SpKr-Mitbegründer abgetaucht

07. Juni 2016

Denjenigen, die schon seit mehreren Jahren hin und wieder Blogtexte auf Spiegelkritik gelesen haben, ist bekannt, dass zu unseren Gründern der Mann gehört, der seit 2015 für die „Keylogger-Affäre der taz“ steht: Sebastian Heiser. Die taz-Redakteure Sebastian Erb und Martin Kaul haben den Fall über Monate aufgearbeitet – und ihren Ex-Kollegen schließlich sogar irgendwo in Asien aufgespürt. Doch in der Sache geäußert hat er sich auch dort nicht. Wie bei allen anderen, die ihn kannten, hat er auch bei uns viele Fragen hinterlassen.
Wir verweisen also auf „Dateiname LOG.TXT“ bei der taz. (Und beispielhaft auf einen SpKr-Text unseres Ex.)

Ferner dazu:
* Audiobeitrag Georg Löwisch (taz chefredakteur) bei Radio Eins.

Schlafmützen-Journalismus (Unwetter vs. Gauland)

30. Mai 2016

Früher haben nachts alle gepennt. Bis auf die Räuber – und in den Städten die Nachtwächter. Informationsbedarf hatten jedenfalls die wenisten, sie gaben sich mit den Fantasiegeschichten ihrer Hirne zufrieden, aber die Welt hat sich auch damals schon in der Nacht weitergedreht, weshalb es manchmal schon am frühen Morgen etwas zu erzählen gab.

Neuerdings pennt alles asynchron. Und ist entsprechend ebenso unzeitgleich aktiv, auch wissbegierig. Kollektiv (und zum Teil miteinander) in’er Pofe liegt unterm Säufermond allerdings der deutsche Journalismus.

Über vier Stunden lang wurde letzte Nacht das Video einer dramatischen Überschwemmung in Braunsbach (Landkreis Schwäbisch Hall) tausendfach auf Facebook geteilt, hundertfach äußerten User ihre Sorge, was in diesen Fluten alles passiert sein könnte – doch der professionelle Journalismus blieb in der Pofe und titelt weiterhin mit der Wahnsinnsgeschichte „Gauland sagt was über Boateng“. Auch zwei Tote in Schwäbisch Gemünd, sogar behörlich vermeldet, waren als Wecker nicht laut genug.

Der vom Großteil des deutschen Journalismus nach allen Regeln der Wortkunst misshandelte Jörg Kachelmann schrieb schon vier Stunden bevor sich die deutschen Leitmedien ihre Matzel aus den Augen popelten:

Wir werden morgen über die Rolle von öffentlich-rechtlichen Radio- und TV-Sendern diskutieren, die immer senden, als ob nichts wäre. #wetter @Kachelmannwettr

Erst gegen vier Uhr in der Nacht merkte man bei der Tagesschau, bei spiegel.de, bei der Süddeutschen, dass es vielleicht ganz gut wäre, wenn Social-Media-Nutzer nicht wieder von „Lügenpresse“ sprechen, weil bei den großen (und zum Teil teuer bezahlten) Welterklärern eine Wetterkatastrophe gar nicht stattgefunden hat.

Das ist schon extrem peinlich. Und natürlich kontrastiert das Gauland-Bohei die Sache nochmal wunderbar. (Denn was der Mann gesagt hat, dieser eine – angebliche – Satz: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut, aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“, ist so belanglos, so völlig egal, bei intensivem zweisekündigen Nachdenken auch Kokolores, dass ein Wichtiges vom Unwichtigen scheidender Journalismus darüber kein Wort verloren hätte, anstatt sich in der Rolle des Sofabloggers zu gefallen, weil die Spätschäden des Schwafel-LKs einfach zu gravierend sind…*)

Dazu nochmal Jörg Kachelmann:

Das Drama hatte schon am Nachmittag begonnen und sich dann laufend in den Abend und in die Nacht gesteigert. Auf Facebook und Twitter waren Menschen in Not zu sehen, in meterhohen Flutwellen um ihr Leben kämpfend. Was haben die zuständigen öffentlich-rechtlichen Medien unternommen, um ihre Existenz zu rechtfertigen, von Bürgern bezahlt zu werden und diese zu beschützen?
Nichts. Nichts. Nichts.

Was nutzt uns die Medienvielfalt, wenn alle die selben Themen setzen oder ignorieren? Und wenn die ganze Herde nach dem Feierabendbier die Nachtmütze aufsetzt und in die Pofe geht?

Update: Wenn der Journalist nicht zum Ereignis kommt, dann kommt eben das Ereignis zum Journalisten. Als sich heute auch in Hamburg der Himmel verfinsterte, war Spiegel-Online gleich zur Stelle.

* PS, weil das offenbar mehr interessiert – warum der Satz (oder bei anderer Interpunktion: die zwei Sätze) von Alexander Gauland kein Thema ist (sind):
a) Der AfD-Vizevorsitzende Gauland hat eine Einschätzung geäußert, eine Meinung. „Jedes Kind“ weiß, dass „man“ mit „die Leute“ jeden und niemanden meinen kann. Ersetzen „wir“ „die Leute“ durch „es gibt Leute“, wird die Banalität hoffentlich deutlicher: ja, es gibt Deutsche, die keine schwarzen Nachbarn haben wollen. (Solche Abgrenzungen gibt es überall, zwischen allen Nationalitäten, Bekenntnissen, Politikfarben…) Und Gauland meint offenbar, wenn man mal den ganzen Artikel liest, mit „die Leute“ konkret AfD-Wähler.

