Ist Journalismus mehr als Posten?

09. März 2015

Wenn sich Journalisten noch irgendwie von Mediennutzern unterscheiden wollen (von denen man einige früher mal “Blogger” nannte, was aber in Zeiten von WhatsApp & Co so viel mehr out ist als der den Bloggern so verhasste “Cyberspace”), dann sollten sie vor dem Veröffentlichen ihrer beruflichen Beiträge vielleicht doch ganz kurz prüfen, was sie damit gerade von ihrem Publikum abhebt.

So kann man natürlich jede Menge Bildchen und Sprüche posten. Als journalistisches erzeugnis ausgegeben, sollte dem aber vielleicht ein klein wenig Journalismus*) vorweg gehen. Dann hätte etwa die Rheinische Post wohl bemerkt, dass die Beschriftung eines LKW-Anhängers mit einem Protest gegen die Einstellung des Strafprozesses gegen Sebastian Edathy nicht reiner Volksmut war.

laster-gegen-edathy

Sondern schlicht eine biedere rechte Meinungsäußerung – legitim, aber wenig originell. So wie die Trucker-Kalender mit nackten Mädels derselben Firma. Oder ihre Warnung vor Zuwanderung (1).

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*) Journalismus, was ist das eigentlich? Da schauen wir doch spaßeshalber mal in ein Lehrbuch, Journalistik von Klaus Meier, 3. Auflage. Da definiert er auf Seite 14:

“Journalismus recherchiert, selektiert und präsentiert themen, die neu, faktisch und relevant sind. er stellt Öffentlichkeit her, indem er die Gesellschaft beobachtet, diese Beobachtungen über periodische Medien einem Massenpublikum zur verfügung stellt und dadurch eine gemeinsame Wirklichkeit konstruiert.”

(Den Konstruktivismusschlenker musste er natürlich wegen der “Anschlussfähigkeit” einbauen, viele seiner Kollegen haben darin ja ein leckeres Betätigungsfeld gefunden…)

Das Qualitätsstichwort heißt im Fall dieser Spedition Stegemöller aus Kamen: Vollständigkeit. (Bei der “Neuigkeit” sind wir mal nicht so streng.)

(1) Zu diesem auch nur gefundenen Bild haben wir heute Abend die Firma nicht mehr befragt, wie es sich für Journalismus gehören würde. Es ist ein Blog-Post.

Update:
Bild kommt auch ohne Verweis auf andere Sprüche des Splittfahrers aus.
Edathy selbst postet das zweite Bild auch auf Facebook und nennt die Parole einen NPD-Spruch (was google auch so anbietet).

Falschinformation im Fall Edathy

05. März 2015

Der Strafprozess gegen Sebastian Edathy ist eingestellt worden, und viele Kommentatoren schäumen – die meisten über Edathy selbst (“mieses Schwein“, “erbärmlicher Sack“, Dreckschwein, Ratte, Kinderficker, “möge ihm der Dödel abfaulen“…), einige aber auch über die Edathy-Kommentierer (“Volksseele kocht” und mit welchem Recht etwa Til Schweiger eine Meinung zu dem Thema habe). Natürlich sind da jetzt auch die mahend-staatstragenden Journalisten: alles habe seine rechtmäßige Ordnung, die Einstellung nach § 153a StPO sei nichts Besonders, kein “Promi-Bonus”. Doch das Gros der Leute schäumt eben.

Und warum? Weil die journalistische Berichterstattung von Anfang an Edathy verurteilt hat, indem sie – ohne weitere Erklärungen, ohne Belege – von “Kinderpornografie” spricht. Das regt die Fantasie an und – um im Tenor der Facebook-Community zu sprechen – vor dem Ergebnis muss sich ekeln, wer nicht als strafbar pervers gelten will. Da ist es natürlich ein Schock, wenn ein Gericht einfach das Verfahren einstellt, sagt: alles nicht sehr bedeutsam.

