Ösis weniger dumm als befürchtet

Als die „Financial Times Deutschland“ im Jahre 2002 eine Wahlempfehlung für die Union mit Kanzlerkandidat Edmund Stoiber druckte, war die Debatte groß und empört. 1300 Leserbriefe soll es dazu gegeben haben (deren veröffentlichte Auswahl nicht nur der Spiegel kritisierte).

14 Jahre später hat sich in Deutschland nicht die Wahlempfehlung durchgesetzt, sondern eine Wählerverachtung: wer nicht wählt, was der deutsche Journalismus für richtig hält, ist Hohn und Spott ausgesetzt. Rund um die Bundespräsidentenwahl in Österreich sind die journalistischen Meinungsverbreiter dabei zu neuer Hochform aufgelaufen.

Die „Leiterin Digitale Redaktion Berliner Zeitung und Berliner Kurier“ etwa gratuliert der knappen Mehrheit aktiver österreichischer Wähler auf Twitter:

Michaela Pfisterer hätte also auch etwas weniger an ihrer eigenen Recherche zweifelnd schreiben können: „48,3% der österreichischen Wähler_innen so dumm wie erwartet.“

Stern-Mann Andreas Petzold sieht Wahlen offenbar als gefährliches Glücksspiel und stellt erleichtert fest: gutgegangen.

Kein Glück hatten dann später die Italiener, für die Petzold auch noch auf Vernunft statt Dummheit gehofft hatte (es geht, das muss man offenbar verstehen, bei solchen Wahlen nicht darum, seinen ganz unbedeutenden Wunsch in die Waagschale zu werfen, wer künftig im eigenen Land eine wichtige Rolle spielen soll, es geht darum, sich korrekt deutsch zu verhalten – woran bekanntlich zunehmend selbst die Deutschen versagen – aber der Ruf nach einem „Wahlführerschein“ wird schon wieder kommen):

Die frühere Chefredakteurin der taz, heute Korrespondentin der „Deutschen Welle“, bedankt sich bei „Österreich“, es dem deutschen Journalismus recht gemacht zu haben:

Der nur halb für Sueddeutsche.de twitternde Stefan Plöchinger hat ein Fußballmatch oder einen Zwei-Fronten-Krieg beobachtet, den jedenfalls „dieses Österreich“ gewonnen hat.

Und so ging das munter den ganzen Wahlabend.

Bernd Ulrich, Die ZEIT:

Dominik Mai, Berliner Zeitung:

Martin Kaul, taz:

Sebastian Fischer, Spiegel-Online:

Thorsten Denkler, Süddeutsche Zeitung:

Hanna Herbst, stellvertretende Chefredakteurin „Vice Austria“

Was ist der Informationswert all dieser Gemütsbekundungen – die sich ja auch so in den Artikeln niederschlagen? Dienen sie irgendwie den Lesern/ Zuschauern/ Mediennutzern – oder sollen sie nur Fans sammeln, Applaus und wohlwollendes Kopfnicken wichtiger(er) Kollegen, denen zu gefallen Teil des Geschäfts ist?

Natürlich hat jeder Journalist zu allem Möglichen eine Meinung, und zu Themen, mit denen er sich beruflich beschäftigt vermutlich ganz besonders. Nur ist diese nackte Meinung reichlich egal – hilfreich könnte sie allenfalls in Form eines „disclosure“ sein: „Die Autorin dieses Textes ist FDP-Wählerin / Mitglied in der Bezirksvertretung für die GRÜNEN/ ehrenamtliche Funktionärin bei XY…“ Doch gerade solche formalen Offenlegungen sind in Deutschland unüblich. Stattdessen werden absolutistische Meinungen und Wertungen kund getan.

