Lesebeute

25. August 2015

a) Stefan Winterbauer (Meedia) versteht Satire von Volker Pispers nicht. Nachhilfeangebote lehnt er ab. Winterbauer hatte herausgearbeitet, dass entgegen Pispers Behauptung Nikolaus Blome weder Chefredakteur der BILD-Zeitung noch des SPIEGEL je war. Sackzement – hier lesen.

b) Das Handelsblatt hat nach dem Ende der Nahrungskette in Duisburg-Marxloh geforscht – und Bulgaren und Rumänen gefunden. Für Scherze immer zu haben, aber nicht für Kopfstand der Biologie: „Am Ende der Nahrungskette steht der Kantinenfressling“ (Medienkritik)

Ampelmännchen vom Hörensagen

24. August 2015

Journalisten schreiben gerne von einander ab. Manche (Internet-)Magazine füllen sich gar überwiegend mit Wiedergaben dessen, was andere irgendwo geschrieben haben. Dass dabei wirklich jede eigene Recherche vermieden wird, ist oft genug penibel korrekt dokumentiert. So etwa beim Deutschlandfunk in der Causa „WDR-Zensur“*:

Nach Angaben der „Bild“ machte sich Plasberg in der Sendung zum Beispiel darüber lustig, dass es in Deutschland 190 Professoren für Geschlechterforschung gebe, 180 davon weiblich. Zudem habe er sich darüber mokiert, dass die Umbenennung eines „Studentenwerks“ in „Studierenden-Werk“ eine Million Euro gekostet habe.

Als Informationsquelle für Zitate aus einer Sendung dient nicht etwa die Sendung (die ja bisher u.a. auf Youtube gut zu finden ist und einem ÖRR-Journalisten auch sonst zugänglich sein sollte), sondern die BILD-Zeitung.

Eine Sendung, über die ein halbes Jahr nach der Ausstrahlung nun ein Bohei gemacht wird, selbst anzuschauen, bevor man darüber berichtet, ist offenbar nicht selbstverständlich. Einfacher als in drei Minuten die Stellen (1 und 2) im Video zu suchen, an der sich Plasberg laut BILD über die Geschlechterforschung lustig gemacht haben soll, ist es natürlich, die BILD abzuschreiben.

*): Um was geht es? Gegen die „Hart aber fair“-Sendung „Nieder mit den Ampelmännchen – Deutschland im Gleichheitswahn?“ am 2. März 2015 hatte u.a. die „Landesarbeitsgemeinschaft der Gleichstellungbeauftragten in NRW“ Programmbeschwerde beim WDR eingereicht. „Die Auswahl der Gäste** (war nicht dazu geeignet, eine faire Diskussion über Geschlechterforschung zu führen“, heißt es darin. Moderator Frank Plasberg habe manipulative Fragen gestellt. „Es handelt sich um einen ungeheuerlichen Machtmissbrauch des ‚Moderators‘, die neutrale Position zu verlassen und auf diese Art und Weise ZuschauerInnen manipulieren zu wollen. Es schien so, als solle der ‚gesunde Menschenverstand‘ beschworen und bedient werden, der sich seit Monaten montags auf der Straße zeigt.“
Auf Vorschlag des WDR-Rundfunkrat Programmrats war laut WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn kurz vor der Sitzung des Rundfunkrats am 18. August die Sendung aus der Mediathek genommen worden. Damit wurde die alte Sendung nun nochmal zu einem viel diskutierten Thema. Laut Meedia kündigte der WDR an, in Kürze eine neue Hart-aber-Fair-Sendung „zum Gender-Thema“ auszustrahlen.

**): Gäste der Sendung waren Anton Hofreiter (B’90/Grüne, Fraktionsvorsitzender) Birgit Kelle (Publizistin), Wolfgang Kubicki (FDP, stellv. Bundesvorsitzender), Sophia Thomalla (Schauspielerin), Anne Wizorek (feministische Bloggerin, #Aufschrei).

 

Phantasiejournalismus

13. August 2015

Es war ja klar, dass Medium um Medium nachziehen würde bei der Geschichte einer „bizarren“ Andacht und dem Unverständnis darüber. Um den ausführlichen Text dazu nicht noch länger zu machen, hier die Medienkritik in aller Kürze:

1. Der Pfarrer aus Nemmersdorf hat keinen Vergleich angestellt. „Mir schmecken Äpfel besser als Birnen“ ist ein Vergleich (weshalb die erste Steigerung von gut auch ein Komparativ ist – zumindest in Bayern kann jeder so viel Latein, um das zu verstehen). Die Warnung: „Wenn du heute einen Apfelbaum pflanzt, dann setzt du morgen vielleicht noch einen Birnenbaum, übermorgen einen Plaumenbaum, und am Ende ist dein Garten ein Wald“ ist kein Vergleich zwischen Apfelbäumen und Birnenbäumen, er setzt auch nicht die Pflaume mit dem Apfel gleich. Das muss man doch nicht ernsthaft erläutern, oder? In Gesprächen mit Journalisten, die im aktuellen Fall von „Vergleich“ geschrieben haben, diestanzierten denn auch einige sich vom Begriff „Vergleich“ und sprachen von „das eine in die Nähe des anderen rücken“ oder „einen Kontext herstellen“. Nun gut. Spannend wird es ja auch erst im nächsten Schritt: was soll denn eigentlich verglichen worden sein?