Die derzeitige öffentliche Empörung über die Einstellung des Strafverfahrens gegen Edathy liegt schlicht und ergreifend in der über ein Jahr lang praktizierten Desinformation. Mit zwei simplen, stets zu fordernden Maßnahmen wäre dem jederzeit zu begegnen gewesen:
a) Ersetze willkürlich definierte Schlagworte durch klare, möglichst wertungsfreie Beschreibungen. Schreibe statt “Kinderpornographie”, was zu sehen ist auf den Fotos und Videos, die so pervers sein sollen, dass sich sogar der sonst analytisch scharfe Volker Pispers völlig vergaloppiert und von “seltsamen Neigungen” und “abscheulichen” Taten spricht.
b) Zeige, worüber du dir als Journalist eine Meinung gebildet hast, damit sie nachvollziehbar und der eigenen Meinunbsbildung nützlich wird.
Das ist nicht geschehen. Derzeit dürfte jede Abbildung eines nackten Minderjährigen als “Kinderpornografie” (§ 184c StGB) gelten, weil als “unnatürlich geschlechtsbetonte Körperhaltung” vielen alles gilt, was die primären Geschlechtsmerkmale überhaupt sichtbar werden lässt – und da sind wir längst nicht mehr beim Schutz von Minderhährigen vor sexueller Ausbeutung und Missbrauch, sondern in einer geisteskranken Welt, die spielerischen Mord und Totschlag schon zum Frühstück für Ausdruck von Liberalität hält, mit dem Erscheinungsbild unverletzter Menschen aber sehr schnell an ihre nervlichen Grenzen stößt – und in der sexuelle Handlungen zwischen Jugendlichen nicht einmal mehr in einem Roman beschrieben werden dürfen. (Die neue Pönalisierung von “Jugendpornografie” hatte die Medien seinerzeit äußerst wenig interessiert, wie wohl es gut begründete Warnungen gab.)

Es sollte den mit der Edathy-Berichterstattung befassten Journalisten peinlich sein, dass ihnen nun, hernach, Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof (2. Strafsenat), erklären muss, was sie seit einem Jahr nicht verstanden haben*) – und das auch noch in selten zu lesender Positionierungsfreude (“Vielleicht sollten diejenigen, die ihn [Sebastian Edath] gar nicht schnell genug in die Hölle schicken wollen, vorerst einmal die eigenen Wichsvorlagen zur Begutachtung an die Presse übersenden.”]

*)= “Er hat, nach allem, was wir wissen, nichts Verbotenes getan.” (Zeit.de)

Siehe zum Thema auch: “Edathy soll brennen” (Heinrich Schmitz, Strafverteidiger, in The European)
Siehe auch unseren nächsten Eintrag zur LKW-Werbung mit Kritik am Edathy-Prozess.
10. März: Fischer hat sich erneut geäußert. Der letzte Absatz seiner unnötig lang geratenen Kritik ist etwas bizarr:

Wäre ich Inquisitor auf der Suche nach dem nächsten vom Teufel der Wollust Besessenen – ich wüsste, bei wem ich mit der Folter anfinge: bei denen, die am lautesten über Edathys “Buben” und die süßen 14-Jährigen wehklagen.

Aber ansonsten begründet er nochmal deutlich, dass die Einstellung des Verfahrens gegen Edathy mit einer Geldauflage völlig normal ist – und derzeit nichts die Annahme rechtfertig, hier sei Recht gebeugt worden und ein Verbrecher habe sich von seiner gerechten Strafe freikaufen können. Der medienkritische Aspekt kommt bei Fischer aber etwas kurz. Schließlich wird gebetsmühlenartig behauptet, eine freie Presse sei unverzichtbar für eine Demokratie. Doch was folgt daraus, wenn eine freie Presse es offenbar nicht schafft, halbwegs vernünftig über ein Strafverfahren zu berichten, wenn sich also offenbar hunderttausende oder gar Millionen über eine korrpute, unfähige Justiz erregen – obwohl im konkreten Fall dafür jeder Anhaltspunkt fehlt?

Nachtrag 15. März:

“Nimmt man die Unschuldsvermutung als Recht »für« einen Menschen Ernst, muss dies bedeuten, dass eine wegen einer Straftat angeklagte Person zwar während des Strafverfahrens mit einem Tatverdacht belastet werden kann, soll dieser doch gerade in jenem Verfahren aufgeklärt werden. Nach Ende des Strafverfahrens endet für ihn aber jene Möglichkeit der Verdachtsaufklärung, so dass aus dem »ehemals Verdächtigen« nicht – und zwar auch nicht in Einstellungs- und Kostenentscheidungen mehr oder weniger versteckt – ein »weiterhin Verdächtiger« gemacht werden darf, sondern dieser vielmehr von der Last eines Zweifel an seiner Unschuld durchscheinenden Tatverdachts zu befreien ist.” (Prof. Dr. Daniela Demko (LLM), Luzern: Zur Unschuldsvermutung nach Art. 6 Abs. 2 EMRK bei Einstellung des Strafverfahrens und damit verknüpften Nebenfolgen)

