16. Juli 2010“Im aktuellen Spiegel lässt Reporter Alexander Osang den Ballack-Berater Michael Becker über eine »Schwulen-Combo« in der Nationalelf lästern. Ohne Belege, ohne Sinn, ohne Anstand.” (Philipp Köster, 11 Freunde)
Kleines Abmahnlexikon
07. Juli 2010Abmahnung: Freundlicher Hinweis, dass man etwas falsch gemacht habe und dieses künftig zu unterlassen sei. Verbunden ist die Abmahnung meist mit der Aufforderung, eine “strafbewehrte Unterlassungserklärung” zu unterschreiben. Kommt die Abmahnung von einem Rechtsanwalt und ist sie berechtigt, kostet sie etwas Geld.
Unterlassungserklärung / Verpflichtungserklärung: Versprechen, etwas nicht mehr zu tun oder gerade zu tun. Typischer Fall: man verpflichtet sich, eine bestimmte Sache nicht mehr zu behaupten oder ein Bild nicht mehr zu veröffentlichen. Die Verpflichtung kann zusätzlich eine Richtigstellung umfassen. Damit das Versprechen auch rechtswirksam wird, muss es auch die Zahlung eine Strafe enthalten für den Fall, dass man sich nicht daran hält. Die Höhe kann direkt benannt werden (“5.000 Euro für jeden Fall der Zuwiderhandlung”) oder offen bleiben und dann im Einzelfall festgesetzt werden (“eine in das billige Ermessen der Unterlassungsgläubigerin gestellte, ggf. vom zuständigen Gericht zu überprüfende Vertragsstrafe”).
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Essen und Fernsehen von entzückender Bescheidenheit
02. Juli 2010Darf man vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk erwarten, dass er auch bei einem auf den ersten Blick simplen Termin-Bericht ein wenig rechts und links des Weges bzw. hinter die Inszenierungs-Kulissen schaut? Wohl schon, wenn andernfalls das Ergebniss eine arge Verzerrung zu dem ist, was alle anderen wahrgenommen haben.
Der simple Termin: Fernsehkoch Johann Lafer kommt in ein Schul-Bistro, um medienwirksam ein von ihm beschirmherrschaftetes Verpflegungs-Konzept zu begutachten.
Die Inszenierungs-Kulisse: leckeres Essen, attraktive Preise, freundliche Mitarbeiter, begeisterte Schüler.
Der Haken: Es braucht eine Jugendredaktion der ortsansässigen Lokalzeitung, um mit vier Monaten Verspätung aufzuklären, wie es tatsächlich um Qualität, Vielfalt und Preise der Schulverpflegung steht.
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FAQ zum Leistungsschutzrecht für Presseverleger
02. Juli 2010Ein “Leistungsschutzrecht für Verlage” ist in den letzten Monaten zum spannenden, wenn auch langweilig klingenden Stichwort in der Mediendebatte geworden. Es geht dabei möglicherweise um viel Geld – aber auch um viel Verwaltung und letztlich eine Veränderung der Netzkultur.
Was ist ein Leistungsschutzrecht?
Das Urheberrechtsgesetz setzt neben den Rechten der Urheber – also denen, die Texte schreiben, Fotos machen oder Filme drehen, – auch sehr umfangreich “verwandte Schutzrechte”. Damit sollen Leistungen derjenigen vor beliebiger kostenfreier Nutzung geschützt werden, die an der Vermittlung von Werken arbeiten. Diese “Werkmittler” bilden die Brücke zwischen Urheber – also dem Schöpfer eines Werkes – und dem Publikum. So hat ein Musiker zwar Anspruch auf eine Bezahlung, wenn seine Musik im Radio läuft, doch der “Werkmittler”, also die Plattenfirma als Lieferant, hat Anspruch auf Beteiligung. Denn ohne sie gelänge die Musik nicht bis zur Radiostation und könnte nicht für den Künstler Gewinn bringend gesendet werden.
Welche Leistung erbringt der Inhaber eines Leistungsschutzrechtes?
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Spiegel zerstört Existenzen
01. Juli 2010Wenn der Spiegel mit seinen Prophezeiungen zu Al Gore und Kachelmann ähnlich erfolgreich ist wie mit seinem sturmgeschützigen “Aufhören!”- und “Der bessere Präsident”-Titeln soll’s gut sein.
Ansonsten ist die permanente Beschwörung, die eigene Verdachtsberichterstattung zerstöre Menschenleben, reichlich perfide. Zum Fall Kachelmann hieß es im Print-Spiegel:
“Ohne einen Freispruch erster Klasse, wegen erwiesener Unschuld, wird er wohl nie wieder auftreten können. [...] Es geht also um Existenzen.”
Heute wissen die Online-Kollegen über Al Gore:
“Der Nobelpreisträger dementiert heftig – sein Ruf dürfte trotzdem ruiniert sein.”
Mit dieser Zwangsläufigkeit argumentieren schon sehr erfolgreich die Zensuranwälte und verhindern Verdachts- und Ermittlungsberichterstattung. Dabei haben es die Medien sehr wohl in der Hand dafür zu sorgen, dass nicht immer und automatisch “etwas hängen bleibt”. Dass dieser Eindruck häufig besteht, liegt schlicht an der Tatsache, dass Fälle eben oft nicht vollständig geklärt werden können. Dann ist es manchmal SChicksal, manchmal auch nur recht und billig, wenn man sich an diese ungeklärten Geschichten auch später noch erinnert. Gegen wen aber Vorwürfe zu unrecht erhoben wurden, der muss zumindest von den Medien natürlich vollständig rehabilitiert werden. Und genau das haben sie in der Hand.