Es gebe unter den AfD-Anhängern die Sorge, „dass eine uns fremde Religion sehr viel prägender ist als unsere abendländische Tradition“. Die große Zahl der Fremden sei das eigentliche Problem. Und diese große Zahl komme nun einmal aus Regionen, in denen vor allem Muslime lebten. Gauland geht sehr weit in seiner Auslegung des Fremden. Sicher werde der in Berlin geborene Fußballspieler Jerome Boateng, der einen ghanaischen Vater und eine deutsche Mutter hat, als Spieler in der deutschen Nationalmannschaft geschätzt. „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben“, sagt Gauland.

b) Wenn es sich um die als verkappten Rassismus diagnostizierte Meinung Gaulands handeln sollte („Ich finde Jérôme Boateng als Fußballspieler gut, aber ich will ihn nicht als Nachbarn haben“), ist es ebenfalls belanglos. Jeder darf bekunden, neben wem er wohnen möchte und neben wem nicht – es interessiert nur hoffentlich niemanden außer die realen Nachbarn.
c) Politiker werden vom Politikjournalismus völlig überbewertet! Als sei Politik allein ihr Geschäft und weil alles politisch ist, gilt jeder noch so kleine Sprachfetzen aus dem Munde eines Politikers als Zungenreden höherer Mächte. Der Grund dafür ist einfach: es ist die arbeitsökonomisch ergiebigste Weise, Nachrichten zu produzieren. Wie wir am Beispiel Gauland-Boateng sehen: ein Satz, und der Journalismusbetrieb hat für einige Tage seine Story…
d) Dass Politiker auf irgendwas mit Empörung oder Gesetzesforderungen reagieren, ist absolut kein Zeichen von Relevanz, sondern nur ein Indiz dafür, dass die entsprechenden Politiker noch leben. Ihr Geschäftsmodell ist bekanntlich nicht die Problemlösung, sondern die Problemerfindung (u.a. als „Alarmismus„). Parteien und ihr Personal bemühen sich nicht um gemeinsame Problemlösung, sondern um Abgrenzung. Es ist so unglaublich billig, wenn Journalisten ihnen dafür an jedem gewünschten Ort Bühne und Publikum bereitstellen.
e) Zweisekündiges Nachdenken könnte zu der Erkenntnis führen, dass Gauland über ein (erfundenes) Luxusproblem spricht: denn „die Leute“, die „einen Boateng nicht als Nachbarn haben [wollen]“ müssen ähnlich gut betucht sein wie der Fußballnationalspieler. Aber es ist natürlich eine zu gute Vorlage, um etwas Witziges oder Staatstragendes zu äußern und so vom Gauland zu profitieren.

Update 31. Mai 2016:
Die Gauland-Causa hätte natürlich einen eigenen Eintrag verdient. Man steht wirklich fassungslos vor der professionellen Erregungsmaschinerie – obwohl ja nun wirklich ein Fall den nächsten jagd. Allein schon das Muster „X hat Y beleidigt“ oder „X hat Y mit Z verglichen“ taucht ja jede Woche in irgendeiner Spielart auf – und es ist fast immer schlicht falsch.
Ein großer Teil der „Politikjournalisten“ beansprucht inzwischen ohne mit der Wimper zu zucken Moralrichter zu sein. Sie sagen was geht und was nicht geht, was man hinzunehmen habe (sonst ist man Rassist, Sexist, Volksverhetzer, Populist…) und worüber man sich öffentlich erregen muss (sonst sympatisiert man mit Rassisten, Sexisten, Volksverhetzern, Populisten…)
Es fehlt regelmäßig an der Nüchternheit zu prüfen, ob ein Ereignis überhaupt relevant ist – oder ob man es wie bei einer self-fulfilling prophecy erst durch massive „Berichterstattung“ relevant machen muss. Dass sich zu Gauland-Boateng nun der DFB, die Bundeskanzlerin, Psychologen, Historiker und weiß der Kuckuck wer noch alles öffentlich äußern, sagt ja nichts über die tatsächliche Relevanz, sondern nur etwas über die Vermarktbarkeit.
Mir macht ein Journalismus Angst, der die einfachsten Dinge nicht mit Verstand erfassen kann, sondern nur danach sucht, wie sich etwas zum Skandal machen lässt. Der Gauland-Satz über Boateng ist, wie oben schon geschrieben, banal, und er ist mit Sicherheit keine Beleidigung (die in Deutschland strafbar ist; siehe dazu auch Stephan Detjen vom Deutschlandradio). Man hätte darüber kein Wort verlieren müssen (oder die FAZ-Journalisten hätten detaillierter nachfragen müssen, was Alexander Gauland meint, welche Konsequenzen das haben sollte, und was das konkret an wählbarer AfD-Politik bedeutet). Ansonsten ist es eben völlig belanglos, was ein Politiker für Ansichten von der Welt hat.
Es ist geradezu unverschämt, wie Journalisten Trivialitäten zu Nationalthemen hochjazzen, aus keinem anderen Grund als dass es eben ihr Geschäftsmodell ist, dass sie genau damit ihr Geld verdienen. Denn mit dem altklugen Ratschlag, es einfch zu ignorieren, wenn es einen nicht interessiert, ist es ja leider nicht getan: solche Skandalisierungen schaffen Fakten, sie verändern die Gesellschaft, oft genug führen sie zu Gesetzen oder Verordnungen, zu personellen Konsequenzen…
In einem Studiogespräch erläutert das ganze Stephan Detjen nochmal deutlich (mp3). Widersprchen möchte ich ihm aber, dass es sich auch in diesem Zusammenhang um eine Skandalisierungsstrategie der AfD handelt. Denn für eine Skandalisieurng hätte Gauland sich jederzeit selbst öffentlich äußern können (und nicht darauf gehofft, dass es die FAZ-Journalisten aufgreifen), und er hätte es viel deutlicher machen können. Nein, die gesamte Skandalisierung wird hier vom Journalismus betrieben, der wie immer Hand in Hand mit der Politik arbeitet, die natürlich das allergrößte Interesse an dem Bohei hat.

