Popeljournalismus

09. Februar 2015

Oh Himmel, wie unglaublich sensibel deutsche Journalisten doch sind. Da hat der Papst bei seiner Generalaudienz am Mittwoch eine Anekdote berichtet und wohlwollend kommentiert – und halb Deutschland steht auf den Tischen und ruft “unerhört!” Denn der Journalismus hat einen “Prügelpapst” entdeckt und geoutet. (Korrekter müsste es wohl “Prügelfanpapst” heißen, aber darauf kommt es ja nicht an.)

n-tv:
wuerdevolles-pruegeln-n-tv

focus:
schlagen-ist-in-ordnung-focus

Stuttgarter Nachrichten:
wurdevoll-schlagen-stuttgart

Die unglaublichen Worte des Papstes lassen sich bei Radio Vatican so nachlesen:

„Ein guter Vater versteht es zu warten und zu vergeben, aus der Tiefe seines Herzens. Natürlich weiß er aber auch mit Entschlossenheit zu korrigieren: er ist kein schwacher, nachgiebiger, sentimentaler Vater. Der Vater, der es versteht zu korrigieren, ohne zu erniedrigen, ist derselbe, der Schutz gebietet, ohne sich zu schonen. [In freier Rede fährt der Papst fort:] Einmal habe ich in einer Versammlung mit Ehepaaren einen Vater sagen hören: „Hin und wieder muss ich meine Kinder ein wenig schlagen, aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu erniedrigen.“ Wie schön! Er hat Sinn für die Würde. Er muss strafen, aber er tut es gerecht, und geht voran.“

Bei allem Recht auf journalistische Konstruktion von Wirklichkeit: Mit wie viel Unverstand und mit wie viel Hochmut muss man ausgestattet sein, um aus diesen Worten einen Eklat zu konstruieren?

Allein schon der Mut, überhaupt einen kurze Redesequenz zum Anlass für Berichterstattung und harsche Kommentare zu nehmen, ist – trotz der guten deutschen Übung – stets wieder erstaunlich. Wie selbstgerecht muss man sein, wenn man sich anmaßt, aus einem solch winzigen Fragment die Haltung eines lebenserfahrenen und wohl unbestreitbar gebildeten Menschen herauszulesen und darüber gleich selbst noch zu Gericht zu sitzen?

Was steht in den Papstworten, vielleicht ausnahmsweise nüchtern betrachtet, ideologiefrei? Franziskus gibt wieder, was ihm mal bei entsprechender Gelegenheit irgendein Vater aus dessen Erziehungsalltag erzählt hat. Irgendeiner, irgendwann. Es sagt nicht: “Täglich erzählen mir Eltern….”, sondern “Einmal habe ich (…) einen Vater sagen hören”.

Und die simple Kommentierung des Papstes zu der Aussage des anonymen Vaters: “Wie schön! Er hat Sinn für die Würde. Er muss strafen, aber er tut es gerecht, und geht voran.”

Wo ist hier die Rede von Prügel? Wo von einem Recht auf körperliches Strafen oder Erziehen? Wo die Empfehlung, es so zu tun?

Und wenn sich hier ein “Prügelpapst” geoutet hätte: gab es einen Aufschrei derer, zu denen er gesprochen hatte (und für ausschließlich die seine Worte gedacht waren)? Haben die aufmerksame Wortpaparazzi keinen weiteren Papstkrumen gefunden, der sich zu einem Empörungskuchen aufblasen ließe?

Wenn das, was angebliche Nachrichtenmedien in Deutschland über die letzte Generalaudienz des Papstes schwadroniert haben, noch Journalismus sein soll – was ist dann in Abgrenzung dazu Klatsch, Tratsch und Trash?

- Wo ist der Nachrichtenwert?
Er liegt ja ganz offenbar nicht im Zitat selbst, sonst hätte dieses in allen Medien zu kolportieren genügt. Der Nachrichtenwert liegt ausschließlich in der journalistischen Empörung.

- Wo ist der Maßstab, die Relation?
Ein – launig dahergesagter – Satz soll für eine komplette Haltung stehen, und zwar am besten nicht nur der sprechenden Person, sondern einer gesamten Institution? Was sagt der Papst sonst zur Kindererziehung? Mit welchem Recht soll dieser eine Papstaussage für die ausgelöste “Empörungswelle” stehen?

- Wo ist der eingeforderte Respekt?
Natürlich, liebe berufsatheistische Kollegen, dürfen Sie auch mit dem Papst so hart umspringen wie es Ihnen beliebt. Aber beim Objekt seiner Berichterstattung einen Mangel an Respekt zu konstruieren und diesen mit größtmöglicher Respektlosigkeit pazifistisch zu geißeln kratzt doch ein wenig an der ehemaligen journalistischen Qualitätskategorie “Glaubwürdigkeit”.