2. Gerade wenn sich Journalisten freuen, endlich mal Schmuddelwörter schreiben zu dürfen, sollten sie um deren Bedeutung wissen.
* Eine (fiktive) Ehe zwischen Mensch und Tier ist keine Sodomie (so aber z.B. die Welt)
* Eine (fiktive) Ehe zwischen Elter und Kind ist kein Kindesmissbrauch. (z.B. Mediengruppe Oberfranken)
* Ehe (und daher auch die „Ehe für alle“) ist kein Synonym für Sex.
* Inzest bezeichnet nicht den Geschlechtsverkehr zwischen Mensch und Tier (z.B. Focus).
Es ist erstaunlich, wie viele Überschriften und Teaser zu diesem bayerischen „Eklat“ völlig in die Binsen gehen. Und noch erstaunlicher, dass selbst nach deutlichem Hinweis auf den Fehler keine Korrektur erfolgt.

 

Aufregung im Herzen – Ein Pfarrer, Ehe für alle und journalistische Relevanz

11. August 2015

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„Pfarrer vergleicht Homosexuelle mit Sodomiten“ betitelt die Süddeutsche ein Stück aus Oberfranken – und der Medienkritiker geht in Habachtstellung: schließlich hatten wir gerade erst die Behauptung, Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer vergleiche „Homo-Ehe mit Inzest und Polygamie“, was man leider guten oder schlechten Gewissens als journalistische Fehlleistung bezeichnen musste.

Im Lead fasst Olaf Przybilla, Leiter des SZ-Büros Franken in Nürnberg und Wächterpreisträger, den Eklat so zusammen:

>>In einem Schreiben hat ein evangelischer Pfarrer in Oberfranken gleichgeschlechtliche Ehen mit Beziehungen zwischen Mensch und Tier in Verbindung gebracht.<<

Bei dem Schreiben handelt es sich um den „Kirchenboten“ der Evangelischen Kirchengemeinde Nemmersdorf (Goldkronach), in der Ortspfarrer Günter Weigel einleitend ein „geistliches Wort“ geschrieben hat, wie es in fast allen Gemeindebriefen üblich ist – hier „Andacht“ genannt. Die Zusammenfassung in der Süddeutschen Zeitung:


>>“Nachdem die Homo-Ehe praktisch vom Staat eingeführt und legalisiert wurde, wurde kürzlich die weitergehende Forderung laut, die ,Ehe für alle‘ einzuführen.“
Dies sei abzulehnen, findet der Pfarrer: „Die ,Ehe für alle‘ würde in der Konsequenz nämlich in der Tat bedeuten, dass auch die Ehe unter nahen Verwandten (z. B. zwischen Eltern und Kindern oder Geschwistern) dann ebenfalls möglich wäre; oder auch die ,Ehe‘ zwischen einem Menschen und seinem geliebten (Haus-)Tier (z.B. mit seinem Hund, seiner Katze, seinem Pferd, seinem Schaf, seiner Kuh usw.).“ Er frage sich deshalb: „Wie dekadent und pervers müssen einzelne Vertreter unserer Politik und Gesellschaft eigentlich sein, um auf solche Ideen und Forderungen zu kommen?“ Der Pfarrer ist sich sicher: „Die Verwirrung auf diesem Gebiet wird immer größer.“<<

Hat Pfarrer Weigel nach diesen Zitaten nun Homosexuelle mit Sodomiten verglichen? Wer dies herauszulesen imstande ist, möge das Ergebnis des Vergleichs benennen. Aufmerksame Leser werden sich zudem fragen, was denn bei diesem Zitat weggelassen wurde, an das Weigel mit „in der Tat“ anknüpft.

Das nicht nur von Stefan Niggemeier für seine Kompetenz immer wieder gefeierte Blog „focus.de“ genügte jedenfalls der Artikel in der Süddeutschen, um sehr rechercheökonomisch zu verdichten:

>>Homo-Ehe gleich Sodomie? Pfarrer mahnt in bizarrem Kirchenbrief: „Ehe für alle“ ermöglicht Sex mit Tieren<<

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Fangen wir also mal ganz vorne an und lesen den inkriminierten Text komplett (§ 51 UrhG).

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>>Nachdem die Homo-Ehe praktisch vom Staat eingeführt und legalisiert wurde, wurde kürzlich die weitergehende Forderung laut, die „Ehe für alle“ einzuführen. Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich dagegen ausgesprochen. Dafür wurde sie heftig gescholten. Zu Unrecht, wie ich meine. Die „Ehe für alle“ würde in der Konsequenz nämlich in der Tat bedeuten, dass auch die Ehe unter nahen Verwandten (z. B. zwischen Eltern und Kindern oder Geschwistern) dann ebenfalls möglich wäre; oder auch die „Ehe“ zwischen einem Menschen und seinem geliebten (Haus-)Tier (z. B. mit seinem Hund, seiner Katze, seinem Pferd, seinem Schaf, seiner Kuh . usw.). Auch der Mehrehe wäre dann Tür und Tor geöffnet, wie sie z. B. schon seit alters her im Islam, aber auch in christlichen Sekten in den USA und anderswo praktiziert wird.
Wundern Sie sich also nicht, wenn ich mir demnächst einen Harem mit mindestens 365 Ehefrauen zulege (für jeden Tag des Jahres eine). Achtung: Nur Spaß – ich hoffe, Sie verstehen Humor!
Wie dekadent und pervers müssen einzelne Vertreter unserer Politik und Gesellschaft eigentlich sein, um auf solche Ideen und Forderungen zu kommen? Die Verwirrung auf diesem Gebiet wird immer größer.
Auch hier kann uns die Bibel Orientierung und Wegweisung geben. Schauen wir uns deshalb einmal genauer an, wie Jesus sich die Ehe gedacht hat. Über die Gemeinschaft in der Ehe sagt Jesus im Matthäus-Evangelium Kapitel 19, Vers 4 – 6:
„Gott, der im Anfang den Menschen geschaffen hat, schuf sie als Mann und Frau und sprach: ,Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein.‘ So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden‘!“
Diese Verse aus dem Matthäus-Evangelium werden bei jeder kirchlichen Trauung vorgelesen. Was können wir ihnen entnehmen? Wie hat sich Jesus die Ehe nach seinem Willen vorgestellt? – Er will keinesfalls eine „Ehe für alle“! Ehe nach dem Willen Jesu ist:
1. die engste Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau.
2. Die Ehe ist prinzipiell auf leibliche Nachkommenschaft hin angelegt.
3. Die Ehe ist grundsätzlich unauflöslich. Sie soll Bestand haben, solange die Ehepartner leben.
Menschen, die „Ja“ zu diesen Grundprinzipien der Ehe sagen, segnet Gott. Alles andere ist keine Ehe, weder im Sinne des Grundgesetzes, und schon gar keine christliche Ehe.
Eine „Ehe für alle“ widerspricht dem ausdrücklichen Willen Jesu und steht nicht unter dem Segen Gottes.