Update 2. Juni:
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) hat in ihrem Artikel, der die gesamte „Rassismus-Debatte“ um Gauland ausgelöst hatte, ein falsch zugeordnetes Zitat zurückgenommen. Der Korrekturvorgang selbst ist allerdings einem angeblichen Qualitätsmedium unwürdig – denn anstatt wirklich zu korrigieren und wahre Aussagen zu publizieren, haben die Frankfurter einfach die falsche Zuordnung aus dem Text gelöscht und ein sinnfreies Wörtergerippe stehen lassen.
Einige (Übersichts-)Artikel, die den medialen Rummel um das Gauland-Zitat über Boateng kritisieren:
* Friedensblick
* Die Spoekenkiekerei
*
Zu einer ernsthaften Fachdiskussion sollte die Positionierung des Deutschen Journalistenverbands (DJV) führen, der bislang offenbar keine Qualitätsmängel im FAS-Ausgangstext und dem nachfolgenden Meutenjournalismus sieht (PM). Dabei haben inzwischen ja zahlreiche Journalisten auf eklatante Mängel hingewiesen (u.a. eben wie oben geschrieben: Fehlinterpretation einer banalen Aussage, selbsterzeugte Relevanz, keine Recherche/ Nachfrage, fehlende Transparenz, Skandalisierung im eigenen Medienhaus, falsche Zitatzuordnung).

Böhmermahn

10. April 2016

Schuld sind wie immer die Journalisten. Also noch. Bis die Sozialen-Medien mit ihrer reinen Ich-Kommunikation sie irgendwann ganz in die Bedeutungslosigkeit gedrängt haben werden. Aber noch sind immer die Journalisten schuld. Weil sie niemals Wichtiges von Unwichtigem scheiden, weil sie nur selten spannende Fragen beantworten, Probleme lösen, Orientierung geben wollen, sondern weil sie schlicht Aufmerksamkeit suchen – Einschaltquoten, Auflage, Klicks, Follower.

Jan Böhmermanns Gedicht „Schmähkritik“. Hatten die freiwilligen Zuschauer, hatte das leidenschaftliche Publikum, hatten diejenigen, für die „Neo Royal Magazin“ gemacht wird, ein Problem mit der Sendung? Und bedurften sie journalistischen Beistands? Brauchten sie Welterklärer und Moralverbesserer an ihrer Seite?

Ein großer Teil des Medientratsches dreht sich nur noch um Dinge, von denen man nie etwas wissen wollte. Es geht nicht um investigative Recherchen, nicht um die Aufdeckung des zu unrecht Verborgenen, sondern um die Skandalisierung von Fragmenten aus Nischenereignissen. Das, was erfolgreich separiert war, nachdem es mehr als ein Fernsehprogramm und eine Staatszeitung in Deutschland gibt, was Angebote und Interessenten nach Interessen zusammenbrachte, wird vom Journalismus wieder zusammengepanscht und zum „general interest“ erhoben, auf dass jeder eine Meinung dazu habe (nicht entwickle!) und der deutsche Smalltalk gleichgeschaltet sei.

Dass selbst dröge Familienzeitungen und die außerhalb ihrer Sendung weniger dröge wirkende Anne Will den türkischen Affentanz zu einer Liedparodie von extra3 und zu einem Beitrag in der vorletzten Böhmermann-Sendung zum nationalen Problem erheben, zeigt den Geisteszustand dieses Landes deutlich, vor allem das völlig gestörte Verhältnis zur Freiheit.

Böhmermann hat den türkischen Präsidenten Erdogan nicht beleidigt (mal abgesehen davon, dass er dies jederzeit versuchen dürfen sollte und für den Erfolg allein der Sichbeleidigtfühlende verantwortlich wäre –> Grundrecht Beleidigungsfreiheit)! Er hat eine Satire-Show aufgezeichnet, in der auch der Name Erdogan fiel. „Tötet Merkel“ von Till Reiners ist auch kein Mordaufruf. (Schönster Satz übrigens: „Ich glaube nicht, dass sich Merkel privat für Politik interessiert.“) Weiterlesen »

Spiegel rückt weiter aus dem Fokus

10. April 2016

Als wir vor zehn Jahren mit Spiegelkritik als Medienblog begonnen haben (damals tagesaktuell), ging es ja tatsächlich um ein „Spiegel“-Watchblog. Schon vor dem BILDblog haben wir allerdings den Horizont erweitert, nachdem für unseren Geschmack hinlänglich gezeigt war, dass auch beim Spiegel journalistische Merkwürdigkeiten passieren.

Bald passiert da vielleicht gar nichts mehr. 149 Mitarbeiter nicht mehr beschäftigen zu können (um’s wollen geht es ja angeblich nicht) ist ja wohl doch ein Alarmzeichen: Meldung in der Süddeutschen; aktuelle Geschäftsführung.

Demokratie als Journalisten-Phantasie

11. März 2016

DeineDemokratie-RadiokampagneIm Radio wird das nächste große Nichtwähler-Bashing vorbereitet. 23 private und gebührenfinanzierte Sender in Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz werben bei ihren Kunden derzeit für die Teilnahme an den Landtagswahlen am Sonntag.