“Die Mär vom Heiligen Opi” betitelt Christiane Florin auf Zeit.de ihre Empörung – und stöhnt: “Mein Gott, Franz” (um schließlich die Bedeutungslosigkeit der ganzen Aufregung und demnach auch ihres Geschreibsels mit der Erkenntnis zu krönen: “Die Haudraufrate in katholischen Haushalten wird aber trotz des päpstlichen Segens nun gewiss nicht steigen. Ihren Päpsten gehorchen Katholiken nämlich schon lange nicht mehr.”)

Dieser Popeljournalismus, der aus einem winzigen Fragment einen Eklat konstruiert, um sich daran tagelang zu laben, ist natürlich kein neues Geschäftsmodell. Schon vor Social Media und Internet überhaupt haben Politikjournalisten gerne aufs Denken verzichtet (persönliches Erweckungsdatum: 10. November 1988). Inzwischen lässt sich allerdings mit den Popeln mehr machen: sie lassen sich digital vervielfältigen und beliebig weit schießen. Als Material sind dafür weder Wissen noch Bildung nötig. 140 Zeichen Info sind schon hinreichend Zumutung fürs eigene Weltbild.

Der Überbringer einer schlechten Nachricht ist für diese nicht verantwortlich, das stimmt. Aber ihr Erfinder vielleicht doch.

Mythos Ausgewogenheit

19. Januar 2015

Wie schwer das mit der Meinungsäußerungsfreiheit ist, machen erfreulich viele Kommentatoren deutlich: mit ein bisschen “Je suis Charlie” ist es eben nicht getan. Eine Meinung ist nur dann frei, wenn auch jede denkbare Gegenposition geäußert werden kann. Und das ist, wie u.a. Bettina Gaus in der taz schreibt, alles andere als selbstverständlich, sondern “ein Recht, das ständig neu erkämpft werden muss”.

Wenn etwa Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, erklärt: “Diese Pegida-Demonstration ist widerlich. Aber natürlich haben unsere Behörden dafür zu sorgen, dass auch diese widerlichen Meinungsäußerungen möglich sind“ – dann sollte man ihn fragen, wie er auf PEGIDA-Plakate mit der Aufschrift “Grüne sind widerlich” reagieren würde. Ob da vielleicht schon wieder ein Angriff auf die Demokratie vorläge? Weiterlesen »

Was darf die Satire? Falsche Frage

17. Januar 2015

Wenn halb Deutschland auf dem Sofa sitzt und übel nimmt, dann hat das nicht die Satire zu verantworten. Es ist die Sache jedes einzelnen Sofasitzers. Soviel emotionale Autonomie sollten wir uns schon attestieren.

Seit dem Attentat auf Mitarbeiter der französischen Satirezeitung “Charlie Hebdo” am 7. Januar 2015 wird die Kanäle rauf und runter wieder diskutiert, was “die Satire” darf. Es wird überlegt, wie viel Verletzung Menschen um der Meinungsäußerungsfreiheit willen aushalten müssen, wo gesetzliche und wo moralische Grenzen des Zumutbaren liegen.

Dabei ist dieser Blickwinkel grundlegend falsch. Er unterstellt, der Schöpfer einer Satire sei dafür verantwortlich, was sein Werk bei beliebigen Rezipienten an Gefühlen auslöst. Aber das ist grotesk – und eine Entmündigung des Publikums zu Reaktionsrobotern. (Weiter auf freitag.de)

Zur Berichterstattung um das Attentat auf Charlie Hebdo

10. Januar 2015

Anmerkungen zur medialen Aufarbeitung: Ihr seid mitnichten Charlie (Tg)
Pro Meinungsvielfalt und gegen Sprachkodices: “I am not Charlie Hebdo” (David Brooks, NYT)
Ebenfalls: “Nein, wir sind nicht ‘Charlie Hebdo’… (Cas Mudde; Original)

Satire dazu: “Polizei geht mit Atomraketen gegen islamistische Terroristen vor” (Helgoländer Vorbote, Archiv)

Energiemix beim Spiegel

07. Dezember 2014

Der SPIEGEL lässt sich von der Firma DONG Energy sponsern, die unter anderem Windparks betreibt, und macht gleichzeitig das gesetzlich verordnete Energiesparen als “Volkdsverdämmung” zum Titel-Thema. Das findet Volker Lilienthal gar nicht in Ordnung – der ausgerechnet die Rudfolf-Augstein-Stifungsprofessur inne hat. Mehr bei Cicero.