Mit sommerlich-sonnigen Grüßen,
Ihr Pfarrer Dr. Günter Weigel<<

Es juckt natürlich in den Fingern, als erstes zu kommentieren, über die Qualität des Beitrags könne man sicherlich streiten – um Distanz aufzubauen. Doch genau da liegt schon ein Fehler: Ist es Aufgabe von (weltlichen) Journalisten, intellektuelle oder geistliche Tiefgründigkeit einer Kurzpredigt zu bewerten? Und ist das eigene Verständnis eines solchen Textes dafür die geeignete Richtskala?

Versuchen wir es also mal, was den reinen Text angeht, systematisch:

a) Pfarrer Weigel wendet sich gegen eine „Ehe für alle“ – die er einer „praktisch vom Staat eingeführt[en] und legalisiert[en]“ „Homo-Ehe“ gegenüberstellt. Das mag sehr tricky oder ein Versehen sein, jedenfalls bezieht sich alles in dem Artikel auf die nicht näher bestimmte „Ehe für alle“, nicht auf die „Homo-Ehe“.

b) Weigel knüpft an die Aufregung um das Interview mit Kramp-Karrenbauer in der Saarbrücker Zeitung an und pflichtet der CDU-Frau bei, einer ersten Öffnung der Ehe werden weitere folgen. Das darf man für Dummzeug halten, juristisch ist aber die willkürliche Begrenzung viel schwieriger zu rechtfertigen. Und mit der von leitenden Protestanten vorgetragenen Position, auf Dauer angelegten Liebesbeziehungen wolle man den Segen nicht verwehren, ist die Beschränkung auf Paare auch schwierig zu begründen. So oder so: Es gab die Diskussion schon, intensiv-medial, auf diese hat Weigel Bezug genommen. Diese Information darf in einem Bericht über Weigels Text nicht fehlen.

c) Die Verwandtenheirat ist so abwegig nicht, außerhalb der geraden Blutslinie ist sie in Deutschland sogar erlaubt. Die Sinnhaftigkeit des strafrechtlichen Inzestverbots wird tatsächlich von namhaften Denkern bezweifelt, eine Korrektur des noch bestehenden Eheverbots (§ 1307 BGB) wäre dann vermutlich folgerichtig.
Dass Weigel diese Verwandtenehen nicht möchte, sollte ihm nicht nur als Meinungsfreiheit zugestanden werden: als jemand, der kirchliche Trauungen vollzieht, dürfte man ihm sogar eine besondere Kompetenz zusprechen – und zwar gerade unabhängig davon, ob einem das Ergebnis passt.

d) Die Ehe zwischen Mensch und Tier steht derzeit tatsächlich nicht besonders aufdringlich im Raum, wie Moritz Kircher vom Nordbayerischen Kurier recherchiert hat.*)
Aber: Hat das Weigel behauptet? Er prognostiziert diese Möglichkeit als Konsequenz einer radikalen „Ehe für alle“, und es sollte für Sprachwesen exegetisch ein Leichtes sein, dies für eine satirische Überspitzung zu halten. Darauf deutet nicht nur die konkrete Benennung einzelner Tierarten, sondern auch die nachfolgende Aufklärung, man solle sich nicht wundern, „wenn ich mir demnächst einen Harem mit mindestens 365 Ehefrauen zulege“. Weigel setzt nur in diesem tierlichen Zusammenhang „Ehe“ in Anführungszeichen. Nicht ganz so bedeutsam, aber der Vollständigkeit halber zu erwähnen: der Autor selbst behauptet, genau diese satirische Überspitzung intendiert zu haben.
Aber selbst, wer dieser Hermeneutik nicht folgen mag, sollte sich in einer Erregungspause fragen, wen oder was eine nicht-satirische Warnung vor der Ehe zwischen Menschenfrau und Katzenkater diskriminieren oder intellektuell beleidigen sollte.
Was hat denn eine homosexuelle Paarbeziehung mit Zoophilie zu tun? Nichts, eben. Beides wird hier auch nicht verglichen oder miteinander in Bezug gesetzt. Weigel denkt nur das Rechtsinstitut Ehe weiter (das, es sei ob der inzwischen vielen wirklich „bizarren“ Überschriften zu dem Thema betont, nichts mit Sex zu tun haben muss). Und da sollen mal gerade Protestanten nicht so verstört gucken, schließlich hat ihr Luther den bekannten Satz geprägt: Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Wenn also schon ein Auto oder Beruf zu Gott werden können…
Der schnöde Ehe-Text des BGB (§ 1353) jedenfalls ließe sich für allerhand Veralberungen nutzen.

e) Einzelne politische Forderungen hat Weigel nicht genannt und zugeordnet, weshalb seine Entrüstung vielleicht etwas überraschend kommt:

„Wie dekadent und pervers müssen einzelne Vertreter unserer Politik und Gesellschaft eigentlich sein, um auf solche Ideen und Forderungen zu kommen?“

Aber sein Text ist auch recht kurz, und wer sich nur mal in Erinnerung ruft, welch wechselhafte Rechtsgeschichte die Sodomie durchlaufen hat, wird allerhand zum Staunen finden, eben auch aus dem Politikbetrieb.

f) Wer meint, Weigel werfe hier alles durcheinander, seine Gedanken seien „bizarr“ oder verworren, der wird dann zwangsläufig seiner Feststellung zustimmen müssen: „Die Verwirrung auf diesem Gebiet wird immer größer.“ Das ist rhetorisch ein toller Kniff.

g) Danach folgt eine biblische Begründung Weigels Ablehnung einer „Ehe für alle“. Daran wird man nichts auszusetzen finden, entsprechende Diskussionen sind ja auch hunderttausendfach geführt worden. Es gibt halt solche und solche Ansichten.

Was also war jetzt der Aufreger? Was hat diesen „Leitartikel“ in einem kleinen Gemeindebrief zu einem nationalen Problem erhoben? Im Focus-Blog liegt die Relevanz allein darin begründet, dass die Süddeutsche Zeitung etwas geschrieben hat, was man daher dringend ab- und umschreiben musste. In der SZ klingt eine andere Legitimation an: nicht die Pfarrerrede gegen eine „Ehe für alle“ an sich weckte den journalistischen Jagdtrieb, sondern die Beschwerde eines homosexuellen Paares aus der Gemeinde, das sich an die bayerische Kirchenleitung als oberste Pfarreraufsicht gewandt hat. Aber ist das ein Relevanzkriterium – eine Beschwerde?

Wird nicht sonst gerne gefordert, Kirchenleute sollten sich mutiger bekennen und für ihre Werte eintreten? Muss nicht jedes deutliche Wort, wenn es nicht belanglos sein soll, irgendwen vor den Kopf stoßen? Predigt der Pfarrer gegen die Ausbeutung der tierischen Mitgeschöpfe, beschweren sich die Bauern (passiert regelmäßig, deshalb sagen auch prominente Kirchenvertreter nichts Interessantes zur Landwirtschaft). Ruft der Pfarrer zum Autofasten auf, fühlen sich Berufspendler diskriminiert und zu unrecht als Umweltsünder gebrandmarkt. Fordert er mehr (finanzielle) Anerkennung für Kindergärtnerinnen, steigt ihm der Bürgermeister aufs Dach etc.

Was also war jetzt der Aufreger? Wagen wir einen Schnellcheck einiger journalistischen Qualitätskriterien für den SZ-Bericht (in simplen drei Stufen):
Aktualität: Ja
Ausgewogenheit: Ja
Ethik: unklar (Was die Berichterstattung auslöst, ist noch unbekannt)
Neuigkeit (Investigation): Nein (der konkrete Fall schon, aber ähnliche Überlegungen sind schon zigfach publiziert worden, prominent etwa von Bischof Stefan Oster)
Objektivität: Ja
Relevanz: Nein
Richtigkeit: Ja (soweit von uns – richtig – geprüft)
Transparenz: Nein (es fehlt ein Hinweis auf das Zustandekommen der Geschichte, was uns evtl. wichtiges zur Motivlage sagen könnte)
Vollständigkeit: mittelprächtig (Auszug des kritisierten Textes zu kurz; Anspielung auf eine frühere Kritik Weigels völlig unnachvollziehbar – es ging um den PR-Film „Eine Tür ist genug„)

Eine Sache verdiente dann allerdings doch noch genauere Beachtung, wo die Geschichte schon mal auf dem Tisch ist: das Verhalten der Landeskirche.
Derart klare, gegen einen Pfarrer gerichtete Worte wie nun von Michael Mädler (Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/Publizistik im Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern) gibt es äußerst selten. Und dass man in der Oberverwaltung einer Landeskirche, deren Bischof derzeit auch EKD-Ratsvorsitzender ist, mit der Interpretation eines theologischen Textes „unsere Juristen“  beschäftigt, lässt richtig Schreckliches ahnen.

Ceterum censeo: „Medienblogger und Medienjournalisten jammern vorwiegend darüber, dass bestimmte Medien ihre politischen Ansichten nicht teilen. Und sie ignorieren Fehlleistungen, wenn die Beiträge ihrer eigenen politischen Meinung entsprechen.“ (Markus Reiter, Deutschlandradio)

Update 12. August:

1) Neue Variante der Interpretationskunst: Nun hat Weigel „Ehe für alle“ mit Kindesmissbrauch verglichen. Der Text auf infranken.de  ist vom epd, die Überschrift hoffentlich nicht. Kleiner Tipp vom Biologen: „Eltern“ und „Kind“ bezeichnet hier Verwandtschaft, kein Alter. Aber das merken sicherlich spätestens „die Juristen der bayerischen Landeskirche“.

in-franken-epd-nemmersdorf-sodomie-kindesmissbrauch

2) Dank n24 werden wir aufgeklärt, dass es Inzest zwischen Mensch und Tier gibt. Linné, Darwin – da müsst ihr wohl noch etwas nachbessern.

n24-inzest-mit-tieren>>Dr. Günter Weigel, Pfarrer der ländlichen evangelischen Kirchengemeinde Nemmersdorf in Oberfranken, hat in seinem Gemeindebrief die Ehe für schwule Paare mit inzestuösen Beziehungen zwischen Mensch und Tier verglichen.<<

3) Weder der Sprecher der evangelischen Landeskirche noch die dortigen Juristen haben übrigens bisher von Pfarrer Weigel eine Stellungnahme haben wollen (wie bisher die meisten „Berichterstatter“). Wozu sonst hat man in der Schule die werkimmanente Interpretation geübt?!!