Dabei sollte man doch schon als freier Schülermitarbeiter bei der Lokalzeitung lernen, dass bloße Meinungen im Journalismus meist der Verzicht auf Information sind. „Die Band hat toll gespielt“, „Die Fotos in der Ausstellung sind grandios“, „Das Buch ist langweilig“, – solche Meinungen sagen nichts über das Berichterstattungsobjekt, sondern nur etwas über den Berichterstatter: wie es ihm gefallen hat. Damit kann man allenfalls im engeren Bekanntenkreis etwas anfangen, weil man die Äußerungen einordnen kann. („Steht mir das?“ fragt man ja auch nicht beliebige andere Kunden im Klamottenladen, sondern die bewusst ausgewählte Begleitung, deren Urteil man einzuschätzen vermag…)

Die Kunst jedes journalistischen Kommentars, jeder Rezension oder sonstigen journalistischen Bewertung liegt darin, seinen Kunden ein eigenes Urteil zu ermöglichen. Wer meint, es könne nur eines geben, der muss entsprechend nachvollziehbar und überzeugend argumentierten (und damit leben, dass es wohl immer Rezipienten gibt, die aus den vermittelten Fakten anderes folgern).

Um was ging es bei der österreichischen Bundespräsidentenwahl? Um Pannen, um Witzigkeiten und eine Entscheidung zwischen Vernunft und Rechtspopulismus. Und darum, dass die Wahl im Ergebnis vom deutschen Journalismus akzeptiert worden ist.

Vielen Dank für diese Information.

Gerannt werden (Korinthe 83)

Wer ausgezeichneten Lokaljournalismus erkennen und auszeichnen will, sollte möglicherweise mit dem Unterschied zwischen Aktiv und Passiv zurande kommen. Die Landesmedienanstalt NRW – eine Behörde, wie sie journalistischer nicht sein könnte – teilt über ihren Pressesprecher heute mit: „Fünf Beiträge noch im Rennen um den LfM-Stiftungspreis für Lokaljournalismus„.

rennen

Den Quatsch kennt man natürlich von jedem Wahlabend, an dem sich angeblich Parteien oder Kandidaten ein „Kopf an Kopf Rennen“ liefern. Aber weder die Kandidaten noch hier die eingereichten Reportagen rennen – sie können auf den Ausgang des „Verfahrens“ (im einen Fall die Auszählung von Wählerstimmen, im anderen Fall eine Jury-Entscheidung) keinerlei Einfluss mehr nehmen. Anstatt eines spannenden Rennens gibt es nur langweilige Wartezeit.

Neues aus dem Hühnerhaufen: Was ein Beschuldigter auf gar keinen Fall darf in einem Rechtsstaat

Wir haben in Deutschland keinen Mainstream-Journalismus? Angesichts der kollektiven Erregung über den Selbstmord von Jaber Albakr darf man das mal wieder bezweifeln. Unisono wird beklagt: „Wie konnte das passieren.“ Was unterstellt: soetwas darf nicht passieren. Ein Häftling darf sich nicht umbringen. Warum eigentlich? Könnte das mal jemand recherchieren? Und ansonsten neben der aktuellen Rechtslage auch die Logik bemühen? Mehr dazu im Beitrag „Suizid ist Menschenrecht„, mit einer kleinen Sammlung bemerkenswerter Kommentierungen dazu.

Profi-Tamtam um nichts

Man muss es wohl für folgerichtig halten, dass die Medien in ihrem Böhmermann-Zirkus jetzt nochmal Sondervorstellungen geben, bevor der Gaul dann doch totgeritten ist.