 

Popeljournalismus

09. Februar 2015

Oh Himmel, wie unglaublich sensibel deutsche Journalisten doch sind. Da hat der Papst bei seiner Generalaudienz am Mittwoch eine Anekdote berichtet und wohlwollend kommentiert – und halb Deutschland steht auf den Tischen und ruft “unerhört!” Denn der Journalismus hat einen “Prügelpapst” entdeckt und geoutet. (Korrekter müsste es wohl “Prügelfanpapst” heißen, aber darauf kommt es ja nicht an.)

n-tv:
wuerdevolles-pruegeln-n-tv

focus:
schlagen-ist-in-ordnung-focus

Stuttgarter Nachrichten:
wurdevoll-schlagen-stuttgart

Die unglaublichen Worte des Papstes lassen sich bei Radio Vatican so nachlesen:

„Ein guter Vater versteht es zu warten und zu vergeben, aus der Tiefe seines Herzens. Natürlich weiß er aber auch mit Entschlossenheit zu korrigieren: er ist kein schwacher, nachgiebiger, sentimentaler Vater. Der Vater, der es versteht zu korrigieren, ohne zu erniedrigen, ist derselbe, der Schutz gebietet, ohne sich zu schonen. [In freier Rede fährt der Papst fort:] Einmal habe ich in einer Versammlung mit Ehepaaren einen Vater sagen hören: „Hin und wieder muss ich meine Kinder ein wenig schlagen, aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu erniedrigen.“ Wie schön! Er hat Sinn für die Würde. Er muss strafen, aber er tut es gerecht, und geht voran.“

Bei allem Recht auf journalistische Konstruktion von Wirklichkeit: Mit wie viel Unverstand und mit wie viel Hochmut muss man ausgestattet sein, um aus diesen Worten einen Eklat zu konstruieren?

Allein schon der Mut, überhaupt einen kurze Redesequenz zum Anlass für Berichterstattung und harsche Kommentare zu nehmen, ist – trotz der guten deutschen Übung – stets wieder erstaunlich. Wie selbstgerecht muss man sein, wenn man sich anmaßt, aus einem solch winzigen Fragment die Haltung eines lebenserfahrenen und wohl unbestreitbar gebildeten Menschen herauszulesen und darüber gleich selbst noch zu Gericht zu sitzen?

Was steht in den Papstworten, vielleicht ausnahmsweise nüchtern betrachtet, ideologiefrei? Franziskus gibt wieder, was ihm mal bei entsprechender Gelegenheit irgendein Vater aus dessen Erziehungsalltag erzählt hat. Irgendeiner, irgendwann. Es sagt nicht: “Täglich erzählen mir Eltern….”, sondern “Einmal habe ich (…) einen Vater sagen hören”.

Und die simple Kommentierung des Papstes zu der Aussage des anonymen Vaters: “Wie schön! Er hat Sinn für die Würde. Er muss strafen, aber er tut es gerecht, und geht voran.”

Wo ist hier die Rede von Prügel? Wo von einem Recht auf körperliches Strafen oder Erziehen? Wo die Empfehlung, es so zu tun?

Und wenn sich hier ein “Prügelpapst” geoutet hätte: gab es einen Aufschrei derer, zu denen er gesprochen hatte (und für ausschließlich die seine Worte gedacht waren)? Haben die aufmerksame Wortpaparazzi keinen weiteren Papstkrumen gefunden, der sich zu einem Empörungskuchen aufblasen ließe?

Wenn das, was angebliche Nachrichtenmedien in Deutschland über die letzte Generalaudienz des Papstes schwadroniert haben, noch Journalismus sein soll – was ist dann in Abgrenzung dazu Klatsch, Tratsch und Trash?

- Wo ist der Nachrichtenwert?
Er liegt ja ganz offenbar nicht im Zitat selbst, sonst hätte dieses in allen Medien zu kolportieren genügt. Der Nachrichtenwert liegt ausschließlich in der journalistischen Empörung.

- Wo ist der Maßstab, die Relation?
Ein – launig dahergesagter – Satz soll für eine komplette Haltung stehen, und zwar am besten nicht nur der sprechenden Person, sondern einer gesamten Institution? Was sagt der Papst sonst zur Kindererziehung? Mit welchem Recht soll dieser eine Papstaussage für die ausgelöste “Empörungswelle” stehen?