In einem von drei Spots wanzt sich beispielsweise eine Frauenstimme an die Hörer ran:

„Hallo. Hier spricht Deine Demokratie. Wir müssen mal reden. Weißt Du, ich bin nicht
besonders empfindlich. Ich halte einiges aus. […] Ich weiß, Du hast gerade viel um die Ohren. Aber bitte nimm Dir ein paar Minuten Zeit für uns. Ich verspreche, ich frage Dich erst in 5 Jahren wieder. Geh wählen, […]“

Werbung ist oft für Doofe konzipiert, doch für wie blöde die Radiovermarkter ihr3 Empfangsgerätenutzer halten ist doch einigermaßen überraschend. Denn an Hinweisen auf das Sonntagsevent fehlt es in den drei Bundesländern nun wahrlich nicht, die Landschaft ist ordentlich tapeziert mit Bewerbern, die gerne die nächsten fünf Jahre vom Steuerzahler alimentiert werden wollen, und via Medien wird der ganze deutsche Hühnerstall seit Wochen in hysterisches Gackern versetzt.
Warum sich Dudelsender, die sich bei passender Gelegenheit durchaus in die Nähe journalistischer Betriebe rücken, vor den Parteienkarren gespannt haben, machen die Spots nicht transparent. Sie bieten nicht mehr als den staatstragenden Appell, ordentliche Bürger sollten der ungeschriebenen Wahlpflicht nachkommen.

Dabei bildet die Teilnahme an der Wahl nur zwei von drei demokratischen Optionen, auf die Stimmbettelei der Berufspolitiker zu reagieren. Man kann natürlich im braven Trott einer Partei oder einem Bewerber seine Zustimmung erteilen. Man kann aber auch allen Bewerbern eine Absage erteilen und den Stimmzettel „ungültig“ machen. Die dritte und inzwischen meistgenutzte Möglichkeit besteht jedoch darin, niemandem seine Stimme zu geben, gar nicht an der Abstimmung teilzunehmen und durch diesen Boykott einen kleinen Beitrag zu einer geringen Wählerquote (und damit geringen Legitimation der Parlamentarier) beizusteuern. Weiterlesen »

Leberwurst-Journalismus

06. Januar 2016

Nachdem es einige Leberwurst-Journalisten mit ihrer Erregung über Til Schweiger mal wieder (via dpa) bis in meine Provinzzeitung gebracht habt, sollten wir doch mal kurz über die Aufgabe von Kunst- und Medienkritik nachdenken.

Das Grundproblem der Schweiger-Kritiker dürfte sein, was etwa Spiegel-Online in einem Nachrichtenversuch so beschreibt:

„Das Verhältnis zwischen Til Schweiger und Film- und Fernsehkritikern ist angespannt. Der Regisseur und Schauspieler verzichtet oft darauf, seine Filme zu regulären Pressevorführungen vor dem Start zugänglich zu machen.“

Das klingt, als gäbe es einen Anspruch der Presse, Filme für Besprechungen sehen zu dürfen. Dem ist natürlich nicht so, und Schweigers Umgang mit der Presse dürfte bei professionellen Autoren keinerlei Auswirkungen auf die Werkkritik haben. Davon sind allerdings viele, viele Artikel über Til Schweiger weit entfernt.

Was die beiden aktuellen Folgen „Der große Schmerz“ und „Fegefeuer“ sowie die Rezeption eines Facebook-Postings von Schweiger dazu anbelangt, machen die Leberwurst-Journalisten mal wieder keine gute Figur:

– Die beiden Folgen waren ohne Zweifel sehr gut inszeniert. Das Ergebnis muss niemandem gefallen (so wie auch niemand sehr guten Brokkoli mögen muss), aber was Schweiger an die Adresse des Regisseurs Christian Alvart schreibt, wird man cineastisch nicht beanstanden können.

– Dass eine „schlechte“ Fernseh-Quote von rund 20% (7,69 Millionen Zuschauer) Beleg für eine schlechte Sendung sein soll („kein Erfolg„), kann kein Kritiker ernst meinen. Sonst ist eben doch „BILD“ die beste Tageszeitung der Republik. Wenn sich für einen Münster-Tatort mehr Zuschauer finden, sagt das doch nicht das Mindeste über die Qualität des Hamburg-Tatorts. Muss man daran erinnern, was die meistverkaufte deutsche Fernsehserie ist? Soll das der Benchmark sein?

– Eine völlige Unsitte ist es, angeblich journalistische Produkte mit Beschreibungen von anderen Webseiten zu füllen (siehe Kritik 2011), insbesondere mit dem Widerkäuen von Facebook und Twitter. Die Beiträge werden für die dortige Leserschaft geschrieben („Community“), und sie sind öffentlich für jeden Interessierten. Dort kann man sie auch diskutieren oder sich gegenseitig bewerfen – es ist vollkommen überflüssig, das als „Nachricht“ verkleidet auf Papier zu bringen.

– Aber wenn man dann schon als Leberwurst-Journalist+#_in berichten will, was alle auf Facebook lesen können, sollte man es wenigstens verstehen, weil sonst jede Umformung (mehr Eigenleistung ist ja nicht zu erbringen) zu neuer Dichtung wird. (Und wer das schafft, wird im Schweiger-Posting nicht mehr viel Echauffierstoff finden – er ist belanglos.)

Wer die journalistische Leistung der deutschen Fernsehkritik bewerten will, solle sich ihren Umgang mit Til Schweiger anschauen, nicht nur im aktuellen Tatort-Fall. Das dürfte aufschlussreich sein.

5 PS:
Wir haben schon einige schöne Journalismen hier gekürt. Verwiesen sei auf- Zirkusjournalismus,
Seitenfülljournalismus,
Gagajournalismus,
Popeljournalismus und
Phantasiejournalismus.