4) Rosenheim.

5) Einen Überblick der Social-Media-Kommentare bei rivva.

6) Der Qualitätsfunk meldet sich zu Wort. Unbelievable. Soviel Unverstand ist doch schon strafbar (in anderen Zusammenhängen wird da gerne von Volksverhetzung gesprochen). Der Bayerische Rundfunk schreibt: „Die gleichgeschlechtliche Ehe sei wie eine Ehe zwischen Mensch und Tier: Dieser bizarre Vergleich des Pfarrers aus Nemmersdorf (Lkr. Bayreuth) beschäftigt nun die evangelische Landeskirche. Sie prüft juristische Konsequenzen.“ Man beachte auch die tolle Karriere des Adjektivs „bizarr“, hoffentlich bekommt Mädler dafür Tantiemen.
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*) = Investigativ-Hinweis: Die Geschichte ausgegraben hat Moritz Kircher, im Nordbayern-Kurier veröffentlicht am 8. August 2015. In seinem Artikel kommt u.a. auch jemand aus dem Kirchenvorstand zu Wort. Von Kircher stammt auch der Verweis auf eine frühere Andacht Weigels im Gemeindebrief; darüber hatte Kircher im Mai 2014 geschrieben: Pfarrer Weigel nahm damals Anstoß an einem PR-Video der EKD. Im Kirchenboten Mai-Juli 2014 hieß es damals:

>>Seit Ende Februar hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Aktion gestartet: „Eine Tür ist genug“. In dieser Aktion möchte sie deutlich  machen, dass Menschen in allen Beziehungsformen in der Kirche willkommen sind. Vorgestellt werden Menschen, die als Hetero-, Homo- oder Intersexuelle leben. Auf der Internetseite der EKD heißt es: „Eine Tür ist genug – alle gehören dazu“;  Frauen und Männer, vom anderen oder vom gleichen Geschlecht angezogen, in Paarbeziehung lebend oder alleinstehend, Männer, die sich als Frauen fühlen, Frauen, die sich als Männer fühlen, Menschen mit ganz individueller Geschlechtsidentität. Zu sehen ist bei dieser Aktion ein Video, in dem sich Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Identitäten, in oder vor der Toilette begegnen.  Die EKD setzt sich also dafür ein, die Toilettentüren für beide Geschlechter abzuschaffen und nur durch eine Tür zu ersetzen.
Diese Aktion ist für mich ein Skandal. Gott, der Schöpfer, hat nur zwei Geschlechter geschaffen: Mann und Frau. Das Video wurde aus Kirchensteuermitteln finanziert. Ist eine solche Aktion Aufgabe der Kirche? Wie geht die EKD mit Kirchensteuergeldern um? Spenden unsere Gemeindeglieder für so einen Schwachsinn? Im Kirchenvorstand überlegen wir, ob wir künftig keine Kollekten mehr an die EKD überweisen. Kritische Stimmen zu diesem Video wurden nicht veröffentlicht und unterdrückt. Die EKD gleicht damit einer totalitären Organisation, die andere Meinungen zensiert, so wie wir es in totalitären Regimen vorfinden. Ich kann mich davon nur aufs Schärfste distanzieren.<<

Es folgten Überlegungen zum Bibelwort „Jesus Christus spricht: Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden.“ Damals hatte sich laut Kircher Dekan Hans-Martin Lechner schützend vor Weigel gestellt: Eine Andacht solle immer zum Nachdenken anregen und „über diese Andacht kann man eben trefflich streiten“. Eine „theologisch schwachbrüstige Argumentation“, wie sie die byerische Kirchenverwaltung nun im aktuellen Fall Weigel vorwirft, diagnostizierte damals niemand. Die EKD-Kampagne war tatsächlich hoch-umstritten, über nicht-veröffentliche Kommentare gab es viele Beschwerden.

BILD-Referendum: nicht unjournalistisch

03. Juli 2015

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Michael Konken, dem Bundesvorsitzenden der Journalisten-Lobby DJV, ist zuzustimmen, wenn er die BILD-Berichterstattung zu den Schulden Griechenlands kritisiert – was nun wirklich nicht schwer ist, schließlich führen viele BILD-Kampagnen schlicht zum Brechreiz, aber gesagt ist dazu schon alles.

Die Aufregung konkret aber über das „BILD-Referendum“ ist nicht nachvollziehbar. Sie speist sich ganz offensichtlich nur aus der Angst vor dem Ergebnis. Auszug aus der Pressemitteilung:

Der Deutsche Journalisten-Verband fordert die BILD-Zeitung auf, ihr so genanntes „Referendum“ zur Griechenland-Unterstützung zu stoppen.
Sowohl in der gedruckten Zeitung als auch online bittet die Zeitung ihre Leser, darüber abzustimmen, ob Deutschland Griechenland weiterhin mit Geld unterstützen soll. Chefredakteur Kai Diekmann sagt dabei in dem Video-Format Daily auf Bild.de ganz unverhohlen, dass er damit rechnet, dass die Leser mit Nein stimmen werden. Dies sei dann auch ein Zeichen für die Mitglieder des Deutschen Bundestags, die im Herbst unter Umständen erneut über weitere Hilfszahlungen abstimmen müssen.
„Diekmann entfernt sich damit zum wiederholten Mal von seinem Auftrag als Journalist und macht selber Politik. Das ist nicht seine Aufgabe. Journalisten sollen Informationen anbieten, einordnen und erklären“, sagt Michael Konken, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes.