- Wo ist der eingeforderte Respekt?
Natürlich, liebe berufsatheistische Kollegen, dürfen Sie auch mit dem Papst so hart umspringen wie es Ihnen beliebt. Aber beim Objekt seiner Berichterstattung einen Mangel an Respekt zu konstruieren und diesen mit größtmöglicher Respektlosigkeit pazifistisch zu geißeln kratzt doch ein wenig an der ehemaligen journalistischen Qualitätskategorie “Glaubwürdigkeit”.

“Die Mär vom Heiligen Opi” betitelt Christiane Florin auf Zeit.de ihre Empörung – und stöhnt: “Mein Gott, Franz” (um schließlich die Bedeutungslosigkeit der ganzen Aufregung und demnach auch ihres Geschreibsels mit der Erkenntnis zu krönen: “Die Haudraufrate in katholischen Haushalten wird aber trotz des päpstlichen Segens nun gewiss nicht steigen. Ihren Päpsten gehorchen Katholiken nämlich schon lange nicht mehr.”)

Dieser Popeljournalismus, der aus einem winzigen Fragment einen Eklat konstruiert, um sich daran tagelang zu laben, ist natürlich kein neues Geschäftsmodell. Schon vor Social Media und Internet überhaupt haben Politikjournalisten gerne aufs Denken verzichtet (persönliches Erweckungsdatum: 10. November 1988). Inzwischen lässt sich allerdings mit den Popeln mehr machen: sie lassen sich digital vervielfältigen und beliebig weit schießen. Als Material sind dafür weder Wissen noch Bildung nötig. 140 Zeichen Info sind schon hinreichend Zumutung fürs eigene Weltbild.

Der Überbringer einer schlechten Nachricht ist für diese nicht verantwortlich, das stimmt. Aber ihr Erfinder vielleicht doch.

Mythos Ausgewogenheit

19. Januar 2015

Wie schwer das mit der Meinungsäußerungsfreiheit ist, machen erfreulich viele Kommentatoren deutlich: mit ein bisschen “Je suis Charlie” ist es eben nicht getan. Eine Meinung ist nur dann frei, wenn auch jede denkbare Gegenposition geäußert werden kann. Und das ist, wie u.a. Bettina Gaus in der taz schreibt, alles andere als selbstverständlich, sondern “ein Recht, das ständig neu erkämpft werden muss”.

Wenn etwa Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, erklärt: “Diese Pegida-Demonstration ist widerlich. Aber natürlich haben unsere Behörden dafür zu sorgen, dass auch diese widerlichen Meinungsäußerungen möglich sind“ – dann sollte man ihn fragen, wie er auf PEGIDA-Plakate mit der Aufschrift “Grüne sind widerlich” reagieren würde. Ob da vielleicht schon wieder ein Angriff auf die Demokratie vorläge? Weiterlesen »

Was darf die Satire? Falsche Frage

17. Januar 2015

Wenn halb Deutschland auf dem Sofa sitzt und übel nimmt, dann hat das nicht die Satire zu verantworten. Es ist die Sache jedes einzelnen Sofasitzers. Soviel emotionale Autonomie sollten wir uns schon attestieren.

Seit dem Attentat auf Mitarbeiter der französischen Satirezeitung “Charlie Hebdo” am 7. Januar 2015 wird die Kanäle rauf und runter wieder diskutiert, was “die Satire” darf. Es wird überlegt, wie viel Verletzung Menschen um der Meinungsäußerungsfreiheit willen aushalten müssen, wo gesetzliche und wo moralische Grenzen des Zumutbaren liegen.

Dabei ist dieser Blickwinkel grundlegend falsch. Er unterstellt, der Schöpfer einer Satire sei dafür verantwortlich, was sein Werk bei beliebigen Rezipienten an Gefühlen auslöst. Aber das ist grotesk – und eine Entmündigung des Publikums zu Reaktionsrobotern. (Weiter auf freitag.de)

Zur Berichterstattung um das Attentat auf Charlie Hebdo

10. Januar 2015

Anmerkungen zur medialen Aufarbeitung: Ihr seid mitnichten Charlie (Tg)
Pro Meinungsvielfalt und gegen Sprachkodices: “I am not Charlie Hebdo” (David Brooks, NYT)
Ebenfalls: “Nein, wir sind nicht ‘Charlie Hebdo’… (Cas Mudde; Original)