Die Staatsanwaltschaft Mainz stellt also die Ermittlungen gegen Jan Böhmermann ein, es wird keine Anklage geben.* Welche Sensation! Also für Journalisten, die ihren Kunden zuvor ausgemalt haben, der kindsköpfige Comedian könne bald für Jahre im Gefängnis verschwinden.

focus.de

focus.de

 

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bild.de

Den deutschen Journalismus kennzeichnet derzeit, dass er Recherche durch Gefühl ersetzt hat. Es sollte uns also nicht wundern, dass Journalisten, die es  im April für gut möglich hielten, Jan Böhmermann werde für seinen Scherz (oder seine Satire) mit Freiheitsentzug büßen müssen, die Einstellung des Ermittlungsverfahrens mit Unverständnis vermelden. Beispielhaft Chefchecker Lorenz Maroldt vom Tagesspiegel, der sich heute Morgen ob der staatsanwaltschaftlichen Einschätzung,

ein „ernstlicher Angriff auf den personalen oder sozialen Achtungs- und Geltungsanspruch“ Erdogans sei nicht zu belegen, die „absurde Anhäufung vollkommen übertriebener, abwegig anmutender Zuschreibungen negativ bewerteter Eigenschaften und Verhaltensweisen“ bleibe ohne Bezug zu den Tatsachen,

oral bepisst haben muss vor Lachen, was er denn auch seinem Publikum anriet:

(Regieanweisung: Publikum dreht sich prustend zur Seite und schaut sich auf dem Smartphone das vom ZDF aus der Mediathek genommene Original an.)

Was wissen diese Paragraphenreiter schon von der Welt? Haben die überhaupt gefühlte Meinungen, die sich tapfer gegen jeden Fakt behaupten können?

(Fred Steinhauer)

* Für die Hype-Verweigerer: Böhmermann hatte in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ am 31. März 2016 als Performance zum Unterschied zwischen Satire und Schmähkritik ein Gedicht namens „Schmähkritik“ über den türkischen Präsidenten Erdogan vorgetragen.Anlass war Erdogans Empörung über eine Satire der NDR-Sendung Extra3. Böhmermanns Sender ZDF hatte die Sendung aus der Mediathek gelöscht und damit wohl wesentlich zu deren Verbreitung beigetragen. Der Medienhype machte die kurze Nummer zu einer Staatsaffäre, in der sich selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Wort meldete – und diese bis heute vorgeworfen bekommt. Und das alles, weil kein Journalist fähige war kurz und bündig zu recherchieren, dass dies alles gar kein Thema ist, sondern nur Kerzennebel.

Checkpoint hat den Durchblick

Checkpoint hat den Durchblick

Updates und Ergänzungen zum Thema:

+ Jan Böhmermanns Statement vom 5. Oktober 2016 (Video)
+ Jan Böhmermann spricht darin selbst von einem Witz, nicht von Satire. Das war zu befürchten.

+ Michael Hanfeld, FAZ, gibt natürlich auch keine Ruhe. Schließlich hatte er  bereits am 1. April 2016 unter der Überschrift „Dümmer als das Presserecht erlaubt“ Böhmermann als „Deppen“ bezeichnet, der mit seinem Arsch irgendwie gute Satire kaputt macht, und geschlaumeiert: „Wer jemanden auf das Übelste verunglimpft, jemandem perverse Neigungen nachsagt, gar Verbrechen unterstellt, muss damit rechnen, dass er damit spätestens vor Gericht nicht mehr durchkommt.“
Nun konnte man mit etwas Medienrechtskenntnis erwarten, dass das Hamburger Landgericht zivilrechtlich einige Passagen verbieten würde (weil dort die Benimmkammer Deutschlands ansässig ist), strafrechtlich die Sache aber vollkommen irrelevant ist (andernfalls die Sorge um dieses Land wirklich groß werden müsste). Als nun Hanfeld und andere Feuilletonhygieniker mit ihren wohl recherchierten Fakten von der Justiz eine lange Nase gezeigt bekamen, fragt Hanfeld seine Leser, ob sich Jan Böhmermann „mit seinem Gedicht immer noch für den King of Kotelett der deutschen Satireszene“ halte und bäbäbät: „Die strafrechtliche Würdigung des Schmähgedichts hätte übrigens auch ganz anders ausfallen können.“ Was man so lesen darf: „Die Staatsanwaltschaft Mainz hat einfach keine Ahnung, warum lesen die nicht wenigstens Hanfelds komprimierte Weisheiten?“