Mehr PS:
Irgendwo muss man mal die vielen „Journalismen“ sammeln. Aktuell:
Erziehungsjournalismus“ (Jan Fleischhauer)

Ex-Ministerin macht auf Ex-Bundespräsident

19. November 2015

Als Promi den Medien zu drohen, wenn einem die Berichterstattung nicht gefällt, gehört zu den deutschen Doofheiten. Christian Wulff musste wegen dieser Erkrankung aus Schloss Bellevue ausziehen.

Gemeinhin delektieren sich die deutschen Medien an solchen Vorgängen. Wo man Angriffe auf die Pressefreiheit vernimmt wird unter Journalisten der Bündnisfall ausgerufen. Normalerweise.

Aber offenbar nicht, wenn es sich um vermeintlich „kircheninterne“ Dinge handelt. Denn mit Kirche – so groß die Ladenkette auch immernoch sein mag – hat ein seriöser Journalist (Realist, Humanist) nichts am Hut. Deshalb interessiert es in diesem sonst so gackerfreudigen Hühnerstall weder Hahn noch Henne, dass Ex-Bundesministerin Irmgard Schwaetzer in Funktion als Vorsitzenden (korrekt: Präses) der EKD-Synode (unkorrekt: Kirchenparlament) bei der Nachrichtenagentur „Idea“ dafür gesorgt haben soll, rund zwei Tage nach Erscheinen einen EKD-kritischen Kommentar aus dem Netz zu nehmen.

Dass Grund für diesen „Artikelrückruf“ eine kirchliche Stelle ist, war anzunehmen und ist inzwischen vom betroffenen Autor, Uwe Siemon-Netto, so erklärt worden:

Die Präses der EKD-Synode, Irmgard Schwätzer, hatte bei ihm [Agenturchef Idea, Helmut Matthies] am Montag angerufen, ihm eine Verleumdung der Synode vorgeworfen und mit dem Presserat gedroht. Es gibt offensichtlich auch Bestrebungen, die jährlichen EKD-Subventionen von 130.000 an idea zu streichen.

Idea selbst dementiert das mit folgenden interpretationswilligen Worten:

idea-statement-2Ein Gespräch zwischen Schwaetzer und Matthies bestreitet er nicht, nur sei die Artikelrücknahme „unabhängig“ (davon) erfolgt. Das wäre soweit der Klassiker, denn wenn beide Gesprächspartner nichts (bzw. nicht alles) über den Gesprächsinhalt sagen, könnten nur unsere Lauschdienste den Sachverhalt klären.

Auch EKD-Pressesprecher Carsten Splitt zeigt Mut zur Lücke. Auf unsere Anfrage, ob Siemon-Netto’s Darstellung zutreffend sei – versehen mit dem Zusatz: „Denn sollte die Schilderung zutreffend sein, wäre es ja ein ungeheuerlicher Vorgang.“ antwortet er:

„Die unten zitierte Schilderung ist – wie sie ja selbst schon vermuteten – keinesfalls zutreffend.“

Auf eine dezidierte Nachfrage, ob es denn überhaupt ein Gespräch zwischen Präses Schwaetzer bzw. einem anderen Vertreter der EKD und der Idea-Redaktion gegeben habe, hat Splitt am Abend nicht mehr geantwortet. Die an vielen Stellen auf Facebook von allerhand Usern gestellte Frage, wer denn in dieser Geschichte lüge, wurde von keinem der Beteiligten beantwortet oder auch nur kommentiert. [Update 20.11.2015, 14:30 h: Der Pressesprecher hat weiterhin nicht geantwortet. Das ist beredtes Schweigen.]

Der Vorwurf, der große Apparat EKD habe in die Unabhängigkeit einer Nachrichtenagentur eingegriffen, steht also so oder so im Raum. Und was sagt der fachlich am ehesten zuständige Journalistenclub? epd-Chefredakteur Thomas Schiller teilt mit (ungekürzt):

das ist bisher für uns kein Thema.

Was eigentlich nur bedeuten kann, dass solche Einflussnahmen zum Tagesgeschäft gehören und den Fachmann daher langweilen.

 

 

Nachrichtenagentur „Idea“ löscht Beitrag, Kommentare und Anfragen

17. November 2015
Leserkritik-ueber-Loeschungen-bei-Idea

Auch dieser Leser-Kommentar wurde von „Idea“ gelöscht. Aus der Welt ist er dennoch nicht.

Vermutlich ist das alles Absicht, damit eine kleine, pietistische Botschaftenverbreiterin namens „Idea“ im hippen Web etwas Aufmerksamkeit bekommt – dabei soll sie die gerade gar nicht mehr bekommen. Was ist los?

„Idea“ hat den Beitrag eines externen Mitarbeiters („Ein blutiges Ausrufzeichen nach der EKD-Synode“) vom Netz genommen, dabei aber auch alle User-Kommentare gelöscht. Auch alle Fragen zu dieser „Causa“, die als „Pinnwandeinträge“ bis gestern Mittag noch zu sehen waren, sind verschwunden. Wetzlarer Löschtage offenbar. Timo Rieg meint:

Es ist jedenfalls keine kleine Facebook-Posse, was sich Idea gerade leistet. Die Kommunikation mit Kunden, Lesern, externen Fachleuten etc. über einen Kanal wie Facebook ist längst unabdingbar für Journalisten. Eine Agentur, die diesen Kanal willkürlich kappt, die zeigt, dass sie mit Kritik, ja schon mit Anfragen nicht umgehen kann, kann und darf journalistisch nicht mehr ernst genommen werden.(weiterlesen dort: „Idea ist journalistisch unten durch“)