Nuhr irrelevant

29. Oktober 2014

Soll das die Qualität namhafter Zeitungen in Deutschland sein – wenigstens im Netz, konkret bei Facebook?
Dass jede Anmoderation in der Frage mündet “Was meint ihr dazu?”, weil sich das ein Communitymanager mal so ausgedacht hat – geschenkt, auch wenn darin schon ein massives Problem steckt: denn zum einen spricht die Frage dafür, dass sich die Redaktion selbst nicht viel Orientierungsleistung zutraut, zum anderen werden die vielen Leserkommentare kaum irgendwo ausgewertet, bearbeitet, genutzt.
Schlimmer ist allerdings, was man als Themen geboten bekommt. Ich nutzte Facebook überwiegend als Nachrichtenfeed. Doch die Erwartung, wenigstens die “Qualitätspresse” gebe Relevantes von sich, wird täglich enttäuscht. Gestern Vormittag hielten SZ und FAZ z.B. Folgendes für Weltnachrichten:

faz-geisterstadt

Brauchen Sie noch ein Weihnachtsgeschenk? Wie wäre es mit einer amerikanischen Geisterstadt? Passend zu Halloween kommt Johnsonville unter den Hammer. (FAZ)

Nach einer Pressekonferenz in Leeds wird der britische Premierminister David Cameron von einem Jogger fast über den Haufen gerannt. Der Mann wird sofort festgenommen, nach 15 Minuten jedoch ohne Anklage wieder freigelassen. (Süddeutsche Zeitung)

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James Tully trägt Warnweste und Ausweis um den Hals. Sein Problem: Er sieht einem flüchtigen Polizistenmörder ähnlich und wird andauernd kontrolliert. Nun bekommt er deshalb sogar ein Auto geschenkt. (Süddeutsche Zeitung)

Liebe werdende Väter, bei der Geburt geht es nicht um Euch. Es geht um Eure Frauen und um Eure Kinder.
Also überlasst alle Dämlichkeiten bitte Robbie Williams.  (Süddeutsche Zeitung)

faz-laufband

Geht das ein bisschen schneller da vorn? Im spanischen Gijon wird ein neues Laufband getestet, das die Fluggäste deutlich flotter zum Gate befördern soll. (FAZ.NET – Frankfurter Allgemeine Zeitung)

 

Wer mich mit solchem Pipifaxkram behelligt wird doch nicht ernsthaft erwarten, dass ich ihm Nachrichtenkompetenz zuspreche? Es ist einerseits der Diebstahl von Aufmerksamkeit, von Zeit, ja auch von Nerven, und es ist andererseits die Nivellierung der Themen: im Prinzip kann man heute über alles berichten, auch über den sprichwörtlichen Sack Reis, es braucht nur einen kleinen unterhaltsamen Dreh.

Qualität von Medien kann man nicht an Einzelbeiträgen messen, sondern nur in der Summe des Veröffentlichten. Wer nicht die Kompetenz hat, mich mit Irrelevantem zu verschonen, kann zwangsläufig auch keine Kompetenz haben, Relevantes angemessen aufzubereiten, in der nötigen Tiefe zu bearbeiten.

Am Sonntag habe ich noch kurz überlegt, ob ich etwas zur Irrelevanz der Nuhr-Berichterstattung schreiben sollte. Allerdings war sie mir da nur in den üblichen Zirkeln aufgefallen. Am nächsten Tag hatte sich die Frage längst erübrigt. Wer sich für intellektuell hält, wurde in aller Erlauchtheit mit tiefschürfenden Qualitäts-Kommentaren versorgt, Heribert Prantl erläuterte zur Abwechslung mal wieder das deutsche Strafrecht (und wo “es” einen Fehler gemacht hat) – die ganze Maschinerie lief auf Hochtouren, so dass auch LeFloid mit seinem üblichen Unverstand das Thema aufgriff und so immerhin dafür sorgte, dass “Zeitungsleser” und Youtube-Gucker wieder auf einem “Informationsniveau” angekommen sind. Vater und Sohn könnten diskutieren – wenn es etwas zu diskutieren gäbe.

lefloid-nuhr

Ich versuche seit Jahren empirisch zu ermitteln, was Nachrichtenmacher für relevant halten. Es lässt sich bislang nicht konkreter fassen, als dass relevant ist,  was Journalisten für relevant halten. (Und die halten für relevant, was andere für relevant halten…)
Nach welchem Maßstab sonst sollte es eine Meldung wert gewesen sein, dass ein bis dahin völlig unbekannter “Hassprediger” den Kabarettisten Dieter Nuhr angezeigt hat?