+ Verständnisprobleme lässt schon erkennen, wer – gar wiederholt – von „Böhmermanns Schmähkritik“ oder „dem Schmähgedicht“ spricht. Es ist in diesem Fall keine Korinte gekackt, wenn mandie korrekte Bezeichnungen verlangt: die vorgetragenev Verse trugen den Titel „Schmähkritik“, eine solche liegt aber in der Gesamtperformance (und nur um die kann es gehen) gerade nicht vor. Wie schon einmal erläutert: Wenn ein Schauspieler auf der Bühne oder im Fernsehen sagt: „Fick dich, du Hurensohn“, dann ist das auch keine Beleidigung. (Tatort-Tote sind übrigens meist auch nicht wirklich tot.)

 

„Burka-Verbot“ im Journalismus – ein Qualitäts-Check

Es sind nun schon zwei Wochen, die uns der deutsche Journalismus mit dem Thema „Burkaverbot“ penetriert. Natürlich wird jeder Redakteur, jede Freie weit von sich weisen, Rädchen in der PR-Maschinerie der Berufspolitiker und anderer von öffentlicher Aufmerksamkeit lebender Institutionen (wie der Polizistenlobby) zu sein und sich stattdessen als Aufklärer*in sehen. Wagen wir einen Qualitätscheck mit drei einfachen Fragen, zu deren Beantwortung ein jeder das Medium seiner Wahl heranziehen darf.

1. Ist das Thema relevant?
An manchen Tagen passiert doch mehr auf der Welt, als in eine Zeitung, eine Radiosendung oder auf eine Website passt. An diesen Problemtagen stehen Redakteure vor der schwierigen Frage, welche Themen sie bearbeiten sollen und welche sie (vorläufig) ignorieren können (zur Beruhigung: die Welt dreht sich dann meist unabhängig von der Entscheidung weiter).
Um die Relevanz eines Themas zu prüfen, kann man schauen, ob es die Kundschaft (Leser, Hörer, Zuschauer) irgendwie betrifft, ob (weitere) Informationen zu dem Thema für sie nützlich sein können. Das muss nicht zwingend mit dem Interesse der Kunden übereinstimmen (das Interesse an positiven Medizinbefunden ist bei vielen Menschen z.B. gering entwickelt, trotzdem die Information ihrer Gesundheit dienlich sein könnte) – aber die Relevanz sollte objektiv messbar sein (und nicht nur im Hirn des Redakteurs gründen).

Wie relevant ist also die Debatte um ein „Burka-Verbot“? Ist daran irgendetwas neu (und wenn ja: was, wieso)? Betrifft es die Journalismuskunden (als Burkaträgerinnen, Verwandte von Burkaträgerinnen, als Nachbarn, als Burkawaschsalonmitarbeiterin, als potentielle Opfer von Selbstmordburkaträgerinnen …)? Ist die Debatte so relevant, dass man dazu eine Meldung machen muss, dass man ein Investigativteam mit Recherchen beauftragt, dass man einen Live-Ticker einrichtet und den journalistischen Notstand ausruft? Bitte prüfen Sie selbst.

Ist ein Thema nicht relevant und wird dennoch journalistisch bearbeitet, handelt es sich übrigens um Unterhaltung – und damit lustigerweise gerade nicht mehr um Journalismus. Ist aber natürlich auch wichtig.