 

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Empörung statt Recherche

08. November 2015

Woran erkennt man die Qualität eines journalistischen Artikels? Diese Frage beschäftigt uns hier im Blog schon seit vielen Jahren, und die Suche wird weitergehen. Da sich auf die Schnelle ein Sachverhalt  vom Rezipienten meist nicht prüfen lässt (von persönlichen Spezialkenntnissen abgesehen) ist ein wichtiges Indiz die einem Beitrag zugrunde liegende Recherche – erkennbar an den genannten Quellen und ihrer Einordung. Erstaunlich oft ist da aber – wenig. Ein Beispiel:

Der Bürgermeister von Jüterbog, Arne Raue, schrieb am 3. November 2015 auf Facebook folgendes:

Infektionsgefahr-Fluechtlinge-Ausgangspost-BM

Kontakt mit Asylbewerbern und Flüchtlingen-
Warnung vor Infektionskrankheiten

Ich bin heute schriftlich durch eine Ärztin als Bürgermeister darauf hingewiesen worden, dass schon bei geringfügigem Kontakt mit Neuankömmlingen Gefahr von Infektionskrankheiten besteht. Einige Infektionskrankheiten können verstärkt auftreten:
-Windpocken
-Keuchhusten
-Poliomyelitis
-Röteln
-Mumps
-Hepatitis A
-Hepatitis B
Zusätzlich gibt es auch solche Infektionskrankheiten, gegen die es leider keine wirksame Impfung gibt und die in vielen Entwicklungsländern noch weit verbreitet sind. Hierzu zählt vor allem Tuberkulose. Sie wird durch Tröpfcheninfektion, also über die Luft, übertragen.
Ich weise die Bevölkerung von Jüterbog ausdrücklich darauf hin.
Für das städtische Personal werde ich vorsorglich (soweit für einzelne Krankheiten möglich) Impfungen anbieten.

In den Facebook-Kommentaren dazu gibt es die übliche Lagerbildung: „Hetze“ werfen  die einen vor, „Verharmlosung“ die anderen. Man giftet sich gegenseitig an, nur vereinzelt gibt es sachliche Beiträge. Soweit, so traurig-normal.

Doch wie greifen die Medien das Thema auf? Sie setzen wie so oft bei der Empörung an. Das geht besonders einfach, wenn sich politische Widersacher zu Wort gemeldet haben. So bringt die Märkische Allgemeine die notorische Rücktrittsforderung:

Angesichts von Stimmungsmache gegen Flüchtlinge sei Raue „unhaltbar“, so Grünen-Landeschef Clemens Rostock. Es sei ein von rechten Kräften in die Welt gesetztes Gerücht, dass Flüchtlinge die Gesundheit anderer gefährdeten.

Der kurze Beitrag des Bürgermeisters wird ohne weitere Erläuterungen als Tritt ins „Fettnäpfchen“ bezeichnet, der nicht sein erster sei:

Zuletzt hatten Stadtverordnete im Mai seine Alleingänge gerügt und die Kommunalaufsicht des Kreises eingeschaltet.

Erst danach werden weitere Einschätzungen gebracht, die aber allesamt politisch sind. Eine Beschäftigung mit dem Kernthema erfolgt nicht, obwohl sie recht einfach wäre:

Gegen alle genannten Krankheiten außer Hepatitis B und Tuberkulose empfiehlt das Robert Koch Institut bzw. die Ständige Impfkommission grundsätzlich eine Impfung, und diese ist in Deutschland auch schon lange üblich, erfolgt also, wenn Eltern sie ihren Kindern nicht aktiv verwehren (weshalb immer wieder über eine Impfpflicht diskutiert wird). Schutzimpfungen gegen Hepatitis A wird nur für bestimmte Personengruppen bzw. bei bestimmten Aktivitäten (u.a. Reisen in Prävalenz-Gebiete, homosexuell aktive Männer, medizinisches Personal) angeraten.

Dass in Ländern, aus denen derzeit viele Flüchtlinge kommen, keineswegs von einer durchgängig vorhandenen Immunisierung gegen diese Krankheiten ausgegangen werden kann, ist bekannt – und ein wichtiges Thema der Gesundheitsämter. Allerdings besteht eben für Geimpfte in Deutschland keine Gefahr. Durch die Flüchtlinge hat sich also an der Situation nichts geändert: jeder darf bisher noch selbst entscheiden, ob er sich gegen bestimmte Infektionskrankheiten impfen lässt oder nicht – und die Nicht-Geimpften werden meist deshalb nicht krank, weil eben der größte Teil der Mitmenschen geimpft ist und damit eine Krankheitsausbreitung verhindert (auch dies beschreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) an zig Stellen).

Eine Orientierungsleistung des Journalismus in dem Zusammenhang könnte also sein zu erläutern:
– dass für Personen mit Imfpschutz kein Risiko besteht
– eine Infektion immer direkten (bzw. nahen) Kontakt mit einem infektiösen Erkrankten voraussetzt (längst nicht jeder Infizierte kann auch zum Überträger einer Krankheit werden!)- dass es in Deutschland nicht-übertragbare Krankheiten gibt (Malaria etwa – bis der Klimawandel weiter vorangeschritten  ist jedenfalls)
– wie man sich vor nicht-impfbaren oder in Deutschland nicht geimpften Krankheiten schützen kann (dazu müsste man sich nur vergegenwärtigen, was Ärzte machen, die täglich mit allen möglichen Krankheiten zu tun haben und dies meist gut überstehen).