a) Leserbefragungen sind ein uraltes Mittel, um Stimmungen einzufangen. Ob Praktikanten oder Volontäre in die Fußgängerzone geschickt werden oder Online „gevotet“ wird – es ist vollkommen normal.

b) Dass solche – natürlich nicht repräsentativen – Stimmungsbilder von der Politik wahrgenommen werden, gehört zum demokratischen Diskurs. Dazu berichten Zeitungen, dazu schreiben Journalisten Kommentare, dazu gibt es Leserbriefe und Foren. Eine Story wird es doch erst, wenn Politiker darauf nicht reagieren.

c) Seine Leser um Stellungnahme zu bitten ist keine Politik, sondern reden über Politik. Zu Politik müssen es andere machen (Punkt b) – schließlich haben sich Politiker genau dieses Recht in Deutschand vorbehalten, wo sie auf das repräsentative Systsem pochen und Volksentscheide auf Bundesebene ablehnen.

d) Experten, Lobbyisten, Parteien nach ihren Meinungen zu fragen, ist journalistisches Tagesgeschäft: „Informationen anbieten, einordnen und erklären“. Warum sollte die Bild-Zeitung da nicht auch die eigenen Leser befragen dürfen?

e) Der PR-Erfolg sei dem Springer-Blatt gegönnt (und zu den satirischen Tweets kann man sogar gratulieren), schließlich hätte jede „Qualitätszeitung“ selbst eine solche Abstimmung anbieten könnten und die dafür notwendigen Informationen vorbildlich aufbereiten können. Allerdings besteht die Bevölkerung in Deutschland halt nicht nur aus FAZ-Lesern und DJV-Mitgliedern.

f) Grundsätzlich kranken Referenden wie Wahlen natürlich daran, dass viele Abstimmende nicht hinreichend informiert sind, dass Stimmenthaltungen nicht gewertet werden (außer beim Quorum) und dass es nur die Möglichkeit gibt, Ja oder Nein zu sagen, ohne etwas inhaltlich beitragen zu können. Aber genau dieses Problem wird von den Qualitätsmedien in ihrer Politikberichterstattung kaum behandelt. Der BILD kann man nun dieses Defizit aber wirklich nicht anlasten.

Strafanzeigen haben keine journalistische Relevanz

06. Juni 2015

Immer wieder vermelden Journalisten, jemand habe gegen eine andere Person eine Strafanzeige erstattet. Das mag zwar faktisch richtig sein (überprüft wird es selten, in der Regel reicht die Behauptung oder auch nur Ankündigung des (künftigen) Anzeigenerstatters), aber es ist keine Nachricht. Warum?

Weil mit der Vermeldung einer Strafanzeige stets der Eindruck erweckt wird, es läge auch ein strafbares Verhalten vor oder wenigstens der Verdacht. Das muss aber gar nicht der Fall sein. Eine Strafanzeige ist zunächst nicht mehr als der Antrag an die Staatsanwaltschaft, eine Sache auf ihre strafrechtliche Relevanz hin zu überprüfen. Eine Strafanzeige kann jeder jederzeit stellen, auch anonym.

Weil nur selten vollständig berichtet wird, d.h. vor allem ebenso prominent später berichtet wird, das aus der Strafanzeige nichts geworden ist.

Weil eine solche Meldung den Anzeigenerstatter hervorhebt, obwohl es doch nur um eine juristische Prüfung durch eine Behörde geht.

Weil die Berichterstattung über Anzeigen Nachahmungstäter generiert. Jeder kann inzwischen darauf hoffen, öffentliche Beachtung zu finden, wenn er einen Promi anzeigt.

 

Beispiele:

Aktuell: Annegret Kramp-Karrenbauer
Zeit-online (und fasst wie die meisten Kollegen den Sachverhalt auch noch falsch zusammen: „Eine Berliner Anwältin hat wegen der Inzucht-Aussage Strafanzeige gegen die saarländische Ministerpräsidentin erstattet.“ Link zur Anzeigenerstatterin)
Stern.de
strafanzeige-karrenbauer-stern

Strafanzeige gegen Dieter Nuhr

Strafanzeige gegen (Team) Günter Wallraff: DWDL, Kress,

PS:
Anzeigenerstattern, die groß hausieren gehen, sollten immer an § 164 StGB denken. Auszug: „Wer einen anderen bei einer Behörde oder einem zur Entgegennahme von Anzeigen zuständigen Amtsträger oder militärischen Vorgesetzten oder öffentlich wider besseres Wissen einer rechtswidrigen Tat oder der Verletzung einer Dienstpflicht in der Absicht verdächtigt, ein behördliches Verfahren oder andere behördliche Maßnahmen gegen ihn herbeizuführen oder fortdauern zu lassen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Debattenkultur am Beispiel „Feminismus und Ronja von Rönne“

01. Juni 2015

Mit der Meinungsäußerungsfreiheit ist es so eine Sache: Etwas sagen zu dürfen ist das eine, die Bereitschaft, das Gesagte nicht einfach niederzubrüllen, sondern wenigstens ganz kurz zu bedenken, wenn es denn zum persönlichen Themenportfolio passt, das andere.

Wenn die Liebe zum eigenen Meinungssumpf nur an den längst aufgelösten Stammtischen zelebriert würde, wäre es kein Thema für uns bei Spiegelkritik. Doch seit Jahren beobachten wir leider, dass auch in unserer „Zunft“ große Probleme bestehen, neue Meinungen zu hören, zu bedenken und gar zu würdigen.