Satire dazu: “Polizei geht mit Atomraketen gegen islamistische Terroristen vor” (Helgoländer Vorbote, Archiv)

Energiemix beim Spiegel

07. Dezember 2014

Der SPIEGEL lässt sich von der Firma DONG Energy sponsern, die unter anderem Windparks betreibt, und macht gleichzeitig das gesetzlich verordnete Energiesparen als “Volkdsverdämmung” zum Titel-Thema. Das findet Volker Lilienthal gar nicht in Ordnung – der ausgerechnet die Rudfolf-Augstein-Stifungsprofessur inne hat. Mehr bei Cicero.

Nuhr irrelevant

29. Oktober 2014

Soll das die Qualität namhafter Zeitungen in Deutschland sein – wenigstens im Netz, konkret bei Facebook?
Dass jede Anmoderation in der Frage mündet “Was meint ihr dazu?”, weil sich das ein Communitymanager mal so ausgedacht hat – geschenkt, auch wenn darin schon ein massives Problem steckt: denn zum einen spricht die Frage dafür, dass sich die Redaktion selbst nicht viel Orientierungsleistung zutraut, zum anderen werden die vielen Leserkommentare kaum irgendwo ausgewertet, bearbeitet, genutzt.
Schlimmer ist allerdings, was man als Themen geboten bekommt. Ich nutzte Facebook überwiegend als Nachrichtenfeed. Doch die Erwartung, wenigstens die “Qualitätspresse” gebe Relevantes von sich, wird täglich enttäuscht. Gestern Vormittag hielten SZ und FAZ z.B. Folgendes für Weltnachrichten:

faz-geisterstadt

Brauchen Sie noch ein Weihnachtsgeschenk? Wie wäre es mit einer amerikanischen Geisterstadt? Passend zu Halloween kommt Johnsonville unter den Hammer. (FAZ)

Nach einer Pressekonferenz in Leeds wird der britische Premierminister David Cameron von einem Jogger fast über den Haufen gerannt. Der Mann wird sofort festgenommen, nach 15 Minuten jedoch ohne Anklage wieder freigelassen. (Süddeutsche Zeitung)

sz-polizistenmoerder

James Tully trägt Warnweste und Ausweis um den Hals. Sein Problem: Er sieht einem flüchtigen Polizistenmörder ähnlich und wird andauernd kontrolliert. Nun bekommt er deshalb sogar ein Auto geschenkt. (Süddeutsche Zeitung)

Liebe werdende Väter, bei der Geburt geht es nicht um Euch. Es geht um Eure Frauen und um Eure Kinder.
Also überlasst alle Dämlichkeiten bitte Robbie Williams.  (Süddeutsche Zeitung)

faz-laufband

Geht das ein bisschen schneller da vorn? Im spanischen Gijon wird ein neues Laufband getestet, das die Fluggäste deutlich flotter zum Gate befördern soll. (FAZ.NET – Frankfurter Allgemeine Zeitung)

 

Wer mich mit solchem Pipifaxkram behelligt wird doch nicht ernsthaft erwarten, dass ich ihm Nachrichtenkompetenz zuspreche? Es ist einerseits der Diebstahl von Aufmerksamkeit, von Zeit, ja auch von Nerven, und es ist andererseits die Nivellierung der Themen: im Prinzip kann man heute über alles berichten, auch über den sprichwörtlichen Sack Reis, es braucht nur einen kleinen unterhaltsamen Dreh.

Qualität von Medien kann man nicht an Einzelbeiträgen messen, sondern nur in der Summe des Veröffentlichten. Wer nicht die Kompetenz hat, mich mit Irrelevantem zu verschonen, kann zwangsläufig auch keine Kompetenz haben, Relevantes angemessen aufzubereiten, in der nötigen Tiefe zu bearbeiten.