Auch die (vorsichtige) Warnung vor Tuberkulose von Bürgermeister Raue könnte man journalistisch, also recherchierend, aufarbeiten, anstatt sie aus dem Bauch heraus zur Panik- oder Stimmungsmache zu erklären. Man könnte dabei u.a. feststellen:
– dass das RKI Flüchtlinge durchaus als Risikogruppe sieht:

In Deutschland ist die aktive Fallsuche von Erkrankten eine wichtige Voraussetzung für die Reduzierung der Erkrankungshäufigkeit an Tuberkulose. Diese besteht in der Umgebungsuntersuchung von Kontaktpersonen infektiöser Tuberkulosepatienten.8 Zu den Zielgruppen für eine aktive Fallsuche gehören darüber hinaus Migranten aus Ländern mit hoher Tuberkulose-Prävalenz (wie Asylsuchende, Flüchtlinge, Aussiedler) und Personengruppen mit erhöhtem Infektionsrisiko, z.B. Obdachlose, Drogengebraucher und Gefängnisinsassen.

– dass längst nicht alle Flüchtlinge sofort bei Aufnahme in eine Sammelunterkunft (Erstaufnahmeeinrichtung, entsprechende Außenstellen oder „Überlauflager“) auf Tuberkulose untersucht werden, sondern i.d.R. nur ein medizinischer Schnellcheck erfolgt (Anamnese, also Befragung, Fibermessen etc.), eine TBC-Prüfung erst später erfolgt (was einige Zeit dauern kann, zumal wenn Flüchtlinge sich auf eigene Faust auf den weiteren Weg machen)
– dass eine „geschlossene Tuberkulose“ nicht ansteckend ist
– die allermeisten Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, gesund sind*, was kein politisches Bekenntnis ist, sondern schlicht der Tatsache geschuldet ist, dass mit einer schweren Erkrankung die strapaziöse Reise bis hier meist gar nicht machbar wäre und die Inkubationszeit der meisten Krankheiten ggf. im Zeitverlauf der Flucht liegen müsste. (*=Diese Einschätzung stammt von einem niedergelassenen Arzt, der bei Erstuntersuchungen mitwirkt.)

Das Fazit könnte also sein: Es besteht natürlich die Gefahr einer Krankheits-Infektion für Personen, die unmittelbaren, nahen Kontakt mit infizierten Flüchtlingen haben, aber die Gefahr unterscheidet sich nicht vom Risiko bei der Begegnung mit anderen Personen (z.B. Deutschen, die im Urlaub waren), die nicht geimpft sind und sich eine Bakterien- oder Virusinfektion eingefangen haben. Es schützen die empfohlenen Grundimpfungen und die Regeln der Hygiene (u.a., – peinlich, dass man darauf in Deutschland immer noch hinweisen muss: regelmäßiges Händewaschen).

Was wäre nach einer solchen Recherche noch am Posting des Bürgermeisters von Jüterbog auszusetzen? Dass er nicht das lange Erklärstück geliefert hat, welches auch die Journalisten nicht zustande bringen? An seiner Information ist nichts falsch, sie entspricht dem, was das für maßgeblich gehaltene RKI selbst ständig schreibt; sein Angebot, für städtische Mitarbeiter Imfpungen anzubieten (was wohl meint: die Kosten zu übernehmen, die nicht regulär von den Kassen getragen werden, das betrifft regulär Hepatitis und die Schutzimpfungen gegen „Kinderkrankheiten“ im Erwachsenenalter) ist konstruktiv und nach dem Stand der Dinge verantwortungsvoll, nicht Panik verbreitend. Und es bleibt die Frage, warum die Medien selbst das Thema nicht (flächendeckender) selbst aufgegriffen haben – denn wer vor Ort recherchiert, bei den Helfern etwa, der stößt geradezu unweigerlich darauf.

Die Märkische Allgemeine (MAZ) war natürlich nicht die einzige Zeitung, die aus einer Info einen Eklat gemacht hat.
Der Tagesspiegel (Berlin) etwa dichtet schon in der Überschrift: „Bürgermeister bezeichnet Flüchtlinge als ansteckend“. Der Teaser in BILD-Erregung:

Jüterbogs Bürgermeister warnt vor Kontakt zu Flüchtlingen – weil die angeblich Infektionskrankheiten übertragen. Und er hat kein Problem damit, als Rassist beschimpft zu werden. Das Sozialministerium ist entsetzt.

Daran ist – zumindest bezogen auf den hier zitierten Facebook-Eintrag (sollte es andere Publikationen geben, bitten wir um Hinweise – der Tagesspiegel verlinkt sie nicht), so viel falsch als möglich. Raue hat nicht vor Kontakt zu Flüchtlingen gewarnt! Infektionskrankheiten können (von jedem, Flüchtlinge eingeschlossen) nicht nur angeblich, sondern tatsächlich übertragen werden. Die Bezeichnung als „Rassist“ sollte vor der Verbreitung geprüft und im Artikel nachvollziehbar dargelegt werden. Und ein Sozialministerium kann wohl kaum entsetzt sein (es wird auch nur ein namentlich nicht weiter identifizierter Sprecher des Ministeriums zitiert).

Alexander Fröhlich schreibt auf tagesspiegel.de:

Der parteilose Bürgermeister von Jüterbog (Teltow-Fläming), Arne Raue, macht mit der Warnung vor ansteckenden Krankheiten Stimmung gegen Flüchtlinge. In einer Mitteilung warnte er die Bürger seiner Stadt „ausdrücklich“ vor dem Kontakt mit Asylbewerbern.