Aktuell: der „Fall RvR“. Um was geht es? Ronja von Rönne, 23-jährige sehr begabte Autorin, die seit diesem Jahr aufgrund ihrer Begabung ausstrahlenden Texte Redakteurin im Feuilleton der WELT wurde, hat dort einen Debattenbeitrag zum Feminismus, der sie „anekelt“, geschrieben, wofür sie nun diverse digitale Schläge erhält, zumal sie just jetzt auch noch zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen wurde.

Wer sich da nun wie und warum echauffiert, spielt eigentlich keine Rolle. Und dass gerade im Netz bei solchen Auseinandersetzungen viel Quark getreten wird, überrascht auch nicht. Aber dass es dafür so viel Aufmerksamkeit = Aufregung gibt und Autorin von Rönne ihren Blog Sudelheft.de vom Netz nimmt, gibt dann doch zu denken:

1. Wozu sollen Medien nutze sein, wenn die Bereitschaft fehlt, sich mit neuen Gedanken auseinanderzusetzen? Damit ein jeder für seine kleine Fan-Group schreibt? Damit alles so bleibt wie es ist (oder ohnehin wird)?

2. Die Lesekompetenz in Deutschland wird deutlich überschätzt.  Nicht jeder, der aus Buchstaben Worte zu formen im Stande ist, versteht auch ansatzweise, was er gerade liest.

3. Nicht billig, sondern hinterfotzig ist es, jemandem „Applaus von der falschen Seite“ vorzuhalten. Publizisten sind nicht dafür verantwortlich, wer ihre Publikationen stalkt.

4. Meinungsäußerungsfreiheit sollte unbegrenzt gelten (dafür stehen wir bei Spiegelkritik jetzt auch schon seit 10 Jahren). Dazu gehören auch hinterfotzige Meinungskundgaben und (vermutlich) strunzdumme.

5. Meinungsäußerungsfreiheit verlangt von Widersachern daher keine Verbotsanträge, sondern eigene geistreiche Beiträge.

6. Der Twitter-Post eines als Religionslehrer arbeitenden Pfarrers der EKHN, Dr. Hans Christoph Stoodt, fällt genauso unter die Meinungs- oder vielleicht eher Kunstfreiheit – er schrieb:

>>Feminismus ist was für Unterprivilegierte“ – „Adel ist was für die Laterne.“ Ca ira, #BachmannPreis, ca ira von Rönne!<< Foto Retweet

[Dazu folgende Erläuterungen:  „Feminismus ist was für Unterprivilegierte“ kommt als Zitat daher, steht aber so gar nicht in RvR’s Text. „Ca ira“ ist ein Lied aus der Französischen Revolution mit dem Slogan: „Wir werden es schaffen, die Adeligen an die Laterne“]

7. Dieser Post, der auf Twitter nicht mehr verfügbar ist, wurde nun von vielen als Morddrohung gesehen oder zumindest als verbale Gewalt: Ronja von Rönne als „Adelige“ an die Laterne. Darüber können sich Deutschkurse den Kopf zerbrechen, problematisch wurde der Post spätestens dadurch, dass er in Massenmedien aufgegriffen wurde. Andreas Rosenfelder, Ressortleiter Feuilleton der WELT, macht in seinem Kommentar „Wie man Sachen mit Wörtern macht“ für die aufgebrachte Stimmung im Netz wesentlich den „Frankfurter ‚Antifa-Pfarrer‘ Hans-Christoph Stoodt“ verantwortlich. Doch dieser reagiert darauf gar nicht weiter, obwohl er einen langen Text („Die Morddrohung. Wie ein FAZ-Ritter mal in den Krieg ziehen wollte“) zu dem schon von Don Alphonso in einem FAZ-Blog erhobenen Vorwurf schreibt.
Alleine, weil Stoods Mini-Kommentar auf Twitter nun als Äußerung eines evangelischen Pfarrers wahrgenommen wird, wäre seine Beteiligung an der Debatte notwendig (bevor sich in seiner Beamtenstruktur Höherstehende dazu berufen fühlen).

8. Wie so oft melden sich in der Debatte viele mit von ihnen für göttlich gehaltenen Statements zu Wort.Sie erlauben sich absolute Urteile, die ohne jede Begründung, ohne jeds nachvollziehbare Kriterium auskommen und allein darauf basieren, dass der Urteilende über allem steht, eben als Gott. Beispiele:
Fabian Federl (Tagesspiegel) nennt von Rönne schlicht „altklug„, womit ihre Erfahrung mit dem Feminismus eben nicht mehr ihre Erfahrung ist, sondern der inszenierter Skandal eines – auch dieser Hinweis darf nicht fehlen – „Ex-Models“.
Joerg Thadeusz hält eine von Rönne-Kritikerin schlicht für überfordert – damit ist sie hilfsbedürftig, aber nicht diskutabel – nettester Paternalismus.
Andere sprechen von Rönne einfach mal jedes Schreibtalent ab.

 

Noch einige weitere Hinweise zur Debatte

Vor ihrem „Feminismus“-Text (8. April)  hat von Rönne u.a. den Beitrag „Warum ihr alle psychisch gestört seid“ publiziert (26. März). In einem Interview mit dem Blog Kaffee und Fluchen sagt sie dazu u.a. (29. März):

>>Es tut mir aufrichtig Leid, wenn einige aus dem Text herauslesen, dass ich psychische Krankheiten so sehe wie einen Kurzurlaub. Dann ist tatsächlich etwas schief gelaufen. An Stellen war der Text sehr unsensibel, euphemistisch würde man sagen: polemisch. Wenn der Eindruck entsteht, dass ich aus dem Leiden schwer Kranker Menschen mit einem provozierenden Artikel Profit schlagen wollte, ist wirklich etwas schief gelaufen.
Allerdings wirkten viele der Twitterer nicht wie Depressive oder Borderliner, sondern wie Internet – Krawallmacher, Trittbrettfahrer auf einer Empörungswelle, die mit ihrer Pseudo-Betroffenheit retweets generieren wollen. Posts wie „Ich wünsche dir Krebs“ sind ekelhaft. Das war sehr schlimm, und es trifft mich auch. Natürlich frage ich mich dann, wie das eigentlich so schief laufen konnte. Auf Twitter ist es leicht, bei einem ungerechten Post auf „retweet“ zu klicken. Die 140 Zeichen berauben jeden User der Differenzierung. Ein schreckliches Portal, Twitter. Man kann sich nicht wehren.<<