2. Wird das Thema vollständig bearbeitet?
Es gibt Dinge, die funktionieren nur ganz oder gar nicht – da gibt es keine halben Sachen. Man mag ein halbes Automobil fahren können (im Volksmund „Motorrad“ genannt) oder drei Viertel seiner Steurschuld zahlen, die meisten Diebe klauen nur ein bisschen (und bezahlen andere Dinge ganz regulär) – aber unvollständige Informationen sind gar keine Informationen. Dass der Bundeskanzler Opfer eines Attentats wurde, ist ohne den kleinen Zusatz „im Film Rogue Nation“ keine Information, und selbst BILD informiert über den mit 30 cm Dicke mächtigsten Penis nicht ohne den Zusatz, dass er einem Blauwal gehört.
Dass irgendwer ein „Burkaverbot“ fordert, ist daher noch gar keine Information, sondern Rauschen. Auch wenn die Forderung von einem Medien-Promi ausgestoßen wurde, macht sie das noch nicht zu einer Nachricht. Wenn sich ein Journalist für diesen Ausstoß interessieren sollte, müsste beginnen, was man früher einmal Arbeit nannte, in der konkreten Zunft „Recherche“: Fragen stellen und richtige (!) Antworten darauf suchen. Was ist der Anlass für die Forderung? Gab es das nicht schon einmal, wie wurde das damals diskutiert? Welches Ziel wird (vorgeblich) verfolgt – und ist der Vorschlag ein geeigneter Weg dahin? Was sind Alternativen? Welche Interessen stecken dahinter? Was würde die Umsetzung konkret bedeuten? Welche weiteren Forderungen könnte dies nach sich ziehen? Wie sehen Sanktionsmöglichkeiten aus?
Vollständig bearbeitet ist das Thema nicht dann, wenn jeder etwas dazu gesagt hat und damit publiziert wurde, sondern wenn alle für eine Entscheidung relevanten Fragen (richtig) beantwortet sind. Im Falle Burkaverbot sollte sich das – positive Relevanzprüfung im ersten Schritt vorausgesetzt – in einem einzigen, gut recherchierten Beitrag machen lassen (allerdings fehlt bislang ein empirischer Beleg).

3. Werden Eigeninteressen der Medien benannt?
Insbesondere die kompakte, vollständige Themendarbietung ist im Journalismus selten. Das Burkaverbot läuft eben schon seit gut zwei Wochen in den Medien, ohne dass dabei irgendeine neue Frage geklärt wird, die nicht bereits am ersten Tag der Thematisierung im Raum stand. Da Medien mit ihrem Häppchenjournalismus Aufmerksamkeit resorbieren und zwangsläufig andere Themen aus der Berichterstattung verdrängen, ist die häufig vernehmbare Belehrung, man könne ja wegschalten/ -klicken/ umblättern, Kokolores. Nicht nur beim Wetterbericht und Verkehrsfunk wünschen sich die meisten Kunden eine aktuelle, vollständige und relevante Unterrichtung – keine Wiederholung, keine halben Sachen (weil die Nichtmeldung einer Autobahn-Vollsperrung darüber informiert, dass dort nichts Ungewöhnliches vorliegt). Wenn das Redaktionen nicht schaffen oder nicht wollen, sollten sie deutlich darauf hinweisen: „Die Innenminister der Union werden in wenigen Tagen eine ‚Berliner Erklärung‘ vorlegen und darin u.a. ein Burkaverbot fordern. Da wir im Moment nur zwei Praktikanten haben, die auch noch andere Dinge zu tun haben, beabsichtigen wir nicht das Thema zu recherchieren; stattdessen werden wir Ihnen täglich eine Zusammenfassung von Pressemitteilungen der politischen Akteure zusammenstellen.“ Oder auch: „Einige Politiker fordern, das Tragen einer Vollverschleierung in der Öffentlichkeit zu verbieten. Da wir die Dinger auch hässlich finden, werden wir entsprechende Forderungen in den nächsten Wochen, Monaten und ggf. Jahren publizieren, bis die letzte Burka vom preußischen Bürgersteig verschwunden ist.“
Oder: „Wegen des laufenden Wahlkampfs vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses am 18. September 2016 werden wir das Thema Burkaverbot nicht journalistisch bearbeiten, damit sich die Kandidatinnen und Kandidaten den Wählerinnen und Wählern möglichst ungeküsst von Sinn und Verstand präsentieren können.“
Dann müsste man als Rezipient nicht täglich, gar stündlich neu die Hoffnung bemühen, nun sei endlich der journalistische Durchbruch geklückt und irgendein Reporter habe das Thema verstanden.