Am Sonntag habe ich noch kurz überlegt, ob ich etwas zur Irrelevanz der Nuhr-Berichterstattung schreiben sollte. Allerdings war sie mir da nur in den üblichen Zirkeln aufgefallen. Am nächsten Tag hatte sich die Frage längst erübrigt. Wer sich für intellektuell hält, wurde in aller Erlauchtheit mit tiefschürfenden Qualitäts-Kommentaren versorgt, Heribert Prantl erläuterte zur Abwechslung mal wieder das deutsche Strafrecht (und wo “es” einen Fehler gemacht hat) – die ganze Maschinerie lief auf Hochtouren, so dass auch LeFloid mit seinem üblichen Unverstand das Thema aufgriff und so immerhin dafür sorgte, dass “Zeitungsleser” und Youtube-Gucker wieder auf einem “Informationsniveau” angekommen sind. Vater und Sohn könnten diskutieren – wenn es etwas zu diskutieren gäbe.

lefloid-nuhr

Ich versuche seit Jahren empirisch zu ermitteln, was Nachrichtenmacher für relevant halten. Es lässt sich bislang nicht konkreter fassen, als dass relevant ist,  was Journalisten für relevant halten. (Und die halten für relevant, was andere für relevant halten…)
Nach welchem Maßstab sonst sollte es eine Meldung wert gewesen sein, dass ein bis dahin völlig unbekannter “Hassprediger” den Kabarettisten Dieter Nuhr angezeigt hat?

Eine Anzeige an sich ist niemals ein journalistisches Thema, sie ist niemals ein Relevanzkriterium! Weil sie nichts anderes als eine Meinungsäußerung darstellt, die – entsprechend lanciert – auf besondere Publicity hofft. Damit haben wir mal wieder eine nicht nur völlig überflüssige, sondern auch völlig chaotische Diskussion bekommen über Religions- und Meinungsfreiheit, Islam und Christentum, und spätestens als sich die ersten Politiker zu Wort meldeten war klar: es gibt wie immer eine Kakophonie, sonst nichts.

Das einzige, was anspruchsvoller Journalismus hier hätte leisten können, wäre professionelles Ignorieren gewesen. Aber Prantl und LeFloid wollen beide – genau wie die Facebook-Seiten von Süddeutscher und FAZ – schlicht Aufmerksamkeit für sich. Da muss die Aufklärung schon mal über die Wupper.

(Timo Rieg)

PS: Mehr zu “Nuhr”

Los gings im Lokalteil der Neuen Osnabrücker Zeitung (1, 2). Obwohl Nuhr sich zunächst von dort beschossen sah, sollte er sich großzügig bedanken für diesen gigantischen PR-Support der Lokalhelden.

# stern.de kocht mal wieder auf, dass auch christliche Kirchen gerne gegen Satire klagen. Und gleich im ersten Satz der Ausweis präziser Sachkenntnis: “Die Klage eines Osnabrücker Muslims gegen den Kabarettisten Dieter Nuhr sorgt bundesweit für Empörung.” Es gibt keine Klage, und für die Empörung hat die mediale Aufbereitung gesorgt. Ansonsten wäre die Anzeige geblieben, was sie ist: eine Verwaltungsroutine.

# Die Wiener Zeitung macht im Islam das letzte Tabu aus, auch der Berliner Tagesspiegel und viele andere sehen in Dieter Nuhr plötzlich den letzten aufrechten Kabarettisten (was ihnen vorher offenbar selbst gar nicht aufgefallen war, dazu brauchte es Erhat Toka).

# Einigermaßen hilfreich äußert sich Kerim Pamuk im Hamburger Abendblatt (sogar frei zugänglich!):

“Spräche man umgekehrt ständig von “dem Christentum” und würde sämtliche Gruppen von den Katholiken, Protestanten, Zeugen Jehovas bis zu den wiedergeborenen Christen in einen Topf werfen, würde auch dem Letzen klar werden, wie hirnrissig die gnadenlose Vereinfachung “DER Islam” ist. [...]
Nur weil ein empfindsamer Betonkopf einen Kabarettisten angezeigt hat, geht das Abendland nicht unter. [...]
Vor allem verhindert das Gekeife der Erregten einen echten Diskurs, der dringend nötig wäre. “

Hinweise

23. Oktober 2014

* “Katzen in den Kochtopf” ist eine schön provozierende Überschrift. Der Beitrag darunter ist allerdings argumentativ äußerst schwach. Und was die taz damit beitragen will, ist auch unklar – jedenfalls ist Heiko Wernings Text keine große Satire.

* Medienkritik der anderen Art: “Unwürdiger Blumensex auf Kosten der Steuerzahlerinnen” (HV)

Buchkultur

17. Oktober 2014

Interessanter Tonfall beim großen Barsortiment KNV: was wir mal bestellt haben, interessiert uns nicht mehr, wenn ihr es uns nicht auf eigene Kosten hinterhertragt…

KNV-Annahme-verweigert