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Im Teaser zu Ronja von Rönne’s Beitrag „Hasskultur: Schreibt diese Frau gerade ‚homophobe Schlampe‘?“ steht auch ein Absoluturteil: „Eine Kolumnistin sagt etwas Unkluges zu einer Schwulenhochzeit …“ was nun gerade im Hinblick darauf, dass die „Kolumnistin“ aus ihrem Fachgebiet schrieb schon eine ordentliche Anmaßung wäre, nur: der Teaser stammt wie so oft von der Welt-Redaktion.

Weitere Beiträge:
Beifall von der falschen Seite“ (SZ, Johannes Boie)
„Meinungsfreiheit in Deutschland: Zwei Fälle in zwei Wochen“ (Roland Tichy)
von Rönne sei „normschön“ (A++)
„Über das Zurückschlagen von Empörungswellen und eine seltsame Argumentation im Fall Rönne“ (Annette Baumkreuz)

 

 

 

 

 

Konservative Christen irritieren Spiegel-Intellektuelle

20. Mai 2015

spiegel-2015-21Konservative Christen erobern Deutschland“ titelt der SPIEGEL (Nr. 21/2015). Die Geschichte dahinter ist so langweilig wie die Sexstory des Covers. Auf halbe Twitterlänge redigiert: Konservative Protestanten sind konservativ und stehen dazu.

Erstaunlicher aber ist, welche Engstirnigkeit SPIEGEL-Leute heute zur Schau stellen. Von Auseinandersetzung, Disput, intellektueller Freiheit ist da nichts zu merken.

Ja,  es gibt evangelikale Kreise, die Homosexualität als „unvereinbar mit der biblischen Ethik“ sehen. Na und? Niemand muss ihnen folgen. Und Polemik über Vertreter „traditioneller Familienbilder“ wäre mutiger gewesen zu Zeiten, als in Deutschland männliche Homosexualität noch unter Strafe stand – immerhin bis 1969 in jeglicher Form und bis 1994 mit einem  „Schutzalter“ von 18 Jahren!

Dafür fordert der SPIEGEL in seinem Artikel gleich eine neue Diskriminierung: nämlich die der Evangelikalen. Mit ihnen dürfen Politiker nicht sprechen, sie dürfen für ihre Positionen keine Lobbyarbeit machen, und sie sollen wohl auch nicht demonstrieren dürfen. Und es gilt dem Blatt für Religions-Mainstreaming schon als unerhört, wenn ein evangelischer Pfarrer predigt, man solle als Christ keine Buddhafiguren zuhause aufstellen. Wie intolerant! Wie mittelalterlich! Wie gefährlich für das Abendland.

„Man fragt sich, warum in den Medien immer wieder Beiträge mit dieser Stoßrichtung platziert werden, meist im Stil eines »Enthüllungsjournalismus«“, schreibt Helmut Frank im nicht gerade als pietistisch bekanntem Sonntagsblatt dazu.

Weil, so eine mögliche Antwort, im deutschen Politikjournalismus Antikirchlichkeit zum guten Ton gehört. Dass man dabei die verschnarchten Landeskirchen und die konservativ-lebendigen Freikirchen gegeneinander ausspielen kann, macht die Kritik selbst Ahnungslosen einfach.

Vernebelte Politikansätze

22. April 2015

An dem Tag, an dem sich Retter, die keine Retter mehr sind, sondern nur noch Berger, vor der italienischen Insel Lampedusa bemühen, ein paar Hundert Leichen, Frauen, Kinder, Männer, alle tot, aus einem gekenterten Schiff zu ziehen, sagt knapp zweitausend Kilometer entfernt, in Berlin, der Sprecher des für Flüchtlinge zuständigen Bundesinnenministers, es gehe jetzt um „einen möglichst kohärenten, gebündelten, vernetzten Politikansatz“. Und niemand schreit: Nein! Es geht um Menschen!

Schreibt Cornelie Barthelme sehr beeindruckend in der Frankfurter Neuen Presse.

Aber vermutlich wird das wieder als Politikkommentar missverstanden. Dabei ist es eine sehr treffende Medienschelte. Eine Selbstkritik.

Denn nach allen Regeln der Kunst muss sich Journalismus nicht für irgendwelches Dummgebabbel interessieren. Davon ist die Welt voll. Man darf es als politische Korrespondentin in Berlin ja gerne immer wieder versuchen: Politikern Fragen stellen, ihnen ein Mikrofon vor die Nase halten, mit der Kamera zur Pressekonferenz anrücken. Aber dann müssten Journalisten wohl viel häufiger sagen: „Wie, das ist es, was Sie zu sagen haben? Schade, aber für Blubbblubb haben wir keinen Platz/ keine Zeit/ keine Nerven.“

Und wer behauptet, Dummgebabbel entlarve doch den Ausstoßenden besser als jeder Kommentar, der erinnere sich daran wenigstens bei der nächsten Wahlanalyse und vor dem nächsten Nichtwähler-Bashing.

FAZ lässt exzellent gegen Studenten stänkern

17. April 2015


(Ist ja auch irgendwie Medienkritik – Leserbrief oder so)