Damit Sie mit dieser Anleitung möglichst gut klar kommen, hier in aller Kürze ein Anwendungsbeispiel:

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1. Frage: Ist das Thema relevant?
– Ja, nachdem die Medien es selbst gesetzt haben.
– Nein, weil die Fragestellung unzulässig ist*. (Aber das könnte zur Not im Bericht selbst noch erläutert werden.)

2. Frage: Ist das Thema vollständig dargestellt?
– Sind alle wesentlichen Fakten benannt? Nein (alle Grunddaten zur Befragung fehlen, u.a. die „Grundgesamtheit“ – nur wahlberechtigte Deutsche -, Stichprobengröße und die exakte Fragestellung bzw. die Antwortmöglichkeiten)
– Sind die Angaben richtig? Nein, sowohl die Überschrift als auch die Zusammenfassung „das Tragen von Burka oder Nikab zumindest in Teilen der Öffentlichkeit zu untersagen“ sind falsch.
– Gibt es eine Einordnung (Kontext, Rechtslage, Ergebnisse der bisherigen intensiven Diskussion)? Nein.

3. Frage (Bonus): Benennt spiegel.de sein Eigeninteresse am „Agenda Setting„?

* = Natürlich kann man alles fragen – nur sinnvoll ist das Meiste dann nicht. Vermutlich tausende Online-Leser haben darauf hingewiesen, wie willkürlich die Idee eines Burkaverbots ist (und für bestimmte „Teilbereiche“ des öffentlichen Lebens sind Klamottenfragen längst unabhängig von der Verschleierung geklärt). Da Beispiele wie Tennissockenverbote die Unzulässigkeit der Fragestellung offenbar nicht jedem zeigen, ein anderes: „Sollten Bankräuber auf frischer Tat erschossen werden?“ Das kann man fragen, aber man sollte dazu sagen, dass es natürlich rechtlich nicht möglich ist und zur Legalisierung der Rechtsstaat komplett aufgehoben werden müsste (Einführung der Todesstrafe wäre noch möglich, aber Urteilsvollstreckung vor der Verhandlung eher nicht). Daher sind solche Fragen journalistisch unzulässig – weil sie nicht auf Fakten, sondern Fiktionen zielen.

Buchbesprechungen erfordern Fachkenntnis

Spiegel-Interview-Reybrouck

SPIEGEL-Teaser

Ist es schon eine journalistische Leistung, den Inhalt eines (quergelesenen) Buches kurz zu referieren und dem Werk noch eine Schulnote zu verpassen? Zumindest letzteres, die persönliche Bewertung, ist nutzlos, wenn der Rezensent den Weg zu seiner Meinungsbildung nicht nachvollziehbar macht. Dazu dürfte in der Regel auch gehören, das „Marktumfeld“ des besprochenen Buches zu kennen und zu würdigen.

Mit offenbar großem PR-Aufwand ist es dem deutschen Wallstein Verlag gelungen, das bei ihm aus dem Niederländischen übersetzt erschienenen Buch „Gegen Wahlen – Warum Abstimmen nicht demokratisch ist“ von David Van Reybrouck in den Medien zu lancieren. Noch vor dem Erscheinungstag brachte der SPIEGEL ein vierseitiges Interview mit dem Autor, zahlreiche Besprechungen gingen damit einher (u.a. im Deutschlandradio, der Welt, der Süddeutschen Zeitung, dem Tagesspiegel).
Allen journalistischen Beiträgen zu Van Reybroucks Buch ist gemein, dass sie kein Wort über das „Marktumfeld“ verlieren, sprich: die schon lange laufende Fachdebatte um „aleatorische Demokratie“. Das mag man jemandem, der selbst seit zehn Jahren zu genau diesem Thema arbeitet und publiziert, als Erfolgsneid auslegen. Andererseits kann sachliche Mängel eigentlich nur erkennen, wer das Feld zumindest gut beobachtet – wenn nicht gar selbst bestellt.