Eine Anzeige an sich ist niemals ein journalistisches Thema, sie ist niemals ein Relevanzkriterium! Weil sie nichts anderes als eine Meinungsäußerung darstellt, die – entsprechend lanciert – auf besondere Publicity hofft. Damit haben wir mal wieder eine nicht nur völlig überflüssige, sondern auch völlig chaotische Diskussion bekommen über Religions- und Meinungsfreiheit, Islam und Christentum, und spätestens als sich die ersten Politiker zu Wort meldeten war klar: es gibt wie immer eine Kakophonie, sonst nichts.

Das einzige, was anspruchsvoller Journalismus hier hätte leisten können, wäre professionelles Ignorieren gewesen. Aber Prantl und LeFloid wollen beide – genau wie die Facebook-Seiten von Süddeutscher und FAZ – schlicht Aufmerksamkeit für sich. Da muss die Aufklärung schon mal über die Wupper.

(Timo Rieg)

PS: Mehr zu “Nuhr”

Los gings im Lokalteil der Neuen Osnabrücker Zeitung (1, 2). Obwohl Nuhr sich zunächst von dort beschossen sah, sollte er sich großzügig bedanken für diesen gigantischen PR-Support der Lokalhelden.

# stern.de kocht mal wieder auf, dass auch christliche Kirchen gerne gegen Satire klagen. Und gleich im ersten Satz der Ausweis präziser Sachkenntnis: “Die Klage eines Osnabrücker Muslims gegen den Kabarettisten Dieter Nuhr sorgt bundesweit für Empörung.” Es gibt keine Klage, und für die Empörung hat die mediale Aufbereitung gesorgt. Ansonsten wäre die Anzeige geblieben, was sie ist: eine Verwaltungsroutine.

# Die Wiener Zeitung macht im Islam das letzte Tabu aus, auch der Berliner Tagesspiegel und viele andere sehen in Dieter Nuhr plötzlich den letzten aufrechten Kabarettisten (was ihnen vorher offenbar selbst gar nicht aufgefallen war, dazu brauchte es Erhat Toka).

# Einigermaßen hilfreich äußert sich Kerim Pamuk im Hamburger Abendblatt (sogar frei zugänglich!):

“Spräche man umgekehrt ständig von “dem Christentum” und würde sämtliche Gruppen von den Katholiken, Protestanten, Zeugen Jehovas bis zu den wiedergeborenen Christen in einen Topf werfen, würde auch dem Letzen klar werden, wie hirnrissig die gnadenlose Vereinfachung “DER Islam” ist. [...]
Nur weil ein empfindsamer Betonkopf einen Kabarettisten angezeigt hat, geht das Abendland nicht unter. [...]
Vor allem verhindert das Gekeife der Erregten einen echten Diskurs, der dringend nötig wäre. “

Hinweise

23. Oktober 2014

* “Katzen in den Kochtopf” ist eine schön provozierende Überschrift. Der Beitrag darunter ist allerdings argumentativ äußerst schwach. Und was die taz damit beitragen will, ist auch unklar – jedenfalls ist Heiko Wernings Text keine große Satire.

* Medienkritik der anderen Art: “Unwürdiger Blumensex auf Kosten der Steuerzahlerinnen” (HV)

Buchkultur

17. Oktober 2014

Interessanter Tonfall beim großen Barsortiment KNV: was wir mal bestellt haben, interessiert uns nicht mehr, wenn ihr es uns nicht auf eigene Kosten hinterhertragt…

KNV-Annahme-verweigert

Investigative Ahnungslosigkeit

14. Oktober 2014

Investigativer Journalismus ist, wenn Journalisten jede Frage in der gewünschten Weise beantwortet wird. Investigativ ist ansonsten auch noch, wenn man beklagen muss, dass Fragen nicht in der gewünschten Weise beantwortet wurden (“investigativer Schmoll”). Als wenigstens noch behelfs-investigativ gilt, als Ersatz für die verwehrten Wunschantworten einen Darsteller des Vertrauens ins Fernsehbild zu setzen und ihn spekulieren zu lassen (“investigative Flipchart”).
Was man sich jedoch nach Genuss der beiden investigativen Kirchenfinanz-Reportagen “Vergelt’s Gott – Der verborgene Reichtum der katholischen Kirche” (ARD) und “Glaube, Liebe, Kapital – Die katholische Kirche und ihre Finanzen” (ZDF) als Zuschauer fragen darf: Was wollen Journalisten eigentlich mit Haushaltszahlen der Kirchen, wenn sie nicht im geringsten in der Lage sind, diese Zahlen einzuordnen? Wo beginnt beispielsweise “Prunk”, wenn einem egal ist, ob etwas einen Euro oder eintausend Euro kostet?
Natürlich kann es jedem passieren, dass er eine Tabelle beim schnellen Überfliegen falsch liest, weil dabei die Legende ignoriert wurde. Aber was soll man von einem Film halten, in den es trotz einer – vor allem aus dem Blickwinkel freie Print-Journalisten – oppulenten Mitarbeiterschar (Autoren: Nina Behlendorf, Nicolai Piechota; redaktionelle Mitarbeit: Stella Könemann, Redaktion: Annette Uhlenhut, Beate Höbermann; Produktion: Denise Bischoff, Delia Gruber; Leitung der Sendung: Claudia Ruete) folgende Behauptung schafft:

“Im bislang geheimen Bischöflichen Stuhl stecken 92 Millionen Euro. Das ist 500-mal mehr, als Limburg an Kirchensteuern kassiert.”

Wie wenig Ahnung von Kirche und Finanzen muss man haben, um an dieser Stelle nicht aus dem Halbschlaf geschreckt zu rufen: Das kann doch wohl nicht sein! Nämlich sowohl, dass das 500-Fache der jährlichen Mitgliedereinnahmen auf der hohen Kante liegt (woher soll das Geld kommen?) als auch, dass ein ganzes katholisches Bistum nur ein Fünfhundertstel von 92 Millionen Euro jährlich an Mitgliedsbeiträgen bekommt? Wo doch schon der gescholtene “Protzbau” zu Limburg über 30 Millionen Euro gekostet hat?

Leider musste man noch nicht einmal so investigativ sein, die Haushaltszahlen des Bistums selbst zu erfragen. Es reicht, die Reportage von ZDF-Zoom eine Minute zurückzuspulen, um den Fehler zu finden:

ZDF-Zoom-Fehler-Kirchensteuer

Wie üblich wurden in den Tabellen aus Gründen der Übersichtlichkeit ein paar Nuller weggelassen. Drei jeweils, wie der Legende zu entnehmen ist: “Angaben in T€”. Denn natürlich erhält das Bistum Limburg nicht nur 180.257 Euro Kirchensteuer pro Jahr, sondern 180 Millionen – und damit umfasst das ausgewiesene Vermögen des Bischöflichen Stuhls nicht mehr das 500-Fache, sondern nur noch die Hälfte der jährlichen Kirchensteuer.
Und jedes Kirchenmitglied zahlt im Schnitt nicht nur 28 Cent pro Jahr für seinen Verband, sondern – Achtung, komplizierte Verschiebung des Kommas um drei Stellen nach rechts – 280 Euro.

Update 16. Oktober:
Auf eine Anfrage von uns teilt die Redaktion mit: “Der von Ihnen angesprochenen Zahlenpatzer ist von uns ärgerlicherweise erst nach Ausstrahlung entdeckt worden – inzwischen haben wir die Korrektur-Version gefertigt.”
Zur eigenen Transparenz verweist ZDFzoom auf eine entsprechende Veröffentlichung. Danach kostet eine ZDFzoom-Produktion je nach Länge (30 oder 45 Minuten) zwischen 90.000 Euro und 130.000 Euro pro Ausgabe.

Lesebeute

30. September 2014

# Stefan Niggemeier kritisiert, dass der SPIEGEL eine Missbilligung des Presserats nicht publiziert. Es bestehe dazu zwar keine Pflicht, sei jedoch Ausdruck fairer Berichterstattung. Der Presserat hatte im SPIEGEL-Cover vom 28.Juli (“Stoppt Putin jetzt”) eine Verletzung von Persönlichkeitsrechten der abgebildeten Opfer des Fluges MH17 gesehen.

# Uns ging es zwar in erster Linie um Transparenz, aber die kritischen Fragen, die sich nun die Spiegel-Online-Redaktion öffentlich gestellt hat, waren in “Missing Link” schon angedeutet. Für Rechercheprofis haben die SpOn-Leute wenig Antworten gefunden. Sie müssen nicht die Verantwortung für Extremsportler übernehmen, sie gar aufhalten, wie es SpOn als Option durchspielt – sie sollten nur nicht überrascht sein, wenn es kein Happy End gibt. Das war auch vor vier Jahren bei Samuel Koch’s Wetten-dass-Unfall die einzig spannende Frage: wird ein Unfall gar nicht einkalkuliert, wenn jemand auf Sprungfedern über ein heranbrausendes Auto hüpfen will?