„Stimmung gegen Flüchtlinge“ ist eine gewagte Interpretation, die der Faktenlage nicht standhält. Und dass er „‚ausdrücklich‘ vor dem Kontakt mit Asylbewerbern“ warnt, ist schlicht falsch, denn das zitierte Wort „ausdrücklich“ steht in einem anderen Zusammenhang (Hervorhebung von spiegelkritik.de):

Zusätzlich gibt es auch solche Infektionskrankheiten, gegen die es leider keine wirksame Impfung gibt und die in vielen Entwicklungsländern noch weit verbreitet sind. Hierzu zählt vor allem Tuberkulose. Sie wird durch Tröpfcheninfektion, also über die Luft, übertragen.
Ich weise die Bevölkerung von Jüterbog ausdrücklich darauf hin.

(Tg)

Bonusmaterial:

Wer mag, konnte sich über die Diskriminierung von Flüchtlingen und anderen Gruppen schon lange aufregen:

Nach dem „Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen“ (Infektionsschutzgesetz – IfSG) sind Bewohner von „Altenheim, Altenwohnheim, Pflegeheim“ und in einer „Gemeinschaftsunterkunft für Obdachlose, Flüchtlinge, Asylbewerber oder in eine Erstaufnahmeeinrichtung des Bundes für Spätaussiedler“ verpflichtet, „ein ärztliches Zeugnis darüber vorzulegen, dass bei ihnen keine Anhaltspunkte für das Vorliegen einer ansteckungsfähigen Lungentuberkulose vorhanden sind.“ Flüchtlinge und Asylsuchende über 15 Jahre müssen dazu eine in Deutschland erstellte Röntgenaufnahme ihrer Lunge vorweisen, Schwangere ausgenommen (§ 36 Absatz 4 IfSG). Die entsprechenden Untersuchungen müssen sich die Menschen gefallen lassen, das Gesetz legt dazu explizit fest: „Das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit (Artikel 2 Abs. 2 Satz 1 Grundgesetz) wird insoweit eingeschränkt.“

Ferner bestimmt das Asylgesetz (AsylG) in § 62:

„Ausländer, die in einer Aufnahmeeinrichtung oder Gemeinschaftsunterkunft zu wohnen haben, sind verpflichtet, eine ärztliche Untersuchung auf übertragbare Krankheiten einschließlich einer Röntgenaufnahme der Atmungsorgane zu dulden. Die oberste Landesgesundheitsbehörde oder die von ihr bestimmte Stelle bestimmt den Umfang der Untersuchung und den Arzt, der die Untersuchung durchführt.“

(Im Jahr 2014 gab es in Deutschland insgesamt 4.488 Tuberkulose-Fälle.)

Zur Prävention empfiehlt das Robert Koch Institut, auch bei den hier ankommenden Flüchtlingen umgehend fehlende Impfungen nachzuholen. Liegen keine Impfdokumente vor, sei davon auszugehen, dass kein Schutz besteht und daher geimpft werden müsse. (Diese Info für jene, die in den FB-Kommentaren darauf hinweisen, dass Flüchtlinge doch meist gar keine Impfpässe bei sich tragen.)

Ergänzungen:

  1. Hier noch der fast wortgleiche Text des Bürgermeisters auf www.jueterbog.de – wie im Tagesspiegel-Artikel erwähnt, steht hier noch der Zusatz „Bitte prüfen Sie Ihren Impfschutz!“
  2. Landrätin Kornelia Wehlan (Landkreis Teltwo-Fläming) hat sich am 9.11 auch geäußert und schreibt unter anderem: „Herr Raue warnte in den sozialen Medien davor, dass Asylbewerber Krankheiten einschleppen und somit eine Gefahr für die Bevölkerung darstellen würden. Das deckt sich in keiner Weise mit unseren Erfahrungen und den Einschätzungen des Gesundheitsamtes.“ Dies steht jedoch nicht im Widerspruch zu dem viel diskutierten Hinweis Raues, „dass schon bei geringfügigem Kontakt mit Neuankömmlingen Gefahr von Infektionskrankheiten besteht.“ Wann und wie diese Gefahr besteht, ist oben ausführlich beschrieben.
  3. Auch RBB hat berichtet.

Chefredaktion sucht Praktikumsplatz

05. November 2015

Jeder darf beliebigen Müll ins Netz stellen. Oder sollte es zumindest dürfen. Aber ist es notwendig, dies Nochmindertalentierten explizit beizubringen?

Zeitjung.de, „die digitale Bravo, die Schmonzette feuchter Studententräume“ (Müßiggang Magazin), ist ein öffentliches Archiv von Belanglosigkeiten. Mit Journalismus haben die meisten Veröffentlichungen nichts zu tun. Nur ein aktuelles Beispiel: die Schreibübung „Religion: Warum uns der Vatikan an nichts mehr glauben lässt„. Wollte man den Text redigieren, bliebe nur der Papierkorb. (Null Recherche, keine Bezüge zur Zielgruppe – etwa junge Erwachsene in den vielen katholischen Jugendverbänden -, eine Kausalkette, dass sich selbst Religionsoberbasher Karlheinz Deschner geschüttelt hätte…)

Und just dieser Hort des Unvermögens sucht nun ab 2016 wieder Praktikanten, um ihnen „die Kniffe des Online-Journalismus“ beizubringen.

Bis Januar ist ja noch ein wenig hin. Für ein Kurzpraktikum des Chefredakteurs, seiner die Bewerbungen sichtenden Stellvertreterin oder irgendeines anderen Worthauers von zeitjung.de bei egal welchem JOURNALISMUS-Betrieb sollte es noch reichen. Den Kindern zuliebe.

praktikum-zeitjung