Alle Rezensenten habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass Van Reybrouck zwar ein tolles Buch geschrieben hat, dass seine Idee der Auslosung statt Wahl aber nicht ganz neu ist. Nur ein(e) Autor(in) hat darauf reagiert – und schrieb mir:  Weiterlesen

Lebenspflicht-Journalismus

Was soll eigentlich Journalismus? Viele medienkritische Beiträge vermitteln nicht, dass diese Frage geklärt wäre. Es gibt sicher hunderte Definitionen, die sich in Nuancen unterscheiden oder schlicht in der (systemtheoretischen) Wortakrobatik, doch die grobe Zielrichtung ist dabei unstrittig: Journalismus bearbeitet gesellschaftlich relevante Themen, um Informationen bereitzustellen, die der Meinungsbildung dienen. Kurz gesagt geht es um Aufklärung, weil nur der aufgeklärte Mensch frei entscheiden kann.
Journalismus ist jedenfalls sicherlich nicht Volkserziehung. Journalismus ist nicht Mission. Journalismus ist nicht Kampagne.

Einige Jahre lang wurde als Leitmotiv des Journalismus ein fälschlich Hanns Joachim Friedrichs zugeschriebener Satz gehandelt: Ein seriöser Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten Sache.

Derzeit habe ich oft den Eindruck, dass es gar keinen Journalismus mehr ohne klares Bekenntnis zu einer vermeintlich guten Sache gibt: Man macht sich gemein mit der Bundesregierung, mit einer bestimmten Politik, mit der Bundeswehr, mit Staatsanwaltschaften, mit Demonstrationen, mit Tortenwerfern.  Weiterlesen

Keine Pflicht zur Erstattung einer Strafanzeige (Korinthe 82)

Vermutlich ist es nur unsere – schon lange brach liegende, nur selten erwachende – Korinthenkackerei, wenn wir über einen lapidaren Satz im Spiegel Morning-Briefing stolpern, aber weil wir so oft ähnliches lesen, hören, „vernehmen“, sei es doch kritisiert. Der Satz lautet:

Gegen den 16-Jährigen werde wegen Nichtanzeigens einer Straftat ermittelt, hieß es.<<

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Zu ergänzen ist nur ein Partizip: „geplant“, also „wegen Nichtanzeigens einer geplanten Straftat“.

Der Unterschied?

Ausgeführte, begangene Straftaten müssen in Deutschland glücklicherweise bisher nicht angezeigt werden – der Blockwart ist noch nicht institutionalisiert! Nur bestimmte, schwere geplante Straftaten müssen angezeigt werden, wenn dadurch „die Ausführung oder der Erfolg noch abgewendet werden kann„. Es geht also um Prävention, nicht um Bestrafung. Sicherlich war dies im Spiegel-Briefing gemeint – nur leider wurde es nicht gesagt. Ob die Strafbestimmung auf den 16-Jährigen zutrifft, ist nämlich eine ganz andere Sache. Die Nicht-Anzeige einer begangenen Straftat ist keine „Strafvereitelung„.

 

Spinner sind keine Nachricht

Spiegel-Frage-Sicherheit-in-ZuegenWenn Journalismus wirklich eine Orientierungsleistung erbringen würde, dann würden seine Werktätigen nicht ein ums andere Mal die gleichen Fragen stellen und immer neu nach verkäuflichen Antworten suchen. Spiegel.de meint:

Der Angriff auf mehrere Fahrgäste in einem Regionalzug bei Würzburg wirft erneut die Frage nach der Sicherheit in Zügen und Bahnhöfen auf.

Nein! Diese Frage stellt sich nicht. Jedenfalls stellt sie sich niemand, der wenigstens ab und an mit der Bahn fährt und daher den Betrieb kennt. Es ist völlig absurd, hier über Sicherheitskontrollen wie am Flughafen zu schwadronieren (das ist ähnlich sinnvoll wie die Forderung einer Gurtpflicht, die nach jedem kleinen Bahnunfall von irgendeinem Provinzpolitiker erhoben wird). Aber man kann damit natürlich Seiten und Minuten füllen, Menschen zum Reden bringen, unsinnige Diskussionen führen…

Und wenn doch ein weiser Verkehrsjournalist meint, das Thema sei unumgänglich und da ließe sich mit viel Aufwand schon etwas machen: dann sei schon mal darauf hingewiesen, dass man dieses Spiel unendlich betreiben kann. Der nächste Durchgeknallte spaziert vielleicht in einen Kindergarten (Schulen haben ja z.T. schon mega Sicherheitsvorkehrungen seit den Schüler-Amokläufen), oder ein Krankenhaus, oder einen Supermarkt; vielleicht zündelt er an einer Tanke, vielleicht entlässt er (oder – für die Aufschreierinnen – „sie“ natürlich, pardon) Giftgas in einer U-Bahn, rollt einen großen Stein auf die Autobahn, vergiftet Lebensmittel oder rennt einfach in ein Motorrad hinein…

Wenn Journalismus eine Orientierungsleistung erbringen würde, dann hätte er seit einer Ewigkeit geklärt, dass es keine Sicherheit vor Spinnern gibt, ob sie nun Einzelpsychopathen sind, Religionsfanatiker oder kranker Despot mit Armeegewalt. (Vom wahnsinnigen PR-Support für die Durchgeknallten durch die mediale Hysterie wollen wir hier gar nicht erst reden…)

 

10 Jahre sinnloses PR-Verbot

„Journalisten machen keine PR“ – dieser dogmatische Satz ist seit 10 Jahren das einzige, was vom „Medienkodex“ des Netzwerk Recherche (nr) wahrgenommen wird.
Nun wurde er einer Überprüfung unterzogen – und von der Mitgliederversammlung am 8. Juli 2016 in Hamburg mit nur marginalen Änderungen bzw. Ergänzungen bestätigt. Doch der Satz scheidet weiterhin die Geister, – in diejenigen, die es sich leisten können niemals PR zu machen, und jene, die sich darauf angewiesen sehen, in diesem überjournalistisch bezahlten Publizitätsbereich ihre Fähigkeiten zu vermarkten.

Das wahre Problem mit diesem Satz ist seine Unbestimmtheit: Was soll mit „PR“ gemeint sein, die kein Journalist betreiben darf? Es war vor allem das Leidenschaftsthema von Thomas Leif, Vorsitzender von 2001 bis 2011, und er meinte damit alle Versuche der Einflussnahme auf journalistische Produkte, die verborgenen Spin-Doktoren ebenso wie die öffentliche INSM. Dabei ist PR, ist Öffentlichkeitsarbeit viel mehr – und in weiten Teilen für den Journalismus völlig unproblematisch.

Es beginnt damit, dass jeder Journalist PR macht – nämlich in eigener Sache. Dies zu fördern wird vor allem Freien seit Jahren gepredigt: Marke werden, wiedererkennbar sein, Stil entwickeln. „Klappern gehört zum Handwerk“, von der eigenen Website, den Social-Media-Accounts bis zur Teilnahme an einer Jahreskonferenz des nr, am besten auf und nicht vor dem Podium. Wer als Vorstand des nr irgendetwas für den Verein tut, macht PR: die Vielzahl von nr-Veranstaltungen und nr-Publikationen gehören zum Portfolio professioneller Öffentlichkeitsarbeit.  Weiterlesen